Das Weisse Pferd - Urchristliche Zeitung für Gesellschaft, Religion, Politik und Wirtschaft

Ausgabe 14/98

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Wirtschaftskrise in Japan

"Die wirkliche Krise
kommt noch
"

Vor zehn Jahren gingen die Uhren noch ganz anders: Japanische Konzerne kauften in New York das Rockefeller Center, in Hamburg das Hotel "Vier Jahreszeiten", auf dem Kunstmarkt Bilder von Van Gogh, Cézanne und Renoir. "Ihre Shopping-Listen schienen unendlich", schreibt der Spiegel. Und in der westlichen Welt machte man sich eifrig Gedanken, wie man das "Modell Japan" kopieren könnte, um auch so erfolgreich zu sein.

Heute laufen in Tokio Gerüchte um, welche Banken oder Hochhäuser sich amerikanische Finanzmakler als nächstes unter den Nagel reißen. "Die Haie des internationalen Finanzmarkts ... wittern Blut" (Der Spiegel). Die Wirtschaft der nach den USA zweitstärksten Industrienation der Erde steckt in einer Rezession, die Arbeitslosigkeit ist so hoch wie noch nie nach dem Krieg, die Zahlen der Firmenpleiten und Selbstmorde häufen sich. Die japanische Staatsverschuldung beträgt fast 100 % des Sozialprodukts.

Spekulation gegen den Yen

Nach den "leichteren" fernöstlichen Währungen haben sich internationale Spekulanten jetzt auch den Yen als Zielscheibe genommen. Japan verfügt zwar mit 200 Milliarden Dollar über die größten Devisenreserven der Welt - doch die täglich um den Globus rotierenden Geldmassen sind um ein vielfaches höher. Der Yen brach bereits ein und fiel auf seinen tiefsten Stand seit sieben Jahren: 1000 Yen kosteten am 15. Juni 1998 nur noch 6,84 Dollar. Am 11. Juni waren es noch 8,99 Dollar gewesen.

Die amerikanische Notenbank griff erst ein, als China drohte, seine Währung ebenfalls abzuwerten, weil durch den verbilligten Yen die japanischen Exporteure den traditionell noch billigeren Chinesen plötzlich Konkurrenz machten. Ein Einbruch Chinas hätte aber die ohnehin geschwächte ostasiatische Wirtschaft mit in den Strudel gezogen und die Weltwirtschaft bedroht.

Aufgeschoben ist aber nicht aufgehoben. "Die wirkliche Krise steht erst noch aus", sagt der Asienexperte Prof. Yeganeh in der Weltwoche. Die Spekulanten werden mit Sicherheit erneut angreifen - zumal, da auch die Japaner selbst das Vertrauen in ihre Wirtschaft verloren haben.

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Tokio: Äußerlich beherrscht noch der Wohlstand das Bild -
doch hinter den Fassaden macht sich Verunsicherung breit.

Spekulanten können eine Krise auslösen oder zu einem ihnen genehmen Zeitpunkt massiv verstärken - aber immer nur dort, wo krisenhafte Voraussetzungen dafür vorhanden sind. Westliche Experten kritisieren an Japan vor allem die undurchschaubare Verfilzung von staatlicher Bürokratie, Politik und großen Wirtschaftskonzernen - wobei die hohen Ministerialbeamten die eigentlichen Experten sind; die Politiker beten ihre Vorschläge meist nur nach. Politiker und Beamte lassen sich ihrerseits von der Wirtschaft ausgiebig bestechen, und auch die Mafiosi, japanisch Yakuza, bedienen sich mit. Diese "konzertierte Aktion" versuchte bisher, angeschlagene Betriebe oder Banken mitzuziehen, um Arbeitsplätze zu sichern und das System, von dem sie ja sehr gut leben, stabil zu halten.

