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Sie riefen zur
Nachfolge Jesu auf und wurden von Martin Luther bekämpft:
Thomas Müntzer, die
Zwickauer Propheten und die christliche Volksbewegung
Zu Beginn des Jahres 1522 kommt es in Wittenberg zu einer
Begegnung mit schwerwiegenden Folgen.

Thomas Müntzer (1490-1525)
- erst nach dem
Scheitern der Zwickauer Propheten
radikalisierte
sich sein Denken.
Der Prophet Markus Stübner aus Zwickau hat Luther offenbar
ein Prophetisches Wort zu überbringen. Doch Luther lässt Stübner kaum zu Wort kommen,
beschimpft und verleumdet ihn. Mit dem Satz "Eurem Geist hau` ich auf die
Schnauze" setzt er den Propheten vor die Tür, ohne ihn näher anzuhören. Im
April und Mai desselben Jahres hält sich Luther mehrere Wochen in Zwickau auf und predigt
mit staatlicher Unterstützung mehrfach gegen die urchristliche Bewegung in der Stadt.
Diese gerät unter Druck und hält als Gemeinschaft nicht stand. Über Luther jedoch
heißt es nach diesen Ereignissen des Jahres 1522: "Sein Ansehen und seine Macht
sind nicht mehr anzutasten" (Michael Meisner, Martin Luther, 1983, S. 133). Was aber hatte den
Namensgeber und geistigen Vater des evangelischen Glaubens so aus der Fassung gebracht und
zum Kampf provoziert?
Zwickau ist eine Stadt mit vielen armen und hart
arbeitenden Menschen: Handwerkern, Bergarbeitern in den nahe gelegenen Erzgruben des
Erzgebirges und Lohnarbeitern in den Textilmanufakturen. Einer davon ist der schlichte
Tuchweber Nikolaus Storch, der eines Tages "Visionen" hat, wie es in
Geschichtsbüchern heißt. Storch selbst spricht vom "inneren Wort." Aus der
geistigen Welt erhält er den Auftrag, die Verwilderungen in der Bevölkerung anzusprechen
und zur Buße und ernsthaften Nachfolge Jesu aufzurufen. Auch der Tuchmacher Thomas
Drechsel hört das "innere Wort" und vernimmt diesen Auftrag. Der ehemalige
Wittenberger Student Markus Stübner ist der dritte namentlich bekannt gewordene Prophet.
Er gilt als der einzige "Gelehrte" der Bewegung.
Das
innere Wort und das innere Licht
Durch das von Storch, Drechsel und Stübner weitergegebene
Wort erfährt die Bevölkerung ab 1520, dass die Sakramente der Kirche nutzlos sind, und
Kindertaufe und Priestertum nicht dem Willen Gottes entsprechen. Jeder Mensch trage ein
"inneres Licht" im Herzen, die Gottlosigkeit gehe zu Ende und das Friedensreich,
von dem die Propheten aller Zeiten sprachen, nehme seinen Anfang.
Die beiden Weber lösen Betroffenheit und Zustimmung beim
Volk aus.
Über den Aufbruch in Zwickau schrieb der Historiker
Gerhard Wehr: "Ein euphorisches Glücksgefühl ließ schon die
wirtschaftliche Abhängigkeit und Bedrängnis der Weber und Berggesellen
nicht aufkommen. Der tiefe Ernst, der sie beseelte, erwuchs ihnen durch
bedingungslose Nachfolge Christi ... Deshalb auch ihre Skepsis gegenüber
einer oberflächlich verstandenen Rechtfertigung des Sünders, deshalb
auch ihre Ablehnung einer ´billigen Gnade`."
Der Rat der Stadt Zwickau mit dem Bürgermeister Hermann
Mühlpfort fühlt sich provoziert. Mühlpfort ist einer der engsten Freunde Luthers. Der
Wittenberger Theologe widmet dem Zwickauer Bürgermeister im selben Jahr 1520 seine
Schrift "Von der Freiheit eines Christenmenschen", in der Luther die zentrale
evangelische These aufstellt,
"dass ein Christenmensch am Glauben genug hat"
und dass er "gewisslich von allen Geboten und Gesetzen entbunden" sei.
Zwar seien "gute Werke" wichtig, doch für das Heil nicht nötig, was von
Kritikern manchmal mit "billiger Gnade" umschrieben wird.
Dagegen wenden sich die Zwickauer Propheten. Denn Jesus von
Nazareth sagte klar, dass es auf das Tun Seiner Botschaft ankomme, nicht auf den Glauben
allein.
