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Wiederholt sich die
Weltwirtschaftskrise von 1929?Wirtschaft am Abgrund
"Jedes
Mal, wenn wir bei
der Asienkrise glauben, ein Licht im Tunnel zu sehen, kommt in Wahrheit nur ein Zug auf
uns zu", stöhnte der Geschäftsführer einer amerikanischen Beratungsagentur. Nach
Asien fiel auch die russische Wirtschaft ins Bodenlose. Wenig später zogen Anleger 15
Milliarden Dollar aus Brasilien ab - und die Krise in Lateinamerika bedroht nun auch
amerikanische Banken, die sich dort engagiert haben. "Das Szenario ist beängstigend:
Würde mit den Vereinigten Staaten der größte aller Dominosteine angetippt, dann würde
die Krise unweigerlich auch auf Europa übergreifen. Das wäre dann die
Weltwirtschaftskrise", so Der Spiegel.

"Die
Weltwirtschaftskrise"
Die Auswirkungen der monetären Kettenreaktion, die sich seit etwa einem
Jahr rund um den Globus zeigen, sind bereits jetzt verheerend. Zehn Millionen Menschen
haben allein in Asien aufgrund der Krise ihre Arbeitsplätze verloren. "25 Millionen
Asiaten, die vor einem Jahr noch zur aufstrebenden Mittelklasse gezählt wurden, sind
über Nacht verarmt", schreibt Facts. In Japan geben jede Woche 400 Firmen
auf. In Indonesien drohen neue Armutsrevolten. Eine Million asiatischer Kinder sind
mittlerweile in der Kinderprostitution gestrandet, zwei Millionen russische Kinder leben
auf der Straße. Russland ist inzwischen weitgehend zum Tauschhandel zurückgekehrt, drei
Viertel des Binnenhandels bestehen aus Tauschgeschäften: Pfifferlinge gegen
Fahrradschläuche, Sprechstunden gegen Gurken, Särge gegen Fischkonserven.
40 % der Weltwirtschaft befinden sich bereits in einer Rezession.
Der Wirtschaftsprofessor Wilhelm Hankel spricht in der Zeit (1.10.1998) von der
"zweiten großen Wirtschaftskrise des ausgehenden Jahrhunderts". Der
"Schwarze Freitag", der 25. Oktober 1929, jährt sich gerade zum 69. Mal. Könnte
sich all das wiederholen?
Heute sind die Banken zwar vorsichtiger und vergeben weniger Kredite für
Aktienspekulationen als vor 70 Jahren. Doch dafür mischen sie selbst bei abenteuerlichen
Spekulationen mit und kommen in Bedrängnis. Die Schweizer UBS-Bank verlor drei Milliarden
Franken, weil sie sich an dem bankrott gegangenen Hedge-Fonds (siehe
unten) LTCM (Long Term
Capital Management) beteiligt hatte. Die Dresdner Bank verlor eine Viertelmilliarde Mark.
Die Deutsche Bank, angeblich unbeteiligt, beteiligte sich dennoch mit einer halben
Milliarde an einer nächtlichen Rettungsaktion von 14 Banken und Investmenthäusern, die
offensichtlich notwendig wurde, um eine allgemeine Bankenpanik ähnlich der von 1929 zu
verhindern.
Gerade an den Hedge-Fonds (siehe
unten) zeigt sich der "globale
Irrsinn" der Spekulation, den Altbundeskanzler Helmut Schmidt in der Zeit anprangerte. Zwei
Wirtschafts-Nobelpreisträger hatten durch ihr "geniales" System dem LTCM-Fonds
vor zwei Jahren noch Renditen von 40 % beschert - doch Wirtschaftskrisen wie die
gegenwärtige waren in diesem System offensichtlich nicht eingeplant.
"Atomwaffe der neunziger Jahre"
"Längst ist das Weltfinanzsystem zum globalen Casinobetrieb
verkommen", schreibt der Spiegel. Die gigantische Summe von 1,5 Billionen
Dollar vagabundiert ständig um den Erdball, auf der Suche nach bestmöglicher Rendite.
Ein amerikanischer Wirtschaftsfachmann hat diese unberechenbaren Kapitalströme die
"Atomwaffe der neunziger Jahre" genannt. Die Währungen der einst als
"Tigerstaaten" gepriesenen asiatischen Schwellenländer und
Russlands haben sie
im Handumdrehen geknackt - wer garantiert, dass die Industrieländer dagegen gefeit sind?
