Wirtschaftskrise
in Japan
"Die
wirkliche Krise
kommt noch"
Vor zehn Jahren gingen die Uhren
noch ganz anders: Japanische Konzerne kauften in New York das Rockefeller Center, in
Hamburg das Hotel "Vier Jahreszeiten", auf dem Kunstmarkt Bilder von Van Gogh,
Cézanne und Renoir. "Ihre Shopping-Listen schienen unendlich", schreibt der Spiegel.
Und in der westlichen Welt machte man sich eifrig Gedanken, wie man das
"Modell Japan" kopieren könnte, um auch so erfolgreich zu
sein.
Heute laufen in Tokio Gerüchte um, welche Banken oder Hochhäuser sich
amerikanische Finanzmakler als nächstes unter den Nagel reißen. "Die Haie des
internationalen Finanzmarkts ... wittern Blut" (Der Spiegel). Die Wirtschaft der nach
den USA zweitstärksten Industrienation der Erde steckt in einer Rezession, die
Arbeitslosigkeit ist so hoch wie noch nie nach dem Krieg, die Zahlen der Firmenpleiten und
Selbstmorde häufen sich. Die japanische Staatsverschuldung beträgt fast 100 % des
Sozialprodukts.
Spekulation gegen den Yen
Nach den "leichteren" fernöstlichen Währungen haben sich
internationale Spekulanten jetzt auch den Yen als Zielscheibe genommen. Japan verfügt
zwar mit 200 Milliarden Dollar über die größten Devisenreserven der Welt - doch die
täglich um den Globus rotierenden Geldmassen sind um ein vielfaches höher. Der Yen brach
bereits ein und fiel auf seinen tiefsten Stand seit sieben Jahren: 1000 Yen kosteten am
15. Juni 1998 nur noch 6,84 Dollar. Am 11. Juni waren es noch 8,99 Dollar gewesen.
Die amerikanische Notenbank griff erst ein, als China drohte, seine
Währung ebenfalls abzuwerten, weil durch den verbilligten Yen die japanischen Exporteure
den traditionell noch billigeren Chinesen plötzlich Konkurrenz machten. Ein Einbruch
Chinas hätte aber die ohnehin geschwächte ostasiatische Wirtschaft mit in den Strudel
gezogen und die Weltwirtschaft bedroht.
Aufgeschoben ist aber nicht aufgehoben. "Die wirkliche Krise steht
erst noch aus", sagt der Asienexperte Prof. Yeganeh in der Weltwoche. Die
Spekulanten werden mit Sicherheit erneut angreifen - zumal, da auch die Japaner selbst das
Vertrauen in ihre Wirtschaft verloren haben.

Tokio: Äußerlich
beherrscht noch der Wohlstand das Bild -
doch hinter den Fassaden macht sich
Verunsicherung breit.
Spekulanten können eine Krise auslösen oder zu einem ihnen genehmen
Zeitpunkt massiv verstärken - aber immer nur dort, wo krisenhafte Voraussetzungen dafür
vorhanden sind. Westliche Experten kritisieren an Japan vor allem die undurchschaubare
Verfilzung von staatlicher Bürokratie, Politik und großen Wirtschaftskonzernen - wobei
die hohen Ministerialbeamten die eigentlichen Experten sind; die Politiker beten ihre
Vorschläge meist nur nach. Politiker und Beamte lassen sich ihrerseits von der Wirtschaft
ausgiebig bestechen, und auch die Mafiosi, japanisch Yakuza, bedienen sich mit.
Diese "konzertierte Aktion" versuchte bisher, angeschlagene Betriebe oder Banken
mitzuziehen, um Arbeitsplätze zu sichern und das System, von dem sie ja sehr gut leben,
stabil zu halten.
Abhängig von
der Droge Wachstum
Dies ist ein Grundzug japanischer Nachkriegspolitik: Nach der Niederlage
Japans suchte man eine neue Identität - und fand sie im Konsum und im wirtschaftlichen
Wachstum. Dadurch wurde das Volk ruhig gestellt, die Politiker konnten unangefochten
weiterregieren - und profitieren. Hinzu kam, dass die USA Japan als östlichen
Verbündeten im Kalten Krieg bei der Stange halten wollten. Sie sahen deshalb großzügig
darüber hinweg, dass die Japaner zwar fleißig produzierten und exportierten, aber sich
vor Importen geschickt abschotteten.
Erst in den achtziger Jahren, als sich das Ende des Kalten Krieges
anbahnte, führte dieses Ungleichgewicht zu erheblichen Konflikten mit den Vereinigten
Staaten. Diese erzwangen eine Aufwertung des Yen gegenüber dem Dollar, was auch mehr der
wirtschaftlichen Realität entsprach. Dadurch gingen die japanischen Exporte zurück. Doch
die Wirtschaft verlangte weiter nach der Droge Wachstum.
"Seifenblasen-Ökonomie"
Es begann die "Seifenblasen-Ökonomie". Unternehmen pumpten sich
Geld, indem sie auf ihre Grundstücke Hypotheken aufnahmen. Mit diesem Geld kauften sie
weitere Grundstücke, liehen sich darauf wieder Geld. Die ohnehin hohen japanischen
Immobilienpreise stiegen ins Gigantische - neue Gelder konnten aufgenommen werden - mit
denen wieder spekuliert wurde: Immobilien, Aktien, Auslandbeteiligungen. Alles ohne realen
Gegenwert. Die "Seifenblase" zerplatzte 1992. War es die Unerfahrenheit mit
ökonomischen Krisen, die Japans Wirtschaft in diesen Wahnsinn getrieben hatte? Der Rausch
nach Konsum und der Reiz der Spekulation? Oder die schlichte Tatsache,
dass eine
kapitalistische Wirtschaft immer neue Steigerungen der Rendite braucht, um das anlegende
Kapital bedienen zu können, damit dieses nicht in "Geldstreik" tritt?
