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Vom Nutzen der
Kooperation oder: Warum es sich lohnt, gut zu sein
"Die Biologie der
Tugend"
Ist
der Mensch von Natur aus gut oder schlecht? Hat der Egoist bessere Chancen in dieser Welt
als der Gute? "Seit Darwin glauben wir zu wissen, dass die
Evolution mit brachialer Gewalt das Gute unterdrückt und den Samariter
zum Verlierer stempelt."
Diesem Pessimismus tritt Matt Ridley, britischer Zoologe und Soziobiologe,
in seinem neuesten Buch Die Biologie der Tugend entgegen. Seine These ist: Der Mensch hat nicht nur ein
"egoistisches Gen", d. h. er ist nicht nur am eigenen Wohlergehen interessiert,
sondern er hat auch soziale Instinkte, und darunter vor allem die Bereitschaft zur
Kooperation. Gegen die These des Darwinismus, dass nur der Stärkere sich durchsetzt,
stellt Ridley die Frage: "Wenn das Leben ein Konkurrenzkampf ist, wieso gibt es
allerorten soviel Zusammenarbeit?" Er zitiert George Williams mit der Frage:
"Wie konnte stetiger Egoismus einen Organismus hervorbringen, der Nächstenliebe
gegenüber Fremden und selbst gegenüber Tieren so oft befürwortet und gelegentlich sogar
praktiziert?"
Ein nahe liegender Grund ist: "Wir sind unfähig, allein zu
leben", d. h. wir sind auf Gegenseitigkeit, Austausch und Kooperation angewiesen. Als
Biologe sucht Ridley Parallelen im Tierreich. Als klassische Metapher für Arbeitsteilung,
Kooperation und Harmonie gelten seit alters her das Bienenvolk und der Ameisenstaat.
Die Zelle dient
dem Organismus
Ridley weist auch auf die Parallele unseres Körpers
hin, der ein Zellenstaat ist. Im Zuge der Zellteilung verbinden sich die Zellen zu
Strukturen und Organen. Jede Zelle dient an ihrem Ort und ordnet sich dem Ganzen unter.
Ihr "Egoismus", nämlich sich immer weiter zu teilen, wird durch Steuerungs- und
Kontrollsysteme verhindert. Beim Krebs jedoch versagen diese Kräfte, und eine wilde
Zellvermehrung setzt ein. Beim Krebs seien nicht die wuchernden Zellen selbst krank. Krebs
sei nichts anderes "als die Unfähigkeit von Zellen, mit der Zellteilung aufzuhören.
Zellen, die sich ungehemmt vermehren, wachsen auf Kosten gesunder Zellen." Ridley
schreibt: "Der menschliche Körper ist nur deshalb eine Einheit, weil ausgefeilte
Mechanismen etwaige Meutereien [einzelner Zellen, d. Red.] unterdrücken."
Viele Worte,
wenig Taten
Kooperation und Unterordnung unter ein höheres Ziel
findet sich nicht nur auf Zellebene, sondern auch bei Tieren und gelegentlich auch bei den
Menschen. Allerdings überwiegen bei den Menschen noch die Worte, und die Taten lassen zu
wünschen übrig. So sei Egoismus für die meisten Menschen zwar ein Negativ-Begriff,
beinahe "ein Synonym für das Laster schlechthin", doch das Verhalten sehe
oftmals anders aus. Ridley ist dennoch Optimist: "Bewusst oder
unbewusst haben wir
alle ein höheres Interesse im Sinn." Doch: "Während wir im allgemeinen
selbstloses Verhalten bewundern und rühmen, wollen wir doch nicht, dass es unser eigenes
Leben oder das unserer engen Freunde bestimmt. Wir praktizieren somit nicht das, was wir
predigen."
Woher kommt das Gute?
Was sind nun die Steuerungskräfte in der Natur und
in der Gesellschaft, die dem "egoistischen Gen" entgegenwirken? Woher kommt der
"Instinkt" zur Kooperation, woher kommt die Kraft des Guten? Ridley befragt die
Religionen und findet keine befriedigende Antwort.
