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Ausgabe 13/98

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Girolamo Savonarola (1452-1498) zum 500. Todestag (1)

"Eine völlig zu Feuer und Flamme gewordene Persönlichkeit"

"Ich bleibe hier und nicht er!" Diese kühne Antwort gab der kleingewachsene Mönch den Abgesandten von Lorenzo dem Prächtigen aus dem Hause Medici, des ungekrönten Alleinherrschers der mächtigen Handelsstadt Florenz. Was war der Grund für den Besuch der Delegation? Lorenzo di Medici ließ dem Dominikanermönch Savonarola ausrichten, er könne ihn jederzeit der Stadt verweisen, wenn er nicht aufhöre, in seinen Predigten freche Anspielungen auf den "Tyrannen" zu machen, der die Bürger mit Brot und Spielen ruhig stellen wolle, um seine Herrschaft zu sichern.

Man schrieb das Jahr 1492. Kolumbus segelte nach Amerika, die Spanier eroberten mit Granada die letzte maurische Stadt auf ihrer Halbinsel. Und in Florenz starb Lorenzo di Medici im Alter von nur 43 Jahren. Der Mönch Girolamo Savonarola, Prior des von den Medici gestifteten Klosters San Marco, hatte recht behalten.

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Savonarola führte in Florenz eine "Republik Christi" ein

Und Lorenzos Nachfolger, Piero di Medici, wurde 1494 von den Bürgern vertrieben, weil er nicht in der Lage war, mit dem in Italien eingefallenen französischen König Karl VIII. aussichtsreiche Verhandlungen zu führen. Sie schickten lieber eine Delegation unter Führung von Savonarola zum König.

Der Mönch hatte dessen Ankunft vorhergesagt, als noch niemand damit gerechnet hatte: Ein neuer "Kyros" werde das Land heimsuchen, hatte er gepredigt - es sei höchste Zeit, umzukehren und sich zu besinnen.

Jetzt erwies sich der Mann mit der prophetischen Gabe als Mann der Stunde. Er redete Karl ins Gewissen, die Stadt zu schonen. Gegen eine Tributzahlung zog das Heer weiter nach Süden. Doch wie sollte man die Stadt jetzt regieren?

Wieder fragte man den Prior. Der ließ zunächst Vorschläge sammeln - und empfahl dann die Einführung einer neuen Verfassung nach venezianischem Vorbild: Eine Halbdemokratie. Anstelle einer einzigen Familie oder den reichen Grundbesitzern sollten nun etwa dreitausend Handwerker, Kaufleute und andere Mittelständler - fünf Prozent der Bevölkerung - die Geschicke der Stadt mitbestimmen und den Rat wählen. Das war schwierig genug - eine volle Demokratie im heutigen Sinne wäre nach dem Urteil des Kulturhistorikers Willi Durant zum damaligen Zeitpunkt "in einem Gemeinwesen, das zum großen Teil aus noch ungebildeten und ihren Instinkten hörigen Menschen bestand, undurchführbar gewesen."

Versöhnung und Neubeginn

Doch das war erst der Anfang. Der wortgewaltige Prediger schlug als weitere Maßnahme der neu gewählten Regierung eine Amnestie vor, um Frieden für einen Neubeginn zu schaffen. Versöhnung stand für ihn am Beginn eines echten christlichen Lebens. Dazu gehörte auch, dass Kaufleute keine Wucherzinsen mehr nahmen - ein städtisches Pfandleihhaus wurde eingerichtet, um für zinslose Darlehen zu sorgen. Savonarola ließ immer wieder Almosen sammeln, um den Armen zu helfen, die nicht zuletzt durch die brutale Besteuerung der vorausgegangenen Jahrzehnte mittellos geworden waren.

"Jeder möge also sein eigenes Bewusstsein erneuern, von den Herrschenden angefangen. Jeder möge aus seiner Eigenheit herauskommen und dem Gemeinwohl zustreben", lautete seine Botschaft. "Der Egoismus ist ein Zeichen des Verlorenseins. Und solche, die kein Gefühl für ihren Nächsten haben, stehen außerhalb des göttlichen Kreislaufes."

Bruder Girolamo verstand sich nicht als Politiker, sondern als Instrument, als Impulsgeber einer geistig-moralischen Erneuerung auf christlicher Grundlage. Er ließ Christus sogar zum König der neu entstehenden Republik ausrufen. Die Frage, ob mit der Bergpredigt Politik gemacht werden kann, war also auch vor 500 Jahren schon aktuell. Lorenzo di Medici hatte die Auffassung vertreten, dass man mit dem Vaterunser nicht regieren könne. Savonarola hatte ihm von der Kanzel widersprochen: "Wenn ihr aber gehört habt, dass die Staaten sich nicht durch Vaterunser regieren lassen, so bedenket wohl, dass dies ein Spruch der Tyrannen ist."

