Das Weisse Pferd - Urchristliche Zeitung für Gesellschaft, Religion, Politik und Wirtschaft

Ausgabe 21/98

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Die NATO droht Jugoslawien mit einem Angriff - Doch eine Warnung:

Mit Gewalt erreicht man keinen Frieden

"Die Serben wollen einen Kosovo ohne Albaner. Die Albaner wollen einen Kosovo ohne Serben. Daran kann auch eine Militärintervention nichts ändern." Auf diesen kurzen Punkt brachte das neue österreichische Magazin Format das Kosovo-Problem. Dennoch droht dieser Konflikt früher oder später international zu eskalieren. In Deutschland regt sich kaum Widerstand gegen eine Beteiligung der Bundeswehr an einem ethnischen Konflikt, den kaum jemand durchschaut.

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Wenn der Balkan ruft ...

In letzter Minute lenkte der jugoslawische Präsident Milosevic ein und zog zumindest einen Teil seiner Truppen aus der Unruheprovinz im Süden Serbiens zurück. Damit ist aber noch lange kein Frieden eingekehrt. Der angedrohte Militärschlag der NATO blieb zwar zunächst aus - doch Beobachter erwarten, dass die verfeindeten Serben und Albaner sich lediglich in eine Art "Winterschlaf" zurückziehen werden, um dann im Frühjahr erneut loszuschlagen.

Leidtragende der Gewalt sind die über 250.000 meist albanischen Flüchtlinge, von denen etwa 50.000 in den Wäldern leben, nachdem sie von serbischen Truppen aus ihren Dörfern vertrieben wurden. Ihre Häuser sind zerstört, viele ihrer Angehörigen von der Miliz ermordet worden.

Eine Minderheit von 150.000 Serben herrscht im Kosovo (deutsch: Amselfeld) über 1,7 Millionen Albaner. Die Serben haben den Albanern alle wichtigen Posten in Verwaltung und Wirtschaft abgenommen, ihre Miliz hat sie jahrelang schikaniert. Sie setzten ihr Vertrauen auf eine "Befreiungsarmee" und erleben als Reaktion nun die "Säuberung" ganzer Landstriche - möglicherweise, um eine Teilung des Landes in einen serbischen und einen albanischen Teil vorzubereiten. Die Empörung der Öffentlichkeit über das Unrecht an der Bevölkerung ist verständlich. Doch wird den Betroffenen wirklich geholfen, wenn auf Jugoslawien NATO-Bomben fallen?

Wem nützt der Krieg?

"Seit wann wären es die Menschen, denen es nützt, wenn in ihrem Land ein Krieg eskaliert?", fragt Reinhard Mutz vom Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik in Hamburg in der Weltwoche (8.10.1998). Ähnlich skeptisch äußert sich Ivan Ivanj im Rheinischen Merkur (16.10.1998): "Die Begründung (der NATO, d. Red.), man wolle mit Luftangriffen eine humanitäre Katastrophe vermeiden, klang zynisch; denn allein auf Grund der Drohungen zogen sich die meisten internationalen Helfer zurück. Nach der ersten Rakete oder Bombe dürften alle Hilfsmaßnahmen zusammenbrechen. Dann könnten im Winter zehn- oder hundertmal mehr Opfer von Hunger, Frost, Krankheiten und Mord, Albanern wie Serben, zu beklagen sein als bisher."

Kann man mit Waffengewalt wirklich friedliche Ziele erreichen? Oder dient das neue Schlagwort der "Humanitären Intervention" der NATO nur dazu, einen bewaffneten Angriff gegen einen souveränen Staat zu rechtfertigen? (Siehe Kasten) Der jetzt angedrohte Einsatz in Jugoslawien wird von NATO-Oberbefehlshaber Clark selbst unverblümt "Angriff auf Jugoslawien" genannt.

Auch wenn leichtfertige Kommentatoren mancher Gazetten so tun, als ob sich die NATO aus "moralischen" Erwägungen heraus nicht um die Warnungen Russlands und Chinas vor einem Militäreinsatz kümmern solle - die NATO ist mit ihrer derzeitigen Politik dabei, das angeschlagene Russland immer mehr in die Arme Chinas zu treiben.

