Es müsse sich wohl um einen
Irrtum handeln, um eine verblüffende Namensgleichheit, dachten Kenner der jugoslawischen
Geschichte, als sie von der bevorstehenden Seligsprechung des früheren kroatischen
Kardinals Alojzije Stepinac erfuhren. Doch er ist es: Johannes Paul II. wird am 3. Oktober
bei seinem Besuch in Marija Bistrica (Kroatien) den damaligen Militärvikar der
faschistischen Ustaschen seligsprechen, die für den Völkermord an einer
Dreiviertelmillion orthodoxer Serben zwischen 1941 und 1943 verantwortlich waren
(Wir
berichteten in
Nr. 14/1998).
Dem Vatikan gewogene Journalisten sahen sich
veranlasst, das
Ungeheuerliche in letzter Minute noch salonfähig zu machen. Stepinac, so schrieb Carl
Gustav Ströhm in der Welt (11.7.1998), sei ein Mann von "ungewöhnlichem
Mut" gewesen, der sich über den Faschistenführer Pavelic "keine Illusionen
machte" und außerdem "zahlreiche Regimegegner und Gefährdete verborgen"
hielt. Ströhm unterstützt damit die in Kroatien weit verbreitete und vom Vatikan
offiziell bestätigte Version, dass Stepinac ein "Märtyrer" gewesen sei, weil
er von der jugoslawischen Regierung unter Tito wegen seiner Unterstützung des
faschistischen Regimes zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wurde und schließlich 1960 in
Hausarrest starb.
Richtig ist, dass Stepinac 7000 Kindern Unterschlupf gewährte, deren
Eltern serbischer Abstammung zuvor ermordet worden waren. Karlheinz Deschner bemerkt
hierzu: "Die Caritas, der Erzbischof Stepinac präsidierte, ... machte
sie zu Katholiken, ja, zu Priestern der alleinseligmachenden Kirche - und Ungezählte
ahnen nicht, welchem Schicksal sie das verdanken" (Ein Jahrhundert
Heilsgeschichte, Bd. 2, S. 237). Richtig ist auch, dass es zeitweise gewisse
Meinungsverschiedenheiten zwischen dem Regime und der Kirche gab - hauptsächlich
allerdings darüber, ob die unter Todesdrohung zwangsbekehrten Orthodoxen zu Katholiken
oder zu Mitgliedern der mit Rom unierten Kirche des griechischen Ritus gemacht werden
sollten. Auch soll Stepinac gegen Grausamkeitsexzesse der Ustascha protestiert haben.
Doch der Erzbischof von Zagreb tat dies niemals öffentlich, obwohl er der
Mann war, ohne dessen Unterstützung das furchtbare Regime der Ustaschen sich nicht an der
Macht hätte halten können.

Ebenso wie Papst Pius XII., der Pavelic und seinen mörderischen Kumpanen
zahlreiche Audienzen gewährte, begrüßte Stepinac die faschistische Machtübernahme
(1941) von Anfang an. Er forderte den Episkopat und den Klerus Kroatiens zur
Zusammenarbeit mit dem Regime auf. Er ließ den Geburtstag von Pavelic in allen Kirchen
feiern und ihm ein Te deum singen. Er ließ sich und zehn weiteren Klerikern 1942 einen
Sitz im faschistischen Parlament zuweisen. Noch 1943, als bereits Hunderttausende Serben
im Namen Gottes ermordet, vertrieben oder zwangsbekehrt waren, dankte er "vor allem
den Franziskanern" für deren "Verdienste" bei der "Bekehrung"
Orthodoxer. Die Franziskaner stellten in dieser Zeit viele ihrer Klöster als Waffenlager
für die Ustascha zur Verfügung, zahlreiche Franziskaner beteiligten sich aktiv an den
Massakern. Einer war sogar Kommandant eines Konzentrationslagers.