Das Vorbild der ersten
Urchristen
Die beiden Zwickauer Pfarrer Nikolaus Hausmann und Thomas
Müntzer reagieren gegenteilig auf die prophetische Volksbewegung. Hausmann, Pfarrer der
Marienkirche, stellt sich dagegen, Müntzer, Pfarrer der Katharinenkirche, ist beeindruckt
und schließt sich an. Nach biblischem Vorbild werden in den nächsten Wochen 12
"Apostel" gewählt. Ähnlich wie im frühen Urchristentum haben Frauen
gleichberechtigte Aufgaben in der Gemeinschaft, einige empfangen ebenfalls das
Prophetische Wort.
Aus der Ferne donnert Luther gegen die
"Rottengeister", die in Zwickau "hausen". Durch das Aufeinandertreffen
von Anhängern und Gegnern der Gemeinschaft wären - so die Kirchengeschichtsschreibung -
"Tumulte" in der Stadt entstanden. Der Staat greift ein. Ende April 1521 werden
fünfundfünfzig Christen, allesamt Tuchmacherknappen, verhaftet, und der Pfarrer der
Katharinenkirche, Thomas Müntzer, wird ausgewiesen. Das Leben der Menschen ist in großer
Gefahr. Müntzer flieht nach Böhmen, doch noch mahnt Luther, den Einsatz von Gewalt zu
begrenzen. An den Hofkaplan des verantwortlichen Fürsten Friedrichs des Weisen schreibt
er: "Trage Sorge dafür, dass unser Fürst nicht seine Hände beflecke mit dem
Blut jener neuen Zwickauer Propheten."
Wenige Jahre später jedoch fordert Luther die gnadenlose
Hinrichtung von Predigern außerhalb der neuen evangelischen Amtskirche, "wenn sie
gleich das reine Evangelium wollten lehren, ja wenn sie gleich Engel und ... Gabriel vom
Himmel wären."
Bibel, Sakramente und
Priester sind nicht nötig
Stadtpfarrer Hausmann, wie der Bürgermeister ein
Vertrauter Luthers, weist auf das "Verbrechen" der Volksbewegung hin: "Man braucht keine Bibel, denn Gottes Geist redet
unmittelbar mit uns; und braucht man keine Bibel, so braucht man auch keine Predigt;
braucht man aber keine Predigt, so braucht man auch keinen geistlichen Stand mehr;
Kindertaufe ist wertlos, denn die ´Erleuchteten selbst sind die sichtbare Gemeinde der
Heiligen`".
Die Priesterkaste ist im Mark getroffen - Keine Pfarrer
mehr? Keine Taufe und damit keine Mitgliedschaft von Säuglingen mehr? Unruhe macht sich
auch an der theologischen Fakultät der Universität Wittenberg breit.
Einige Jahre später wird Professor
Philipp Melanchthon
"durchgreifen" und mit Zustimmung Luthers vom Staat die Todesstrafe für Gegner
der Säuglingstaufe fordern. Im Jahr 1521 ist Melanchthons Position aber noch nicht
gefestigt.
Während Luther, selbst noch kurzzeitig von Verfolgung
bedroht, auf der Wartburg die Bibel übersetzt, zieht eine Abordnung der Zwickauer
Christen nach Wittenberg und spricht mit Melanchthon. Über seine Begegnung mit den
Propheten schreibt Philipp Melanchthon an den Kurfürsten Friedrich den Weisen:
"Ich kann
kaum sagen, wie stark mich das beeindruckt. Jedenfalls hindern mich gewichtige Gründe
daran, sie unbeachtet zu lassen ... Ich würde Eure Hoheit nicht mit diesem Brief
belästigen, wenn die Sache nicht so wichtig wäre, dass sie eine rasche Entscheidung
erforderte. Auf der einen Seite müssen wir uns hüten, den Geist Gottes zu dämpfen, auf
der anderen Seite dürfen wir uns aber auch nicht vom Satan gefangen nehmen lassen."
Auch der neben Melanchthon und Luther dritte Theologieprofessor, Nikolaus von Amsdorf, ist
von den Zwickauern tief beeindruckt, und der Historiker Gerhard Wehr schreibt: Es war "die
geistige Kraft, die von diesen Männern ausgegangen sein muss."
