Das Weisse Pferd - Urchristliche Zeitung für Gesellschaft, Religion, Politik und Wirtschaft

Ausgabe 1/98

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Sind neue Kriege unvermeidlich?

Der "Kampf der Kulturen"

Der Schock war groß für die Welt, insbesondere die westliche: An den Grabstätten der Pharaonen in Luxor wurden westliche Touristen von islamischen Fanatikern blindlings ermordet. Wohin steuert die Welt? Wird die Kluft zwischen den Kulturkreisen größer statt sich zu verringern? Hat die Völkerverständigung in einer Welt des zunehmenden Chaos und Terrors überhaupt noch Chancen?

So sehen Schulkinder die Menschen der Erde.
Für sie gibt es keinen "Kampf der Kulturen".

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und dem Wegfall des Ost-West-Gegensatzes hat sich die Welt neu formiert. Statt der bisherigen drei "Welten" scheinen sich jetzt sieben oder acht "Kulturkreise" herauszubilden, die durch Denkweise, Sprache und Religion zusammengehalten werden. Das jedenfalls ist eine verbreitete These. Ist das ein Friedensmodell für die Welt? Oder drohen dadurch neue Konflikte?

"Christlicher Klub"

Das Denken in religiösen Kategorien nimmt in der politischen Auseinandersetzung erkennbar zu. So protestierte der türkische Ministerpräsident Yilmaz gegen die Aussperrung seines Landes von der Erweiterung der Europäischen Gemeinschaft mit der Behauptung, gewisse Kreise wollten Europa zu einem "christlichen Klub" machen - und die islamische Türkei draußen lassen. Will er damit von den Menschenrechtsverletzungen in seinem Land ablenken - oder spricht er eine Tatsache aus?

Auch andere Politiker machen sich kulturelle und religiöse Unterschiede geschickt zunutze - Saddam Hussein zum Beispiel, der schon während des Golfkrieges 1991 sein bis dahin keineswegs religiös geprägtes Regime zum "Verteidiger des Islam" hochstilisierte und bis heute die Amerikaner, die seine Waffen kontrollieren wollen, damit in Verlegenheit bringt. Die Menschen in Ländern des fernen Ostens wie Korea oder Thailand empfinden es als "Tag der Schande", dass sie nun den Internationalen Währungsfonds um finanzielle Hilfe bitten müssen. Viele sprechen von einer "Verschwörung" westlicher Spekulanten, die ihre Währungen zum Absturz gebracht hätten.

Gibt es tatsächlich so etwas wie einen Kampf des Westens um die militärische und wirtschaftliche Kontrolle der Erde?

Der Niedergang der Westmacht

Diese Auffassung vertritt der bekannte amerikanische Politologe Samuel Huntington in seinem Buch The Clash of Civilisations (Kampf der Kulturen): Die westliche Macht sei heute im Niedergang begriffen. Um die Jahrhundertwende hatten westliche Mächte wie Großbritannien, Frankreich, Belgien, Portugal und die USA noch fast die gesamte Welt beherrscht. Im Jahr 2020 oder 2025 wird jedoch China eine höheres Bruttoinlandsprodukt aufweisen als die USA. Was dann?

Nach dem Fall des eisernen Vorhangs in Europa Ende der achtziger Jahre herrschte im Westen eine euphorische Stimmung: Es sei nur noch eine Frage der Zeit, so dachten viele, bis die ganze Welt die Segnungen westlicher Kultur und Demokratie annehmen würde. Huntington zerstört diese Illusion: Westliche Technik, westliche Filme und Erfrischungsgetränke seien zwar überall auf der Welt präsent, doch sie "verwestlichten" nicht das Denken der Menschen. Im Gegenteil: Die Überschwemmung der Erde mit Coca-Cola, Big Mac und Hollywoodfilmen rufe in vielen Ländern, insbesondere in islamischen, Gegenreaktionen hervor, weil dies als dekadent und moralisch minderwertig empfunden werde.

Nicht mehr die Ideologie - Marxismus gegen Liberalismus - bestimme die neuen Machtverhältnisse, so Huntingtons These, sondern kulturelle Gemeinsamkeiten zwischen Ländern gleicher Wertvorstellungen und Religion. Er beschreibt acht Kulturkreise, die in Zukunft die Weltpolitik bestimmen sollen - und er sagt vermehrte Konflikte zwischen Staaten unterschiedlicher Kultur und Religion voraus.

Stimmt seine Prognose? Muss ein Land wie die Türkei, das islamische Wurzeln aber eine westliche Staatsform hat, sich eines Tages wieder voll dem Islam zuwenden, weil es, wie Huntington meint, nicht "zerrissen" bleiben könne? Oder liegt gerade in der Offenheit des Landes für zwei Kontinente und Kulturen ein "Teil seiner Vitalität" und "Identität", wie der türkische Schriftsteller Orhan Pamuk (Spiegel Nr. 52/97) schreibt?

