"Der
Siege göttlichster ist das Vergeben" (Friedrich Schiller)
Von der
Kunst des Vergebens
"Wenn
Sie erfahren würden, Sie hätten nur noch 24 Stunden zu leben, was würden
Sie tun?"
-
"Ich
würde auf bestimmte Menschen zugehen, um sie um Vergebung zu bitten."
"Und warum tun Sie es nicht jetzt?"
Dieses kleine Gedankenexperiment kann bewirken, dass wir innehalten und
uns an eine der wichtigsten Aufgaben unseres Lebens erinnern: uns mit unserem Nächsten zu
versöhnen.
"Seit 12 Jahren bin ich nun geschieden. Ich kann und will meinem
Ex-Mann nicht vergeben. Was der mir und unseren Kindern angetan hat - es war einfach zu
viel. Ich habe nichts gegen ihn. Aber ich will mit ihm nichts mehr zu tun haben."

Wer sich mit seinem Nächsten
versöhnt, solange er
mit ihm noch auf dem Weg ist, der nützt den Tag
So könnte ein Beispiel für Unversöhnlichkeit lauten. Die Frage ist: Was
wäre Ihr Beispiel? Gibt es jemanden, mit dem Sie noch nicht versöhnt sind? Und möchten
Sie sich der Aufgabe stellen, inneren Frieden zu finden? Eines ist
gewiss: In jedem wohnt
die Kraft, die Hass in Liebe, Feindschaft in Freundschaft umzuwandeln vermag. Doch es ist
in der Regel ernsthafte Arbeit an sich selbst.
Wer vergeben
kann, lebt gesünder
Wer zur Vergebung findet, tut sich selbst etwas Gutes. Er
wird seelisch und womöglich auch körperlich gesünder. Das wurde inzwischen vielfach
durch Ärzte und Psychologen bestätigt.
Worin besteht Vergebung? Vergebung führt zu einer Wandlung im Inneren, in
Gedanken, Empfindungen und Gefühlen. Die Härte, die Unnachgiebigkeit und
Selbstgerechtigkeit werden gewissermaßen weich, und Verständnis, Wohlwollen und Toleranz
treten an ihre Stelle. Vergeben ist zugleich eine Änderung der Einstellung: Statt gegen
meinen Nächsten bin ich nun für ihn - weil ich ihn verstehen lerne, ihm vergebe
und um Vergebung gebeten habe. Wer also mit seinen Mitmenschen Frieden schließen möchte,
der sollte zur Vergebung finden. Dazu können die folgende Aspekte helfen.
Einfühlung in
die Situation des anderen
"Urteile nie über einen Menschen, bevor du
nicht zwei Tage in seinen Schuhen gegangen bist", lautet ein Sprichwort. Warum hat
mein Konfliktpartner so gehandelt? Welches Leid, welches Schicksal hat er zu verarbeiten?
Wie mag es ihm in seinem Inneren gehen? Wollte er mich absichtlich verletzen? Hat er es
wirklich so gemeint? Man kann sich auch folgendes bewusst machen: Es bringt nichts,
Hass
oder Rache in sich zu nähren. Denn mein Ärger lohnt sich nicht und schadet letztlich
auch mir selbst. Und: Ich will mich auch nicht als Richter aufführen.
Das Positive im
Gegenüber
Wenn jemand mich verletzt, mir Leid zugefügt
hat, dann sehe ich ihn oftmals nur noch negativ. Dabei hat auch der "schlimmste"
Mensch etwas Positives. So könnte ich mich fragen, was der andere an Positivem an sich
hat, was trotz allem an ihm liebenswert ist. Allein die Bemühung, Positives zu finden,
kann bereits die innere Einstellung, das innere "Klima" in mir, zum Guten
wandeln.