Savonarolas Ziel war die Rückkehr zur Urkirche. Davon war man zu seiner Zeit weiter entfernt denn je. "Kein christlicher Eiferer vor ihm und keiner nach ihm hat je eine verkommenere Welt und Kirche vorgefunden", schreibt Erwin Brunner in der Zeit. Im Vatikan waren Ämterkauf, Prostitution und Giftmorde fast alltäglich. Da konnte es bei den Schafen der Herde auch nicht zum besten bestellt sein. Schon vor seinem Eintritt ins Kloster, als Student der Medizin, hatte der junge Girolamo feststellen müssen: "Wenn einer nach ernsten Dingen und nach Weisheit strebt, ist er ein Phantast. Wenn er keusch und bescheiden lebt, ist er ein Tor. Wenn er fromm ist, nennt man ihn ungerecht. Wenn er gerecht sein will, gilt er für grausam. Wenn er Gottes Größe verehrt und Glauben hat, ist er von blödem Geist. ... Wer nicht mit verfluchtem Munde schmähliche, grause, entsetzliche Lästerungen auszustoßen weiß, der ist kein Mann."

Wenig später hatte der Student einen Traum: "Während er schlief, fühlte er einen eiskalten Wasserfall auf seinem Kopf. Das weckte ihn sofort auf, und er erwachte von seinem Traum, d. h. er begann ein neues Leben. So kam ihm Gott zu Hilfe, und auf diese Weise entschied er sich, ein Seelenarzt und nicht ein Arzt für den Körper zu werden. Es war das Wasser der Reue gewesen ...", schreibt ein zeitgenössischer Biograph. Wasser könnte man auch als Symbol des göttlichen Willens ansehen, der unsichtbar treibenden Kraft hinter den Dingen. Savonarola brach sein Studium ab und trat im Alter von 23 Jahren in Bologna in ein Kloster ein. Seine Familie in der Heimatstadt Ferrara war entsetzt.

Als man den dreißigjährigen Mönch 1482 nach Florenz zum Predigen schickte, hatte er zunächst nur sehr mäßigen Erfolg. Eine schwache und leise Stimme, kein Talent zum Fesseln der Zuhörer. Man betraute ihn mit der theologischen Ausbildung von Novizen und schickte ihn etwas auf Reisen. 1490 holte man ihn wieder nach Florenz - und staunte nicht schlecht, als er nun plötzlich den Dom zu füllen begann. Viele Menschen waren erschüttert, weil er sie unmittelbar ansprechen konnte und sie darauf hinwies, dass die lasterhaften Zustände in der Kirche böse Folgen haben würden. Die Kirche könne sich offenbar nur durch eine Züchtigung erneuern - und diese werde bald erfolgen. Noch sei Zeit zur Umkehr.

Eine Stadt verändert sich

Wie kam es, dass ein Mönch, der wenige Jahre zuvor noch kaum jemand hinter dem Ofen hervorgelockt hatte, nun in kurzer Zeit das Gesicht und die Atmosphäre einer Stadt völlig veränderte? Todfeinde umarmten sich, Kaufleute gaben erwuchertes Geld zurück, Frauen kleideten sich schlicht, es flossen reichlich Spenden für die Armen. Hatte Savonarola einfach nur seine Rhetorik verbessert?

An dieser Frage scheiden sich bis heute die Geister. Sie lässt sich nur befriedigend beantworten, wenn man die geistige Dimension mit einbezieht. Der evangelische Theologieprofessor Walter Nigg schreibt in seinem Buch Prophetische Denker: "... er ist ausschließlich Prophet, und vielleicht die größte prophetische Persönlichkeit der Christenheit." Durch den Propheten spricht ein Mächtigerer hindurch und verleiht seiner Stimme ungeahnte Tragkraft. Savonarola sagte selbst über sich: "Glaubet mir, Männer, ich bin weder Betrogener noch Betrüger. Denn Gott lügt nicht und kann sich selbst nicht verleugnen, und er spricht mit mir." Er wehrte sich zunächst, wie wohl die meisten echten Gottespropheten, gegen das schwere Amt: "Ich will nicht als Prophet gelten, da dies ein schweres und gefährliches Amt ist, welches den Menschen in heftige Unruhe versetzt und in viele Verfolgungen verwickelt, so sehr diese Christus zuliebe ertragen werden müssen." Wie Savonarola den Florentinern berichtete, sagte er einmal zu Christus, dass er wohl nicht das geeignete Instrument sei - doch dieser antwortete: "Weißt du nicht, dass der Herr die schwachen Dinge dieser Welt wählt, um die starken durcheinander zu bringen? Er will nicht, dass Lob dem Instrument gilt, sondern Gott. Du wirst nur das Instrument sein."

Der Prior von San Marco erhob gleichwohl keinen Absolutheitsanspruch. Er wusste, dass es unterschiedliche Visionen gibt: "Es gibt Visionen aus Gott und Visionen aus dem Teufel. Das muss man unterscheiden können. Eine allgemeine Regel kommt aus der Bibel. Wenn jemand als Prophet spricht, dann höre ihm zu. Prüfe, ob er dich dem Übel entgegenführt, aber wenn er dich dem Guten entgegenführt und die Tatsachen dies auch beweisen, dann ist er ein guter Prophet."

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In der Ausgabe Nr. 14/1998 lesen Sie: Warum wird der Prophet Savonarola bis heute als Fanatiker bezeichnet?
Warum der Papst einen Wutanfall bekam ...

Lesen Sie dazu auch das Buch "Verfolgte Gottsucher", erhältlich für 9,80 € plus Versand  im Verlag Das Weisse Pferd

Auch das Buch "Prophetische Denker" von Walter Nigg ist für 6,50 € plus Versand über den Verlag Das Weisse Pferd erhältlich.


 



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