Das Weisse Pferd - Urchristliche Zeitung für Gesellschaft, Religion, Politik und Wirtschaft

Ausgabe 1/98

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Vom Nutzen der Kooperation oder: Warum es sich lohnt, gut zu sein

"Die Biologie der Tugend"

Ist der Mensch von Natur aus gut oder schlecht? Hat der Egoist bessere Chancen in dieser Welt als der Gute? "Seit Darwin glauben wir zu wissen, dass die Evolution mit brachialer Gewalt das Gute unterdrückt und den Samariter zum Verlierer stempelt."

Diesem Pessimismus tritt Matt Ridley, britischer Zoologe und Soziobiologe, in seinem neuesten Buch Die Biologie der Tugend entgegen. Seine These ist: Der Mensch hat nicht nur ein "egoistisches Gen", d. h. er ist nicht nur am eigenen Wohlergehen interessiert, sondern er hat auch soziale Instinkte, und darunter vor allem die Bereitschaft zur Kooperation. Gegen die These des Darwinismus, dass nur der Stärkere sich durchsetzt, stellt Ridley die Frage: "Wenn das Leben ein Konkurrenzkampf ist, wieso gibt es allerorten soviel Zusammenarbeit?" Er zitiert George Williams mit der Frage: "Wie konnte stetiger Egoismus einen Organismus hervorbringen, der Nächstenliebe gegenüber Fremden und selbst gegenüber Tieren so oft befürwortet und gelegentlich sogar praktiziert?’"

Ein nahe liegender Grund ist: "Wir sind unfähig, allein zu leben", d. h. wir sind auf Gegenseitigkeit, Austausch und Kooperation angewiesen. Als Biologe sucht Ridley Parallelen im Tierreich. Als klassische Metapher für Arbeitsteilung, Kooperation und Harmonie gelten seit alters her das Bienenvolk und der Ameisenstaat.

Die Zelle dient dem Organismus

Ridley weist auch auf die Parallele unseres Körpers hin, der ein Zellenstaat ist. Im Zuge der Zellteilung verbinden sich die Zellen zu Strukturen und Organen. Jede Zelle dient an ihrem Ort und ordnet sich dem Ganzen unter. Ihr "Egoismus", nämlich sich immer weiter zu teilen, wird durch Steuerungs- und Kontrollsysteme verhindert. Beim Krebs jedoch versagen diese Kräfte, und eine wilde Zellvermehrung setzt ein. Beim Krebs seien nicht die wuchernden Zellen selbst krank. Krebs sei nichts anderes "als die Unfähigkeit von Zellen, mit der Zellteilung aufzuhören. Zellen, die sich ungehemmt vermehren, wachsen auf Kosten gesunder Zellen." Ridley schreibt: "Der menschliche Körper ist nur deshalb eine Einheit, weil ausgefeilte Mechanismen etwaige Meutereien [einzelner Zellen, d. Red.] unterdrücken."

Viele Worte, wenig Taten

Kooperation und Unterordnung unter ein höheres Ziel findet sich nicht nur auf Zellebene, sondern auch bei Tieren und gelegentlich auch bei den Menschen. Allerdings überwiegen bei den Menschen noch die Worte, und die Taten lassen zu wünschen übrig. So sei Egoismus für die meisten Menschen zwar ein Negativ-Begriff, beinahe "ein Synonym für das Laster schlechthin", doch das Verhalten sehe oftmals anders aus. Ridley ist dennoch Optimist: "Bewusst oder unbewusst haben wir alle ein höheres Interesse im Sinn." Doch: "Während wir im allgemeinen selbstloses Verhalten bewundern und rühmen, wollen wir doch nicht, dass es unser eigenes Leben oder das unserer engen Freunde bestimmt. Wir praktizieren somit nicht das, was wir predigen."

Woher kommt das Gute?

Was sind nun die Steuerungskräfte in der Natur und in der Gesellschaft, die dem "egoistischen Gen" entgegenwirken? Woher kommt der "Instinkt" zur Kooperation, woher kommt die Kraft des Guten? Ridley befragt die Religionen und findet keine befriedigende Antwort.

