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Girolamo Savonarola (1452-1498) zum 500. Todestag
(2)
"Eine völlig zu Feuer und
Flamme gewordene Persönlichkeit"
(Fortsetzung von Nr. 13 / 98)
Wer, wie
die meisten zeitgenössischen Autoren, die Möglichkeit einer echten
Gottesprophetie gar nicht in Betracht zieht, für den wird Girolamo
Savonarola zum "Prototyp aller Fanatiker"
- so Ernst Piper in der Süddeutschen Zeitung.

23. Mai 1498:
Savonarola wird mit zwei seiner Gefährten
auf dem Marktplatz von Florenz erhängt und
verbrannt
In der Tat scheint die spirituelle Revolution in Florenz in manchen Dingen
über das Ziel hinausgeschossen zu sein. Auf dem zweimal veranstalteten
"Scheiterhaufen der Eitelkeiten" wurden nicht nur Spielkarten und Perücken,
sondern auch Musikinstrumente, Bücher und Bilder verbrannt - allerdings wohl keine
wertvollen Botticellis, wie bis heute das Gerücht geht. Auch dass Kinder darauf
aufpassten, dass das Verbot von Glücksspiel und Luxus eingehalten wurde,
muss uns heute
befremden - auch wenn Kinder damals ab dem heutigen Schulalter einfach als Erwachsene
angesehen wurden. Die strengen Verbote, auch der Homosexualität, wurden von der
Stadtregierung beschlossen und überwacht, in der immer wieder auch Gegner Savonarolas das
Ruder übernahmen. Der Dominikanermönch übernahm zu keinem Zeitpunkt selbst irgendein
Regierungsamt. Die Rede von einer "religiösen Diktatur" ist also Polemik.
"Die wirkliche Rede Gottes"
Für Savonarola gab es in einer stürmischen und chaotischen Zeit nur ein
Entweder-Oder: Für Gott oder gegen Gott. Nur in einer radikalen Umkehr sah er die Chance,
den drohenden Wirkungen zu entgehen, die sich aus den Ursachen der Ausbeutung, der
Zügellosigkeit und Verderbtheit seiner Zeit zusammenbrauten. Savonarola war, mit den
Worten Jacob Burckhardts, eine "völlig zu Feuer und Flamme gewordene
Persönlichkeit." "Seine Botschaft als Fanatismus eines Finsterlings zu
bezeichnen, ist eine sträfliche Verkennung seiner Sendung", schreibt Walter Nigg.
"In den Hammerschlägen seiner Worte offenbarte sich inmitten einer gottlos
gewordenen Renaissance die wirkliche Rede Gottes an die Menschen, die das ewige Geheimnis
aller Prophetie ist."
"Tatsächlich war die Stadt selten vorher so glücklich
gewesen", schreibt Will Durant. Die "Republik Christi" in Florenz währte
unangefochten allerdings nur etwa drei Jahre - dann begann ihre Demontage, die weitere
drei Jahre dauerte. Sie überlebte ihre Bewährungsproben nicht. Pest und Hunger suchten
die Stadt heim. Viele murrten, weil das einst mächtige Florenz Gebietsverluste hinnehmen
musste. Die Freiheit, die sich die Bürger der Stadt mit der Vertreibung der Medici selbst
genommen hatten, wollten sie den Bürgern anderer Städte nicht zugestehen. Schließlich
geriet Florenz in die Mühlen der großen Politik: Die anderen italienischen Mächte,
allen voran der Kirchenstaat, verlangten von den Florentinern, einer Koalition gegen Karl
VIII. beizutreten.
Papst gegen Mönch
Es beginnt die Auseinandersetzung mit dem Papst. Alexander VI. aus dem
Hause Borgia ist der Prototyp (hier passt diese Bezeichnung) des Renaissancepapstes.
"Seine wichtigsten Anliegen waren stets: Die Versorgung seiner Familie und die
Befriedigung seines Geschlechtstriebs", schreibt Ernst Piper. Savonarola steht nicht
nur den politischen Plänen des Kirchenstaats im Wege, er predigt auch gegen den Reichtum
der Kirche, die Unzucht der Priester ("ihre Sünden schreien zum Himmel") und
macht eindeutige Anspielungen auf den Lebenswandel des Papstes: "Früher nannten die
Priester ihre Söhne Neffen; jetzt nicht mehr Neffen, sondern Söhne, schlichtweg
Söhne." Alexander hatte kurz zuvor - Zölibat hin oder her - mit einer verheirateten
Frau einen Sohn gezeugt.
