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Im Zeichen der
Ökosteuer wieder aktuell
Auf dem Weg
zu einem gerechten Bodenrecht
Aus einem Seminar
der Sozialwissenschaftlichen Gesellschaft
Das Bodenrecht wird heute von der Öffentlichkeit kaum noch als
Problemfall erkannt, obwohl zahlreiche Konflikte in Geschichte und Gegenwart eng mit der
Frage der gerechten Verteilung und der optimalen Nutzung des Bodens verbunden sind.
Eckehard Lindner nannte bei seiner Einführung zu
einer Tagung der Sozialwissenschaftlichen Gesellschaft zum Thema Bodenrechtsmodelle gestern und
heute als Beispiele den Konflikt zwischen Juden und Palästinensern in Israel und
die Auseinandersetzung zwischen Schwarzen und weißen Siedlern in Südafrika. Auch die
Abholzung der Regenwälder in Südamerika, Asien und Afrika hängt mit dieser Frage
zusammen. Verursacher sind zum einen landlose Bauern, zum anderen Konzerne, die diesen
Ländern ihre Geschäftsbedingungen diktieren.

Immer mehr Boden wird verbaut, während woanders Baulücken ungenützt bleiben: Auch eine
Frage des Bodenrechts ...
Als Kronzeugen für die Wichtigkeit dieser Fragen zitierte Lindner den
früheren deutschen Bundeskanzler Konrad Adenauer, der in seiner Zeit als
Oberbürgermeister von Köln gesagt hat: "Die bodenreformerischen Fragen sind nach
meiner Überzeugung Fragen der höchsten Sittlichkeit."
Leistungsloses Einkommen
Fritz Andres, Unternehmer und Vorstandsmitglied des Seminars für
freiheitliche Ordnung Bad Boll, stellte in seinem Referat klar, dass es in einer modernen
arbeitsteiligen Gesellschaft nicht mehr darum gehen kann, für jeden gleichviel Boden zu
fordern, weil schließlich ein Landwirt für die Ausübung seines Berufes sehr viel mehr
Boden benötigt als ein Rechtsanwalt. Dennoch sei es ungerecht, wenn man den Boden einfach
dem Marktgeschehen von Angebot und Nachfrage überlasse. Denn der Boden sei - im Gegensatz
zu allen anderen Gütern des täglichen Bedarfs - nicht beliebig vermehrbar. Somit stehe
einem begrenzten Angebot eine ständig steigende Nachfrage gegenüber: Mehr Menschen
brauchen mehr Boden zur Nahrungserzeugung, zum Wohnen, zur Freizeit usw. Die Folge: Der
Bodenpreis steigt ständig, ohne dass der Besitzer des Bodens dafür arbeiten
muss. Die
Bodenwertsteigerung, die häufig auch von Spekulanten ausgenutzt wird, sei also
leistungsloses Einkommen, d. h. eine Inanspruchnahme volkswirtschaftlicher Leistungen ohne
eigenes Dazutun. Das bedeute, dass andere dafür zusätzlich arbeiten müssen.
Bodenwertsteuer
geplant
Um diese Ungerechtigkeit auszugleichen, schlug Andres vor, das aufgrund
des Bodenbesitzes entstehende leistungslose Einkommen abzuschöpfen. Dies könne entweder
durch eine Bodenwertsteuer geschehen, die nach Plänen der rot-grünen Koalition an die
Stelle der Grundsteuer treten solle. Dabei, so Andres, solle man aber die Gebäude nicht
mitbesteuern, denn diese seien ja aufgrund einer eigenen Leistung entstanden. Ein anderer
Weg sei das in Deutschland und vielen anderen Ländern bereits teilweise praktizierte
Erbbaurecht. Hierbei erwirbt die Gemeinde gegen Entschädigung das Bodeneigentum und
verpachtet die Nutzung des Bodens für 99 Jahre an den Bodennutzer, der dafür einen
Erbbauzins entrichtet.
Andres schlug vor, den abgeschöpften Wert des Bodens an alle Bürger als
eine Art "Grundrente" auszubezahlen. Er räumte allerdings ein,
dass dies im
Augenblick noch utopisch klinge. Konsequent durchgedacht könne dieser Vorschlag jedoch
helfen, ein neues Bewusstsein der Menschen für ihre Verantwortung für den Boden und
damit für den Planeten Erde zu entwickeln.
Wenn alle am Besitz des Bodens indirekt beteiligt seien, so sein Gedanke,
dann würden sie auch dafür Sorge tragen, dass dieser Boden nicht ausgebeutet und
zerstört wird und dass Investitionen dort stattfinden, wo sie wirklich sinnvoll sind -
denn vom Ertrag dieser Investitionen profitierten wiederum alle, auch wenn sie nicht vor
der eigenen Haustüre stattfinden. "Kein Mensch verhält sich einzeln so schlimm wie
die Menschheit als Ganzes", kritisierte Andres und meinte damit,
dass jeder Gärtner
seinen Garten pfleglicher behandle als die Menschheit ihren großen Garten, den sie
schließlich geschenkt bekommen habe.
