|
Die NATO droht
Jugoslawien mit einem Angriff
- Doch eine Warnung: Mit Gewalt erreicht man keinen Frieden
"Die Serben wollen einen
Kosovo ohne Albaner. Die Albaner wollen einen Kosovo ohne Serben. Daran kann auch eine
Militärintervention nichts ändern." Auf diesen kurzen Punkt brachte das neue
österreichische Magazin Format das Kosovo-Problem. Dennoch droht dieser Konflikt
früher oder später international zu eskalieren. In Deutschland regt sich kaum Widerstand
gegen eine Beteiligung der Bundeswehr an einem ethnischen Konflikt, den kaum jemand
durchschaut.

Wenn der Balkan ruft
...
In letzter Minute lenkte der jugoslawische Präsident Milosevic ein und
zog zumindest einen Teil seiner Truppen aus der Unruheprovinz im Süden Serbiens zurück.
Damit ist aber noch lange kein Frieden eingekehrt. Der angedrohte Militärschlag der NATO
blieb zwar zunächst aus - doch Beobachter erwarten, dass die verfeindeten Serben und
Albaner sich lediglich in eine Art "Winterschlaf" zurückziehen werden, um dann
im Frühjahr erneut loszuschlagen.
Leidtragende der Gewalt sind die über 250.000 meist albanischen
Flüchtlinge, von denen etwa 50.000 in den Wäldern leben, nachdem sie von serbischen
Truppen aus ihren Dörfern vertrieben wurden. Ihre Häuser sind zerstört, viele ihrer
Angehörigen von der Miliz ermordet worden.
Eine Minderheit von 150.000 Serben herrscht im Kosovo (deutsch: Amselfeld)
über 1,7 Millionen Albaner. Die Serben haben den Albanern alle wichtigen Posten in
Verwaltung und Wirtschaft abgenommen, ihre Miliz hat sie jahrelang schikaniert. Sie
setzten ihr Vertrauen auf eine "Befreiungsarmee" und erleben als Reaktion nun
die "Säuberung" ganzer Landstriche - möglicherweise, um eine Teilung des
Landes in einen serbischen und einen albanischen Teil vorzubereiten. Die Empörung der
Öffentlichkeit über das Unrecht an der Bevölkerung ist verständlich. Doch wird den
Betroffenen wirklich geholfen, wenn auf Jugoslawien NATO-Bomben fallen?
Wem nützt
der Krieg?
"Seit wann wären es die Menschen, denen es nützt, wenn in
ihrem Land ein Krieg eskaliert?", fragt Reinhard Mutz vom Institut für
Friedensforschung und Sicherheitspolitik in Hamburg in der Weltwoche
(8.10.1998).
Ähnlich skeptisch äußert sich Ivan Ivanj im Rheinischen Merkur (16.10.1998):
"Die Begründung (der NATO, d. Red.), man wolle mit Luftangriffen eine
humanitäre Katastrophe vermeiden, klang zynisch; denn allein auf Grund der Drohungen
zogen sich die meisten internationalen Helfer zurück. Nach der ersten Rakete oder Bombe
dürften alle Hilfsmaßnahmen zusammenbrechen. Dann könnten im Winter zehn- oder
hundertmal mehr Opfer von Hunger, Frost, Krankheiten und Mord, Albanern wie Serben, zu
beklagen sein als bisher."
Kann man mit Waffengewalt wirklich friedliche Ziele erreichen? Oder dient
das neue Schlagwort der "Humanitären Intervention" der NATO nur dazu, einen
bewaffneten Angriff gegen einen souveränen Staat zu rechtfertigen? (Siehe Kasten) Der jetzt
angedrohte Einsatz in Jugoslawien wird von NATO-Oberbefehlshaber Clark selbst unverblümt
"Angriff auf Jugoslawien" genannt.
Auch wenn leichtfertige Kommentatoren mancher Gazetten so tun, als ob sich
die NATO aus "moralischen" Erwägungen heraus nicht um die Warnungen
Russlands
und Chinas vor einem Militäreinsatz kümmern solle - die NATO ist mit ihrer derzeitigen
Politik dabei, das angeschlagene Russland immer mehr in die Arme Chinas zu treiben.
