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Eine Frau berichtet
über ihre HerztransplantationWie ein Spenderherz mein "Selbst"
veränderte
Ein achtzehnjähriger Mann kommt
bei einem Motorradunfall ums Leben. Sein Herz und seine Lunge werden einer achtundvierzig
Jahre alten Tänzerin transplantiert.* Diese
entwickelt völlig fremde Charakterzüge und neue Vorlieben. Sie selbst sieht den Eingriff
als eine Art Wiedergeburt.
Wenn das Herz aufhört zu schlagen, ist das irdische Leben zu Ende. Jedes
Jahr warten Tausende Menschen auf ein neues Herz, weil ihr eigenes todkrank ist. Die
Verpflanzung eines Herzens ist heute schon fast medizinische Routine. Für den Empfänger
beginnt nach der Herzoperation ein neues Leben - doch welch ein Leben?

Über das Schicksal von Menschen, die mit fremden Organen weiterleben, dringt nur selten
etwas an die Öffentlichkeit
Die Tänzerin, Claire Sylvia, hat über ihre Erfahrungen ein Buch
geschrieben. Der englische Titel lautet: A Change of Heart - Wechsel des
Herzens. Der deutsche Titel ist drastischer: Herzensfremd - wie ein Spenderherz mein
Selbst veränderte.
Claires "zweites" Leben beginnt mit Merkwürdigkeiten. Bei der
ersten Gelegenheit bestellt sie sich ein Bier und isst in einem
Schnellimbiss. Sie geht in
ein Bratwurstrestaurant und bestellt gebratenes Hühnerfleisch, was sie normalerweise nie
machte. Außerdem hat sie keine Lust mehr zu kochen. Sie hat enorme körperliche Ausdauer
und viel Energie. Sie fror nicht mehr, schwitzte häufiger und spürte eine Rastlosigkeit
in sich.
Wer war der Organspender?
Fünf Monate nach der Operation träumt sie von einem jungen Mann, der Tim
heißt. Sie spürt, dass er der Organspender ist. Sie fühlt, dass Tims Seele in ihr
weiterlebt. Bald darauf träumt sie wieder von ihm, und im Traum kommt es zwischen ihr und
ihrem Organspender zur Versöhnung. Sie schreibt: "Dann küssen wir uns. Und während
wir uns küssen, atme ich ihn in mich ein. Es fühlt sich an wie der tiefste Atemzug, den
ich je getan habe. Und in diesem Augenblick weiß ich, dass Tim für immer bei mir
bleibt." Es sei, als hätte sie ein neues Leben eingeatmet. Sie hatte das Gefühl,
dass sie die neuen Organe endgültig als ihre angenommen hatte. Seitdem fühlt sie die
Kraft und die Unruhe des 18jährigen Tim in sich.
Ein Prinzip der Transplantation ist, dass der Empfänger nicht erfährt,
wer der Spender ist. Die Autorin begab sich trotzdem auf die Suche nach der Familie des
Spenders. Er hatte tatsächlich Tim geheißen, und war mit achtzehn Jahren bei einem
Motorradunfall zu Tode gekommen. In den Erzählungen der Verwandten fand sie bestätigt,
dass Tim am liebsten Bier trank und dass sein Lieblingsessen gebratenes Hühnerfleisch
war.
Das Leid von Organempfängern
Claire gründete eine Selbsthilfegruppe von sechs Herztransplantierten.
Alle fanden es entlastend, dass sie hier aussprechen konnten, was wirklich in ihnen
vorging: "... den Schrecken, die Schuldgefühle und die Verwüstung auszudrücken,
die durch dieses entsetzliche Entzweigerissen- und Wiederzusammengesetztwerden verursacht
worden waren ... Einen Großteil der Zeit waren wir elend und verstört oder starr vor
Angst." Ein Teilnehmer: Es kotzt mich an, dass jeder ständig sagt, was ich
für ein Glück habe, dass ich noch lebe. Mir gehts sauschlecht! Ich versuche immer
noch mit der Zeit fertig zu werden, als mir zum Sterben die Kraft fehlte."
Eine Frau äußert: "Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie oft ich
am Telefon liebreizend daherrede, und wenn ich den Hörer auflege, würde
ich mich am liebsten umbringen. Ich kann nur sagen, dagegen war mein
voriges Leben Gold." Die Teilnehmer berichten
von einem Gefühl der Angst vor dem Eingeschlossensein, als ob man am Boden
gehalten wird, während eine in dir existierende Kraft verzweifelt nach einem Fluchtweg
sucht."
Alle betrachteten das neue Herz als ein eigenständiges Wesen. Jeder hatte
es mehr oder weniger als "Fremdkörper" erlebt, als ein Gegenüber, als
"eine fremde Präsenz" im eigenen Inneren. Ein Mann sagte: "Ich glaube,
dass der Geist meines Spenders noch in der Nähe ist, und in diesem Sinne ist er immer
noch am Leben."
Programme des
Spenders ausleben?
Claire fühlte sich zu Dingen gedrängt, die sie von sich bisher nicht
kannte.
