Schüsse
fallen im Vatikan: Hauptmann Alois Estermann, seine Ehefrau Cladys Meza Romero und der
Corporal Cédric Tornay liegen tot am Boden. Erst zehn Stunden vor der Bluttat war Alois
Estermann vom Papst zum neuen Kommandanten der Schweizer Garde ernannt
worden.
Der Tathergang nach Angabe des Vatikans: Tornay hat in einem Wahnanfall
seinen Chef erschossen - und dessen Frau gleich mit -, weil dieser ihn jahrelang nicht
ausgezeichnet und befördert habe. In einem Brief hatte sich Tornay beklagt,
dass er
"drei
Jahre, sechs Monate und sechs Tage" keinen Orden erhalten habe. Nach dem Doppelmord
tötet der Zurückgesetzte sich selbst.
Die Eile des Vatikans und Unstimmigkeiten in Bezug auf den Tathergang
ließen Spekulationen aufkommen. Einen Tag nach den Morden fragt Bild:
"War der Korporal wirklich der Killer?" Und waren es "doch sexuelle Motive?" Ein
ehemaliges Mitglied der Schweizergarde sagte gegenüber einer Zeitung,
dass
unter den Gardisten „die Besessenheit der Homosexualität" herrsche. "Wahrscheinlich,
dass das Ehepaar und Tornay sexuelle Beziehungen hatten," zitiert Bild die
italienische Zeitung La Republica. Andere Blätter schreiben, dass Estermann
Mitglied des Opus Dei war und mit seinem Tod der Einfluss dieser mächtigen Organisation
im Vatikan zurückgedrängt worden sei.
Wieder eine andere Version brachte der Berliner Kurier: Der
Schweizer Garde-Chef sei seit 1980 ein Stasiagent gewesen, ein Mitarbeiter des
DDR-Ministeriums für Staatssicherheit. Die Berliner Gauck-Behörde wollte sich dazu noch
nicht äußern. Der Spiegel berichtete hingegen, der seinerzeit zuständige
Offizier der Stasi habe bestritten, dass Estermann sein Agent gewesen sei.
Eine italienische Zeitung brachte folgende These: Es
muss einen vierten
Mann gegeben haben, weil der Tathergang sonst völlig unlogisch wäre. Ihre Vermutung: Der
vierte Mann sagt zu Tornay, dass Estermann ein "Verräter" sei, ein ehemaliger
Stasispitzel. Daraufhin fasst Tornay den Entschluss, Estermann zu töten, um den Papst zu
schützen. Tornay geht hin und erschießt Estermann. Daraufhin kommt der vierte Mann und
erschießt Tornay und die Zeugin, Estermanns Frau. In Tornays Brief sei jedenfalls keine
Rede von einem geplanten Selbstmord gewesen.
Beim Attentat auf den Papst am 13. Mai 1981 durch den Türken Ali Agca
hatte sich Estermann schützend über den Verletzten geworfen. Die Hintergründe dieses
Attentats liegen bis heute im Dunkeln. Östliche Geheimdienste wurden seinerzeit ins Spiel
gebracht, ohne dass man fündig wurde.
Hauptmann Estermann ist tot. Erschossen im Vatikan, im Zentrum der
katholischen Institution. Der Tatort wurde so eilig aufgeräumt, dass manch einer
misstrauisch wurde. Viele Einzelheiten über Intrigen und Schikanen hinter den dicken
Mauern kamen ans Licht, die den Spekulationen Auftrieb gaben. Der Vatikan unterliegt nicht
weltlicher Gerichtsbarkeit. Er ist sein eigener Richter.