Er zitiert das jüdisch-christliche Gebot: "Liebe deinen Nächsten
wie dich selbst", das bereits bei Mose steht. Die Bibel beziehe dieses Gebot nur auf
die Stammesgenossen, nicht auf alle Menschen. In den Religionen werde immer wieder der
Unterschied In-group gegen Out-group betont. "Wir gegen sie: Israelit
und Philister, Jude und Nicht-Jude, Erlöster und Verdammter, Gläubiger und Heide,
Arianer und Athanasianer, Katholik und Orthodoxer, Protestant und Katholik, Hindu und
Moslem, Sunnit und Schiit. Die Religion lehrt ihre Anhänger, sie gehören einer
auserwählten Rasse an und ihre unmittelbaren Gegner seien unwissende Toren oder gar
minderwertige Menschen."
"Das Christentum hat ethnische und nationale Konflikte nicht
nennenswert verringert. Es scheint sie vielmehr angeheizt zu haben." Und: "Die
Religionen sind in dem Maße gediehen, in dem sie die Gemeinschaft der Bekehrten betonten
und die Bösartigkeit der Heiden."
Der Kern des
Guten
Ridley spricht jedoch nicht von der Inneren
Religion, von der Wahrheit des großen Ich Bin. Hier, in der geistigen Kosmologie könnte
die "Biologie des Guten" ihre Herkunft erkennen. Denn alles Sein hat seinen
Ursprung in Gott. Gott ist Kommunikation und Harmonie. Das Wort "gut" kommt von
Gott. Gott ist das Gute. Da wir Geschöpfe, d.h. Wesen aus Gott sind, sind auch wir gut.
Dieses Gute findet sich auch in den Genen des Menschen. Durch den Fallgedanken - das
Sein-wollen-wie-Gott - wurde unser lichtes, göttliches Wesen verschattet. Es hat sich
herunter transformiert und verdichtet bis hin zum materiellen Menschen. Unser Innerstes
jedoch, unser Wesenskern, kann nicht belastet werden. Er ist und bleibt gut, d. h.
göttlich.
In der Natur - soweit sie nicht vom Menschen verbogen wurde - sind die
göttlichen Schöpfungsprinzipien noch wirksam - das Niedere dient dem Höheren und das
Höhere dient dem Niederen. Aus dieser kosmischen Ordnung, aus dem Gesetz der selbstlosen
Liebe, ist der Mensch heraus gefallen. Doch die Erinnerung ist noch in uns, die Sehnsucht
der Seele, die Unruhe des Herzens.
Der unbelastbare Wesenkern, der Gottesfunke in uns, ruht nicht eher, bis
alles Negative in uns wieder umgewandelt ist in das reine Sein - das Gute. Das geschieht
durch ernsthafte Arbeit an uns selbst - durch Bereinigen unserer Egoismen und
Lieblosigkeiten und durch das Erfüllen der göttlichen Gebote.
Der Mythos vom
"edlen Wilden"
Statt das Gute in sich selbst zu suchen und durch
Bereinigung und Verwirklichung zu mehren, richtet sich der Blick des Menschen oftmals in
die Vergangenheit, in Geschichte und Vorzeit, wo vermeintlich alles viel besser war.
Die Osterinseln - einst
bewaldet, heute Ödland
Vor allem die Kulturanthropologie hoffte, in sog. primitiven
Gesellschaften und Stammeskulturen die ideale Form menschlichen Zusammenlebens zu finden.
Doch die vermeintlich paradiesischen Zustände in solchen Gruppen erklärt Ridley für
Wunschdenken und Selbsttäuschung. Als Beispiel führt er Margaret Meads Beobachtungen auf
Samoa an. Ähnlich wie die zweihundert Jahre zuvor von Cook und Bougainville erforschten
Tahitianer hätten Nachforschungen ergeben, "dass die Samoaner genau wie Cooks
Tahitianer so eifersüchtig, bösartig und doppelzüngig sein konnten wie der Rest der
Welt".