Abhängig von der Droge Wachstum

Dies ist ein Grundzug japanischer Nachkriegspolitik: Nach der Niederlage Japans suchte man eine neue Identität - und fand sie im Konsum und im wirtschaftlichen Wachstum. Dadurch wurde das Volk ruhig gestellt, die Politiker konnten unangefochten weiterregieren - und profitieren. Hinzu kam, dass die USA Japan als östlichen Verbündeten im Kalten Krieg bei der Stange halten wollten. Sie sahen deshalb großzügig darüber hinweg, dass die Japaner zwar fleißig produzierten und exportierten, aber sich vor Importen geschickt abschotteten.

Erst in den achtziger Jahren, als sich das Ende des Kalten Krieges anbahnte, führte dieses Ungleichgewicht zu erheblichen Konflikten mit den Vereinigten Staaten. Diese erzwangen eine Aufwertung des Yen gegenüber dem Dollar, was auch mehr der wirtschaftlichen Realität entsprach. Dadurch gingen die japanischen Exporte zurück. Doch die Wirtschaft verlangte weiter nach der Droge Wachstum.

"Seifenblasen-Ökonomie"

Es begann die "Seifenblasen-Ökonomie". Unternehmen pumpten sich Geld, indem sie auf ihre Grundstücke Hypotheken aufnahmen. Mit diesem Geld kauften sie weitere Grundstücke, liehen sich darauf wieder Geld. Die ohnehin hohen japanischen Immobilienpreise stiegen ins Gigantische - neue Gelder konnten aufgenommen werden - mit denen wieder spekuliert wurde: Immobilien, Aktien, Auslandbeteiligungen. Alles ohne realen Gegenwert. Die "Seifenblase" zerplatzte 1992. War es die Unerfahrenheit mit ökonomischen Krisen, die Japans Wirtschaft in diesen Wahnsinn getrieben hatte? Der Rausch nach Konsum und der Reiz der Spekulation? Oder die schlichte Tatsache, dass eine kapitalistische Wirtschaft immer neue Steigerungen der Rendite braucht, um das anlegende Kapital bedienen zu können, damit dieses nicht in "Geldstreik" tritt?

Japan legte in diesen Jahren erhebliche Gelder im Westen und im benachbarten Ostasien an. Nippon ist bis heute die größte Gläubigernation der Welt. Doch es exportierte die Seifenblasen-Wirtschaft auch in die Nachbarländer, die heute, früher als Japan, vor dem Ruin stehen. Und der Zusammenbruch der Spekulationsblase hinterließ bei japanischen Banken nicht mehr einlösbare Forderungen aus Krediten im gigantischen Ausmaß von etwa einer Billion Mark. Dieses Problem ist bis heute nicht aufgearbeitet. Der Zusammenbruch des viertgrößten Wertpapierhauses Yamaichi im vergangenen November war kein Einzelfall: In den letzten Jahren brachen drei weitere Brokerhäuser und 22 Banken zusammen. Meist springt der Staat - sprich: der Steuerzahler - ein und übernimmt dann den Schaden. Die zuvor durch Spekulation gemachten Gewinne bleiben unangetastet, die Verluste werden sozialisiert.

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Kein Einzelfall: Der Direktor des Yamaichi-Wertpapierhauses
gibt im November 1997 den Konkurs seiner Firma bekannt

Doch war es nur bodenloser Leichtsinn, der die Banken in der Zeit des Booms veranlasste, Kredite an jedermann zu vergeben? Ist es nicht vielmehr das Problem jeder Bank unserer Tage, für die ständig steigende Menge an Verzinsung fordernden Geldern entsprechende Schuldner zu finden?

Die Japaner sind Weltmeister im Sparen. Doch die meisten erhalten nur geringe Zinsen; die Unternehmen sind es, die mit ihren Geldern spekulieren. Es findet, so der holländische Ökonom Karel van Wolferen in der Woche, "ein massiver Transfer von Privatvermögen in Industrievermögen" statt. Jetzt, im Zeichen der Krise, sparen die Japaner noch mehr. Sie misstrauen der Zukunft, wollen vorsorgen. Genau das nehmen ihnen die Ökonomen aber übel: Der Konsum müsste angekurbelt werden, sagen sie. Die Konjunkturprogramme der Regierung verpuffen eines nach dem anderen. Westliche Stimmen fordern gar, die "Konsumverweigerer" mit Inflation zum Geldausgeben zu bringen. Doch sie vergessen, dass die Rücklagen für viele die einzige Altersversorgung oder Absicherung gegen Arbeitslosigkeit sind.

