Das Weisse Pferd - Urchristliche Zeitung für Gesellschaft, Religion, Politik und Wirtschaft

Ausgabe 19/98

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Entwicklungsbericht der Vereinten Nationen

Die Reichen werden immer reicher - auf Kosten der Armen

"Ihr bangt um eure Aktiengewinne, wir sorgen uns um die nächste Mahlzeit", sagte ein Delegierter aus Indonesien auf dem Gipfeltreffen der Blockfreien Staaten in Durban, Südafrika, an die Adresse der reichen Länder der Erde gerichtet. Der jüngste Jahresbericht der Entwicklungsorganisation der Vereinten Nationen (UNDP) zeigt auf, dass der Zorn des Indonesiers mehr als berechtigt ist.

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Zwanzig Länder der Erde leiden unter akutem Wassermangel

Der weltweite Konsum stieg zwar auf die neue Rekordhöhe von 24 Billionen Dollar, das ist das Doppelte von 1975. Doch wirklich profitiert haben davon nur wenige. "Der durchschnittliche afrikanische Haushalt konsumiert heute 20 Prozent weniger als vor 25 Jahren", stellt die UNDP (United Nation Development Program) nüchtern fest. Und weiter: "Die ärmsten 20 Prozent der Weltbevölkerung und mehr haben von der Konsumexplosion nichts mitbekommen. Weit über eine Milliarde Menschen können sich die elementarsten Grundbedürfnisse nicht erfüllen. Von den 4,4 Milliarden Menschen in den Entwicklungsländern haben fast drei Fünftel keinerlei sanitäre Einrichtungen. Fast ein Drittel hat keinen Zugang zu sauberem Wasser. Ein Viertel hat keine angemessene Behausung. Ein Fünftel hat keinen Zugang zu moderner medizinischer Versorgung."

Die Lücke zwischen Arm und Reich auf der Erde wird immer größer. Wie groß sie schon ist, zeigen die Verfasser des Berichts mit einigen Zahlen auf:

  • Das Fünftel der Menschheit, das in den Ländern mit den höchsten Einkommen lebt, fährt 87 % aller Autos der Erde. Das ärmste Fünftel muss sich mit weniger als 1 % der Fahrzeuge begnügen.

  • Das reichste Fünftel verzehrt 45 % des Fleisches und Fisches der Erde, das ärmste nur 5 %.

  • Das reichste Fünftel verfügt über 74 % aller Telefone, das ärmste über
    1,5 %.

  • Das reichste Fünftel beschreibt oder bedruckt
    84 % des Papiers, das auf der Welt produziert wird, das ärmste nur 1,1 %.

  • Das reichste Fünftel verbraucht 58 % der Weltenergie, das ärmste weniger als 4 %.

Noch skandalöser werden diese Unterschiede aber dadurch, dass der Reichtum der einen die Armut der anderen noch vergrößert. Die reichen Länder holzen in den ärmeren Ländern Wälder ab, fischen vor deren Küsten die Meere leer, ändern durch ihre Industrieabgase das Klima, worunter wiederum die Ärmsten als erste leiden.

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Nicht nur die Autos sind ungleich verteilt

Vor zwanzig Jahren dachte man noch, dass die Erschöpfung der nicht erneuerbaren Ressourcen wie Erdöl, Kohle, Gas und anderer Bodenschätze das Hauptproblem der Zukunft darstelle. Inzwischen, so der Bericht, ist vor allem die zunehmende Verschlechterung und Zerstörung der erneuerbaren Ressourcen wie Luft, Boden und Wasser besorgniserregend:

  • Zwanzig Länder der Erde leiden bereits unter akutem Wassermangel.

  • Ein Sechstel des bebaubaren Bodens der Erde ist durch Überweidung und Erosion unfruchtbar gemacht worden.

  • Die Wälder schrumpfen. 1970 gab es noch 11,4 km² Wald pro 1.000 Einwohner auf der Erde, heute sind es nur noch 7,3 km².

  • 25 % der Fischbestände der Erde sind bereits so gut wie ausgerottet, 44 % sind so überfischt, dass sie kurz vor dem Zusammenbruch stehen.

  • Tiere und Pflanzen sterben 50- bis 100mal schneller aus, als dies ohne Einwirkung des Menschen der Fall wäre.

Kein Wunder, dass die Vereinten Nationen ein großes Fragezeichen hinter den immer größeren Konsum setzen - wobei sie allerdings betonen, nichts gegen Konsum an sich zu haben. Doch die Frage sei: Dient er der Entwicklung der Menschen zu einem menschenwürdigen Leben? "Konsum trägt ohne Zweifel zu menschlicher Entwicklung bei, wenn er die Fähigkeiten und Möglichkeiten von Menschen erweitert und ihr Leben bereichert, ohne jedoch andererseits das Wohlergehen anderer zu beeinträchtigen. Konsum ist positiv, wenn er zu zukünftigen Generationen genauso fair ist wie zu den gegenwärtigen."