Sie trat z. B. zum Beispiel eine Reise nach Frankreich an, das sie bisher
nie interessiert hatte. Sie schreibt: "In Frankreich war es Tim gewesen, der ins Land
seiner Vorfahren zurückkehrte - auch wenn mir dies erst später klar wurde." Claire
sieht es als Aufgabe, das, was Tim nicht mehr erledigen konnte, für ihn zu tun. So habe
ihr Kontakt zu seinen Eltern dazu beigetragen, "das, was zu seinen Lebzeiten
ungelöst geblieben war, zu lösen oder zu vollenden", z. B. Tims Aussöhnung mit
seinem Vater.
Einen weiteren Traum nahm sie als Aufforderung, "Tims große
Leidenschaft noch einmal auszuleben - das Motorradfahren!" Sie rief einen Bekannten
an, der Tänzer war und ein Motorrad besaß und fuhr mit ihm durch die Gegend.
Suche nach einer neuen Identität
Um die innere Zerrissenheit zu überwinden, versuchen die Teilnehmer
der Selbsthilfegruppe, sich mit dem fremden Gast zu verbünden oder gar zu verschmelzen.
Auch Claire tat dies. Als sie auf dem Grabstein von Tim die Worte las
"Für immer vereint", bezog sie diese auf sich. Wie intensiv dieser Aspekt war,
geht aus folgender Mitteilung hervor: Als der Kontakt zu Tims leiblichen Schwestern
abbrach, suchte sie nach dem einleuchtenden Grund. Sie schreibt: "Ich meditierte
darüber und hielt Zwiesprache mit meinem Herzen, fast so, als fragte ich Tim, was ich tun
soll." Doch im Laufe der Zeit stellte sie eine Veränderung in sich fest. Sie
glaubte, Tims Geist jetzt loslassen zu können: "Ich hatte endlich zu meiner neuen
Identität gefunden, zu einer Art drittem Wesen, das weder die alte Claire noch der neue
Tim war, sondern so etwas wie eine Kombination von beiden." Nach diesem Erlebnis war
es ihr wieder möglich, eine neue Beziehung zu einem Mann aufzubauen.
Der Körper will das Organ abstoßen
Jeder Transplantierte muss morgens und abends mehr als ein Dutzend
Tabletten (immunsuppressive Medikamente) einnehmen, um die Abstoßungsreaktion zu
unterdrücken - und das sein Leben lang. Und die Abstoßung bezieht sich nicht nur auf das
Organ. Die Autorin zitiert einen Neurologen mit der Feststellung: "Nach unserer
Auffassung gehört zum Problem der Organabstoßung nicht nur die Abstoßung des
Zellmaterials, sondern auch die Abstoßung von Wissen und Energie, die in den Zellen und
Molekülen gespeichert sind."
Aus der Not eine Tugend gemacht
Trotz allem schreibt sie am Schluss des Buches: "Ich empfinde es als
Privileg, dass ich am Leben bin." In einem Nachwort ruft sie dann dazu auf, sich als
Organspender zur Verfügung zu stellen. Sie schreibt: "Der Aufkleber auf meiner
Stoßstange lautet: Hinterlasse deine Organe nicht dem Himmel. Der Himmel weiß,
dass sie hier unten gebraucht werden. ... Sie können es mir glauben - es gibt kein
größeres Geschenk."
Diese Aussage überrascht. Man gewinnt den Eindruck,
dass Claire Sylvia
aus ihrer Not eine Tugend macht. Durch das Aufsuchen der Familie des Organspenders, durch
ihre Nachforschung, welche seiner Eigenheiten sie auch bei sich beobachten konnte, durch
die Selbsthilfegruppe, durch Vorträge zum Thema Herztransplantation und nicht zuletzt
durch ihr Buch versucht sie das Geschehen zu verarbeiten - und zu vermarkten.
Letztlich erliegt sie dem gesellschaftlichen Paradigma,
dass das irdische
Leben um jeden Preis verlängert werden muss; dass ein Organempfänger folglich dankbar zu
sein habe. Das Gegenargument, dass durch die Organverpflanzung Seelen-Programme des
Spenders übernommen werden, versucht sie ins Positive umzumünzen.
Transplantation
und Lebensziel
Niemand kann für einen anderen leben, niemand
kann das Leben eines anderen in Ordnung bringen. Umsetzung oder gar Besetzung durch eine fremde Seele können den
Organempfänger daran hindern, seine eigenen menschlichen Programme zu bereinigen. Unter
Umständen kann das "zweite" Leben sogar zu weiterer Belastung führen. Denn
Erkrankungen - auch solche, für die die Medizin die Organverpflanzung bereit hält
- kommen
letztlich aus der Seele. Durch einen Organaustausch wird das Fehlprogramm nicht gelöst.
Im Gegenteil: Durch das Fremdorgan kommen weitere menschliche Programme hinzu.
Ein
weiterer Aspekt: Wird die Lebenszeit durch Fremdorgane künstlich verlängert, so hat der
Betreffende womöglich überhaupt kein Lebensprogramm mehr. Die Folge ist,
dass er fast
zwangsläufig nach einer neuen Identität sucht, wie dies die Autorin eindrücklich
beschreibt. |
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