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Sind neue Kriege
unvermeidlich?
Der "Kampf der Kulturen"
Der Schock war
groß für die Welt, insbesondere die westliche: An den Grabstätten der Pharaonen in
Luxor wurden westliche Touristen von islamischen Fanatikern blindlings ermordet. Wohin
steuert die Welt? Wird die Kluft zwischen den Kulturkreisen größer statt sich zu
verringern? Hat die Völkerverständigung in einer Welt des zunehmenden Chaos und Terrors
überhaupt noch Chancen?
So sehen Schulkinder
die Menschen der Erde.
Für sie gibt es keinen "Kampf der Kulturen".
Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und dem Wegfall des
Ost-West-Gegensatzes hat sich die Welt neu formiert. Statt der bisherigen drei
"Welten" scheinen sich jetzt sieben oder acht "Kulturkreise"
herauszubilden, die durch Denkweise, Sprache und Religion zusammengehalten werden. Das
jedenfalls ist eine verbreitete These. Ist das ein Friedensmodell für die Welt? Oder
drohen dadurch neue Konflikte?
"Christlicher
Klub"
Das Denken in religiösen Kategorien nimmt in der
politischen Auseinandersetzung erkennbar zu. So protestierte der türkische
Ministerpräsident Yilmaz gegen die Aussperrung seines Landes von der Erweiterung der
Europäischen Gemeinschaft mit der Behauptung, gewisse Kreise wollten Europa zu einem
"christlichen Klub" machen - und die islamische Türkei draußen lassen. Will er
damit von den Menschenrechtsverletzungen in seinem Land ablenken - oder spricht er eine
Tatsache aus?
Auch andere Politiker machen sich kulturelle und religiöse
Unterschiede geschickt zunutze - Saddam Hussein zum Beispiel, der schon während des
Golfkrieges 1991 sein bis dahin keineswegs religiös geprägtes Regime zum
"Verteidiger des Islam" hochstilisierte und bis heute die Amerikaner, die seine
Waffen kontrollieren wollen, damit in Verlegenheit bringt. Die Menschen in Ländern des
fernen Ostens wie Korea oder Thailand empfinden es als "Tag der Schande",
dass
sie nun den Internationalen Währungsfonds um finanzielle Hilfe bitten müssen. Viele
sprechen von einer "Verschwörung" westlicher Spekulanten, die ihre Währungen
zum Absturz gebracht hätten.
Gibt es tatsächlich so etwas wie einen Kampf des Westens
um die militärische und wirtschaftliche Kontrolle der Erde?
Der Niedergang der Westmacht
Diese Auffassung vertritt der bekannte amerikanische
Politologe Samuel Huntington in seinem Buch The Clash of Civilisations (Kampf
der Kulturen): Die westliche Macht sei heute im Niedergang begriffen. Um die
Jahrhundertwende hatten westliche Mächte wie Großbritannien, Frankreich, Belgien,
Portugal und die USA noch fast die gesamte Welt beherrscht. Im Jahr 2020 oder 2025 wird
jedoch China eine höheres Bruttoinlandsprodukt aufweisen als die USA. Was dann?
Nach dem Fall des eisernen Vorhangs in Europa Ende der
achtziger Jahre herrschte im Westen eine euphorische Stimmung: Es sei nur noch eine Frage
der Zeit, so dachten viele, bis die ganze Welt die Segnungen westlicher Kultur und
Demokratie annehmen würde. Huntington zerstört diese Illusion: Westliche Technik,
westliche Filme und Erfrischungsgetränke seien zwar überall auf der Welt präsent, doch
sie "verwestlichten" nicht das Denken der Menschen. Im Gegenteil: Die
Überschwemmung der Erde mit Coca-Cola, Big Mac und Hollywoodfilmen rufe in vielen
Ländern, insbesondere in islamischen, Gegenreaktionen hervor, weil dies als dekadent und
moralisch minderwertig empfunden werde.
Nicht mehr die Ideologie - Marxismus gegen Liberalismus -
bestimme die neuen Machtverhältnisse, so Huntingtons These, sondern kulturelle
Gemeinsamkeiten zwischen Ländern gleicher Wertvorstellungen und Religion. Er beschreibt
acht Kulturkreise, die in Zukunft die Weltpolitik bestimmen sollen - und er
sagt vermehrte Konflikte zwischen Staaten unterschiedlicher Kultur und Religion voraus.
Stimmt seine Prognose? Muss ein Land wie die Türkei, das
islamische Wurzeln aber eine westliche Staatsform hat, sich eines Tages wieder voll dem
Islam zuwenden, weil es, wie Huntington meint, nicht "zerrissen" bleiben könne?
