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Evangelisch-katholische Erklärung zur
Rechtfertigungslehre
Sie sträuben sich gegen das Gesetz von Saat und Ernte
Die
Lehre des Jesus von Nazareth ist einfach und genial. Was die Kirchen
daraus machten, ist kompliziert und steht im Widerspruch zu Jesus.
Jüngstes Beispiel: Die so genannte Gemeinsame Erklärung
beider Großkirchen zur Rechtfertigungslehre 1997. Sie
bestreitet erneut die Geltung des Gesetzes von Saat und Ernte, das Jesus
lehrte.
80 Pfarrer und Priester aus dem Raum Celle debattierten gerade über diese
Erklärung, als wenige Kilometer entfernt der Intercity "Wilhelm Röntgen"
entgleiste.
Blinde Blindenführer
Die Theologen eilten zur Unfallstelle. "Wir bekennen gemeinsam,
dass der Sünder durch den Glauben an das Heilshandeln Gottes in Christus gerechtfertigt
wird" - Die zentrale, von den Theologen beider Kirchen befürwortete Botschaft
der Erklärung, wirkt wie ein Fremdkörper angesichts des Leids und der 101 Toten des
Unglücks. Die nachfolgenden Predigten sprachen von einem "unerforschlichen
Geheimnis Gottes" oder boten den Trauernden mit dem Hinweis auf den Klageruf von
Jesus am Kreuz auch an, "Gott anklagen" zu können (Bischof
Hermann von Loewenich). Was könnten die Konsequenzen davon sein? Wäre nicht der nächste Schritt,
sich von diesem Gott zu lösen und nichts mehr mit ihm zu tun haben zu wollen?
Auch von den Theologen, die später mit Sturzhelm und speziellen Jacken
(mit Aufschrift "Pastor") über die Trümmer des verunglückten Zuges stiegen,
wurde nichts bekannt, was über den Inhalt der Predigten hinausging. Jesus von Nazareth
sprach über die Theologen Seiner Zeit: "Lasst sie, sie sind blinde
Blindenführer! Wenn aber ein Blinder den anderen führt, so fallen sie beide in die
Grube."
Nach 25jähriger Arbeit sollte die vom Lutherischen Weltbund und dem
"Päpstlichen Rat zur Förderung der Einheit der Christen"
verfasste
"Gemeinsame Erklärung" von beiden Seiten 1997 feierlich unterzeichnet werden -
in Deutschland ausgerechnet am 31. Oktober, dem so genannten Reformationstag.
"Quadratur des Kreises"
Nachdem 160 evangelische Theologieprofessoren
Widerspruch einlegten und zur "Schadenbegrenzung" aufforderten,
veröffentlichte nun der Vatikan eine vieldeutige Erklärung, die "als
klares Ja, aber auch als klares Nein" verstanden werden könne (Stuttgarter Zeitung, 1.7.1998).
Während die evangelischen Gelehrten die Aufnahme ihrer Bedenken in einer
Zusatzerklärung forderten, mahnt Rom "weitere Studien" an. Zu einem
großen Teil auf Staatskosten (hohe kirchliche Würdenträger und Professoren werden vom
Staat bezahlt) wurde seit den 70iger Jahren in zahllosen Konferenzen, Tagungen,
Forschungssitzungen und Besprechungen ein Text ausgefeilt, der z. B. von
der Zeit als "Quadratur des Kreises" bezeichnet wurde
(2.7.1998).
Unter dem Stichwort "Differenzierter Konsens" haben sich beide
Großkirchen bemüht, ihre eigene Lehre beizubehalten, aber nicht mehr von Trennungen und
Lehrverurteilungen zu sprechen, sondern von differenzierten Betrachtungsweisen. Die
unterschiedlichen evangelischen und katholischen Aussagen sind im Text hintereinander
gestellt. "versöhnte Verschiedenheit" sei die Alternative zur "geschönten
Geschiedenheit", sagte der evangelische Oberkirchenrat Bezzel aus Ansbach.