Als modernes Beispiel führt Ridley die Rede des
Häuptlings Seattle an, in der die edle Haltung der Indianer gegenüber der Natur
gepriesen wird ("Wie kann man den Himmel kaufen oder verkaufen ..."). Sie ist
nach Ridley "ein Werk moderner Fiktion und wurde 1971 von einem Drehbuchautor und
Professor der Filmwissenschaften, Ted Perry, für ein Fernsehspiel des TV-Senders ABC
geschrieben. Häuptling Seattle war kein Grüner ... Eines der wenigen Dinge, die wir
tatsächlich von ihm wissen, ist, dass er Sklaven besaß und fast alle seine Feinde
tötete."
Ausrottung in
der Steinzeit
Auch der Umgang mit der Natur der frühesten
Menschen sei nicht "ökologisch" gewesen. So ließe sich für den Zeitraum seit
etwa 11.000 Jahren nachweisen, dass der Mensch bei seiner Jagd auf Tiere ganze Tierarten
ausgerottet habe: "Zeitgleich mit der ersten gesicherten Ankunft von Menschen in
Nordamerika vor etwa 11.500 Jahren starben dreiundsiebzig Prozent aller großen
Säugetierarten aus. Dahin gingen das Riesenbison, das Wildpferd, der Kurzbartbär, das
Mammut, das Mastodon, die Säbelzahnkatze, das gigantische Erdfaultier und das wilde
Kamel. Vor etwa 8000 Jahren waren auch in Südamerika achtzig Prozent der großen
Säugetiere ausgelöscht - das Riesenfaultier, das Riesengürteltier, das Riesenguanako,
die Ameisenfresser von der Größe eines Pferdes. Bekannt ist dieses Phänomen auch als
der Overkill des Pleistozäns."
Einst waren die
Tiere zutraulich
Als die ersten europäischen Seefahrer die
Lord-Howes-Insel betraten (die von den Polynesiern noch nicht entdeckt war), ereignete
sich folgendes. "Dort gab es," schrieb ein Mitglied der Schiffsmannschaft,
"einen merkwürdig braunen Vogel etwa von der Größe einer Landratte in England. Er
spazierte völlig furchtlos und unbeeindruckt um uns herum; so brauchten wir nicht mehr zu
tun, als ein bis zwei Minuten still zu stehen und so viele, wie wir wollten, mit einem
kurzem Stock niederzuschlagen - wenn man sie traf, ohne sie zu töten, machten sie niemals
den Versuch wegzufliegen ...
Die Tauben waren ebenfalls so zahm wie die bereits beschriebenen und
blieben auf den Baumzweigen sitzen, bis man hingehen und sie mit der Hand wegtragen mochte
..."
Die Tierwelt war also zu dieser Zeit noch zutraulich und hatte keine Angst
vor den Menschen.
"Förderung
des Austausches unter Gleichen"
Am Schluss des Buches fasst Ridley sein Konzept für eine
bessere Gesellschaft zusammen: "Die Wurzeln für eine soziale Ordnung liegen in
unseren Köpfen, wo wir instinktive Fähigkeiten besitzen, nicht um eine perfekt
harmonische und tugendhafte Gesellschaft zu bilden, sondern um eine, die besser ist als
die jetzige. Wir müssen unsere Institutionen derart gestalten, dass diese Instinkte zum
Vorschein kommen.
Vor allem bedeutet das die Förderung des Austausches unter Gleichen. So
wie der Handel zwischen Ländern das beste Rezept für eine freundschaftliche Beziehung
ist, so ist das beste Rezept für Kooperation der Austausch zwischen mündigen und
ermächtigten Individuen. Wir müssen den sozialen und materiellen Austausch zwischen
Gleichen ermutigen, denn das ist der Rohstoff für Vertrauen, und Vertrauen ist die
Grundlage für Tugend."
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