Ein Eingreifen der NATO wäre aber nicht nur rechtlich fragwürdig - es ist auch politisch ohne Konzept. "Eingreifen im Kosovo - und dann?", fragt Herbert Kremp in der Welt am Sonntag. Welche der verschiedenen denkbaren Lösungsmöglichkeiten (Autonomie des Kosovo innerhalb Serbiens, eigenes Bundesland Kosovo innerhalb Jugoslawiens oder unabhängiger Staat) favorisiert die NATO? Wäre man wirklich bereit und in der Lage, im Falle eines Nicht-Einlenkens der serbischen Seite Bodentruppen in den Balkan zu entsenden? Der NATO-General Klaus Naumann spricht von mindestens 50.000 Mann, die hierfür nötig wären - und die dann zwischen die verfeindeten Fronten geraten würden. "Das wird wie der Südlibanon", sagte dazu ein französischer Offizier. "Wir gehen für fünfzehn Tage rein und bleiben fünfzehn Jahre" (Weltwoche, 18.6.1998).

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Wollen die serbischen Machthaber Kosovo in zwei Teile teilen und nur den östlichen Teil (Metochien) bei Jugoslawien behalten? Die Schweizer "Weltwoche" äußerte die Befürchtung, dass die bereits erfolgten Vertreibungen von Albanern der Umsetzung eines solchen Plans (siehe Karte) dienen könnten

Eine gewaltsame Intervention würde auch innerhalb Serbiens nur die Position Milosevics stärken. Denn sogar der oppositionelle Vuk Draskovic will den Kosovo bei Serbien behalten. Milosevic hat die Krisensituation bereits dazu genutzt, die Pressefreiheit noch mehr einzuschränken. Sein Koalitionspartner, der radikale Nationalist Seselj, verbreitet derweil Angst und Schrecken unter den sonstigen nationalen Minderheiten Jugoslawiens (wie den 300.000 Ungarn in Nordserbien), weil er alle Nicht-Serben als "Verräter" ansieht, die man eines Tages auch als Geiseln nehmen könne.

Ältere Belgrader können sich noch sehr gut an die beiden Bombenangriffe 1941 und 1944 erinnern - beide Male ausgerechnet am orthodoxen Ostersonntag: der erste durch deutsche Flugzeuge, der zweite durch alliierte. Und nun beide zusammen?

Im Grunde ist das Kosovo-Problem seit vielen Jahren bekannt. Dennoch wurde versäumt, es vor drei Jahren bei den Friedensverhandlungen in Dayton über Bosnien gleich mit anzusprechen und auch seither hat niemand eine Balkan-Konferenz einberufen. In Bosnien hält man mit ausländischen Truppen die Fiktion eines gemeinsamen Staates aufrecht, obwohl die drei Volksgruppen (Serben, Kroaten, Moslems) auf absehbare Zeit voneinander getrennt leben. Erst jetzt scheint der internationalen Diplomatie bewusst zu werden, dass auch dieser mit NATO-Gewalt herbeigeführte "Friede" Schall und Rauch ist, sobald die Dinge im Kosovo weiter eskalieren. "Ein unabhängiges Kosovo würde den Vertrag von Dayton in die Luft sprengen", sagt ein Vertreter der Europäischen Union. Denn dann könnte man auch die bosnischen Serben nicht mehr daran hindern, ihre Vorstellungen in die Tat umzusetzen, nämlich den bosnischen Staat zu verlassen und sich Serbien anzuschließen. Gleiches Recht für alle.

Spätestens jetzt, drei Jahre nach Dayton, zeigt sich die Kurzsichtigkeit einer Politik, die glaubt, Bomben und Raketen seien "die Wunderwaffen, die einen tief verwurzelten, hoch komplizierten Nationalitätenkonflikt auslöschen können wie einen Lichtschalter", wie Friedensforscher Mutz sarkastisch feststellt.

Aus 1913 nichts gelernt?

Die Großmächte versuchten schon einmal, den Konflikt von außen zu "lösen". 1913 stoppten sie den Vormarsch der Serben im Balkankrieg, die gerade dabei waren, nicht nur den Kosovo, sondern Nordalbanien bis zum Mittelmeer dem Osmanischen Reich (Türkei) zu entreißen. Die heutigen Grenzen in diesem Gebiet sind von den damaligen Großmächten gezogen worden, die das bis dahin im Osmanenreich vereinte Siedlungsgebiet der Albaner zerstückelten und auf drei - heute vier - Staaten verteilten: Albanien, Serbien, Mazedonien, Montenegro. Damit legten sie den Grundstein für den heutigen albanischen Nationalismus, der sich mit dieser Situation nicht abfindet. Die Serben hingegen hätten ohne die damalige militärische Einmischung der Großmächte vielleicht schon viel früher gemerkt, dass sie sich mit den albanischen Siedlungsgebieten ein "serbisches Algerien" ins Haus holen, wie es der Historiker Aleksander Djilas ihnen für den Kosovo prophezeit.

