Warum wird in Deutschland immer
wieder über das Thema
"Holocaust" gesprochen? Einer der Gründe dafür ist,
dass nach wie vor Hintergründe des Völkermords an den Juden verschwiegen werden. Der
Theologe, eine christliche Zeitschrift, dokumentiert in der Ausgabe Nr. 4 viele bis
heute kaum bekannte Informationen. Die Dokumentation zeigt: Eines der schlimmsten
Verbrechen der Menschheitsgeschichte ist bislang weder hinreichend aufgearbeitet noch
bereinigt - von einer Wiedergutmachung ganz zu schweigen.
Vordergründig werden immer die Nazis als Alleinschuldige dargestellt,
doch woher stammt der Antisemitismus, der letztlich zum Holocaust führte? Und wer verhalf
den Nazis an die Macht und arbeitete mit ihnen zusammen?
Die evangelisch-lutherische Kirche hat es bisher meisterhaft verstanden,
die evangelischen Wurzeln für den Holocaust im Verborgenen zu halten und einzelne
"judenfreundliche" Stimmen aus ihren Reihen in den Vordergrund zu schieben. Doch
die ganze Wahrheit kommt - früher oder später - ans Licht.
Luther sagte
es, Hitler ließ es tun

Der bekannte Philosoph Karl Jaspers brachte es bereits 1962 auf den
Punkt: "Luthers Ratschläge gegen die Juden hat Hitler genau ausgeführt."
Evangelische Schlosskirche in Wittenberg - 50 Jahre nach dem Völkermord finden die
Kirchen zu ersten vorsichtigen Entschuldigungsworten. An Wiedergutmachung denken sie aber
nicht.
In der Tat dauerte es ca. 400 Jahre, bis in Deutschland die Forderungen
Luthers nach Judenverfolgungen in die Tat umgesetzt wurden. Zwar verhielt sich auch
die katholische Kirche, der Luther entwuchs, judenfeindlich, doch in den ersten Jahren
dieses Jahrhunderts war es vor allem die evangelisch-lutherische Kirche, welche die
Judendiskriminierungen und -verfolgungen anheizte und in Deutschland maßgeblich für
ein Klima mitverantwortlich war, an dessen Ende der Völkermord an den Juden stand.
In den 20iger Jahren dieses Jahrhunderts veranstaltete man z. B. in den
evangelischen Kirchengemeinden so genannte "Judenvorträge", wo der
Antisemitismus geschürt wurde.
Der evangelische Religionsunterricht in dieser Zeit war ein Nährboden
für die antisemitische Ideologie, und evangelische Pfarrer machten Stimmung gegen
Juden. So versuchte z. B. ein evangelischer Pfarrer aus dem Dekanat Lohr/Main-Spessart, die
Insassen eines vollbesetzten Linienbusses aufzuwiegeln. Als der Kirchenmann den Bus
betritt, sind alle Sitzplätze belegt, auf einem der Plätze sitzt ein jüdischer Bürger.
Daraufhin ruft der Pfarrer, wie er selbst bestätigt, deutlich hörbar und ironisch in den
Bus: "Wenn nur die Juden Platz haben, das ist die Hauptsache."
Der evangelische Antisemitismus geht auf Martin Luther zurück, und
das Evangelische Sonntagsblatt aus Bayern erklärt 1933, "dass die evangelische Kirche
Luthers Antisemitismus stets hochgehalten hat."
Was genau wollte Luther, nach Landesbischof Sasse der "größte
Antisemit seiner Zeit"?
Die Judenverfolgung war Luthers Hauptziel in seinen letzten Lebensjahren,
sie war - gleichsam als Vermächtnis an seine Kirche - auch Inhalt seiner letzten Predigt
und seines letzten Briefes an seine Frau.
In seiner Schrift Von den Juden und ihren Lügen rät Luther
den Deutschen, die jüdischen Mitbürger zu meiden, weil die Juden angeblich dafür beten,
dass alle Christen "erstochen" werden, eine böse Verleumdung. Den Staat
fordert Luther dazu auf, die Synagogen und jüdischen Schulen zu verbrennen, die
Wohnhäuser der Juden zu zerstören und die Juden in Ställen unterzubringen. Alle
religiöse Literatur soll eingezogen werden, und für Juden, die Gott öffentlich loben,
fordert Luther die Todesstrafe. Auch sei den Juden das freie Geleit auf der Straße
aufzukündigen, ihr ganzes Vermögen einzuziehen, und die "jungen und starken Juden
und Jüdinnen" sollen zu harter Zwangsarbeit gezwungen werden. Das Ziel der
Maßnahmen ist die "Entladung" von der "teuflischen Last der Juden".
Bis es soweit kam, waren allerdings einige "Vorarbeiten" nötig.
Eine der unverhohlensten Etappen in Richtung Holocaust war der Boykott der jüdischen
Geschäfte am 1.4.1933. SA- und SS-Wachen, die meisten davon evangelisch oder katholisch,
waren vor den jüdischen Geschäften postiert. Die Schaufenster wurden mit dem Wort
"Jude" beschmiert, und alle deutschen Kunden, die trotz der Boykott-Wachen dort
einkaufen wollten, wurden fotografiert. Den Israelitischen Kultusgemeinden schickte man
hinterher die Rechnungen für die SA- und SS-Männer.