Klimakonferenz
ohne "Biss"
Die aktuellen Klimakonferenzen, so Andres, seien deshalb so wenig
erfolgreich, weil sich die dort beschlossenen Maßnahmen immer nur auf der abstrakten
Ebene der Planung bewegten. Die Umsetzbarkeit von geplanten Umweltmaßnahmen hänge jedoch
entscheidend davon ab, wie eine Gesellschaft die Fragen beantworte, wer den Boden wie
nutzen solle und wie der dem Boden zuzurechnende Erlös verteilt werden solle.
Peter Conradi, 26 Jahre lang Bundestagsabgeordneter der SPD, beleuchtete
dieses Thema aus der praktischen Sicht der Tagespolitik. Leider, so Conradi, seien die
Zeiten vorbei, da seine Partei einen eigenen Parteitag (1973) nur zum Thema Bodenrecht
veranstaltet habe. Auch unter Politikern befasse sich heute kaum mehr jemand mit diesem
Thema. Die Wohnungsnot sei heute bei weitem nicht mehr so groß, und doch spiele, wenn man
genau hinsehe, das Thema Boden und seine optimale Verteilung und Nutzung im Hintergrund
der Politik immer wieder eine wichtige Rolle: Die Innenstädte veröden, die
Gewerbegebiete breiten sich aus, stehen teilweise leer und lassen immer mehr wertvollen
Boden unter Asphalt und Beton verschwinden.
Städtische Baulücken werden hingegen kaum geschlossen, Städte und
Gemeinden konkurrieren miteinander um Investoren und lassen sich von diesen oft die
Rahmenbedingungen diktieren, statt diese selber vorzugeben. Andernfalls laufen sie Gefahr,
dass das Unternehmen woanders hingehe.
Bis heute sei es nicht gelungen, die Bodenspekulation gerecht zu besteuern
und den Gemeinden ihre Planungshoheit de facto zurückzugeben. Im Schwarzwald gebe es
einige Gemeinden, die erst dann einen Bebauungsplan erlassen, wenn das Bodeneigentum
vorübergehend - als "Durchgangseigentum" - von privater Hand in ihren Besitz
gelangt ist. Nach Erlass des Bebauungsplanes werden die Grundstücke dann an die
Investoren verkauft oder in Erbpacht gegeben - die Gemeinde sichert sich so den
Wertzuwachs und kann ihn für Infrastrukturmaßnahmen einsetzen. Im Gegensatz zu Dänemark
sei dies in Deutschland jedoch die Ausnahme.
Conradi wies darauf hin, dass die der Besteuerung zugrunde gelegten
Einheitswerte der Grundstücke seit 1964 auf eine Überprüfung warteten.
Beispiel
Tsingtau
Prof. Gustav Bohnsack aus Hannover lud die Teilnehmer zu einem Blick in
die Geschichte ein. Im chinesischen Tsingtau, das die Deutschen 17 Jahre lang gepachtet
hatten, erließ Landkommissar Schrameier eine Bodenordnung auf Erbpachtbasis. Dadurch
schöpfte er den Wertzuwachs des Bodens ab und finanzierte mit diesem Geld den Bau einer
Eisenbahn, eines Hafens und zahlreicher Infrastruktureinrichtungen, die teilweise bis
heute in Betrieb sind.

Tsingtau - den
Grundstein für die heute aufstrebende chinesische
Hafenstadt legte die Bodenordnung der
deutschen Kolonialpächter
Um rechtsgültig zu werden, musste diese Bodenordnung vom deutschen
Reichstag verabschiedet werden. Das war aber kein Problem, denn, so Bohnsack: Weder hatten
chinesische Bodenbesitzer eine Lobby in diesem Parlament, noch besaßen deutsche
Reichstagsabgeordnete Boden in Tsingtau. In diesem Fall beeinflussten also keine
persönlichen Interessen die Planung der Bodennutzung.
Warum wurde Hongkong gepachtet?
Schrameier sei zu Unrecht heute fast in Vergessenheit geraten. Hongkong
z. B. wäre heute noch eine englische Kolonie, wäre der deutsche Beamte nicht auf die Idee
gekommen, von den Chinesen Land zu pachten, statt es als Kolonie in Besitz zu nehmen. Mit
dem Pachtvertrag von Tsingtau gingen die Chinesen prompt zu den Engländern und erreichten
die Umwandlung der bereits eingerichteten Kolonie Hongkong in ein 99jähriges Pachtgebiet. |