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Die Risiken des Euro
sind unübersehbar (2) Wenn Furcht und Gier
die Paten sind ...
Lesen Sie auch den
ersten Teil dieser Serie.
Der große Euro-Abschlussgipfel war zu
Redaktionsschluss noch nicht
beendet - doch es gab keinen Zweifel, wie er entscheiden wird. Die Parlamente Deutschlands
und Frankreichs hatten in der Woche vorher nochmals ihre Zustimmung bekräftigt.

Euro-Befürworter: Großindustrie und Großbanken
Die europäische Wirtschafts- und Währungsunion soll also Anfang 1999
beginnen, wenn auch zunächst noch ohne Bargeld. Der Euro wurde "durchgezogen".
Doch die kritischen Stimmen sind damit noch nicht verstummt, geschweige denn entkräftet.
In der letzten Ausgabe befassten wir uns mit der Entstehungsgeschichte des Euro und mit
den Stabilitätskriterien, die in Maastricht 1993 zur Vorbedingung des Euro gemacht wurden
und deren Nicht-Einhaltung nur "mit einer großen Beimischung von Betrug"
abgestritten werden konnte. Die Befürworter des Euro verweisen darauf,
dass immerhin die
Zinsen und die Inflationsrate, wie in den Kriterien vorgesehen, einen niedrigen Stand
erreicht haben. Doch auch dies ist für die Kritiker noch kein Stabilitätsbeweis. Die
niedrige Inflation sei dem Vorbild der Leitwährung D-Mark zu verdanken, die niedrigen
Zinsen der Annahme unter den Geldanlegern, dass der Euro kommen werde und daher auf eine
"Risikoprämie" beim Verleihen einer ohnehin auslaufenden Währung wie Lira oder
Escudo verzichtet werden könne.
Doch selbst wenn die Kriterien ohne Schummeln zustande gekommen wären -
die Frage bleibt: Wie oft lassen sich solch "einmalige" Kraftanstrengungen
wiederholen, wenn der Euro einmal da ist?
"Ein Projekt", sagt der sächsische Ministerpräsident Kurt
Biedenkopf, "das so fragil ist, dass es eine intensive Prüfung nicht verträgt, kann
nicht gut sein. Das gehört jedenfalls zu meiner Lebenserfahrung." Was treibt
Politiker fast aller Parteien dazu, gegen diese Lebenserfahrung zu handeln? Was
versprechen sie sich vom Euro?
Allein die Tatsache, dass Urlaubsreisende keinen Umtausch mehr vornehmen
müssen, würde eine derartige Umstellung der Währungen noch nicht rechtfertigen. Auch
der Wegfall sämtlicher Wechselgebühren muss zunächst mit den noch nicht überschaubaren
Umstellungskosten verrechnet werden.
Zu den energischen Befürwortern einer Wirtschafts- und
Währungsunion gehören vor allem die deutsche Großindustrie und die Großbanken. Für
sie fallen alle Kursrisiken beim Export weg, der Markt (auch der Arbeitsmarkt) wird
schrankenfrei zugänglich. Bisher konnten Länder der Europäischen Union mit einer
weniger produktiven Wirtschaft die in ihrem Land hergestellten Waren zum Teil vor
Konkurrenz schützen, indem sie ihre Währungen abwerteten. Dadurch verteuern sich die
Preise der importierten Konkurrenzprodukte. In einer Währungsunion fällt dieser Schutz
weg.
Eine vergleichbare Situation kennen wir aus der jüngsten
deutsch-deutschen Geschichte: Nachdem 1990 die D-Mark in der damaligen DDR eingeführt
wurde, kam es im Westteil Deutschlands zu einem kurzfristigen Aufschwung, weil der
Absatzmarkt sich erweiterte. Im Ostteil brach jedoch die Wirtschaft großflächig
zusammen, die Arbeitslosigkeit stieg rapide. Nun ist die Wirtschaft Südeuropas zwar nicht
so marode wie die der ehemaligen DDR. Doch der Effekt könnte teilweise ähnlich sein.
Umgekehrt entstünde ein Druck auf die Arbeitskräfte im Norden und Westen Europas, ihre
Arbeit billiger anzubieten - weil arbeitslos gewordene Menschen aus dem Süden noch mehr
als bisher in den Norden drängen würden. Auch das Kapital würde bevorzugt in den
reichen Ländern investiert werden, weil dort eine höhere Rendite zu erwarten ist. Die
bisher bestehenden unterschiedlichen Wechselkurse bildeten auch für den Kapitaltransfer
eine Schranke, weil sich gerade durch übermäßigen Transfer die Währung des
angesteuerten Ziellandes verteuert und das Abfließen des Kapitals vermindert wird. Fällt
die Schranke weg, dann besteht die Gefahr des finanziellen Ausblutens ganzer Regionen.