Prof. Hankel hält mittelfristig sogar den Euro für bedroht.
Zwar kann die Geldpolitik heute wesentlich flexibler gehandhabt werden als
vor siebzig Jahren. Es gibt heute keine Goldbindung mehr, weil man inzwischen erkannt hat,
dass Geld bereits durch die Leistungen der Volkswirtschaft gedeckt ist. Doch es gibt
durchaus deflationäre Tendenzen.
Zum Beispiel Japan. Dort hat sich die Wirtschaft vom Platzen einer
Spekulationsblase Ende der achtziger Jahre nie ganz erholt. Die private Nachfrage
stagniert trotz niedrigster Zinsen - lediglich die Firmen, die Panzerschränke herstellen,
haben hohe Zuwächse. Immer mehr Japaner schließen ihr Geld lieber zuhause ein, als es zu
verleihen. Sie haben Angst vor der Zukunft.
Japan sitzt in einer klassischen "Liquiditätsfalle", wie sie
der bekannte Ökonom Keynes in den dreißiger Jahren beschrieb.
In einem Land wie Russland, in dem ohnehin nur ein Viertel der Menschen
überhaupt ein Konto besitzen, lässt sich eine Deflation im fortgeschrittenen Stadium
beobachten: Es gibt in weiten Teilen des Landes keine funktionierende Währung mehr,
sondern nur noch Ersatzwährungen wie z. B. Wodka.
Schreckgespenst Deflation
Doch auch in den Industrienationen des Westens macht das Schreckgespenst
Deflation die Runde. Die Inflation, früher ein lästiger Begleiter, ist kaum noch
vorhanden; das Preisniveau steigt kaum noch. Viele fordern schon ungeduldig eine Senkung
der Leitzinsen, um die Wirtschaft in Schwung zu bringen. Doch dies könnte ein
Trugschluss
sein. "Niedrige Zinsen sind kein Heilmittel", schreibt die Süddeutsche
Zeitung (17.9.1998) und fügt hinzu: "Was wäre dann gewonnen? Kein einziges
Investitionsprojekt wird deshalb zusätzlich angeschoben, kein Auto mehr gekauft".

Der Schein trügt: Die Türme der Finanzwelt
wachsen nicht in den Himmel
Die problematische Rolle von Kapital und Rendite wird in der Regel
übersehen, wenn nach den Ursachen von Wirtschaftskrisen geforscht wird. So wird es den
Krisenländern wie Thailand, Indonesien, Korea oder Russland meist als "bodenlose
Dummheit" ausgelegt, dass sie ihre Währungen auf Gedeih und Verderb in einem
festgelegten Wechselkurs zum Dollar gehalten hatten. Dies sei eine Einladung an die
Spekulanten gewesen, die Kurse zum Absturz zu bringen, sobald die Währung dieser Länder
gegenüber dem Dollar erkennbar überbewertet war. Dies ist auch tatsächlich so
abgelaufen - doch aus welchem Motiv wurde diese "Dummheit" begangen, die
übrigens von den schlauen Beratern aus dem Westen erst hinterher als solche erkannt
wurde? Prof. Hankel gibt eine Erklärung: "Die hohen Renditen der führenden
Industrieländer ... locken das Kapital dieser Welt an. Wer sonst an diesem
Kapitalsegen teilhaben will, muss seine Währung an den Dollar anbinden. Nur
müssen diese Kapitalimportländer dann ihr Renditeangebot auch doppelt absichern: Sie
müssen Inflation und Abwertung vermeiden. Und genau dies wollten oder konnten sich
viele Länder nicht leisten. Das enttäuschte Auslandskapital zog sich wieder zurück; ihm
folgten Millionen von Inlandssparern, die ihr Geld sicherheitshalber in Dollar oder Mark
angelegt hatten - die Krise war oder ist da!" (Die Zeit, 1.10.1998)
Es wird nun verständlich, weshalb zum Beispiel
Russland in der Krise mit
viel zu hohen Zinsen die eigene Wirtschaft noch mehr abwürgte: Man wollte durch dieses
"Zuckerbrot" das Kapital trotz Krise möglichst lange im Land halten.
