Das Weisse Pferd - Urchristliche Zeitung für Gesellschaft, Religion, Politik und Wirtschaft

Ausgabe 2/98

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Sie riefen zur Nachfolge Jesu auf und wurden von Martin Luther bekämpft:

Thomas Müntzer, die Zwickauer Propheten und die christliche Volksbewegung

Zu Beginn des Jahres 1522 kommt es in Wittenberg zu einer Begegnung mit schwerwiegenden Folgen.

Thomas Müntzer (1490-1525) - erst nach dem Scheitern der Zwickauer Propheten radikalisierte sich sein Denken.

Der Prophet Markus Stübner aus Zwickau hat Luther offenbar ein Prophetisches Wort zu überbringen. Doch Luther lässt Stübner kaum zu Wort kommen, beschimpft und verleumdet ihn. Mit dem Satz "Eurem Geist hau` ich auf die Schnauze" setzt er den Propheten vor die Tür, ohne ihn näher anzuhören. Im April und Mai desselben Jahres hält sich Luther mehrere Wochen in Zwickau auf und predigt mit staatlicher Unterstützung mehrfach gegen die urchristliche Bewegung in der Stadt. Diese gerät unter Druck und hält als Gemeinschaft nicht stand. Über Luther jedoch heißt es nach diesen Ereignissen des Jahres 1522: "Sein Ansehen und seine Macht sind nicht mehr anzutasten" (Michael Meisner, Martin Luther, 1983, S. 133). Was aber hatte den Namensgeber und geistigen Vater des evangelischen Glaubens so aus der Fassung gebracht und zum Kampf provoziert?

Zwickau ist eine Stadt mit vielen armen und hart arbeitenden Menschen: Handwerkern, Bergarbeitern in den nahe gelegenen Erzgruben des Erzgebirges und Lohnarbeitern in den Textilmanufakturen. Einer davon ist der schlichte Tuchweber Nikolaus Storch, der eines Tages "Visionen" hat, wie es in Geschichtsbüchern heißt. Storch selbst spricht vom "inneren Wort." Aus der geistigen Welt erhält er den Auftrag, die Verwilderungen in der Bevölkerung anzusprechen und zur Buße und ernsthaften Nachfolge Jesu aufzurufen. Auch der Tuchmacher Thomas Drechsel hört das "innere Wort" und vernimmt diesen Auftrag. Der ehemalige Wittenberger Student Markus Stübner ist der dritte namentlich bekannt gewordene Prophet. Er gilt als der einzige "Gelehrte" der Bewegung.

Das innere Wort und das innere Licht

Durch das von Storch, Drechsel und Stübner weitergegebene Wort erfährt die Bevölkerung ab 1520, dass die Sakramente der Kirche nutzlos sind, und Kindertaufe und Priestertum nicht dem Willen Gottes entsprechen. Jeder Mensch trage ein "inneres Licht" im Herzen, die Gottlosigkeit gehe zu Ende und das Friedensreich, von dem die Propheten aller Zeiten sprachen, nehme seinen Anfang.

Die beiden Weber lösen Betroffenheit und Zustimmung beim Volk aus.

Über den Aufbruch in Zwickau schrieb der Historiker Gerhard Wehr: "Ein euphorisches Glücksgefühl ließ schon die wirtschaftliche Abhängigkeit und Bedrängnis der Weber und Berggesellen nicht aufkommen. Der tiefe Ernst, der sie beseelte, erwuchs ihnen durch bedingungslose Nachfolge Christi ... Deshalb auch ihre Skepsis gegenüber einer oberflächlich verstandenen Rechtfertigung des Sünders, deshalb auch ihre Ablehnung einer ´billigen Gnade`."

Der Rat der Stadt Zwickau mit dem Bürgermeister Hermann Mühlpfort fühlt sich provoziert. Mühlpfort ist einer der engsten Freunde Luthers. Der Wittenberger Theologe widmet dem Zwickauer Bürgermeister im selben Jahr 1520 seine Schrift "Von der Freiheit eines Christenmenschen", in der Luther die zentrale evangelische These aufstellt, "dass ein Christenmensch am Glauben genug hat" und dass er "gewisslich von allen Geboten und Gesetzen entbunden" sei. Zwar seien "gute Werke" wichtig, doch für das Heil nicht nötig, was von Kritikern manchmal mit "billiger Gnade" umschrieben wird.

Dagegen wenden sich die Zwickauer Propheten. Denn Jesus von Nazareth sagte klar, dass es auf das Tun Seiner Botschaft ankomme, nicht auf den Glauben allein.