Hat man aus der Geschichte nichts gelernt? Einige Jahrzehnte lang sah es nach dem Zweiten Weltkrieg so aus, als ob wenigstens die Deutschen aus den kriegerischen Verirrungen ihrer Geschichte Schlüsse gezogen hätten. Nie mehr sollte von deutschem Boden ein Angriffskrieg ausgehen, so wollten es die Väter des Grundgesetzes. Noch 1995, als die Bundeswehr sich an Einsätzen in Bosnien beteiligte, befürwortete nur jeder fünfte Deutsche den Einsatz militärischer Gewalt, um "Frieden" zu schaffen. Jeder vierte Deutsche bezeichnete sich als Pazifist.

Heute hört man kaum mehr etwas von solchen Umfragen. Mit geschickter "Salamitaktik" haben deutsche Politiker fast aller Lager in den vergangenen Jahren die Bundeswehr in immer weitergehende Einsätze im Ausland hineingezogen. Das deutsche Bundesverfassungsgericht hat 1994 zwar grundsätzlich Auslandseinsätze der Bundeswehr für möglich erklärt - jedoch nur, wenn sie im Rahmen der Vereinten Nationen beschlossen wurden.

Auch diese Einschränkung soll nunmehr durch "Ausnahmen" umgangen werden.

Sogar die Grünen, vor Jahren noch eine pazifistische Partei, die das Prinzip der "Gewaltfreiheit" im Parteiprogramm hatte, sind teilweise umgeschwenkt auch wenn sie nach wie vor auf einem Mandat der UNO bestehen. Und auch in Österreich mehren sich die Stimmen, die ein Abrücken von der Neutralität befürworten.

Und auch die Kirchen, die vorgeben, die Moral und Ethik des Jesus von Nazareth hochzuhalten, haben längst "gerechte" Kriege genehmigt, so wie sie es in der Geschichte immer hielten, und so wie sie auch schon nach dem Zweiten Weltkrieg die Wiederbewaffnung der Deutschen vorantrieben. Jesus von Nazareth lehrte aber nicht, man solle sich mit Waffengewalt in Konflikte seiner Nachbarn einschalten. Er gebot Seinen Jüngern, Vorbild zu sein und Frieden zu schließen, indem jeder zunächst selbst seinen Anteil findet, diesen bereut, um Verzeihung bittet und sich in Zukunft anders verhält. Echter Friede beginnt schon in Gedanken. Das gilt für einzelne wie für ganze Völker. Wie könnte dies im Krieg zwischen Serben und Albanern aussehen - nach all´ den Wunden, die sich beide Seiten gegenseitig schlugen? Wer Christ ist - und zumindest die Serben bezeichnen sich als solche - tut den ersten Schritt auf den Nächsten zu. Jesus sprach auch über das Gesetz von Saat und Ernte, wonach Gewalt immer Gegengewalt auslöst und schon von daher für eine Konfliktlösung, gleich welcher Art, völlig ungeeignet ist: "Wer zum Schwert greift, wird durch das Schwert umkommen." Er regte deshalb keine "humanitären Interventionen" an, die in Wirklichkeit mehr Menschenleben kosten können, als sie zu retten vorgeben.

Die Lehre der Reinkarnation, die Jesus und den frühen Christen bekannt war, wurde wie das Gesetz von Saat und Ernte von der Kirche unterdrückt. Dabei könnte schon allein das Wissen um diese geistigen Tatsachen die Unsinnigkeit jedes Völkerkampfes aufzeigen, bei dem sich beide Seiten im Recht fühlen (siehe Kasten). Dabei spielt es keine Rolle, ob die einzelne Seele im gleichen Volk wieder den gleichen Hass weiter aufbaut, oder ob sie im Verlauf der Einverleibungen die Seiten wechselt. Wer heute Albaner ist, kann morgen als Serbe wiederkommen, und umgekehrt.

