"Sieh an die Werke Gottes -
denn wer kann das gerade machen, was er krümmt?" Dieser Spruch aus dem
Buch der
Prediger
(7, 13) ist dem Film Gattaca
vorangestellt. Denn dieser Film handelt von einer Welt, in der das
Krumme und der "Zufall" von vorne herein ausgeschlossen
werden sollen: durch Genmanipulation.
Und diese Welt ist gar nicht so weit entfernt. Prof. Lee Silver
von der Universität Princeton sagte im Heute-Journal: "Das Unglaubliche an
diesem Film ist, dass der Stand der Forschung äußerst realistisch dargestellt wird. Es
wird genau gezeigt, was man alles mit der Gentechnik bewirken kann. Die Gefahr ist,
dass
wir auf eine Zweiklassengesellschaft zusteuern: die Reichen haben das Geld, sich ihren
Nachwuchs perfekt genetisch optimieren zu lassen. Das würde die Gesellschaft spalten, und
das ist gefährlich."

Gattaca ist der Name eines Weltraum-Bahnhofs in der genetisch
gleichgeschalteten Gesellschaft der Zukunft. Diese Gesellschaft ist geteilt in
"Valide" und "Invalide". "Invalid" ist, wer auf natürliche
Weise gezeugt wurde. Die "Validen" hingegen wurden im Reagenzglas gezeugt. Ihre
Embryonen durchliefen eine genetische Analyse, bei der nur die besten Exemplare zur
Menschwerdung zugelassen werden - nachdem ihre Gene vorher noch "optimiert"
wurden.
In Sekundenschnelle kann in der Gattaca-Gesellschaft die genetische
Ausstattung eines Menschen bestimmt und gleichzeitig seiner Person zugeordnet werden - der
perfekte Überwachungsstaat. Wer sich verliebt, lässt nach dem ersten
Kuss den Speichel
des möglichen Partners auf die genetische Ausstattung hin analysieren - erst dann
entscheidet er oder sie, ob aus der Beziehung etwas werden soll.
Vincent, der Held des Films, ist ein "Invalider". Gleich nach
der Geburt wurde festgestellt, dass er nur eine Lebenserwartung von ca. 30 Jahren hat,
außerdem schlechte Augen und wahrscheinlich ein schlechtes Herz. Keine Chance auf
irgendeine Karriere.
Doch ausgerechnet Vincent will Astronaut werden - und er schafft es. Er
nimmt die genetische Identität des "Validen" Jerome an, der bei einem Unfall
eine Querschnittslähmung erlitt. Jerome versorgt ihn täglich mit Blut- und Urinproben,
Haaren und Hautschuppen, mit denen Vincent alle genetischen Kontrollen unbehelligt
passieren kann.
Vincent kann also die unerbittlichen Regeln der "schönen neuen
Welt" unterlaufen - aber nur um den Preis der Aufgabe seiner eigenen Identität. Und
er ordnet sich den asketischen Regeln der sterilen Erfolgsgesellschaft unter, die ihn am
Aufstieg hindern will. Durch seine Willenskraft beweist er sich selbst und den wenigen,
die von seinem Betrug etwas erfahren, dass ein Invalider besser sein kann als ein Valider
mit wesentlich besseren Genen.
Doch warum kann das sein? Prof. Silver meint: "Gene sind nicht alles.
Sie sind nur die Grundbausteine. Manche Menschen sind besonders athletisch veranlagt,
andere besonders analytisch oder musikalisch. Doch was hilft die größte Begabung für
Musik, wenn man nicht am Instrument übt?"
Jerome und Vincent haben eines gemeinsam: die Sehnsucht nach den Sternen.
Dank der Hilfe von Jeromes Genen erfüllt sich Vincent den Traum vom Flug ins All. Und
Jerome glaubt schließlich, durch Selbstmord den Sternen auch näher zu kommen. In seinem
Abschiedsbrief, den Vincent mit auf die Reise ins All nimmt, schreibt er: "War nicht
jedes Atom unseres Körpers einmal ein Teil eines Sterns? Wenn ich den Sternen
näher komme, dann habe ich das Gefühl, ich komme nach Hause."
Die Sehnsucht nach den Sternen kann als ein Symbol für die Sehnsucht des
Menschen angesehen werden, sein Schicksal zu ergründen, das in den Sternen gespeichert
ist, den Sinn seines Lebens zu erfassen und dadurch Gott näher zu kommen, nach Hause zu
kommen. Die genetisch gleichgeschaltete Gesellschaft verschließt jedoch genau dies dem
Menschen, indem sie durch die Genmanipulation die individuelle "Handschrift" der
Seele unterbindet, mit der diese einen Teil ihrer speziellen Belastungen aus früheren
Einverleibungen in die Gene hineinprägt. Diese Lasten wären dann Aufgaben, die in diesem
Leben zur Lösung anstehen und an deren Bewältigung die Seele reift.
Stattdessen wird der äußerlich perfekte Mensch angestrebt - und das
bereits heute, in unserer Welt: durch pränatale (vorgeburtliche) Diagnostik, auch wenn
die Bandbreite der Analyse noch weit von "Gattaca" entfernt ist. Heute schon
werden Embryonen abgetrieben, weil ihre Gene auf mögliche Behinderungen hindeuten. Heute
schon werden künstliche Befruchtungen durchgeführt, um zum Beispiel das Geschlecht eines
Kindes festzulegen.