Das Weisse Pferd - Urchristliche Zeitung für Gesellschaft, Religion, Politik und Wirtschaft

 Ausgabe 8/98

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Die Risiken des Euro sind unübersehbar (1)

"Eine große Beimischung
 von Betrug
"

Wäre heute eine Volksabstimmung, so ermittelten Meinungsforscher, so würden sich 54 Prozent der Deutschen gegen die neue Währung entscheiden. Nur 7 Prozent erwarten sich von der Einführung des Euro persönliche Vorteile, 41 Prozent aber Nachteile.

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Europas neue Kleider

Doch eine Volksabstimmung wie in Österreich, Dänemark und Frankreich gab es in Deutschland nicht. Kurz vor der Wahl im Herbst stehen die Deutschen vor der seltsamen Situation, dass alle im Parlament vertretenen Parteien, mit Ausnahme der linksradikalen PDS, für die neue Einheitswährung sind. Auch in den Medien regt sich kaum noch Widerstand. Die Neue Zürcher Zeitung hatte schon am 25.11.1997 von einer "währungspolitischen Gleichschaltung" gesprochen. Die vier Professoren, die vor dem Bundesverfassungsgericht gegen den Euro klagten, wurden in der Presse als "Wichtigtuer" abgetan.

Parteienstaat statt Demokratie

Einer von ihnen, der Jurist Karl Albrecht Schachtschneider aus Nürnberg, sprach auf einer Tagung der Sozialwissenschaftlichen Gesellschaft zum Thema "Euro" Ende März vom "Parteienstaat" Deutschland, in dem die Regierenden und "ihre Duzfreunde" ihre Pläne durchziehen, ohne den Willen des Volkes zu beachten. Gerade mal "für die Sekunde der Stimmabgabe" habe der Bürger die politische Wahlfreiheit, danach sei er wieder ein "Untertan". Kritische Stimmen werden durch die Fünf-Prozent-Hürde vom Parlament ferngehalten.

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"Glaubenskampf" um den Euro: Wer dagegen ist, ist gegen Europa

Die Klage der "Viererbande" oder der "vier Aufrechten" (je nach Sichtweise) wurde wenige Tage nach dieser Tagung abgewiesen. Das Verfassungsgericht sah keine Möglichkeit, mit juristischen Mitteln einen politischen Entscheidungsvorgang zu stoppen, der kurz vor seinem Abschluss steht. Denn niemand zweifelt mehr daran, dass auf dem Gipfeltreffen der Europäischen Union Anfang Mai 1998 endgültig festgelegt wird, wer mit der neuen Währung beginnt: Alle EU-Staaten mit Ausnahme von Großbritannien, Dänemark und Schweden (die noch nicht wollen) und Griechenland (das die Kriterien zu offensichtlich nicht erfüllt). Die Europäische Kommission hat Anfang April dieses Votum abgegeben. Zum 1. Januar 1999 wird die neue Währung eingeführt, zunächst - wahlweise neben den bisherigen Währungen - für den bargeldlosen Zahlungsverkehr, ab 1.1.2002 auch in Münzen und Banknoten. Ab 1. Juli 2002 gibt es keine nationalen Währungen mehr.

Der Euro -
Preis der Wiedervereinigung

Einmal abgesehen von den rechtlichen und sachlichen Problemen, die mit dieser gigantischen Umstellung im einzelnen verbunden sind und deren Kosten noch völlig offen sind - der Euro ist auch psychologisch noch längst nicht verdaut. Ungünstig ist für Helmut Kohl vor allem: Ausgerechnet im Wahljahr 1998 wird die D-Mark abgeschafft - und das auch noch im Jahr des 50. Jubiläums dieser Währung! Ein politischer Fehler? Wie kam es eigentlich zum Euro?