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Möglicherweise ist die Reaktion der NATO-Staaten, in diesem Fall der europäischen, auch von einer Furcht gesteuert: vor neuen Flüchtlingsmassen. Doch was ist besser: Flüchtlinge aufzunehmen - oder mit dazu beitragen, dass es noch mehr Flüchtlinge gibt und die Gegengewalt auf sich zu ziehen? Ein Kommentator der österreichischen Zeitschrift News sprach es aus: "Politik und Diplomatie müssen weiter Vorrang haben. Sonst fallen die Bomben auf Belgrad uns allen auf den Kopf."

 

Beide Seiten fühlen sich im Recht

Die Albaner fühlen sich nicht nur deshalb im Recht, weil sie derzeit am meisten unter Terror und Gewalt zu leiden haben, sondern weil sie "schon vor den Slawen hier lebten", wie einer ihrer Vertreter zu Protokoll gibt.

Die Serben hingegen verweisen darauf, dass auch viele ihrer Landsleute, die im Kosovo heute eine Minderheit bilden, von albanischen Guerilleros getötet oder vertrieben wurden.

Das Gleiche geschah ihnen während des Zweiten Weltkrieges, als unter deutscher Besatzung die albanischen Siedlungsgebiete kurz vereinigt waren. Und es geschah ihren Vorfahren vor 300 Jahren, als die siegreichen Türken Albaner in das vorher serbische Siedlungsgebiet brachten, die dort die Serben, die nicht geflüchtet waren, vertrieben oder umbrachten. Auf dem Amselfeld stehen an die 1.300 serbische Baudenkmäler, meist Kirchen und Klöster, die für die Serben einen wichtigen Teil ihrer nationalen Identität ausmachen.

Der Niedergang ihres Reiches begann mit der Schlacht gegen die Türken auf dem Amselfeld am 28. Juni 1389. Im Laufe der Jahrhunderte verklärten sie diese Schlacht und ihre Helden zu einem Idealbild, das die religiösen Züge eines "himmlischen Reiches" trägt. "Die Wiedereroberung des Kosovo verkörperte in den Augen eines Serben denselben Traum wie der Wiederaufbau des Tempels in Jerusalem für die Juden", schreibt Slobodan Despot im Franz-Weber-Journal.

Vgl. zu diesem Thema:
- "Kosovo - ein Jahrhunderte alter Brandherd" in Extrablatt Nr. 1/1999
- "Der 600jährige Krieg um das Amselfeld" in der Druckausgabe von DAS WEISSE PFERD Nr. 7/1998;
(siehe dazu unseren Versandservice)

 

NATO-Angriff:
Durch das Völkerrecht nicht gedeckt

Nach dem bisher geltenden Völkerrecht und der UN-Charta darf militärische Gewalt nur eingesetzt werden, wenn ein Land sich entweder gegen einen Angriff verteidigt; oder wenn der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen eine Militäraktion gegen ein Land beschließt. Letzteres war beispielsweise beim Golfkrieg gegen den Irak der Fall - doch diesmal ist mit einer Zustimmung Russlands und Chinas im Sicherheitsrat nicht zu rechnen.

Diese beiden Großmächte sind selbst Vielvölkerstaaten mit einem Vielfachen der Minderheitenprobleme Jugoslawiens. Russland wurde wegen der Unterdrückung der Tschetschenen ebenso wenig bombardiert wie China wegen der Einverleibung Tibets. Im Unterschied zu Bosnien, das 1995 zum Ziel von NATO-Luftangriffen wurde, handelt es sich beim Kosovo auch nicht um einen völkerrechtlich anerkannten eigenen Staat, sondern um eine Provinz Serbiens.

Mit einem UNO-Militärschlag gegen Serbien würde man daher einen Präzedenzfall schaffen: Dann müsste man z. B. auch das NATO-Mitglied Türkei bombardieren, das in seinem Land die Kurden unterdrückt, und Dutzende weiterer Staaten auf der Welt.

Eine "Humanitäre Intervention" als Eingreifgrund ohne Zustimmung der UNO wäre eine völlig neue Doktrin - und wer garantiert, dass sie nicht bei nächster Gelegenheit von anderer Seite gegen die NATO herangezogen werden könnte?

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: www.erde-und-mensch.tv

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