Das Weisse Pferd - Urchristliche Zeitung für Gesellschaft, Religion, Politik und Wirtschaft

Ausgabe 9/98

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"Der Siege göttlichster ist das Vergeben" (Friedrich Schiller)

Von der Kunst des Vergebens

"Wenn Sie erfahren würden, Sie hätten nur noch 24 Stunden zu leben, was würden Sie tun?" - "Ich würde auf bestimmte Menschen zugehen, um sie um Vergebung zu bitten."

"Und warum tun Sie es nicht jetzt?"

Dieses kleine Gedankenexperiment kann bewirken, dass wir innehalten und uns an eine der wichtigsten Aufgaben unseres Lebens erinnern: uns mit unserem Nächsten zu versöhnen.

"Seit 12 Jahren bin ich nun geschieden. Ich kann und will meinem Ex-Mann nicht vergeben. Was der mir und unseren Kindern angetan hat - es war einfach zu viel. Ich habe nichts gegen ihn. Aber ich will mit ihm nichts mehr zu tun haben."

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Wer sich mit seinem Nächsten versöhnt, solange er
mit ihm noch auf dem Weg ist, der nützt den Tag

So könnte ein Beispiel für Unversöhnlichkeit lauten. Die Frage ist: Was wäre Ihr Beispiel? Gibt es jemanden, mit dem Sie noch nicht versöhnt sind? Und möchten Sie sich der Aufgabe stellen, inneren Frieden zu finden? Eines ist gewiss: In jedem wohnt die Kraft, die Hass in Liebe, Feindschaft in Freundschaft umzuwandeln vermag. Doch es ist in der Regel ernsthafte Arbeit an sich selbst.

Wer vergeben kann, lebt gesünder

Wer zur Vergebung findet, tut sich selbst etwas Gutes. Er wird seelisch und womöglich auch körperlich gesünder. Das wurde inzwischen vielfach durch Ärzte und Psychologen bestätigt.

Worin besteht Vergebung? Vergebung führt zu einer Wandlung im Inneren, in Gedanken, Empfindungen und Gefühlen. Die Härte, die Unnachgiebigkeit und Selbstgerechtigkeit werden gewissermaßen weich, und Verständnis, Wohlwollen und Toleranz treten an ihre Stelle. Vergeben ist zugleich eine Änderung der Einstellung: Statt gegen meinen Nächsten bin ich nun für ihn - weil ich ihn verstehen lerne, ihm vergebe und um Vergebung gebeten habe. Wer also mit seinen Mitmenschen Frieden schließen möchte, der sollte zur Vergebung finden. Dazu können die folgende Aspekte helfen.

Einfühlung in die Situation des anderen

"Urteile nie über einen Menschen, bevor du nicht zwei Tage in seinen Schuhen gegangen bist", lautet ein Sprichwort. Warum hat mein Konfliktpartner so gehandelt? Welches Leid, welches Schicksal hat er zu verarbeiten? Wie mag es ihm in seinem Inneren gehen? Wollte er mich absichtlich verletzen? Hat er es wirklich so gemeint? Man kann sich auch folgendes bewusst machen: Es bringt nichts, Hass oder Rache in sich zu nähren. Denn mein Ärger lohnt sich nicht und schadet letztlich auch mir selbst. Und: Ich will mich auch nicht als Richter aufführen.

Das Positive im Gegenüber

Wenn jemand mich verletzt, mir Leid zugefügt hat, dann sehe ich ihn oftmals nur noch negativ. Dabei hat auch der "schlimmste" Mensch etwas Positives. So könnte ich mich fragen, was der andere an Positivem an sich hat, was trotz allem an ihm liebenswert ist. Allein die Bemühung, Positives zu finden, kann bereits die innere Einstellung, das innere "Klima" in mir, zum Guten wandeln.

Den eigenen Anteil finden

Der Kern der inneren Umkehr besteht in folgendem: Ich höre auf, meinem Gegenüber Schuldzuweisungen zu machen. Das heißt nicht, dass er nicht auch einen Anteil hat. Aber um den geht es nicht. Die entscheidende Frage für mich ist: Bin ich selbst ohne jede Schuld? Jetzt sollte ich bewusst über mich nachdenken und mich fragen: Was ist mein Anteil? Wie habe ich mich meinem Konfliktpartner gegenüber verhalten? Auch wenn ich ihn noch niemals so behandelt habe wie er mich - vielleicht habe ich in Gedanken ähnliches bewegt. Denn Gedanken sind Kräfte. Gedanken der Abwertung oder Feindseligkeit strahlen aus und kommen bei dem, dem sie gelten, an. Vielleicht habe ich mich anderen Menschen gegenüber so negativ verhalten, wie es mir jetzt widerfahren ist.