Der Konsum in reicheren Ländern ist längst über dieses Ziel hinausgeschossen. Er hat sich verselbständigt und ruft immer größere Bedürfnisse hervor. Das Einkommen, das US-Amerikaner für notwendig hielten, um ihre Konsumbedürfnisse zu befriedigen, verdoppelte sich zwischen 1984 und 1994. Eine "globale Jugend" - im Bericht "global teens" genannt - verlangen weltweit nach denselben Turnschuhen, Kleidungsstücken, Musik-CDs. Nicht mehr der Nachbar ist der Maßstab für das Konsumziel, sondern die Stars, die man täglich im Fernsehen sieht.

Dadurch steigt die Verschuldung in den Privathaushalten der reicheren Länder an. Auch hier gibt es immer mehr Arme. Und die Entwicklungsländer leiden unter großen Verschuldungsproblemen. "Viele Länder sind durch den Schuldendienst so stark belastet, dass sie kaum in der Lage sind, bei der menschlichen Entwicklung oder der Beseitigung von Armut Fortschritte zu machen", schreibt die Stuttgarter Zeitung. "In 27 Ländern ist der Schuldenberg inzwischen höher als das Bruttosozialprodukt. Die Länder in Afrika südlich der Sahara wandten in den vergangenen Jahren im Durchschnitt zwölf Milliarden Dollar jährlich für die Rückzahlung von Schulden auf, während sich der Gesamtbestand ihrer Schulden um 33 Milliarden Dollar erhöhte."

Sowohl zwischen reichen und armen Ländern als auch innerhalb der einzelnen Länder wirkt also der Zinseszinsmechanismus wie eine Pumpe, die ständig Geld von den Armen zu den Reichen umverteilt - und dadurch die Kluft vergrößert. Dies führt zu einem Teufelskreis: Wer arm ist und nichts mehr zu verlieren hat, der nimmt auch keine Rücksicht mehr auf die Natur und holzt den letzten Baum ab, um sich ein Essen zu kochen. Oder brennt Wälder nieder, um für einige Jahre etwas anzubauen, bevor der Boden aufgrund falscher Anbaumethoden erschöpft ist.

Dabei wäre es so leicht, den Armen der Welt wenigstens die grundlegenden Bedürfnisse zu erfüllen. Im UNO-Bericht werden auch hierfür Zahlen genannt:

  • 6 Milliarden Dollar (10,2 Mrd. DM) wären nötig, um den Menschen eine schulische Grundausbildung zu garantieren, die bis jetzt keine haben.

  • Mit 9 Mrd. Dollar (15,3 Mrd. DM) könnte man Wasser und sanitäre Einrichtungen für alle garantieren;

  • Und 13 Mrd. Dollar (22,1 Mrd. DM) würde eine weltweite Gesundheitsversorgung für diejenigen kosten, die bisher darauf verzichten mussten.

Zum Vergleich: Allein 8 Mrd. Dollar geben die US-Amerikaner jährlich für Kosmetika aus, 17 Mrd. Dollar für Hundefutter. 11 Mrd. Dollar zahlen die Europäer jedes Jahr für Eiskrem, 50 Mrd. Dollar für Zigaretten, 105 Mrd. Dollar für alkoholische Getränke. Ca. 17 Milliarden Mark zahlt allein der deutsche Staat beiden Kirchen jedes Jahr an Subventionen.

Wenn die Staaten der Erde nur ein Achtundzwanzigstel ihrer Militärausgaben (780 Mrd. Dollar) für friedliche Zwecke einsetzen würden, könnten alle drei Projekte - Bildung, Wasser, Gesundheit - sofort umgesetzt werden.

Die Vereinten Nationen nennen es in ihrem Bericht zu Recht einen "Skandal", dass die reichen Länder die Beseitigung der schlimmsten Armut auf der Erde bis heute nicht geschafft haben.

Mahatma Gandhi, so berichtet die Zeit (10.9.1998), wurde einmal gefragt, ob Indien nach seiner Selbständigkeit den Lebensstandard der früheren Kolonialmacht erreichen werde. Er antwortete: "Um zu seinem Wohlstand zu gelangen, verbrauchte Großbritannien die Hälfte der Ressourcen des Planeten. Wie viele Planeten wird ein Land wie Indien dazu benötigen?"

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Der Bericht der UNDP kann im Internet unter http://www.undp.org abgerufen werden ("publications" anklicken).


 



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