Das Beispiel Russland zeigt auch, dass es noch weitere Gründe gibt,
weshalb die meisten Staaten feste gegenüberfrei beweglichen Wechselkursen bevorzugen. Der
fallende Rubelkurs machte es vielen Unternehmen nicht nur unmöglich, ihre in westlicher
Währung aufgenommenen Kredite zurückzuzahlen. Sie konnten auch die Ersatzteile und
Vorprodukte nicht mehr aus dem Ausland importieren, die sie für ihre Produktion
benötigen. In den Jahren nach dem Zerfall der Sowjetunion hatte man versäumt, die
heimische Infrastruktur neu aufzubauen. Sogar Lebensmittel wurden in großer Menge
importiert, was viele heimische Produzenten in den Ruin trieb. Jetzt rächt sich die
totale Öffnung der Märkte.
Feste Wechselkurse sind nur dann zwischen Ländern auf längere Sicht
einzuhalten, wenn ihre Volkswirtschaften ähnlich sind und ihre Wirtschaftslenker an einem
gemeinsamen Strang ziehen. So haben zum Beispiel Deutschland und Österreich seit vielen
Jahren feste Wechselkurse, ohne dass daraus Schwierigkeiten erwachsen. Die Weltmacht USA
jedoch, die aus dem Status einer Weltwährung des Dollars erheblichen Nutzen zieht, wird
wohl kaum mit Entwicklungsländern eine gemeinsame Geldpolitik anstreben, selbst wenn dies
möglich wäre.
Der Wirtschaftsaufschwung der ersten Jahrzehnte nach dem zweiten Weltkrieg
erfolgte in einem System fester Wechselkurse, dem Bretton-Woods-System
(siehe
unten). Als es Anfang der siebziger Jahre an seinen Schwächen zerbrach, probierte man es
einige Jahre mit frei "floatenden" Kursen. Doch schwankende Wechselkurse
erhöhen das Risiko jeder internationalen Handelstransaktion und verzerren den Wettbewerb.
Alle Versuche, z. B. im europäischen Rahmen feste Wechselkurse oder zumindest
"Zielzonen" fester Kurse einzuhalten, wurden früher oder später von
Spekulanten geknackt.
Die Spekulanten legen immer wieder den Finger in eine Wunde unseres
Geldsystems: Die Notenbanken sind unter den gegebenen Umständen nur schwer in der Lage,
die Geldmenge und ihren beständigen Umlauf zu kontrollieren. Dies wäre aber die
Voraussetzung dafür, eine wirkungsvolle Weltwährungsordnung zu errichten, nach der heute
wieder gerufen wird (siehe unten).
Gleichzeitig vergrößert sich ständig das
leistungslos erzielte Einkommen in den Händen weniger - für das aber andere arbeiten
müssen. Dieses drängt, auf der Suche nach größtmöglicher Rendite, an die Börse und
bläht diese auf.
Während die Wirtschaftsleistung der Industrieländer sich seit 1980 um
60 % erhöhte, stieg das an der Börse angelegte Kapital in diesem Zeitraum um 1.388 %.
Und 98 % des Geldes, das zwischen den Ländern hin- und her fließt, dient nicht dem Welthandel,
also dem Austausch von Waren und Dienstleistungen, sondern allein der Spekulation.
Gleichzeitig wissen immer mehr Menschen auf der Erde nicht, wie sie ihre elementarsten
Bedürfnisse erfüllen können.
Ruf
nach Kontrolle
Dieses vagabundierende Kapital sorgt für beständige Unruhe, ist von
Stimmungen abhängig, kann ganze Währungen kippen. Eine national eigenständige Politik
ist unter diesen Umständen kaum noch möglich - auch aufgrund der immensen Verschuldung,
unter der die meisten Länder leiden. Kein Wunder, dass der Ruf nach mehr Kontrolle laut
wird, dass Länder wie Malaysia bereits Abschottungsmaßnahmen wie Devisenkontrollen
ergriffen haben, um sich vor Raubzügen der Spekulanten zu schützen. Nun wird vielerorts
der "Markt" für seine kapitalistischen Verzerrungen und Auswüchse
verantwortlich gemacht.
Sich abzuschotten kann jedoch nur eine Notlösung sein.
Eine stärkere
Aufsicht über riskante Devisengeschäfte und ihre Einschränkung wäre hingegen sicher
wünschenswert. In Deutschland sind Hedge-Fonds nicht zugelassen. Solange sie aber in den
USA erlaubt sind, bleibt das Problem bestehen. Und falls sie dort verboten werden, gehen
deren Manager samt Geld eben in die Karibik.
