| Ich Ich Ich - Die Spinne im
Netz (2) Reden
mit gespaltener Zunge
In Western-Filmen sagen
Indianer manchmal: "Das Bleichgesicht spricht mit gespaltener
Zunge." Die Bedeutung des Satzes: "Er redet schön, doch er
denkt anders." Die Zunge eines Menschen kann allerdings nicht nur
einfach gespalten sein, sondern gleich mehrfach.

"Ich freue mich ja so,
dass Sie uns jetzt unterstützen!"
Dazu ein Beispiel: Nach dem Ausscheiden eines älteren
Betriebsangehörigen weist ein Angestellter einen neuen Kollegen in ein Arbeitsgebiet ein.
Würde der Angestellte aus dem
Göttlichen sprechen, wäre seine Sprache klar, mit dem Positiven in allem verbunden und
auf die Situation bezogen. Doch er spricht mit mehreren Zungen:
Seine zweite Zunge sind seine
neidischen Empfindungen, weil der Kollege mit einem deutlich höheren Anfangsgehalt
beginnt als seinerzeit er selbst.
Seine dritte Zunge ist sein
beklemmendes Gefühl, der neue könnte ihn eines Tages aus manchen Verantwortungsbereichen
verdrängen.
Mit seiner vierten Zunge, seinen
Gedanken, stellt er sich deshalb gegen den Neuen und denkt sich: "Ich zweifle, ob er
für die Aufgabe der Richtige ist. Außerdem werde ich ihm nur bestimmte Dinge zeigen,
einige Informationen werde ich für mich behalten. Wenn er deswegen Fehler macht, kann ich
immer korrigierend eingreifen und bleibe der unersetzbare Experte."
Zunge Nr. 5 ist das gesprochene
Wort. Zum neuen Kollegen sagt er nämlich: "Ich bin froh, dass wir wieder
Verstärkung bekommen haben, und ich freue mich auf die Zusammenarbeit. Wenn Sie Fragen
oder Probleme haben, können Sie sich mit allem vertrauensvoll an mich wenden."
Seine sechste Zunge sind seine
Taten: Heimlich kontrolliert er nach Feierabend die Arbeit seines Kollegen.
Schließlich berichtet er dem
Chef, der für die Neueinstellung verantwortlich war, und formt im Gespräch eine Mixtur
aus allen Zungen, welche lautet: Der Kollege sei ohne Zweifel insgesamt ein qualifizierter
Mann, doch müsse dieser erst einmal unter Beweis stellen, ob er den Anforderungen auch
gewachsen sei. Er, der Erfahrene, werde jedoch persönlich dafür Sorge tragen,
dass
bestimmte Defizite bei dem Neuen dem Betrieb nicht zum Schaden gereichen, und
dass man
gemeinsam die angestrebten Ziele erreicht.
Das Beispiel zeigt: Der Mensch
ist einem Mischpult vergleichbar, das aus allen Eingaben und Programmen, die in ihm
gespeichert sind, seine Worte formen und sein Verhalten gestalten kann. Dieses
Mischpult arbeitet für eigennützige Zwecke des Menschen: Mit meinen Worten und Taten
manipuliere ich meine Mitmenschen so, dass sie bestimmte Dienste für mich tun, mir
bestimmte Wünsche erfüllen oder sich so verhalten, wie es zu meinen Vorstellungen
passt.
Ob der Nächste merkt, wie er manipuliert wird?
Weil er z. B. in "guter Nachbarschaft" mit seinem Mitmenschen
leben möchte oder Anerkennung von ihm will, verhält er sich oft
unbewusst so, wie es der
andere von ihm erwartet.

Wir Menschen reden oft anders, als wir denken, und wir denken anders, als wir empfinden
So wird er kaum merklich vom ihm gesteuert. Er kann aber nur dann
gesteuert werden, wenn er von anderen etwas möchte, z. B. Anerkennung oder persönliche
Zuwendung. Wer innerlich frei ist von dem Verhalten anderer ihm gegenüber, der lernt
seine Mitmenschen allmählich durchschauen und weiß, wenn diese mit gespaltenen Zungen auf
ihn zugehen.
Der Weg zu dieser inneren Freiheit beginnt mit der Selbsterkenntnis. Wo
manipuliere ich meine Nächsten? Wo wickle ich sie in mein Spinnennetz ein, so
dass sie
mir zu Diensten sind, letztlich "Energielieferanten" für mich sind?
Wer sich selbst erkannt hat, mehr und mehr nur mit einer Zunge spricht und
den Nächsten nicht mehr manipulieren will, der gewinnt auch Verständnis und
Barmherzigkeit für seinen Nächsten. Er wird nicht mit ihm streiten, aber auch dessen
vielzüngiges Spiel nicht unterstützen. |
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