Zudem: Inflation treibt die Zinsen nach oben - und hohe Zinsen würgen über kurz oder lang die Wirtschaft noch mehr ab. Bislang versuchte die japanische Nationalbank, die Zinsen niedrig zu halten, um die Wirtschaft nicht noch mehr zu bremsen.

Es führt kein Weg daran vorbei: Die kapitalistisch verzerrte Marktwirtschaft stößt in Japan erneut an ihre Grenzen. Die meisten "Ratschläge" aus dem Westen können die Krise höchstens verzögern, werden sie aber mittelfristig verschlimmern. Japan hat keine DDR, die es sich einverleiben kann, um Teilen seiner Wirtschaft einen neuen "Kick" zu geben, es hat kein Euro-Projekt, keine Osterweiterung, auch keine Rüstungsindustrie, die sich woanders sehr gut eignet, überschüssiges Kapital auf Staatskosten aufzubrauchen, damit es nicht auf die Rendite drückt. Japan befindet sich nach Aussage des Rheinischen Merkur in einer "selbst gestellten Liquiditätsfalle": Aufgrund der niedrigen Zinsen wendet sich das Kapital ab, investiert woanders oder hält sein Geld lieber liquide, statt es im Wirtschaftskreislauf weiter fließen zu lassen. Diesen Mechanismus beschrieb schon Keynes - doch seine Hinweise auf eine erforderliche Umlaufsicherung des Geldes wurden in Fußnoten versteckt und blieben unbeachtet.

Gefahr für die Weltwirtschaft

Was würde geschehen, wenn japanische Anleger nur einen Teil ihrer in den USA deponierten Gelder zurückfordern? Die Kurse würden dort sinken, das Geld knapper werden, die Zinsen deshalb steigen - mit den bekannten Folgen. Die gesamte Weltwirtschaft wäre betroffen, weil die Amerikaner dann ihrerseits ihre Beteiligungen in anderen Ländern zurückrufen würden. Verdienen würden daran nur ganz wenige. Insofern ist das weitere Spekulieren gegen Japan ein Spiel mit dem Feuer.

Wer kann daran interessiert sein, Japan noch weiter zu schwächen? Soll dadurch die Unabhängigkeit eines der stärksten Wirtschaftsländer gebrochen werden? Soll die zweite Öffnung Japans nach 1853 erzwungen werden? Damals wurde die Abschottung Japans von der Außenwelt gewaltsam beendet. Soll es heute gezwungen werden, sich westlichem Kapital auszuliefern? Oder geht es um eine Schwächung des sich bildenden asiatischen Wirtschaftsblocks - erst die kleine Asienkrise, dann die große? Samuel Huntington wies im "Kampf der Kulturen" (DAS WEISSE PFERD Nr. 1/98) auf die bevorstehende Auseinandersetzung zwischen großen Welt-Blöcken hin. Japan wird demnach früher oder später gezwungen sein, sich China unterzuordnen - obwohl es im Moment mit einem Zehntel von dessen Bevölkerung sechsmal soviel produziert.

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Dies sind bislang noch spekulative Fragen. Fest steht, dass es auch Japaner gibt, die in der Krise das Positive sehen. Der Schriftsteller Kenzaburo Oe sieht die japanischen Eliten als "verrottet" an (Die Zeit, 23.4.1998). Gerade in der Krise liege aber die Chance zu einer Besinnung auf moralische Werte statt des Konsums. Zu einem Neubeginn gehöre aber auch, dass Japan endlich die Vergangenheit aufarbeite und sich für seine Gewaltexzesse bei den Nachbarn entschuldige. Auch der Regisseur Takeshi Kitano begrüßt die Krise: "Wenn wir uns wieder darum sorgen müssen, was wir morgen auf dem Teller haben, könnten wir unsere Seele neu entdecken".


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