Ein Eingreifen der NATO wäre aber nicht nur rechtlich fragwürdig - es
ist auch politisch ohne Konzept. "Eingreifen im Kosovo - und dann?", fragt
Herbert Kremp in der Welt am Sonntag. Welche der verschiedenen denkbaren
Lösungsmöglichkeiten (Autonomie des Kosovo innerhalb Serbiens, eigenes Bundesland Kosovo
innerhalb Jugoslawiens oder unabhängiger Staat) favorisiert die NATO? Wäre man wirklich
bereit und in der Lage, im Falle eines Nicht-Einlenkens der serbischen Seite Bodentruppen
in den Balkan zu entsenden? Der NATO-General Klaus Naumann spricht von mindestens 50.000
Mann, die hierfür nötig wären - und die dann zwischen die verfeindeten Fronten geraten
würden. "Das wird wie der Südlibanon", sagte dazu ein französischer Offizier.
"Wir gehen für fünfzehn Tage rein und bleiben fünfzehn Jahre"
(Weltwoche, 18.6.1998).

Wollen die serbischen Machthaber Kosovo in
zwei Teile teilen und nur den östlichen Teil (Metochien) bei Jugoslawien behalten? Die
Schweizer "Weltwoche" äußerte die Befürchtung, dass die bereits erfolgten
Vertreibungen von Albanern der Umsetzung eines solchen Plans (siehe Karte)
dienen könnten
Eine gewaltsame Intervention würde auch innerhalb Serbiens nur die
Position Milosevics stärken. Denn sogar der oppositionelle Vuk Draskovic will den Kosovo
bei Serbien behalten. Milosevic hat die Krisensituation bereits dazu genutzt, die
Pressefreiheit noch mehr einzuschränken. Sein Koalitionspartner, der radikale Nationalist
Seselj, verbreitet derweil Angst und Schrecken unter den sonstigen nationalen Minderheiten
Jugoslawiens (wie den 300.000 Ungarn in Nordserbien), weil er alle Nicht-Serben als
"Verräter" ansieht, die man eines Tages auch als Geiseln nehmen könne.
Ältere Belgrader können sich noch sehr gut an die beiden Bombenangriffe
1941 und 1944 erinnern - beide Male ausgerechnet am orthodoxen Ostersonntag: der erste
durch deutsche Flugzeuge, der zweite durch alliierte. Und nun beide zusammen?
Im Grunde ist das Kosovo-Problem seit vielen Jahren bekannt. Dennoch wurde
versäumt, es vor drei Jahren bei den Friedensverhandlungen in Dayton über Bosnien gleich
mit anzusprechen und auch seither hat niemand eine Balkan-Konferenz einberufen. In Bosnien
hält man mit ausländischen Truppen die Fiktion eines gemeinsamen Staates aufrecht,
obwohl die drei Volksgruppen (Serben, Kroaten, Moslems) auf absehbare Zeit voneinander
getrennt leben. Erst jetzt scheint der internationalen Diplomatie
bewusst zu werden, dass
auch dieser mit NATO-Gewalt herbeigeführte "Friede" Schall und Rauch ist,
sobald die Dinge im Kosovo weiter eskalieren. "Ein unabhängiges Kosovo würde den
Vertrag von Dayton in die Luft sprengen", sagt ein Vertreter der Europäischen Union.
Denn dann könnte man auch die bosnischen Serben nicht mehr daran hindern, ihre
Vorstellungen in die Tat umzusetzen, nämlich den bosnischen Staat zu verlassen und sich
Serbien anzuschließen. Gleiches Recht für alle.
Spätestens jetzt, drei Jahre nach Dayton, zeigt sich die Kurzsichtigkeit
einer Politik, die glaubt, Bomben und Raketen seien "die Wunderwaffen, die einen
tief verwurzelten, hoch komplizierten Nationalitätenkonflikt auslöschen können wie einen
Lichtschalter", wie Friedensforscher Mutz sarkastisch feststellt.
Aus
1913 nichts gelernt?
Die Großmächte versuchten schon einmal, den Konflikt von außen zu
"lösen". 1913 stoppten sie den Vormarsch der Serben im Balkankrieg, die gerade
dabei waren, nicht nur den Kosovo, sondern Nordalbanien bis zum Mittelmeer dem Osmanischen
Reich (Türkei) zu entreißen. Die heutigen Grenzen in diesem Gebiet sind von den
damaligen Großmächten gezogen worden, die das bis dahin im Osmanenreich vereinte
Siedlungsgebiet der Albaner zerstückelten und auf drei - heute vier - Staaten verteilten:
Albanien, Serbien, Mazedonien, Montenegro. Damit legten sie den Grundstein für den
heutigen albanischen Nationalismus, der sich mit dieser Situation nicht abfindet. Die
Serben hingegen hätten ohne die damalige militärische Einmischung der Großmächte
vielleicht schon viel früher gemerkt, dass sie sich mit den albanischen Siedlungsgebieten
ein "serbisches Algerien" ins Haus holen, wie es der Historiker Aleksander
Djilas ihnen für den Kosovo prophezeit.