"Teile und Herrsche"

Die Thesen vom "Kampf der Kulturen" erinnern an das alte römische Herrschaftsprinzip "Teile und herrsche". Huntington ist außenpolitischer Berater der US-Regierung. Er sagt ihr zwischen den Zeilen: Es wäre unrealistisch, die alte Rolle des "Weltpolizisten" weiterzuspielen. Die USA erreichen mehr, wenn sie ihren Einfluss als "Kernstaat" des westlichen Kulturkreises behalten und ausbauen. Damit ließe sich der Niedergang des Westens noch um einiges verzögern. Europa voll bei der Stange des Westens halten - nicht aber Russland mit seinem orthodoxen Hintergrund. Doch was geschieht dann im Osten Europas? Schon jetzt zieht sich die Ostgrenze der Europäischen Union wie ein neuer "Vorhang" durch den Kontinent. Sollen etwa nach Jugoslawien noch weitere Länder geteilt werden, soll es weitere Bürgerkriege und Vertreibungen geben, nur weil man nicht in der Lage und willens ist, uralte religiöse Gegensätze wie den zwischen Ost- und Westrom zu überwinden und zur ursprünglichen Lehre des Nazareners zurückzufinden?

Kann man die menschliche Zivilisation auf dieser Erde retten, indem man die Grenzen und Unterschiede zwischen den Völkern zementiert? Werden nicht Konflikte gerade dadurch heraufbeschworen, dass man die Unterschiede betont und den Menschen suggeriert, ihre Identität läge in ihrer Kultur und Religion? "Für Menschen, die ihre Identität suchen und ihre Ethnizität neu erfinden, sind Feinde unabdingbar", schreibt Huntington.

"Verbinde und sei!"


Westliche Zivilisation in China (hier Shanghai) - doch sie bildet nur die Oberfläche

"Wir und die anderen" - das war und ist nicht die Botschaft des Jesus von Nazareth. An die Stelle des "Trenne, binde und herrsche" setzt Er das "Verbinde und sei". "Ihr alle seid Brüder." Falls die Zivilisation auf dieser vom Menschen bereits in weiten Teilen erheblich gestörten Erde überhaupt noch eine Chance hat, dann sicher nicht im Betonen von Unterschieden und im Aufbau neuer militärischer Machtblöcke, sondern allein im Erkennen und Bejahen der Gemeinsamkeiten. Fundamentalistische und fanatische Strömungen wie derzeit in Teilen der islamischen Welt sind Zeichen einer Erstarrung und Aggression, die immer soziale und auch historische Ursachen hat. Die Christen sollten nicht vergessen, dass ihr Kulturkreis, der westliche, Jahrhunderte lang mit schlechtem Beispiel voranging. Hängt der Niedergang des Westens und das Erstarken des Fundamentalismus nicht auch damit zusammen, dass der Westen trotz seiner langen Vorherrschaft auf dem Globus kein Modell für ein friedvolles Zusammenleben der Menschen geboten hat?

An den westlichen Werten hat es sicher nicht gelegen: Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Menschenrechte, gegenseitige Achtung, Entscheidungsfreiheit und Verantwortlichkeit des Einzelnen. Eher wohl daran, dass der Westen meist im Gewand eines wenig anziehenden "Christentums" daherkam: egoistisch, fanatisch und expansiv.

Das gemeinsame Erbe

Nicht im "Kampf der Kulturen" kann die Zukunft der Menschheit liegen, sondern in der Suche nach der gemeinsamen Identität aller Menschen: Wir leben auf der Erde, um unser gemeinsames Erbe, unseren kosmischen Ursprung wieder zu erkennen:

Alle Menschen sind Kinder eines Vaters. Jeder ist daher mein Nächster, gleich welcher Rasse, Religion oder Kultur. Gemeinsam ist fast allen großen Weltkulturen einschließlich des frühen Christentums das Wissen um das Gesetz von Saat und Ernte und um "wiederholte Einverleibungen". "Was der Mensch sät, das wird er ernten" - das bedeutet: Wer Gewalt sät, wird Gewalt ernten. Wer mit seinem Nachbarn Frieden schließt, macht die Welt ein Stück friedvoller. Die Überwindung kultureller Grenzen beginnt daher im Leben jedes Einzelnen.

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Wiederholte Einverleibung besagt: Du warst als Seele vielleicht schon in vielen Kulturkreisen zu Hause. Urteile also nicht über andere Kulturen. Finde und entwickle die positiven Eigenschaften, die in dir und in deiner Kultur stecken. Dann kann jeder dem anderen etwas geben - auch wenn das Göttliche in den verschiedenen Kulturen verschiedene Namen hat. Gott ist aber in der Seele jedes Menschen zu finden. (Matthias Holzbauer)


 



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