Es gibt keinen Zufall

Wer zu der folgenden Position gefunden hat, hat es etwas leichter: Alles, was mir widerfährt, will mir etwas sagen. Denn es gibt keinen Zufall. Es kommt lediglich auf mich zurück, was ich zuvor ausgesandt und noch nicht bereinigt habe. Der so genannte Feind, über den ich erregt bin, zeigt mir meine eigene Fehlhaltung auf. Er ist mein "Spiegel". Ich sollte mich darin erkennen und die erkannte Fehlhaltung überwinden.

Die Erweckung der Reue

Wesentlich für den Prozess des Um-Vergebung-Bittens ist die Erweckung der Reue.

Die Reue ist eine innere Bewegung, in der ich letztlich den Schmerz in mir spüre, den ich dem anderen zufügte. Denn alles, was ich meinem Nächsten zufüge, tue ich zugleich mir selbst an. Ich lasse nun die Situation in mir aufsteigen, in der ich mich lieblos verhalten habe. Es wird mir in Gedanken bewusst, oder ich sehe auch bildhaft vor mir, was ich dem anderen antat - oder was ich ihm nicht gegeben habe, obwohl ich es ihm hätte geben können. Ich fühle mich zurückversetzt in die Situation und spüre vielleicht sogar körperlich, wie ich mich gegenüber meinem Nächsten verhalten habe. Ich empfinde nach, wie es dem anderen erging und wie er sich verhielt, nachdem ich ihn mit Worten oder Taten angegriffen habe. Es bewegt mein Gewissen oder schmerzt in meinem Körper. Es ist die Bewegung der Reue.

In der echten Reue liegt zugleich die Kraft zur Umkehr und der innige Wunsch, um Vergebung zu bitten. Ich kann auch zu Gott um die Reue beten, vor allem dann, wenn das Gefühl, ungerecht behandelt zu sein, sehr stark ist. Es sollte ein ehrliches Gebet sein.

Um Vergebung bitten und vergeben

Ich gehe auf mein Gegenüber zu und bitte um Vergebung für meinen Anteil, d. h für das, was ich bei mir erkannt habe - was ich ihm in Wort oder Tat angetan habe. Gegen diesen Schritt wendet sich oftmals der Stolz, die Scham oder die Angst, dass mir ein "Zacken aus der Krone" fällt. Diese Hemmung gilt es zu überwinden.

Ich vergebe auch meinem Konfliktpartner - auch dann, wenn er mich nicht darum bittet oder damit überhaupt nichts zu tun haben möchte. Ich sollte die Bitte um Vergebung nicht mit der Erwartung verknüpfen, dass mein Gegenüber nun mit seinem Anteil "rüberkommt". Ich tue den Schritt. Punkt. Jetzt sollte ich mir ganz konkret vorgeben, wie ich mich in Zukunft gegenüber meinem Nächsten verhalten will, z. B. verständnisvoll und wohlwollend.

Keine Selbstvorwürfe mehr

Nach der Bearbeitung und Lösung des "Knotens", der mich von meinem Nächsten trennte, solle ich mir keine Selbstvorwürfe mehr machen, sondern aufstehen und weitergehen. Denn wenn ich am Boden liegen bleibe und Schuldgefühle pflege, so nützt das niemandem. Wenn etwas bearbeitet und gelöst ist, dann ist es gut - und ich kann weiter schreiten.

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Ein Wort des Dichters Franz Grillparzer lautet: "Viel Übles hab ich am Menschen bemerkt. Das Schlimmste ist ein unversöhnliches Herz." Wir sollten zur Versöhnung finden und dabei den ersten Schritt tun. Die Kraft, mit der sich die ehrliche Aussöhnung mit unserem Nächsten vollbringen lässt, ist die Herzenskraft, die Kraft des Guten. Es ist der Geist des Christus in uns. Irgendwann muss jeder diese Kraft wieder voll zur Entfaltung bringen - denn es ist der Auftrag unseres Lebens.


 



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