Hat man aus der Geschichte nichts gelernt? Einige Jahrzehnte lang sah es
nach dem Zweiten Weltkrieg so aus, als ob wenigstens die Deutschen aus den kriegerischen
Verirrungen ihrer Geschichte Schlüsse gezogen hätten. Nie mehr sollte von deutschem
Boden ein Angriffskrieg ausgehen, so wollten es die Väter des Grundgesetzes. Noch 1995,
als die Bundeswehr sich an Einsätzen in Bosnien beteiligte, befürwortete nur jeder
fünfte Deutsche den Einsatz militärischer Gewalt, um "Frieden" zu schaffen.
Jeder vierte Deutsche bezeichnete sich als Pazifist.
Heute hört man kaum mehr etwas von solchen Umfragen. Mit geschickter
"Salamitaktik" haben deutsche Politiker fast aller Lager in den vergangenen
Jahren die Bundeswehr in immer weitergehende Einsätze im Ausland hineingezogen. Das
deutsche Bundesverfassungsgericht hat 1994 zwar grundsätzlich Auslandseinsätze der
Bundeswehr für möglich erklärt - jedoch nur, wenn sie im Rahmen der Vereinten Nationen
beschlossen wurden.
Auch diese Einschränkung soll nunmehr durch "Ausnahmen"
umgangen werden.
Sogar die Grünen, vor Jahren noch eine pazifistische Partei, die das
Prinzip der "Gewaltfreiheit" im Parteiprogramm hatte, sind teilweise
umgeschwenkt auch wenn sie nach wie vor auf einem Mandat der UNO bestehen. Und auch in
Österreich mehren sich die Stimmen, die ein Abrücken von der Neutralität befürworten.
Und auch die Kirchen, die vorgeben, die Moral und Ethik des Jesus von
Nazareth hochzuhalten, haben längst "gerechte" Kriege genehmigt, so wie sie es
in der Geschichte immer hielten, und so wie sie auch schon nach dem Zweiten Weltkrieg die
Wiederbewaffnung der Deutschen vorantrieben. Jesus von Nazareth lehrte aber nicht, man
solle sich mit Waffengewalt in Konflikte seiner Nachbarn einschalten. Er gebot Seinen
Jüngern, Vorbild zu sein und Frieden zu schließen, indem jeder zunächst selbst seinen
Anteil findet, diesen bereut, um Verzeihung bittet und sich in Zukunft anders verhält.
Echter Friede beginnt schon in Gedanken. Das gilt für einzelne wie für ganze Völker.
Wie könnte dies im Krieg zwischen Serben und Albanern aussehen - nach all´ den Wunden,
die sich beide Seiten gegenseitig schlugen? Wer Christ ist - und zumindest die Serben
bezeichnen sich als solche - tut den ersten Schritt auf den Nächsten zu. Jesus sprach
auch über das Gesetz von Saat und Ernte, wonach Gewalt immer Gegengewalt auslöst und
schon von daher für eine Konfliktlösung, gleich welcher Art, völlig ungeeignet ist:
"Wer zum Schwert greift, wird durch das Schwert umkommen." Er regte deshalb
keine "humanitären Interventionen" an, die in Wirklichkeit mehr Menschenleben
kosten können, als sie zu retten vorgeben.
Die Lehre der Reinkarnation, die Jesus und den frühen Christen bekannt
war, wurde wie das Gesetz von Saat und Ernte von der Kirche unterdrückt. Dabei könnte
schon allein das Wissen um diese geistigen Tatsachen die Unsinnigkeit jedes Völkerkampfes
aufzeigen, bei dem sich beide Seiten im Recht fühlen (siehe Kasten). Dabei spielt es
keine Rolle, ob die einzelne Seele im gleichen Volk wieder den gleichen
Hass weiter
aufbaut, oder ob sie im Verlauf der Einverleibungen die Seiten wechselt. Wer heute Albaner
ist, kann morgen als Serbe wiederkommen, und umgekehrt. |
|