Er zitiert das jüdisch-christliche Gebot: "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst", das bereits bei Mose steht. Die Bibel beziehe dieses Gebot nur auf die Stammesgenossen, nicht auf alle Menschen. In den Religionen werde immer wieder der Unterschied In-group gegen Out-group betont. "Wir gegen sie: Israelit und Philister, Jude und Nicht-Jude, Erlöster und Verdammter, Gläubiger und Heide, Arianer und Athanasianer, Katholik und Orthodoxer, Protestant und Katholik, Hindu und Moslem, Sunnit und Schiit. Die Religion lehrt ihre Anhänger, sie gehören einer auserwählten Rasse an und ihre unmittelbaren Gegner seien unwissende Toren oder gar minderwertige Menschen."

"Das Christentum hat ethnische und nationale Konflikte nicht nennenswert verringert. Es scheint sie vielmehr angeheizt zu haben." Und: "Die Religionen sind in dem Maße gediehen, in dem sie die Gemeinschaft der Bekehrten betonten und die Bösartigkeit der Heiden."

Der Kern des Guten

Ridley spricht jedoch nicht von der Inneren Religion, von der Wahrheit des großen Ich Bin. Hier, in der geistigen Kosmologie könnte die "Biologie des Guten" ihre Herkunft erkennen. Denn alles Sein hat seinen Ursprung in Gott. Gott ist Kommunikation und Harmonie. Das Wort "gut" kommt von Gott. Gott ist das Gute. Da wir Geschöpfe, d.h. Wesen aus Gott sind, sind auch wir gut. Dieses Gute findet sich auch in den Genen des Menschen. Durch den Fallgedanken - das Sein-wollen-wie-Gott - wurde unser lichtes, göttliches Wesen verschattet. Es hat sich herunter transformiert und verdichtet bis hin zum materiellen Menschen. Unser Innerstes jedoch, unser Wesenskern, kann nicht belastet werden. Er ist und bleibt gut, d. h. göttlich.

In der Natur - soweit sie nicht vom Menschen verbogen wurde - sind die göttlichen Schöpfungsprinzipien noch wirksam - das Niedere dient dem Höheren und das Höhere dient dem Niederen. Aus dieser kosmischen Ordnung, aus dem Gesetz der selbstlosen Liebe, ist der Mensch heraus gefallen. Doch die Erinnerung ist noch in uns, die Sehnsucht der Seele, die Unruhe des Herzens.

Der unbelastbare Wesenkern, der Gottesfunke in uns, ruht nicht eher, bis alles Negative in uns wieder umgewandelt ist in das reine Sein - das Gute. Das geschieht durch ernsthafte Arbeit an uns selbst - durch Bereinigen unserer Egoismen und Lieblosigkeiten und durch das Erfüllen der göttlichen Gebote.

Der Mythos vom "edlen Wilden"

Statt das Gute in sich selbst zu suchen und durch Bereinigung und Verwirklichung zu mehren, richtet sich der Blick des Menschen oftmals in die Vergangenheit, in Geschichte und Vorzeit, wo vermeintlich alles viel besser war.

Die Osterinseln - einst bewaldet, heute Ödland

Vor allem die Kulturanthropologie hoffte, in sog. primitiven Gesellschaften und Stammeskulturen die ideale Form menschlichen Zusammenlebens zu finden. Doch die vermeintlich paradiesischen Zustände in solchen Gruppen erklärt Ridley für Wunschdenken und Selbsttäuschung. Als Beispiel führt er Margaret Meads Beobachtungen auf Samoa an. Ähnlich wie die zweihundert Jahre zuvor von Cook und Bougainville erforschten Tahitianer hätten Nachforschungen ergeben, "dass die Samoaner genau wie Cooks Tahitianer so eifersüchtig, bösartig und doppelzüngig sein konnten wie der Rest der Welt".