An seiner Wiege standen nicht wirtschaftliche, sondern politische Überlegungen Pate. Die Verträge von Maastricht, die zur Einführung des Euro 1991 ausgehandelt und 1993 ratifiziert wurden, waren nach Aussage des ehemaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker "nichts anderes als der Preis für die Wiedervereinigung" (Die Woche, 19.9.1997). Brigitte Sauzay, damals Dolmetscherin des französischen Präsidenten Mitterand, wird in ihren Memoiren noch deutlicher: Ihr Chef habe seine Zustimmung zur Wiedervereinigung "nur um den Preis gegeben, dass der deutsche Kanzler (Helmut Kohl) die Mark dem Euro opfere" (Spiegel-Special Nr. 2/1998). Die deutsche Mark war damals in Europa längst zur "Ankerwährung" geworden, an deren (relativer) Stabilität sich die anderen Mitglieder einschließlich Frankreich orientieren mussten, wollten sie nicht in der Konkurrenz der Währungen hoffnungslos ins Hintertreffen geraten. Die dafür ab und an notwendigen Abwertungen ihrer Währung gegenüber der D-Mark empfanden die Franzosen aus Prestigegründen als Zumutung.

Außerdem fürchtete Frankreich eine Neuorientierung des durch die Wiedervereinigung wieder erstarkten Deutschland, das nach ihrer Meinung die europäische Union "zu einer großen, von der D-Mark beherrschten Freihandelszone von Brest bis Brest-Litowsk" hätte machen können (FAZ, 1.6.1996). Kohl seinerseits befürwortete die Währungsunion, weil er offenbar nicht nur als "Kanzler der deutschen Einheit", sondern auch als "Einiger Europas" in die Geschichtsbücher eingehen möchte. Folgerichtig sprach er 1991 im Bundestag von der politischen Union Europas als "das unerlässliche Gegenstück zur Wirtschafts- und Währungsunion".

Die politische Union
 verschwand aus der Diskussion

Das wäre zwar logisch und konsequent gewesen - denn für eine Währungsunion mehrerer Länder ohne vorherige politische Vereinigung gibt es in der Geschichte kein einziges Beispiel. Doch eine politische Union mit Aufgabe der nationalen Souveränität war mit den Franzosen nicht zu machen - deshalb verschwand die "unerlässliche Voraussetzung" sehr bald wieder von der Bildfläche. Geblieben ist die Tatsache, dass die Auseinandersetzung um den Euro hinter den komplizierten wirtschaftlichen Argumenten unverkennbar Züge eines politischen Glaubenskampfes trägt: Wer dagegen ist, ist auch gegen Europa!

Da hilft es wenig, dass die Gegner des Euro, zum Teil namhafte Wirtschaftswissenschaftler, sich zur Idee eines vereinten Europa bekennen und zugleich beteuern, sie wollten dieses Europa gerade vor einem drohenden Verhängnis bewahren.

Ihre Argumente werden kaum zur Kenntnis genommen.

Von Stabilität keine Spur

Dabei ist es offensichtlich, dass die Stabilitätskriterien, denen sich die "Anwärter" auf die neue Währung unterwerfen mussten, in Wirklichkeit von den wenigsten erfüllt wurden. In Italien und Belgien ist die Staatsverschuldung mehr als doppelt so hoch wie erlaubt: Rund 120 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) statt, wie vorgesehen, 60 Prozent. In Spanien, Österreich und Deutschland kletterte dieser Wert in den Jahren seit Maastricht über die 60-Prozent-Marke - ein Zeichen für Stabilität?

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Auch bei der Neuverschuldung, die 3 Prozent des BIP nicht überschreiten sollte, wurde kräftig gemogelt: Deutschland verschob anfallende Schuldentilgungen in die Zukunft, um unter diesem Wert zu bleiben, Frankreich tätigte eine einmalige Transaktion mit seiner Télédcom-Gesellschaft, und Italien erhob gar eine (rückzahlbare) Euro-Steuer. "Warum wird diese Währung mit einer so großen Beimischung von Betrug herbeigeführt?" fragt der Historiker Prof. Christian Meier fast resignierend (Die Woche, 2.1.1998).

In der nächsten Ausgabe lesen Sie: Was spricht für den Euro, was gegen ihn? Wie wird er sich in Europa auswirken? Was werden die Spekulanten tun?


 



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