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Entwicklungsbericht
der Vereinten Nationen
Die
Reichen werden immer reicher - auf
Kosten der Armen
"Ihr bangt um eure Aktiengewinne, wir sorgen uns um die nächste
Mahlzeit", sagte ein Delegierter aus Indonesien auf dem Gipfeltreffen
der Blockfreien Staaten in Durban, Südafrika, an die
Adresse der reichen Länder der Erde gerichtet. Der jüngste Jahresbericht der
Entwicklungsorganisation der Vereinten Nationen (UNDP) zeigt auf,
dass der Zorn des
Indonesiers mehr als berechtigt ist.

Zwanzig Länder der Erde leiden unter akutem
Wassermangel
Der weltweite Konsum stieg zwar auf die neue Rekordhöhe von 24 Billionen
Dollar, das ist das Doppelte von 1975. Doch wirklich profitiert haben davon nur wenige.
"Der durchschnittliche afrikanische Haushalt konsumiert heute 20 Prozent weniger als
vor 25 Jahren", stellt die UNDP (United Nation Development Program)
nüchtern fest.
Und weiter: "Die ärmsten 20 Prozent der Weltbevölkerung und mehr haben von der
Konsumexplosion nichts mitbekommen. Weit über eine Milliarde Menschen können sich
die elementarsten Grundbedürfnisse nicht erfüllen. Von den 4,4 Milliarden Menschen in
den Entwicklungsländern haben fast drei Fünftel keinerlei sanitäre Einrichtungen. Fast
ein Drittel hat keinen Zugang zu sauberem Wasser. Ein Viertel hat keine angemessene
Behausung. Ein Fünftel hat keinen Zugang zu moderner medizinischer Versorgung."
Die Lücke zwischen Arm und Reich auf der Erde wird immer größer. Wie
groß sie schon ist, zeigen die Verfasser des Berichts mit einigen Zahlen auf:
Das reichste Fünftel verzehrt 45 % des Fleisches und Fisches der Erde,
das ärmste nur 5 %.
Das reichste Fünftel verfügt über 74 % aller Telefone, das ärmste
über
1,5 %.
Das reichste Fünftel beschreibt oder bedruckt
84 % des Papiers, das auf der Welt produziert wird, das ärmste nur 1,1 %.
Das reichste Fünftel verbraucht 58 % der Weltenergie, das ärmste
weniger als 4 %.
Noch skandalöser werden diese Unterschiede aber dadurch,
dass der
Reichtum der einen die Armut der anderen noch vergrößert. Die reichen Länder holzen in
den ärmeren Ländern Wälder ab, fischen vor deren Küsten die Meere leer, ändern durch
ihre Industrieabgase das Klima, worunter wiederum die Ärmsten als erste leiden.

Nicht nur die Autos sind ungleich verteilt
Vor zwanzig Jahren dachte man noch, dass die Erschöpfung der nicht
erneuerbaren Ressourcen wie Erdöl, Kohle, Gas und anderer Bodenschätze das Hauptproblem
der Zukunft darstelle. Inzwischen, so der Bericht, ist vor allem die zunehmende
Verschlechterung und Zerstörung der erneuerbaren Ressourcen wie Luft, Boden und Wasser
besorgniserregend:
Zwanzig Länder der Erde leiden bereits unter akutem Wassermangel.
Ein Sechstel des bebaubaren Bodens der Erde ist durch Überweidung und
Erosion unfruchtbar gemacht worden.
Die Wälder schrumpfen. 1970 gab es noch 11,4 km² Wald pro 1.000
Einwohner auf der Erde, heute sind es nur noch 7,3 km².
25 % der Fischbestände der Erde sind bereits so gut wie ausgerottet, 44 %
sind so überfischt, dass sie kurz vor dem Zusammenbruch stehen.
Tiere und Pflanzen sterben 50- bis 100mal schneller aus, als dies ohne
Einwirkung des Menschen der Fall wäre.
Kein Wunder, dass die Vereinten Nationen ein großes Fragezeichen hinter
den immer größeren Konsum setzen - wobei sie allerdings betonen, nichts gegen Konsum an
sich zu haben. Doch die Frage sei: Dient er der Entwicklung der Menschen zu einem
menschenwürdigen Leben? "Konsum trägt ohne Zweifel zu menschlicher Entwicklung bei,
wenn er die Fähigkeiten und Möglichkeiten von Menschen erweitert und ihr Leben
bereichert, ohne jedoch andererseits das Wohlergehen anderer zu beeinträchtigen. Konsum
ist positiv, wenn er zu zukünftigen Generationen genauso fair ist wie zu den
gegenwärtigen."