Aufhalten könnte man dies nur mit erheblichen Transferzahlungen der reicheren an die
ärmeren Länder. Genau dies wird aber vehement bestritten: Ausgleichszahlungen werde es
nicht geben, vor allem nicht vom großen Zahlmeister Deutschland. Doch ist dies
realistisch?
Eine Währung sollte wie ein Anzug einem bestimmten Wirtschaftsgebiet auf
den Leib geschneidert sein. Je größer und unterschiedlicher dieses Gebiet ist, desto
schwieriger ist dies. In Deutschland gibt es einen Finanzausgleich zwischen den
Bundesländern, um für ein gewisses Gleichgewicht zu sorgen. In den USA (die übrigens
erst 1913 eine einheitliche Währung bekamen) gibt es einen solchen Ausgleich nicht. Doch
dort ist auch die Mobilität viel größer: Wer seine Arbeit verliert, zieht einfach ein
paar tausend Kilometer um. Sprache und Kultur bilden keine Barrieren - im Gegensatz zu
Europa. Hier setzen sich Menschen auch - notgedrungen - in Bewegung. Doch vermehrte
Wanderungen könnten zu verstärkter Fremdenfeindlichkeit und populistischer Agitation
führen. Damit würde man Europa einen Bärendienst erweisen.
Weshalb wollen dann die südeuropäischen Länder in die Währungsunion
mit einsteigen? Für sie ist es eine Frage des Prestiges - und unbewusst vielleicht der
Hoffnung, am Reichtum des Nordens teilhaben zu können. Der Wirtschaftsprofessor Dirk
Löhr aus Trier fragte dazu auf der oben erwähnten Tagung, "ob es sinnvoll ist,
zuerst ganze Regionen zu ruinieren, um sie später am finanzpolitischen Tropf künstlich
am Leben zu halten."
Europa: "Rollfeld für Multis"
Soll also Europa zu einem "Rollfeld für die
Multis" werden, für die multinationalen Konzerne, wie Wolfgang Kartte sich
ausdrückt, ehemaliger Präsident des Bundeskartellamts und derzeit Wirtschaftsberater in
Russland? Die riesigen einheitlichen Wirtschaftsräume, die derzeit entstehen - neben
Europa auch in Amerika und möglicherweise später in Asien - unterliegen keiner wirksamen
demokratischen Kontrolle. Es entstehen Superstaaten, die von übermächtigen
Bürokratien gelenkt werden. Doch die wirtschaftliche Vereinheitlichung dieser Gebilde
ohne vorherige ausreichende wirtschaftliche Angleichung nützt kaum den Arbeitern und dem
Mittelstand, sondern den Konzernen und Banken. Diese wiederum sind ihrerseits unter Druck,
neue Absatzmärkte für Kredite und Waren zu finden, um die Ansprüche der Kapitalgeber
und Spekulanten zu befriedigen, die nach immer höherer Rendite streben und immer
größere Reichtümer anhäufen.

Bargeld gibt es ab 2002
Gestern die deutsch-deutsche Währungsunion, morgen der
Euro - es erinnert an die Jagd eines Süchtigen nach dem nächsten "Kick", der
für einen Moment Erleichterung zu bringen verspricht.
Die Stabilität einer
Währung hängt vom Vertrauen ab
Ein anderes Argument für den Euro liegt gerade im
internationalen Bereich: Er könne Europa im Hexenkessel der internationalen Spekulation
ein größeres Gewicht und mehr Rückgrat verleihen. Doch wer garantiert,
dass der Euro
wirklich so stark werden wird? Prof. Löhr hierzu: "Es gerät vollkommen aus der
Perspektive, dass die Stabilität der Währung vom Vertrauen abhängt, das in die Währung
gesetzt wird." Wie stark kann eine Union sein, deren Mitglieder fast alle
hoch verschuldet sind und unter hoher Arbeitslosigkeit leiden? Die Spekulanten stehen
jedenfalls bereit, jede Schwäche der neuen Währung erbarmungslos auszunützen. In der
dreijährigen Übergangsphase zwischen 1999 und 2002, wenn die neuen Wechselkurse schon
fixiert, die alten Währungen aber noch in Umlauf sind, ist die Gefahr besonders groß,
dass sie den Euro aus den Angeln heben, noch ehe er richtig gestartet ist. Sie brauchen
nur in einem günstigen Zeitpunkt mit ihren milliardenschweren Fonds einige
groß angelegte
Transaktionen von einer Währung zur anderen vorzunehmen, um eine oder mehrere
Zentralbanken zu Stützungskäufen zu zwingen, da es ja dann keinerlei Bandbreiten mehr
gibt. Man erinnere sich an den durch die Spekulanten erzwungenen Rückzug des englischen
Pfunds aus dem damaligen europäischen Währungssystem 1992, das den Zusammenbruch dieses
Systems zur Folge hatte. Liegt in dieser historischen Erfahrung einer der Gründe, weshalb
sich Großbritannien diesmal nicht an neuen Experimenten beteiligen will? |