Außerdem plante Bruder Girolamo Savonarola ein Konzil, das eine
grundlegende Reform der Kirche einleiten sollte und schickte dafür Einladungen an
Herrscher in ganz Europa. Für ihn existierten keine Grenzen, denn im mystischen Leib
Christi "wohnen gemeinsam Franzosen, Italiener, Ungarn, Deutsche und jede Art von
Menschen."
Der Papst versuchte 1495, den Prior zunächst zu kaufen - er bot ihm den
Kardinalshut an. Doch dieser lehnte ab: Er wolle keinen roten Hut, lieber das Martyrium.
Eine Einladung nach Rom befolgte er ebenfalls nicht - "er weiß um
die folgenschweren Speisen im Hause Borgia", kommentiert Erwin Brunner. Er erhielt
Predigtverbot, hielt sich einige Zeit daran und durchbrach es wieder, denn die innere
Stimme drängte. Schließlich wurde er vom Papst exkommuniziert. Das bedeutete: Niemand
durfte mehr mit ihm reden, ihm zuhören oder ihm irgendwie helfen. Noch hielt man sich in
Florenz nicht daran. Savonarola bezeichnete seine Exkommunikation als ungültig - und
drehte den Spieß um: "Wer also etwas gegen die christliche Liebe gebietet, die das A
und O unseres Gesetzes ist, der sei von Gott exkommuniziert." Einem Befehl, der dem
Gebot der christlichen Liebe widerspreche, dürfe ein Christ gar nicht gehorchen.
Savonarola schreibt an verschiedene europäische Fürsten,
dass
"dieser Alexander kein Papst ist noch dafür gelten darf. Denn abgesehen davon,
dass
er durch die schändliche Sünde der Simonie den päpstlichen Stuhl erkauft hat ...
behaupte ich auch, dass er kein Christ ist und nicht an das Dasein Gottes glaubt, was das
Maß allen Unglaubens überschreitet." Die Gläubigen fordert er auf, keine Angst vor
dem Wolf zu haben, der als Hirte verkleidet ist. Und an den Papst selber schreibt er:
"Du hast den Wölfen den Weg geebnet und ihnen alle Macht gegeben, um dem Werk
Christi Hindernisse in den Weg zu legen. ... Du solltest also, seligster Vater, nicht
länger zögern, für dein Heil Sorge zu tragen."
Der Papst bekommt einen Wutanfall. "Er muss sterben, und wäre er ein
zweiter Johannes der Täufer", stößt er hervor. Er droht der ganzen Stadt Florenz
den Kirchenbann an, wenn sie den Ketzer nicht ausliefert.
Das ist gar nicht mehr nötig. Savonarolas Feinde haben in der Stadt
längst die Oberhand gewonnen. Der Kirchenbann, so ihre Sorge, würde die Stadt
wirtschaftlich ruinieren. Das Volk wird gegen Savonarola aufgehetzt, der Pöbel stürmt
das Kloster, er wird verhaftet. Man foltert ihn und zwei seiner Mitarbeiter, reißt ihm
mit dem Seilzug fast die Arme aus. Unter unmenschlichen Qualen erpressen die Schächer
"Geständnisse" von ihm, die er später widerruft. Seine Ordensbrüder wenden
sich von ihm ab und stoßen ihn aus. Am 23. Mai 1498 wird er auf dem Marktplatz von
Florenz mit seinen beiden Gefährten gehängt und verbrannt. Die Asche wird in den Arno
gestreut.
Er sah seinen
Tod voraus
Savonarola hatte sieben Jahre zuvor seinen eigenen Tod prophezeit:
"Die Gottlosen werden zum Heiligtum gehen, mit Axt und Feuer werden sie die Tore
sprengen und verbrennen und die gerechten Männer gefangen nehmen und am Hauptplatz der
Stadt verbrennen. Und was das Feuer nicht verzehrt und der Wind nicht
fort bläst, wird ins
Wasser geworfen."
Er hatte aber auch angekündigt, was eingetreten wäre, wenn die Republik
Christi Bestand gehabt hätte: Sie würde "reich sein an weltlichen und geistigen
Gütern. Du wirst die Reform Roms, Italiens und aller Länder ausführen. Du wirst die
Schwingen deiner Größe über die ganze Welt ausbreiten."
Statt dessen kam die angekündigte "Züchtigung" der römischen
Kirche: Zum einen durch die Eroberung und Plünderung Roms durch kaiserliche Truppen im
Jahre 1527, den Sacco di Roma - zum anderen durch die Reformation Martin Luthers,
die der Kirche weite Teile ihres Einflussgebietes entriss. Der Savonarola-Biograph und
katholische Theologieprofessor Josef Schnitzer stellte fest: "Mit Savonarola schlug
die letzte Stunde für eine rechtmäßige Reform der Kirche." |
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