Den eigenen Anteil
finden
Der Kern der inneren Umkehr besteht in folgendem: Ich höre
auf, meinem Gegenüber Schuldzuweisungen zu machen. Das heißt nicht, dass er nicht auch
einen Anteil hat. Aber um den geht es nicht. Die entscheidende Frage für mich ist: Bin
ich selbst ohne jede Schuld? Jetzt sollte ich bewusst über mich nachdenken und mich
fragen: Was ist mein Anteil? Wie habe ich mich meinem Konfliktpartner gegenüber
verhalten? Auch wenn ich ihn noch niemals so behandelt habe wie er mich - vielleicht habe
ich in Gedanken ähnliches bewegt. Denn Gedanken sind Kräfte. Gedanken der Abwertung oder
Feindseligkeit strahlen aus und kommen bei dem, dem sie gelten, an. Vielleicht habe ich
mich anderen Menschen gegenüber so negativ verhalten, wie es mir jetzt widerfahren ist.
Es gibt keinen Zufall
Wer zu der folgenden Position gefunden hat, hat es etwas
leichter: Alles, was mir widerfährt, will mir etwas sagen. Denn es gibt keinen Zufall. Es
kommt lediglich auf mich zurück, was ich zuvor ausgesandt und noch nicht bereinigt habe.
Der so genannte Feind, über den ich erregt bin, zeigt mir meine eigene Fehlhaltung auf. Er
ist mein "Spiegel". Ich sollte mich darin erkennen und die erkannte Fehlhaltung
überwinden.
Die Erweckung der Reue
Wesentlich für den Prozess des
Um-Vergebung-Bittens ist
die Erweckung der Reue.
Die Reue ist eine innere Bewegung, in der ich letztlich den Schmerz in mir
spüre, den ich dem anderen zufügte. Denn alles, was ich meinem Nächsten zufüge, tue
ich zugleich mir selbst an. Ich lasse nun die Situation in mir aufsteigen, in der ich mich
lieblos verhalten habe. Es wird mir in Gedanken bewusst, oder ich sehe auch bildhaft vor
mir, was ich dem anderen antat - oder was ich ihm nicht gegeben habe, obwohl ich es ihm
hätte geben können. Ich fühle mich zurückversetzt in die Situation und spüre
vielleicht sogar körperlich, wie ich mich gegenüber meinem Nächsten verhalten habe. Ich
empfinde nach, wie es dem anderen erging und wie er sich verhielt, nachdem ich ihn mit
Worten oder Taten angegriffen habe. Es bewegt mein Gewissen oder schmerzt in meinem
Körper. Es ist die Bewegung der Reue.
In der echten Reue liegt zugleich die Kraft zur Umkehr und der innige
Wunsch, um Vergebung zu bitten. Ich kann auch zu Gott um die Reue beten, vor allem dann,
wenn das Gefühl, ungerecht behandelt zu sein, sehr stark ist. Es sollte ein ehrliches
Gebet sein.
Um Vergebung bitten
und vergeben
Ich gehe auf mein Gegenüber zu und bitte um Vergebung für
meinen Anteil, d. h für das, was ich bei mir erkannt habe - was ich ihm in Wort oder Tat
angetan habe. Gegen diesen Schritt wendet sich oftmals der Stolz, die Scham oder die
Angst, dass mir ein "Zacken aus der Krone" fällt. Diese Hemmung gilt es zu
überwinden.
Ich vergebe auch meinem Konfliktpartner - auch dann, wenn er mich nicht
darum bittet oder damit überhaupt nichts zu tun haben möchte. Ich sollte die Bitte um
Vergebung nicht mit der Erwartung verknüpfen, dass mein Gegenüber nun mit seinem Anteil
"rüberkommt". Ich tue den Schritt. Punkt. Jetzt sollte ich mir ganz konkret
vorgeben, wie ich mich in Zukunft gegenüber meinem Nächsten verhalten will, z. B.
verständnisvoll und wohlwollend.
Keine Selbstvorwürfe
mehr
Nach der Bearbeitung und Lösung des "Knotens",
der mich von meinem Nächsten trennte, solle ich mir keine Selbstvorwürfe mehr machen,
sondern aufstehen und weitergehen. Denn wenn ich am Boden liegen bleibe und Schuldgefühle
pflege, so nützt das niemandem. Wenn etwas bearbeitet und gelöst ist, dann ist es gut -
und ich kann weiter schreiten. |