Oder liegt gerade in der Offenheit des Landes für zwei Kontinente und Kulturen ein
"Teil seiner Vitalität" und "Identität", wie der türkische
Schriftsteller Orhan Pamuk (Spiegel Nr. 52/97) schreibt?
"Teile und Herrsche"
Die Thesen vom "Kampf der Kulturen" erinnern an
das alte römische Herrschaftsprinzip "Teile und herrsche". Huntington ist
außenpolitischer Berater der US-Regierung. Er sagt ihr zwischen den Zeilen: Es wäre
unrealistisch, die alte Rolle des "Weltpolizisten" weiterzuspielen. Die USA
erreichen mehr, wenn sie ihren Einfluss als "Kernstaat" des westlichen
Kulturkreises behalten und ausbauen. Damit ließe sich der Niedergang des Westens noch um
einiges verzögern. Europa voll bei der Stange des Westens halten - nicht aber
Russland
mit seinem orthodoxen Hintergrund. Doch was geschieht dann im Osten Europas? Schon jetzt
zieht sich die Ostgrenze der Europäischen Union wie ein neuer "Vorhang" durch
den Kontinent. Sollen etwa nach Jugoslawien noch weitere Länder geteilt werden, soll es
weitere Bürgerkriege und Vertreibungen geben, nur weil man nicht in der Lage und willens
ist, uralte religiöse Gegensätze wie den zwischen Ost- und Westrom zu überwinden und
zur ursprünglichen Lehre des Nazareners zurückzufinden?
Kann man die menschliche Zivilisation auf dieser Erde
retten, indem man die Grenzen und Unterschiede zwischen den Völkern zementiert? Werden
nicht Konflikte gerade dadurch heraufbeschworen, dass man die Unterschiede betont und den
Menschen suggeriert, ihre Identität läge in ihrer Kultur und Religion? "Für
Menschen, die ihre Identität suchen und ihre Ethnizität neu erfinden, sind Feinde
unabdingbar", schreibt Huntington.
"Verbinde und sei!"

Westliche Zivilisation in China (hier Shanghai) - doch sie bildet nur die Oberfläche
"Wir und die anderen" - das war und ist nicht die
Botschaft des Jesus von Nazareth. An die Stelle des "Trenne, binde und herrsche"
setzt Er das "Verbinde und sei". "Ihr alle seid Brüder." Falls die
Zivilisation auf dieser vom Menschen bereits in weiten Teilen erheblich gestörten Erde
überhaupt noch eine Chance hat, dann sicher nicht im Betonen von Unterschieden und im
Aufbau neuer militärischer Machtblöcke, sondern allein im Erkennen und Bejahen der
Gemeinsamkeiten. Fundamentalistische und fanatische Strömungen wie derzeit in Teilen der
islamischen Welt sind Zeichen einer Erstarrung und Aggression, die immer soziale und auch
historische Ursachen hat. Die Christen sollten nicht vergessen, dass ihr Kulturkreis, der
westliche, Jahrhunderte lang mit schlechtem Beispiel voranging. Hängt der Niedergang des
Westens und das Erstarken des Fundamentalismus nicht auch damit zusammen,
dass der Westen
trotz seiner langen Vorherrschaft auf dem Globus kein Modell für ein friedvolles
Zusammenleben der Menschen geboten hat?
An den westlichen Werten hat es sicher nicht gelegen:
Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Menschenrechte, gegenseitige Achtung,
Entscheidungsfreiheit und Verantwortlichkeit des Einzelnen. Eher wohl daran,
dass der
Westen meist im Gewand eines wenig anziehenden "Christentums" daherkam:
egoistisch, fanatisch und expansiv.
Das gemeinsame Erbe
Nicht im "Kampf der Kulturen" kann die Zukunft
der Menschheit liegen, sondern in der Suche nach der gemeinsamen Identität aller
Menschen: Wir leben auf der Erde, um unser gemeinsames Erbe, unseren kosmischen Ursprung
wieder zu erkennen:
Alle Menschen sind Kinder eines Vaters. Jeder ist daher
mein Nächster, gleich welcher Rasse, Religion oder Kultur. Gemeinsam ist fast allen
großen Weltkulturen einschließlich des frühen Christentums das Wissen um das Gesetz von
Saat und Ernte und um "wiederholte Einverleibungen". "Was der Mensch sät,
das wird er ernten" - das bedeutet: Wer Gewalt sät, wird Gewalt ernten. Wer mit
seinem Nachbarn Frieden schließt, macht die Welt ein Stück friedvoller. Die Überwindung
kultureller Grenzen beginnt daher im Leben jedes Einzelnen.
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