Noch gutgläubig rief der Rat der Juden in Deutschland die evangelische
Kirche um Hilfe auf. Doch spätestens jetzt zieht sich der reißende Wolf seine
Schafsmaske vom Gesicht. In einer Radioansprache an die Protestanten der USA erklärte der
evangelische Generalsuperintendent Dibelius, nach dem Krieg EKD-Ratsvorsitzender: Die
Kirche "kann und darf den Staat nicht daran hindern, mit harten Maßnahmen Ordnung zu
schaffen .. Sie werden es erleben, dass das, was jetzt in Deutschland vor sich geht, zu
einem Ziele führen wird, für das jeder dankbar sein kann, der deutsches Wesen liebt und
ehrt."
Der Staat wurde nicht nur nicht gehindert, harte Maßnahmen zu
ergreifen, kirchliche Amtsträger wie 1921 der evangelische Gemeindepfarrer Friedrich
Wilhelm Auer aus der bayerischen Landeskirche forderten schon während der Weimarer
Demokratie (1919-1933) öffentlich zum Boykott jüdischer Geschäfte auf, und der
Vorsitzende des Evangelischen Bundes erklärte 1924 den völkischen Kampf gegen das
Judentum zur "christlichen Pflicht." Der spätere Landesbischof Meiser erhob
1926 in einem Gutachten sogar seine Stimme gegen die "Verjudung unseres Volkes",
und er erklärt 1931: "Wir erwarten uns von der NSDAP viel."
Während die NSDAP bei den Reichstagswahlen 1931 "nur" 37,4 %
der Stimmen erhält, sind es 80 % der evangelischen Pfarrer, die von
den Nazis "begeistert" sind. In überwiegend evangelischen Stimmkreisen erhalten die
Nazis vor der Machtergreifung bereits über 70 %, in manchen protestantischen Landgemeinden
sogar zwischen 90 und 100 % aller Stimmen. Der evangelische Ortspfarrer war dort oft selbst Nazi-"Parteigenosse" und warb für die Partei. An allen Universitäten mit einer
starken evangelisch-theologischen Fakultät erzielte der Nazi-Studentenbund
Rekordwahlergebnisse. Demgegenüber hatten die katholischen Bischöfe ihren Mitgliedern
bis 1933 verboten, gleichzeitig NSDAP-Mitglieder zu sein. Das änderte sich erst 1933, als
der Katholik Hitler der katholischen Kirche umfangreiche Vergünstigungen gewährte und
Zugeständnisse machte. Der evangelischen Kirche hat Hitler in der Weimarer Republik
aber maßgeblich mit den steilen Aufstieg der NSDAP zur Volkspartei zu verdanken.
Evangelische Kirche und Nazis zusammen bekämpften die Weimarer Demokratie. Die Kirche
berief sich dabei auf Luthers "Zwei-Reiche-Lehre", die eine staatlich
unterstützte Kirche (das eine "Reich") in einem starken totalen
Obrigkeitsstaat (das andere "Reich") vorsieht. 1932 folgte die Gründung des
NSEP, des Nationalsozialistischen Evangelischen Pfarrerbundes. In der Schweiz sah
man in dieser Zeit mit Sorge auf die Evangelische Kirche in Deutschland. Die Neue
Zürcher Zeitung schrieb am 12.6.1932, die evangelische Kirche in Deutschland sei
dabei, "Parteikirche" [der NSDAP] zu werden.
Die Machtergreifung Hitlers 1933 löst schließlich Begeisterungsstürme in der evangelischen Kirche aus. Zwar kam es ab 1934 über die
innerkirchliche Frage der Kirchenleitung und des kirchlichen Bekenntnisses zu erheblichen
Konflikten mit dem Staat. In der Judenfrage sieht man sich jedoch "eins" mit
Hitler, wie der "Sektenbeauftragte" Walter Künneth 1934 in einem von der
Evangelischen Kirche in Deutschland in Auftrag gegebenen Gutachten schreibt. Künneth:
"Die Kirche hat sich dafür einzusetzen, dass die Ausschaltung der Juden als
Fremdkörper im Volksleben sich nicht in einer dem christlichen Ethos widersprechenden
Weise vollzieht." So schätzt man in der Kirche auch Hitler ein.
Doch wie soll das möglich sein? Nach
1945 hat sich das evangelische Personal in den KZs und den Vernichtungslagern damit
gerechtfertigt, sich den Juden gegenüber nicht bösartig verhalten zu haben. So stellt
sich im nachhinein die Frage: Ist ein evangelischer Henker vielleicht höflicher und
zuvorkommender mit den Opfern als ein Henker, der keiner der beiden Großkirchen
angehört? Wie weit darf ein evangelischer Judenverfolger gehen? Ist er im Unterschied zu
den nichtkirchlichen Antisemiten nur "frei von Hassgefühlen und
Racheinstinkten", wie es der Gutachter Künneth 1934 weiter ausführt? Doch was hat
das Opfer davon, ob es mit oder angeblich ohne Hass verfolgt bzw.
getötet wird?
Als die alliierten Fliegerangriffe auf Deutschland beginnen, rät der
evangelische Pfarrer Auer den Nazis, für jedes deutsche Opfer sollen zehn Juden erhängt
werden. Würden die Angriffe dann nicht aufhören, schlägt der Kirchenmann die Ermordung
aller Juden in einer Nacht vor.