Der Konsum in reicheren Ländern ist längst über dieses Ziel
hinausgeschossen. Er hat sich verselbständigt und ruft immer größere Bedürfnisse
hervor. Das Einkommen, das US-Amerikaner für notwendig hielten, um ihre
Konsumbedürfnisse zu befriedigen, verdoppelte sich zwischen 1984 und 1994. Eine
"globale Jugend" - im Bericht "global teens" genannt - verlangen
weltweit nach denselben Turnschuhen, Kleidungsstücken, Musik-CDs. Nicht mehr der Nachbar
ist der Maßstab für das Konsumziel, sondern die Stars, die man täglich im Fernsehen
sieht.
Dadurch steigt die Verschuldung in den Privathaushalten der reicheren
Länder an. Auch hier gibt es immer mehr Arme. Und die Entwicklungsländer leiden unter
großen Verschuldungsproblemen. "Viele Länder sind durch den Schuldendienst so stark
belastet, dass sie kaum in der Lage sind, bei der menschlichen Entwicklung oder der
Beseitigung von Armut Fortschritte zu machen", schreibt die Stuttgarter Zeitung.
"In 27 Ländern ist der Schuldenberg inzwischen höher als das Bruttosozialprodukt.
Die Länder in Afrika südlich der Sahara wandten in den vergangenen Jahren im
Durchschnitt zwölf Milliarden Dollar jährlich für die Rückzahlung von Schulden auf,
während sich der Gesamtbestand ihrer Schulden um 33 Milliarden Dollar erhöhte."
Sowohl zwischen reichen und armen Ländern als auch innerhalb der
einzelnen Länder wirkt also der Zinseszinsmechanismus wie eine Pumpe, die ständig Geld
von den Armen zu den Reichen umverteilt - und dadurch die Kluft vergrößert. Dies führt
zu einem Teufelskreis: Wer arm ist und nichts mehr zu verlieren hat, der nimmt auch keine
Rücksicht mehr auf die Natur und holzt den letzten Baum ab, um sich ein Essen zu kochen.
Oder brennt Wälder nieder, um für einige Jahre etwas anzubauen, bevor der Boden aufgrund
falscher Anbaumethoden erschöpft ist.
Dabei wäre es so leicht, den Armen der Welt wenigstens die grundlegenden
Bedürfnisse zu erfüllen. Im UNO-Bericht werden auch hierfür Zahlen genannt:
6 Milliarden Dollar (10,2 Mrd. DM) wären nötig, um den Menschen eine
schulische Grundausbildung zu garantieren, die bis jetzt keine haben.
Mit 9 Mrd. Dollar (15,3 Mrd. DM) könnte man Wasser und sanitäre
Einrichtungen für alle garantieren;
Und 13 Mrd. Dollar (22,1 Mrd. DM) würde eine weltweite
Gesundheitsversorgung für diejenigen kosten, die bisher darauf verzichten
mussten.
Zum Vergleich: Allein 8 Mrd. Dollar geben die US-Amerikaner jährlich für
Kosmetika aus, 17 Mrd. Dollar für Hundefutter. 11 Mrd. Dollar zahlen die Europäer jedes
Jahr für Eiskrem, 50 Mrd. Dollar für Zigaretten, 105 Mrd. Dollar für alkoholische
Getränke. Ca. 17 Milliarden Mark zahlt allein der deutsche Staat beiden Kirchen jedes
Jahr an Subventionen.
Wenn die Staaten der Erde nur ein Achtundzwanzigstel ihrer
Militärausgaben (780 Mrd. Dollar) für friedliche Zwecke einsetzen würden, könnten alle
drei Projekte - Bildung, Wasser, Gesundheit - sofort umgesetzt werden.
Die Vereinten Nationen nennen es in ihrem Bericht zu Recht einen
"Skandal", dass die reichen Länder die Beseitigung der schlimmsten Armut auf
der Erde bis heute nicht geschafft haben.
Mahatma Gandhi, so berichtet die Zeit (10.9.1998), wurde einmal
gefragt, ob Indien nach seiner Selbständigkeit den Lebensstandard der früheren
Kolonialmacht erreichen werde. Er antwortete: "Um zu seinem Wohlstand zu gelangen,
verbrauchte Großbritannien die Hälfte der Ressourcen des Planeten. Wie viele Planeten
wird ein Land wie Indien dazu benötigen?"
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