Martin Luther bekämpft die
Volksbewegung
Einer allerdings ist nicht beeindruckt. Von der Wartburg
aus macht Luther seine persönlichen Seelenkämpfe zum Kriterium, um die Propheten zu
prüfen und schreibt an Melanchthon: "Frage, ob sie jene geistlichen Ängste ...
erfahren haben, ... Tod und Hölle ... Gott ist ein verzehrendes Feuer." Für
welchen Gott hat sich Luther in seinen Seelenkämpfen entschieden?
Als die urchristliche Bewegung trotz Bedrückung und
Verfolgung weiter wächst, greift Luther selbst ein. Zunächst erklärt er sich bereit,
Stübner zu treffen, doch von Anfang an bezeichnet er die Offenbarungen als Produkte einer
erhitzten Einbildungskraft und als Täuschung böser Geister. Stübner antwortet, nicht
jeder könne die innere Schau verstehen, doch Luther lässt sich auf keinen ernsthaften
Dialog ein. Die Bibel allein genüge, so Luther. "Gott lässt es bei seinem Wort
[der Bibel] bleiben ... Ich will mit dir nichts zu schaffen haben, es sei denn du tust
Zeichen", so der Theologe, um Stübner gleich darauf entgegen zu schreien: "Mein
Gott wird deinen Gott verhindern, Zeichen zu tun ohne den Willen."
Der Theologe Walter Nigg kommentiert die Begegnung mit
folgenden Worten: "Im Gespräch zwischen Luther und dem Zwickauer Propheten stand
der Reformator einem ganz konkreten prophetischen Anspruch gegenüber. Er war einen Moment
lang von ihm betroffen. Aber wirklich nur einen Augenblick, und dann unterdrückt er
sogleich die innere Bestürzung ... und polternd schrie er: ´Eurem Geist haue ich auf die
Schnauze`." Dann lässt Luther den Propheten hinauswerfen.
Der Theologe Luther beschließt, die urchristliche Bewegung
niederzuringen und selbst nach Zwickau zu reisen. Am 8.4.1522 quartiert er sich beim
Bürgermeister der Stadt ein und hält eine Predigt nach der anderen. Für den 1. Mai
lässt die Stadt Zwickau 14.000 Menschen aus Zwickau und Umgebung vor dem Rathaus
versammeln, mehr als die Stadt Einwohner hat. Wie als Symbol der staatlichen
Unterstützung wird für Luther ein großes Fenster des Rathauses zur Kanzel gemacht, und
Luther predigt von hier aus mit lauten Worten seine Lehre. Demnach genüge allein der
Glaube, und zur Vermittlung des Glaubens sei eine mit der staatlichen Obrigkeit
zusammenarbeitende Amtskirche nötig.

Der Zwickauer Marktplatz -
1522 Schauplatz
einer
geistigen Auseinandersetzung
Diese Botschaft ist bequemer als die urchristlichen Ideale
der Volksbewegung, und sie sichert die Existenz des Pfarrer- und Priesterstandes. Denn der
allein genügende Glaube werde vom Heiligen Geist mithilfe der Predigt des Pfarrers und
der kirchlichen Sakramente vermittelt.
Die meisten Hörer lassen sich auf die Seite des Redners
ziehen, und die urchristliche Bewegung hat nicht die Kraft, sich als im öffentlichen
Leben spürbare Gemeinschaft in der Stadt zu halten. Viele gehen auseinander. Nikolaus
Storch entschließt sich, mit der Botschaft durch die Lande zu ziehen, und er stirbt
später in einem Münchner Hospital.
Luther gibt sich mit dem Stimmungsumschwung in Zwickau aber
nicht zufrieden. Er verfolgt die Spuren der neuen Bewegung das ganze Jahr 1522 über auch
in anderen Städten, in denen sich eine ähnliche Entwicklung anbahnte. Von Zwickau aus
zieht er nach Leipzig, Erfurt, Weimar und in weitere Orte, um auch dort die zarten Ansätze
für ein urchristliches Leben auszureißen.
Viele der Menschen, die sich 1522 auf Luthers Seite ziehen
ließen, wurden drei Jahre später jäh aus ihren Hoffnungen gerissen. Als sich das
soziale Unrecht an den Menschen im Jahr 1525 in Bauernaufständen Luft macht, ruft Luther
zu Massakern auf. Gezeichnet von den Bedrängungen und Verfolgungen der vergangenen Jahre
gibt der ehemalige Pfarrer Thomas Müntzer das urchristliche Prinzip der Gewaltlosigkeit
auf, setzt sich an die Spitze von Bauernheeren und wird nach dem Scheitern der Aufstände
gefoltert und geköpft.
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