Das Vorbild der ersten Urchristen

Die beiden Zwickauer Pfarrer Nikolaus Hausmann und Thomas Müntzer reagieren gegenteilig auf die prophetische Volksbewegung. Hausmann, Pfarrer der Marienkirche, stellt sich dagegen, Müntzer, Pfarrer der Katharinenkirche, ist beeindruckt und schließt sich an. Nach biblischem Vorbild werden in den nächsten Wochen 12 "Apostel" gewählt. Ähnlich wie im frühen Urchristentum haben Frauen gleichberechtigte Aufgaben in der Gemeinschaft, einige empfangen ebenfalls das Prophetische Wort.

Aus der Ferne donnert Luther gegen die "Rottengeister", die in Zwickau "hausen". Durch das Aufeinandertreffen von Anhängern und Gegnern der Gemeinschaft wären - so die Kirchengeschichtsschreibung - "Tumulte" in der Stadt entstanden. Der Staat greift ein. Ende April 1521 werden fünfundfünfzig Christen, allesamt Tuchmacherknappen, verhaftet, und der Pfarrer der Katharinenkirche, Thomas Müntzer, wird ausgewiesen. Das Leben der Menschen ist in großer Gefahr. Müntzer flieht nach Böhmen, doch noch mahnt Luther, den Einsatz von Gewalt zu begrenzen. An den Hofkaplan des verantwortlichen Fürsten Friedrichs des Weisen schreibt er: "Trage Sorge dafür, dass unser Fürst nicht seine Hände beflecke mit dem Blut jener neuen Zwickauer Propheten."

Wenige Jahre später jedoch fordert Luther die gnadenlose Hinrichtung von Predigern außerhalb der neuen evangelischen Amtskirche, "wenn sie gleich das reine Evangelium wollten lehren, ja wenn sie gleich Engel und ... Gabriel vom Himmel wären."

Bibel, Sakramente und Priester sind nicht nötig

Stadtpfarrer Hausmann, wie der Bürgermeister ein Vertrauter Luthers, weist auf das "Verbrechen" der Volksbewegung hin: "Man braucht keine Bibel, denn Gottes Geist redet unmittelbar mit uns; und braucht man keine Bibel, so braucht man auch keine Predigt; braucht man aber keine Predigt, so braucht man auch keinen geistlichen Stand mehr; Kindertaufe ist wertlos, denn die ´Erleuchteten selbst sind die sichtbare Gemeinde der Heiligen`".

Die Priesterkaste ist im Mark getroffen - Keine Pfarrer mehr? Keine Taufe und damit keine Mitgliedschaft von Säuglingen mehr? Unruhe macht sich auch an der theologischen Fakultät der Universität Wittenberg breit.

Einige Jahre später wird Professor Philipp Melanchthon "durchgreifen" und mit Zustimmung Luthers vom Staat die Todesstrafe für Gegner der Säuglingstaufe fordern. Im Jahr 1521 ist Melanchthons Position aber noch nicht gefestigt.

Während Luther, selbst noch kurzzeitig von Verfolgung bedroht, auf der Wartburg die Bibel übersetzt, zieht eine Abordnung der Zwickauer Christen nach Wittenberg und spricht mit Melanchthon. Über seine Begegnung mit den Propheten schreibt Philipp Melanchthon an den Kurfürsten Friedrich den Weisen: "Ich kann kaum sagen, wie stark mich das beeindruckt. Jedenfalls hindern mich gewichtige Gründe daran, sie unbeachtet zu lassen ... Ich würde Eure Hoheit nicht mit diesem Brief belästigen, wenn die Sache nicht so wichtig wäre, dass sie eine rasche Entscheidung erforderte. Auf der einen Seite müssen wir uns hüten, den Geist Gottes zu dämpfen, auf der anderen Seite dürfen wir uns aber auch nicht vom Satan gefangen nehmen lassen." Auch der neben Melanchthon und Luther dritte Theologieprofessor, Nikolaus von Amsdorf, ist von den Zwickauern tief beeindruckt, und der Historiker Gerhard Wehr schreibt: Es war "die geistige Kraft, die von diesen Männern ausgegangen sein muss."

Martin Luther bekämpft die Volksbewegung

Einer allerdings ist nicht beeindruckt. Von der Wartburg aus macht Luther seine persönlichen Seelenkämpfe zum Kriterium, um die Propheten zu prüfen und schreibt an Melanchthon: "Frage, ob sie jene geistlichen Ängste ... erfahren haben, ... Tod und Hölle ... Gott ist ein verzehrendes Feuer." Für welchen Gott hat sich Luther in seinen Seelenkämpfen entschieden?

