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Der Reichtum des
Vatikan (1)Rom: Jedes vierte Haus gehört der katholischen
Kirche
Eine genaue Zählung der
Besitztümer des Vatikans verlangte die Radikale Partei Italiens im Januar 1977.
Anlass
war die Erörterung eines längst überfälligen neuen Konkordats des italienischen
Staates mit dem Vatikan. Doch die Radikalen standen allein. "Eine solche Forderung
wird von dieser Institution nicht einmal beantwortet", schreibt Mario Guarino
in seinem 1998 in Italien erschienenen Buch I mercanti del Vaticano
- zu Deutsch: Die Geschäftemacher des Vatikan.

Blick vom Petersdom
auf die Stadt Rom
Wie man den Vatikan doch zu einer Antwort bewegt,
zeigte die Zeitung LEuropeo - Der Europäer. Sie veröffentlichte am
7.1.1977 eine
ausführliche Recherche von Paolo Ojetti mit der Überschrift: Vaticano S.p.A.
- Vatikan GmbH. Manchen schien es wie ein Wunder, dass der Osservatore Romano
reagierte: Der Artikel Ojettis sei "uninformiert, falsch, antikulturell, verwirrend,
unverantwortlich, skandalös, antiklerikal, dumm" gewesen.
Was war der Anlass für eine solche Reaktion? Ojetti hatte festgestellt,
dass mindestens der vierte Teil Roms, "und vielleicht der beste", sich in den
Händen des Vatikans befinde. Er zählte die Namen der 325 Nonnen- und 87 Mönchsorden
auf, denen, über die ganze Stadt verstreut, Grundstücke und Häuser gehören. Er brachte
detaillierte Beispiele, wie kircheneigene Immobilienfirmen immer mehr dieser Filetstücke
im städtischen Immobilienmarkt an sich brachten und an die Stelle der alten Häuser -
ohne Rücksicht auf bisherige Mieter - Hotels oder Appartementwohnungen hinstellten. Die
"Spender", die viele dieser Häuser aus Frömmigkeit der Kirche vermachen,
wissen davon natürlich nichts.
Ojetti konnte gerade noch auf die Vorwürfe des Osservatore antworten, im LEuropeo
vom 21.1.1977. Dann wurde der Direktor der Zeitung gefeuert. Immerhin hatte Ojetti noch ein
weiteres Beispiel bringen können: Verona. Vor der Stadtsilhouette hatte er in einem Bild
einen Stadtplan montiert, in dem ungefähr die Hälfte der Gebäude schwarz markiert waren
- Eigentum der Kirche. Ähnlich sei es in vielen anderen italienischen Städten.
Einundzwanzig Jahre brauchte es, bis sich wieder jemand an das heikle
Thema heranwagte. Max Parisi bespricht in der Zeitung La Padania vom
21.6.98 das
neue Buch von Guarini und kommt zu dem Schluss, dass sich mittlerweile fast ein Drittel
der Immobilien (Häuser und Paläste) der Stadt Rom im Besitz des Vatikans befinden. Diese
Immobilien von "unermesslichem Wert" konzentrierten sich auf die besten Lagen.
2.500 Paläste
Parisi hat bei seinen Recherchen offenbar soviel Scheinheiligkeit erlebt,
dass sein Bericht nicht frei ist von einem gewissen Spott. Er schreibt: "Zunächst
einmal muss festgehalten werden, dass sich der Vatikan in Rom beim Kauf seiner
Grundstücke deren Lage genau überlegt hat: Um Himmels Willen keine üblen oder dunklen
Randgebiete: Die Häuser dort werden von den Armen, vom Volk, gekauft. Dagegen hat die
Heiliger Stuhl AG beim Kauf einen wesentlich besseren Geschmack. ... Das ganze Gebiet vom
Campo dei Fiori bis zum Tiber gegenüber der Engelsburg, vorbei an der Piazza Navona und
den umliegenden Straßen ist praktisch vollständig im Besitz des Vatikans. Es handelt
sich um etwas weniger als die Hälfte des historischen Zentrums ... Es sind mehr als 2500
Paläste. ... Aber das Schönste kommt noch: Die überwiegende Mehrheit
dieses märchenhaften Vermögens ist von der Steuerpflicht ausgenommen."