Als modernes Beispiel führt Ridley die Rede des Häuptlings Seattle an, in der die edle Haltung der Indianer gegenüber der Natur gepriesen wird ("Wie kann man den Himmel kaufen oder verkaufen ..."). Sie ist nach Ridley "ein Werk moderner Fiktion und wurde 1971 von einem Drehbuchautor und Professor der Filmwissenschaften, Ted Perry, für ein Fernsehspiel des TV-Senders ABC geschrieben. Häuptling Seattle war kein Grüner ... Eines der wenigen Dinge, die wir tatsächlich von ihm wissen, ist, dass er Sklaven besaß und fast alle seine Feinde tötete."

Ausrottung in der Steinzeit

Auch der Umgang mit der Natur der frühesten Menschen sei nicht "ökologisch" gewesen. So ließe sich für den Zeitraum seit etwa 11.000 Jahren nachweisen, dass der Mensch bei seiner Jagd auf Tiere ganze Tierarten ausgerottet habe: "Zeitgleich mit der ersten gesicherten Ankunft von Menschen in Nordamerika vor etwa 11.500 Jahren starben dreiundsiebzig Prozent aller großen Säugetierarten aus. Dahin gingen das Riesenbison, das Wildpferd, der Kurzbartbär, das Mammut, das Mastodon, die Säbelzahnkatze, das gigantische Erdfaultier und das wilde Kamel. Vor etwa 8000 Jahren waren auch in Südamerika achtzig Prozent der großen Säugetiere ausgelöscht - das Riesenfaultier, das Riesengürteltier, das Riesenguanako, die Ameisenfresser von der Größe eines Pferdes. Bekannt ist dieses Phänomen auch als der Overkill des Pleistozäns."

Einst waren die Tiere zutraulich

Als die ersten europäischen Seefahrer die Lord-Howes-Insel betraten (die von den Polynesiern noch nicht entdeckt war), ereignete sich folgendes. "Dort gab es," schrieb ein Mitglied der Schiffsmannschaft, "einen merkwürdig braunen Vogel etwa von der Größe einer Landratte in England. Er spazierte völlig furchtlos und unbeeindruckt um uns herum; so brauchten wir nicht mehr zu tun, als ein bis zwei Minuten still zu stehen und so viele, wie wir wollten, mit einem kurzem Stock niederzuschlagen - wenn man sie traf, ohne sie zu töten, machten sie niemals den Versuch wegzufliegen ...

Die Tauben waren ebenfalls so zahm wie die bereits beschriebenen und blieben auf den Baumzweigen sitzen, bis man hingehen und sie mit der Hand wegtragen mochte ..."

Die Tierwelt war also zu dieser Zeit noch zutraulich und hatte keine Angst vor den Menschen.

"Förderung des Austausches unter Gleichen"

Am Schluss des Buches fasst Ridley sein Konzept für eine bessere Gesellschaft zusammen: "Die Wurzeln für eine soziale Ordnung liegen in unseren Köpfen, wo wir instinktive Fähigkeiten besitzen, nicht um eine perfekt harmonische und tugendhafte Gesellschaft zu bilden, sondern um eine, die besser ist als die jetzige. Wir müssen unsere Institutionen derart gestalten, dass diese Instinkte zum Vorschein kommen.

Vor allem bedeutet das die Förderung des Austausches unter Gleichen. So wie der Handel zwischen Ländern das beste Rezept für eine freundschaftliche Beziehung ist, so ist das beste Rezept für Kooperation der Austausch zwischen mündigen und ermächtigten Individuen. Wir müssen den sozialen und materiellen Austausch zwischen Gleichen ermutigen, denn das ist der Rohstoff für Vertrauen, und Vertrauen ist die Grundlage für Tugend."

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Das Ziel klingt nicht schlecht. Es ist die Wandlung vom Egoisten zum kooperativen Menschen, der jeden seiner Nächsten liebt wie sich selbst. Den Weg nennt Ridley nicht. Es ist die Ausrichtung auf Gott in unserem Inneren und die Verwirklichung und Erfüllung der Zehn Gebote und der Bergpredigt im Alltag - Schritt für Schritt.


 



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Fernsehtipp: www.erde-und-mensch.tv/de


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