In solcher erklärten "versöhnten Verschiedenheit" haben die
Kirchen versucht, im Vorfeld zunehmender weltweiter Katastrophen eine gemeinsame geistige
Weiche zu stellen: Sinngemäß lautet sie: Es gibt für das Leid oft keine Ursachen und
keine Heilmittel. Der Glaube und die Sakramente der Kirche helfen dem Gläubigen aber,
wenigstens im Jenseits als Geschenk Gottes in den Himmel zu kommen.
Letztlich läuft der Kompromiss, vereinfacht gesprochen, auf eine
Zustimmung des Vatikans zur lutherischen Kernlehre hinaus. Der anscheinend an dieser
Stelle unumstrittene Originaltext des Dokuments: "Gemeinsam bekennen wir: Allein
aus Gnade im Glauben an die Heilstat Christi, nicht auf Grund unseres Verdienstes,
werden wir von Gott angenommen und empfangen den Heiligen Geist, der unsere Herzen
erneuert und uns befähigt und aufruft zu guten Werken." Gott nimmt aber alle
Seine Kinder an, auch ohne einen Glauben an eine kirchlich definierte Heilstat Christi.
Doch der Einheit mit Gott geht die Einheit mit unseren Nächsten voraus, mit denen ich
mich zuvor versöhne. So lehrte es Jesus. Dafür muss jemand etwas "tun" - im
Diesseits oder Jenseits.
Das "Tun" betonte bislang auch die katholische Lehre. Der
Streit, ob stattdessen der Glaube und die Gnade allein zum Heil genügen, hatte immerhin
die abendländische Kirche gespalten und war verantwortlich für den 30jährigen Krieg mit
Hunderttausenden von Toten und einem verwüsteten Land. 1997 wird in der "Gemeinsamen
Erklärung" nun die katholische Position akrobatisch den lutherischen Formulierungen
angepasst. Die Anpassung Roms erklären sich viele damit, dass die
evangelischen Kirchen im Gegenzug in absehbarer Zeit die Oberhoheit des
Papstes anerkennen könnten. Nun hat aber anscheinend der erbitterte
Widerstand der evangelischen Professoren und anderer lutherischer
Fundamentalisten gegen das Kompromisspapier die katholische Kirche
gedemütigt: Wenn schon so viele verantwortliche Lutheraner dagegen sind, könne Rom dann
noch zustimmen, ohne sein römisch-katholisches Gesicht zu verlieren? Habe der Lutherische
Weltbund - der der Erklärung bereits zustimmte - überhaupt genügend Autorität in der
evangelischen Welt, so die Anfrage aus Rom?
Und besteht überhaupt eine Chance, so könnte jemand aus dem Vatikan
weiterfragen, auf eine baldige evangelische Zustimmung zum Papstamt? So vermeidet es Rom
weiter, die Evangelischen überhaupt als "Kirchen" anzuerkennen. Stattdessen ist
von "Gemeinschaften" die Rede.
Vor dem Jahr
2000
Das entstandene ökumenische Chaos trifft beide Großkirchen mitten in
ihrer intensiven Vorbereitung auf die Jahreswende von 1999 auf 2000. In diesem
Zusammenhang gibt es einen weiterer Grund für die grundsätzliche katholische
Bereitschaft, gegenüber lutherischen Lehren einzulenken. Im Jahr 2000 plant der Papst
nämlich eine Entschuldigung für die Verbrechen der katholischen Kirche, womit diese
einen Schlussstrich unter ihre blutige Vergangenheit ziehen will. Die "Gemeinsame
Erklärung zur Rechtfertigungslehre" könnte der Kirche helfen, diesen Schritt
geistig vorzubereiten und zu begründen. Denn die Kirchen und jeder kirchlich Gläubige
dürfen sich gemäß der Erklärung des Heils geschenkweise gewiss sein, ganz gleich,
wie viel Verbrechen von ihnen zu verantworten sind und ob diese alle bereinigt sind.
Vor dem blutigen Hintergrund beider Kirchen ist es verständlich,
dass
sich die Verantwortungsträger weiterhin sträuben, die Wirksamkeit des Gesetzes von Saat
und Ernte, das Jesus von Nazareth lehrte, einzugestehen. Demnach ist ein
"Schlussstrich" erst bei echter Reue möglich und nachdem auch jedes Opfer dem
Täter verziehen hat. |