Viele der Immobilien tauchen im Katasteramt gar nicht erst auf, weil sie
als "ausländisches Territorium" gelten. Der Vatikan ist - dank Mussolini - seit
1929 ein eigener Staat.
Guarini bringt in seinem Buch aktuelle Beispiele dafür, wie der Vatikan
auch heute mit seinem Besitz umgeht - und mit den Menschen, die darin wohnen oder
arbeiten. Im Juni 1996 verkaufte die Vatikanbank IOR mehrere Wohnhäuser. Dabei werden
Familien, die ihre Wohnung nicht kaufen können, durch Zwangsräumung auf die Straße
gesetzt, obwohl das IOR (Instituto per le Opere Religiose) versprochen hat, keine
Wohnungen an andere Käufer abzugeben oder nur an bedürftige. Im Juli 1997 wurde in Rom
eines der angesehensten katholischen Gymnasien mit Namen "Pius XII."
geschlossen, alle Lehrer entlassen. Angeblich gab es zu wenig Anmeldungen, was die Lehrer
vehement bestritten. Die Schule wird derzeit umgebaut - zu einem Luxushotel, das im
"Heiligen Jahr" 2000 die entsprechende Rendite einfahren soll. "Angesichts
des Jubeljahres 2000 ist es klar, dass ein Hotel entschieden rentabler ist als eine
Schule", schreibt Guarini.
Für dieses "Jubeljahr" greift der italienische Staat schon
heute tief in die Tasche, ohne dass die Kirche eine Lira zahlen muss. Straßen, Flughafen,
Parkplätze werden ausgebaut, Kirchen werden renoviert - alles auf Staatskosten.
Weitere Zuschüsse zahlt Italien für Zeitungen und Zeitschriften im
Kirchenbesitz: 144 Wochenzeitungen, 470 Radiostationen, 350 Büchereien und 200
Verlagshäuser befinden sich im Besitz der Kirche. Hinzu kommt eine halbe Million Hektar
Land, "und zwar in den fruchtbarsten Gebieten", wie Karlheinz Deschner schon 1979
feststellte.
All dies sind aber "kleine Fische" im Vergleich zum
internationalen Aktien- und Beteiligungsvermögen des Vatikans. Die 91,7 Millionen Dollar,
die der Vatikan 1929 vom faschistischen Italien als "Entschädigung" für die
Auflösung des Kirchenstaates (1870) erhalten hatte, waren schon 1952 auf 11,5
Milliarden Dollar angewachsen, wie das Magazin Oggi schätzte - damals der
zweitgrößte Staatsschatz nach dem der USA.
Der
Papst an der Börse
Laut Angaben von La Padania erscheint
Papst Johannes Paul II. auf der Liste der "Reichsten an der Börse"
Italiens an 51. Stelle - mit Aktien in Höhe von 93 Milliarden Lire -
etwa 93 Millionen Mark. Dies dürfte aber nur ein kleiner Teil des
tatsächlichen Vermögens sein. Der Vatikan verfügt nach Deschner (Abermals krähte der Hahn) über Aktienbesitz "in französischen
Erdölgesellschaften, argentinischen Gas- und Kraftwerken, bolivianischen Zinngruben,
brasilianischen Gummifabriken, nordamerikanischen Stahlunternehmen ..."
Der Vatikan soll demnach an zahlreichen italienischen Elektrizitäts- und
Telefongesellschaften beteiligt und Eigentümer von zwei Eisenbahnlinien und sieben Banken
sein. Die Fluggesellschaft Alitalia und die Autofirma Fiat seien "zu einem
beachtlichen Teil" in kirchlicher Hand.
Max Parisi kommt in seinem Artikel in La Padania zu der Frage: "Was
hat Jesus mit dem IOR, den Palästen, den Bauplätzen, den Luxushotels und den teuersten
Terrassenwohnungen Roms zu tun? Was haben Glauben und 160.000 Milliarden Immobilienbesitz
miteinander zu schaffen?" |