Japan legte in diesen Jahren erhebliche Gelder im Westen und im
benachbarten Ostasien an. Nippon ist bis heute die größte Gläubigernation der Welt.
Doch es exportierte die Seifenblasen-Wirtschaft auch in die Nachbarländer, die heute,
früher als Japan, vor dem Ruin stehen. Und der Zusammenbruch der Spekulationsblase
hinterließ bei japanischen Banken nicht mehr einlösbare Forderungen aus Krediten im
gigantischen Ausmaß von etwa einer Billion Mark. Dieses Problem ist bis heute nicht
aufgearbeitet. Der Zusammenbruch des viertgrößten Wertpapierhauses Yamaichi im
vergangenen November war kein Einzelfall: In den letzten Jahren brachen
drei weitere
Brokerhäuser und 22 Banken zusammen. Meist springt der Staat - sprich: der Steuerzahler -
ein und übernimmt dann den Schaden. Die zuvor durch Spekulation gemachten Gewinne bleiben
unangetastet, die Verluste werden sozialisiert.

Kein Einzelfall: Der
Direktor des Yamaichi-Wertpapierhauses
gibt im November 1997 den Konkurs seiner Firma
bekannt
Doch war es nur bodenloser Leichtsinn, der die Banken in der Zeit des
Booms veranlasste, Kredite an jedermann zu vergeben? Ist es nicht vielmehr das Problem
jeder Bank unserer Tage, für die ständig steigende Menge an Verzinsung fordernden
Geldern entsprechende Schuldner zu finden?
Die Japaner sind Weltmeister im Sparen. Doch die meisten erhalten nur
geringe Zinsen; die Unternehmen sind es, die mit ihren Geldern spekulieren. Es findet, so
der holländische Ökonom Karel van Wolferen in der Woche, "ein massiver
Transfer von Privatvermögen in Industrievermögen" statt. Jetzt, im Zeichen der
Krise, sparen die Japaner noch mehr. Sie misstrauen der Zukunft, wollen vorsorgen. Genau
das nehmen ihnen die Ökonomen aber übel: Der Konsum müsste angekurbelt werden, sagen
sie. Die Konjunkturprogramme der Regierung verpuffen eines nach dem anderen. Westliche
Stimmen fordern gar, die "Konsumverweigerer" mit Inflation zum Geldausgeben zu
bringen. Doch sie vergessen, dass die Rücklagen für viele die einzige Altersversorgung
oder Absicherung gegen Arbeitslosigkeit sind.
Zudem: Inflation treibt die Zinsen nach oben - und hohe Zinsen würgen
über kurz oder lang die Wirtschaft noch mehr ab. Bislang versuchte die japanische
Nationalbank, die Zinsen niedrig zu halten, um die Wirtschaft nicht noch mehr zu bremsen.
Es führt kein Weg daran vorbei: Die kapitalistisch verzerrte
Marktwirtschaft stößt in Japan erneut an ihre Grenzen. Die meisten
"Ratschläge" aus dem Westen können die Krise höchstens verzögern, werden sie
aber mittelfristig verschlimmern. Japan hat keine DDR, die es sich einverleiben kann, um
Teilen seiner Wirtschaft einen neuen "Kick" zu geben, es hat kein Euro-Projekt,
keine Osterweiterung, auch keine Rüstungsindustrie, die sich woanders sehr gut eignet,
überschüssiges Kapital auf Staatskosten aufzubrauchen, damit es nicht auf die Rendite
drückt. Japan befindet sich nach Aussage des Rheinischen Merkur in einer
"selbst gestellten Liquiditätsfalle": Aufgrund der niedrigen Zinsen wendet sich
das Kapital ab, investiert woanders oder hält sein Geld lieber liquide, statt es im
Wirtschaftskreislauf weiter fließen zu lassen. Diesen Mechanismus beschrieb schon Keynes -
doch seine Hinweise auf eine erforderliche Umlaufsicherung des Geldes wurden in Fußnoten
versteckt und blieben unbeachtet.
Gefahr für die Weltwirtschaft
Was würde geschehen, wenn japanische Anleger nur einen Teil ihrer in den
USA deponierten Gelder zurückfordern? Die Kurse würden dort sinken, das Geld knapper
werden, die Zinsen deshalb steigen - mit den bekannten Folgen. Die gesamte Weltwirtschaft
wäre betroffen, weil die Amerikaner dann ihrerseits ihre Beteiligungen in anderen
Ländern zurückrufen würden. Verdienen würden daran nur ganz wenige. Insofern ist das
weitere Spekulieren gegen Japan ein Spiel mit dem Feuer.
Wer kann daran interessiert sein, Japan noch weiter zu schwächen? Soll
dadurch die Unabhängigkeit eines der stärksten Wirtschaftsländer gebrochen werden? Soll
die zweite Öffnung Japans nach 1853 erzwungen werden? Damals wurde die Abschottung Japans
von der Außenwelt gewaltsam beendet. Soll es heute gezwungen werden, sich westlichem
Kapital auszuliefern? Oder geht es um eine Schwächung des sich bildenden asiatischen
Wirtschaftsblocks - erst die kleine Asienkrise, dann die große? Samuel Huntington wies im
"Kampf der Kulturen" (DAS WEISSE PFERD
Nr. 1/98) auf die bevorstehende
Auseinandersetzung zwischen großen Welt-Blöcken hin. Japan wird demnach früher oder
später gezwungen sein, sich China unterzuordnen - obwohl es im Moment mit einem Zehntel
von dessen Bevölkerung sechsmal soviel produziert. |