Zu den bekanntesten Werken
des bayerischen Volksschriftstellers Ludwig Thoma zählen die "Filser-Briefe",
in denen der königlich-bayerische Landtagsabgeordnete Josef Filser, der von Haus aus
Landwirt ("Oegonohm") ist, die Verhältnisse seiner Zeit satirisch aufs Korn
nimmt. Er tut dies auf bayrisch-derbe Art und in einem eigenwilligen Schriftdeutsch.
Mitunter tauchen Nachfahren Filsers auf. Dem Wandel der Zeiten entsprechend gehört auch
ein Liberaler dazu, der sich jüngst in einem Brief an seinen Freund Korbinian Feistlbauer
zu aktuellen Tegernseer Ereignissen äußerte. Die Redaktion druckt den Brief nachfolgend
im Wortlaut ab.
An hern
Gorbinian Feistlbauer,
Oegonohm
in Mingharting
Bosd daselbs
Liwer Schpezi,
wir Lieberahlen hawen in dissem unserem Lande, wie inser Kantzler sagd,
vill zu leiden. Am meisden, seid wir nicht mer im bayerischen Barlamänt midregiren
derfen. Seiddem miessen wir einer ferninvtigen Arweid nachgähen, um inseren
Lewensunderhald zu verdeanen. Aber wir haben imer noch ein bolidisches Auge auf inser
Land. Ich werfe das Meinige am lübsten von der Tuften aus, wo unser Ludwigg Thoma geläbt
had, über das scheene Tegernseer Thal und die romandische Statt, wo ich im Gloster imer
noch meinen Lewerkaas zu mir nähme.
Neiling hawe ich wider eimal nach dem rechden geschaugd und mit den
Leudden im Ord dischkrierd. Nach der zweiden Mass hawe ich schröckliches gehörd.
Liwer Schpezi, Du wirsd es nicht glauwen: Eine Segde sol sich in inserem
scheenen Tegernsee breid machen und die Statt underwandern. Sie hawen schon einen Laden
aufgemachd, wo eine Berson weiblichn Geschlächds Paradeiser (=Tomaten) und Gemiese
ferkauffd. Inser brodesdantischer Bfarer, wo aus kadollischer Siechd selwer einer Segde
angehert, had sich furchdbarr erregd. Ich hawe meine Ferandwordung als lieberahler
Abgeordneder a. D. wargenomen und dem Man erglärd, das es nach inserner Verfasung gar
keine Segden nichd gibd und das jeder klauben kan wass er mag. Awer der ludderische Bfarer
klaubd, das jeder nur klauben derf, was man nach seiner Rähligion klauben mus, obwol ich
klaube, das er gar nichd mer glaubd, was er auf seiner Kantsel bredigd, wo keiner mer
zuhert. Ich hawe dem Man gesagd, was schon mein Forfahr, der Josef Filser senior, Goth hab
in sehlig, gesagd had: Es giebt ferschidene Rähligionen, wo mahn aber plos lachen muhs,
indem es keine Rähligionen nichd sind, sondern käzerisch, zum beischpiel die
ludderische.
Neiling war ich wieda beim Glosterwird, um die bolidische Endwigglung in
meinem scheenen Tegernsee zu beowachden. Liber Gorbini, Du wirsd es nichd klauben, was
jedzd bassird isd. Inser ludderischer Bfarer had seinen ludderischen Schpezi gehold, der
einen Beruf had, wo es nach inserner Verfasung gar nicht gäwen derf. Er isd ein
Segdenbeaufdragder und heisd Benk oder so änlich. Wie Du schon an seinem Namen mergsd,
isd es ein Breiß. Und so had er sich auch aufgefürd. Er had Zwidracht im Tegernseer Thal
gesähd, der Saubreiß. Er had einen Fordrag gehalden und die Rähligion der Berson, die
wo das Gemiese und die Paradeiser ferkauffd, als auserordentlich geferrlich ausgemald.
Jäz held die Hälfde der Tegernseer auch die Paradeiser für geferrlich, wo die Frau
ferkauffd, und die andere Hälfde firchted sich Sündn, weil sie weider bei der Berson
einkauffd weilz inen schmeggd.
Inser Birgermeister hat sich zurüggehalden und der Bfarer had sich
beschwärt, das von der bolidischen Gemeinde nimand zu dem Fordrag hingegangen isd und der
Segdenmensch seine freche Goschen for leren Benken had spazirren fürren müsen. Jeder had
gemergd, das der Man dafür bezald wirrd, das er üwer anderne schimbft. Das Universelle
Leben, so heisd die Rähligion der Gemiesefrau (ich hawe es mir exdra aufgeschriwen), sol
geferrlich sein, had er ferzäld. Das ich nichd laache. Isd nichd auch unser scheenes
Tegernsee ein Trum von dem Unifersum, das unser Hergoth geschafen had und das dise
Mentschen moinen, wen sie fom unifersällen Läben schbrechen.
Ich sage Dir, liwer Gorbini, nichds isd geferrlicher wie ein fanadischer
Bfarer ludderischen Klaubens und breißischer Abgunft. Dise hundsheidernen Lumben reden
furchdbar gebuided daher und lühgen dir das Plaue fom Himel herabi.
Das hawe ich auch meinen Schdammdischschpezln beim Glosterwird gesagd, und
hawe mich nach der driten Mass manhaffd erhowen und mir einen frischen Radi bei der
unifersällen Berson gekauffd. Es war ein Genus ohne Reuhe.
Es grießt dich
Dein liber Freind
Jozef Filser jr.
keniglicher abgeorneter im Ruheschdand
und freind gothes