Als die urchristliche Bewegung trotz Bedrückung und Verfolgung weiter wächst, greift Luther selbst ein. Zunächst erklärt er sich bereit, Stübner zu treffen, doch von Anfang an bezeichnet er die Offenbarungen als Produkte einer erhitzten Einbildungskraft und als Täuschung böser Geister. Stübner antwortet, nicht jeder könne die innere Schau verstehen, doch Luther lässt sich auf keinen ernsthaften Dialog ein. Die Bibel allein genüge, so Luther. "Gott lässt es bei seinem Wort [der Bibel] bleiben ... Ich will mit dir nichts zu schaffen haben, es sei denn du tust Zeichen", so der Theologe, um Stübner gleich darauf entgegen zu schreien: "Mein Gott wird deinen Gott verhindern, Zeichen zu tun ohne den Willen."

Der Theologe Walter Nigg kommentiert die Begegnung mit folgenden Worten: "Im Gespräch zwischen Luther und dem Zwickauer Propheten stand der Reformator einem ganz konkreten prophetischen Anspruch gegenüber. Er war einen Moment lang von ihm betroffen. Aber wirklich nur einen Augenblick, und dann unterdrückt er sogleich die innere Bestürzung ... und polternd schrie er: ´Eurem Geist haue ich auf die Schnauze`." Dann lässt Luther den Propheten hinauswerfen.

Der Theologe Luther beschließt, die urchristliche Bewegung niederzuringen und selbst nach Zwickau zu reisen. Am 8.4.1522 quartiert er sich beim Bürgermeister der Stadt ein und hält eine Predigt nach der anderen. Für den 1. Mai lässt die Stadt Zwickau 14.000 Menschen aus Zwickau und Umgebung vor dem Rathaus versammeln, mehr als die Stadt Einwohner hat. Wie als Symbol der staatlichen Unterstützung wird für Luther ein großes Fenster des Rathauses zur Kanzel gemacht, und Luther predigt von hier aus mit lauten Worten seine Lehre. Demnach genüge allein der Glaube, und zur Vermittlung des Glaubens sei eine mit der staatlichen Obrigkeit zusammenarbeitende Amtskirche nötig.

Der Zwickauer Marktplatz - 1522 Schauplatz
 einer geistigen Auseinandersetzung

Diese Botschaft ist bequemer als die urchristlichen Ideale der Volksbewegung, und sie sichert die Existenz des Pfarrer- und Priesterstandes. Denn der allein genügende Glaube werde vom Heiligen Geist mithilfe der Predigt des Pfarrers und der kirchlichen Sakramente vermittelt.

Die meisten Hörer lassen sich auf die Seite des Redners ziehen, und die urchristliche Bewegung hat nicht die Kraft, sich als im öffentlichen Leben spürbare Gemeinschaft in der Stadt zu halten. Viele gehen auseinander. Nikolaus Storch entschließt sich, mit der Botschaft durch die Lande zu ziehen, und er stirbt später in einem Münchner Hospital.

Luther gibt sich mit dem Stimmungsumschwung in Zwickau aber nicht zufrieden. Er verfolgt die Spuren der neuen Bewegung das ganze Jahr 1522 über auch in anderen Städten, in denen sich eine ähnliche Entwicklung anbahnte. Von Zwickau aus zieht er nach Leipzig, Erfurt, Weimar und in weitere Orte, um auch dort die zarten Ansätze für ein urchristliches Leben auszureißen.

Viele der Menschen, die sich 1522 auf Luthers Seite ziehen ließen, wurden drei Jahre später jäh aus ihren Hoffnungen gerissen. Als sich das soziale Unrecht an den Menschen im Jahr 1525 in Bauernaufständen Luft macht, ruft Luther zu Massakern auf. Gezeichnet von den Bedrängungen und Verfolgungen der vergangenen Jahre gibt der ehemalige Pfarrer Thomas Müntzer das urchristliche Prinzip der Gewaltlosigkeit auf, setzt sich an die Spitze von Bauernheeren und wird nach dem Scheitern der Aufstände gefoltert und geköpft.

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Für das Blutbad an 70.000 - 100.000 Bauern macht Luther Gott verantwortlich. Er predigte: "... einen seligeren Tod kannst du nimmermehr erlangen", als beim Töten der Bauern selbst ums Leben zu kommen und rechtfertigt sich im Anschluss daran, Gott habe ihm "befohlen, solches zu reden."

Auch wenn Martin Luther zahllose Menschen umbringen ließ - ihre Hoffnung und ihre Ziele lassen sich nicht auslöschen und auch nicht der Geist, der sie berührte. (Dieter Potzel)

Literatur: Walter Nigg, Prophetische Denker, Verlag Das Wort, Marktheidenfeld 1986
http://ww2.das-wort.com/cgi/gen_article.cgi?article=s218de&type=desc

Dieser Artikel ist in einer leicht überarbeiteten Fassung auch einsehbar unter www.theologe.de/theologe10.htm. Er wird dort gegebenenfalls auch aktualisiert.


 


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