Es müssten also alle Länder an einem Strang ziehen um solche Maßnahmen
durchzusetzen. Ähnliches gilt für die Besteuerung von kurzfristigen
Devisentransaktionen, wie sie Prof. Tobin schon vor 20 Jahren vorschlug.
Große Konzerne auf dem Vormarsch
Von der internationalen Uneinigkeit profitieren besonders die
multinationalen Konzerne. In die Krisennachrichten der letzten Monate mischte sich
bisweilen die Diskussion um ihre Rolle, weil sie durch immer neue Fusionen von sich reden
machen. "Globale Mega-Konzerne geraten außer Kontrolle" lautete eine
Schlagzeile der Süddeutschen Zeitung im August. Ebenfalls im August kaufte der
britische Mineralölkonzern BP für 48 Milliarden Dollar den US-Konzern Amoco - die
(bisher) größte Industrie-Fusion aller Zeiten. Gleichzeitig lassen sich die
multinationalen Konzerne in einer Geheimverhandlung namens MAI (Multilateral Agreement
on Investigations) ihr "Recht" absichern, möglichst überall auf der Welt
ohne Einschränkungen sozialer oder umweltpolitischer Art investieren zu können. Während
der Stern das "Modell eines globalen Kapitalismus" für
"entzaubert" hält, arbeiten die Multis am "Schlussstein in der Architektur
der neoliberalen Globalisierung" (Freitag). Die große Krise dürfte dies
erleichtern - denn wer achtet in solchen Zeiten schon auf Gewerkschaftsrechte und
Umweltschutz?
Als erste trifft die Krise den Mittelstand, in
Russland etwa die jungen
Unternehmer, die den Schritt in die Selbständigkeit wagten. Zu den Verlierern gehören
auch die Kleinanleger an der Börse, denen man, wie 1929, weisgemacht hat, so könne man
schnell reich werden. Der Verlust der einen ist der Gewinn der anderen - denn entgegen
einer weit verbreiteten Meinung werden an der Börse keine Vermögen
"vernichtet" - sie werden nur umverteilt (siehe
unten).
Der "globale
Irrsinn" wird also weitergehen. Wer will es asiatischen
Staatsmännern verdenken, dass sie dem "christlichen"
Westen inzwischen abgrundtief misstrauen, der sein aberwitziges System
einer gnadenlosen Bereicherung auf Kosten anderer rund um den Globus
verbreitet hat?
Aus dem Geld, das - recht gehandhabt und verwaltet - das Leben der
Menschen erleichtern könnte, hat man eine Ware gemacht, die sich angeblich von selbst
vermehrt. Doch der Geldvermehrung liegt letztlich die Ausbeutung des Nächsten zugrunde,
wodurch die Ungleichheit zwischen den Menschen immer größer wird.
Experten wissen
nicht mehr ein noch aus
Die Analyse der wirtschaftlichen Phänomene macht auch etwas
anderes deutlich: Die Experten wissen nicht mehr ein noch aus. Wo der Egoismus bzw. das
Ausnutzen anderer die Entscheidungen bestimmt, bewegt man sich noch tiefer in den Abgrund
hinein.
Wer alles nur für sich will und sich auf Kosten anderer
bereichert, der wird innerlich immer ärmer und irgendwann auch äußerlich verarmen.
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Heute reich, morgen arm
Was du heute denkst und tust,
das sind die Samen für morgen. Deshalb wird der Reiche, der sich nur um sein Wohl und
seine Habe bemüht, gemäß seinem Leben nach und nach alles verlieren, bis er an Leib und
Seele so arm geworden ist, dass er um sein Lebensbrot betteln oder es schwer verdienen
muss.
Jeder empfängt, ... so wie er denkt und sich gibt.
(Aus: Vaterworte auch an Dich, Verlag DAS WORT,
http://www.das-wort.com/deutsch/bewusstes-leben/vaterworte.php) |
Wer jedoch an dem Ort, an dem er heute steht, nach einer höheren Ethik
und Moral zu leben beginnt und seinen Egoismus schrittweise überwindet, der wird auch im
Äußeren Wege aus der Krise finden. Jesus von Nazareth hat es in der Bergpredigt gelehrt:
"Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes, dann wird euch alles andere hinzu gegeben
werden." (Matthias Holzbauer, Diplom-Sozialwirt) |