Das Weisse Pferd - Urchristliche Zeitung für Gesellschaft, Religion, Politik und Wirtschaft

Ausgabe 21/98

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Ich Ich Ich - Die Spinne im Netz (2)

Reden mit gespaltener Zunge

In Western-Filmen sagen Indianer manchmal: "Das Bleichgesicht spricht mit gespaltener Zunge." Die Bedeutung des Satzes: "Er redet schön, doch er denkt anders." Die Zunge eines Menschen kann allerdings nicht nur einfach gespalten sein, sondern gleich mehrfach.

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"Ich freue mich ja so, dass Sie uns jetzt unterstützen!"

Dazu ein Beispiel: Nach dem Ausscheiden eines älteren Betriebsangehörigen weist ein Angestellter einen neuen Kollegen in ein Arbeitsgebiet ein.

  • Würde der Angestellte aus dem Göttlichen sprechen, wäre seine Sprache klar, mit dem Positiven in allem verbunden und auf die Situation bezogen. Doch er spricht mit mehreren Zungen:

  • Seine zweite Zunge sind seine neidischen Empfindungen, weil der Kollege mit einem deutlich höheren Anfangsgehalt beginnt als seinerzeit er selbst.

  • Seine dritte Zunge ist sein beklemmendes Gefühl, der neue könnte ihn eines Tages aus manchen Verantwortungsbereichen verdrängen.

  • Mit seiner vierten Zunge, seinen Gedanken, stellt er sich deshalb gegen den Neuen und denkt sich: "Ich zweifle, ob er für die Aufgabe der Richtige ist. Außerdem werde ich ihm nur bestimmte Dinge zeigen, einige Informationen werde ich für mich behalten. Wenn er deswegen Fehler macht, kann ich immer korrigierend eingreifen und bleibe der unersetzbare Experte."

  • Zunge Nr. 5 ist das gesprochene Wort. Zum neuen Kollegen sagt er nämlich: "Ich bin froh, dass wir wieder Verstärkung bekommen haben, und ich freue mich auf die Zusammenarbeit. Wenn Sie Fragen oder Probleme haben, können Sie sich mit allem vertrauensvoll an mich wenden."

  • Seine sechste Zunge sind seine Taten: Heimlich kontrolliert er nach Feierabend die Arbeit seines Kollegen.

  • Schließlich berichtet er dem Chef, der für die Neueinstellung verantwortlich war, und formt im Gespräch eine Mixtur aus allen Zungen, welche lautet: Der Kollege sei ohne Zweifel insgesamt ein qualifizierter Mann, doch müsse dieser erst einmal unter Beweis stellen, ob er den Anforderungen auch gewachsen sei. Er, der Erfahrene, werde jedoch persönlich dafür Sorge tragen, dass bestimmte Defizite bei dem Neuen dem Betrieb nicht zum Schaden gereichen, und dass man gemeinsam die angestrebten Ziele erreicht.

Das Beispiel zeigt: Der Mensch ist einem Mischpult vergleichbar, das aus allen Eingaben und Programmen, die in ihm gespeichert sind, seine Worte formen und sein Verhalten gestalten kann. Dieses Mischpult arbeitet für eigennützige Zwecke des Menschen: Mit meinen Worten und Taten manipuliere ich meine Mitmenschen so, dass sie bestimmte Dienste für mich tun, mir bestimmte Wünsche erfüllen oder sich so verhalten, wie es zu meinen Vorstellungen passt.

Ob der Nächste merkt, wie er manipuliert wird?

Weil er z. B. in "guter Nachbarschaft" mit seinem Mitmenschen leben möchte oder Anerkennung von ihm will, verhält er sich oft unbewusst so, wie es der andere von ihm erwartet.

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Wir Menschen reden oft anders, als wir denken, und wir denken anders, als wir empfinden

So wird er kaum merklich vom ihm gesteuert. Er kann aber nur dann gesteuert werden, wenn er von anderen etwas möchte, z. B. Anerkennung oder persönliche Zuwendung. Wer innerlich frei ist von dem Verhalten anderer ihm gegenüber, der lernt seine Mitmenschen allmählich durchschauen und weiß, wenn diese mit gespaltenen Zungen auf ihn zugehen.

Der Weg zu dieser inneren Freiheit beginnt mit der Selbsterkenntnis. Wo manipuliere ich meine Nächsten? Wo wickle ich sie in mein Spinnennetz ein, so dass sie mir zu Diensten sind, letztlich "Energielieferanten" für mich sind?

Wer sich selbst erkannt hat, mehr und mehr nur mit einer Zunge spricht und den Nächsten nicht mehr manipulieren will, der gewinnt auch Verständnis und Barmherzigkeit für seinen Nächsten. Er wird nicht mit ihm streiten, aber auch dessen vielzüngiges Spiel nicht unterstützen.

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