Das Weisse Pferd - Urchristliche Zeitung für Gesellschaft, Religion, Politik und Wirtschaft

Ausgabe 23/98

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"Der Theologe" - Neue Dokumentation enthüllt

Die Mitschuld der evangelischen Kirche am Judenmord

Warum wird in Deutschland immer wieder über das Thema "Holocaust" gesprochen? Einer der Gründe dafür ist, dass nach wie vor Hintergründe des Völkermords an den Juden verschwiegen werden. Der Theologe, eine christliche Zeitschrift, dokumentiert in der Ausgabe Nr. 4 viele bis heute kaum bekannte Informationen. Die Dokumentation zeigt: Eines der schlimmsten Verbrechen der Menschheitsgeschichte ist bislang weder hinreichend aufgearbeitet noch bereinigt - von einer Wiedergutmachung ganz zu schweigen.

Vordergründig werden immer die Nazis als Alleinschuldige dargestellt, doch woher stammt der Antisemitismus, der letztlich zum Holocaust führte? Und wer verhalf den Nazis an die Macht und arbeitete mit ihnen zusammen?

Die evangelisch-lutherische Kirche hat es bisher meisterhaft verstanden, die evangelischen Wurzeln für den Holocaust im Verborgenen zu halten und einzelne "judenfreundliche" Stimmen aus ihren Reihen in den Vordergrund zu schieben. Doch die ganze Wahrheit kommt - früher oder später - ans Licht.

Luther sagte es, Hitler ließ es tun

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Der bekannte Philosoph Karl Jaspers brachte es bereits 1962 auf den Punkt: "Luthers Ratschläge gegen die Juden hat Hitler genau ausgeführt."

Evangelische Schlosskirche in Wittenberg - 50 Jahre nach dem Völkermord finden die Kirchen zu ersten vorsichtigen Entschuldigungsworten. An Wiedergutmachung denken sie aber nicht.

In der Tat dauerte es ca. 400 Jahre, bis in Deutschland die Forderungen Luthers nach Judenverfolgungen in die Tat umgesetzt wurden. Zwar verhielt sich auch die katholische Kirche, der Luther entwuchs, judenfeindlich, doch in den ersten Jahren dieses Jahrhunderts war es vor allem die evangelisch-lutherische Kirche, welche die Judendiskriminierungen und -verfolgungen anheizte und in Deutschland maßgeblich für ein Klima mitverantwortlich war, an dessen Ende der Völkermord an den Juden stand.

In den 20iger Jahren dieses Jahrhunderts veranstaltete man z. B. in den evangelischen Kirchengemeinden so genannte "Judenvorträge", wo der Antisemitismus geschürt wurde.

Der evangelische Religionsunterricht in dieser Zeit war ein Nährboden für die antisemitische Ideologie, und evangelische Pfarrer machten Stimmung gegen Juden. So versuchte z. B. ein evangelischer Pfarrer aus dem Dekanat Lohr/Main-Spessart, die Insassen eines vollbesetzten Linienbusses aufzuwiegeln. Als der Kirchenmann den Bus betritt, sind alle Sitzplätze belegt, auf einem der Plätze sitzt ein jüdischer Bürger. Daraufhin ruft der Pfarrer, wie er selbst bestätigt, deutlich hörbar und ironisch in den Bus: "Wenn nur die Juden Platz haben, das ist die Hauptsache."

Der evangelische Antisemitismus geht auf Martin Luther zurück, und das Evangelische Sonntagsblatt aus Bayern erklärt 1933, "dass die evangelische Kirche Luthers Antisemitismus stets hochgehalten hat."

Was genau wollte Luther, nach Landesbischof Sasse der "größte Antisemit seiner Zeit"?

Die Judenverfolgung war Luthers Hauptziel in seinen letzten Lebensjahren, sie war - gleichsam als Vermächtnis an seine Kirche - auch Inhalt seiner letzten Predigt und seines letzten Briefes an seine Frau.

In seiner Schrift Von den Juden und ihren Lügen rät Luther den Deutschen, die jüdischen Mitbürger zu meiden, weil die Juden angeblich dafür beten, dass alle Christen "erstochen" werden, eine böse Verleumdung. Den Staat fordert Luther dazu auf, die Synagogen und jüdischen Schulen zu verbrennen, die Wohnhäuser der Juden zu zerstören und die Juden in Ställen unterzubringen. Alle religiöse Literatur soll eingezogen werden, und für Juden, die Gott öffentlich loben, fordert Luther die Todesstrafe. Auch sei den Juden das freie Geleit auf der Straße aufzukündigen, ihr ganzes Vermögen einzuziehen, und die "jungen und starken Juden und Jüdinnen" sollen zu harter Zwangsarbeit gezwungen werden. Das Ziel der Maßnahmen ist die "Entladung" von der "teuflischen Last der Juden".

"Endlösung" schon bei Luther?

Luther spielt in diesem Zusammenhang auch eine Situation durch, bei der 3.000 Juden herausgegriffen und ermordet werden, "dass nicht der ganze Haufen verderben muss." Was aber soll nach Luthers Überzeugung geschehen, wenn solche schwerpunktartigen Hinrichtungen nicht die Bekehrung der Juden zum kirchlichen Christentum bewirken, was Luther anstrebte, oder eine andere Art der "Besserung"? Zeichnet sich auch bei Luther schon die so genannte "Endlösung" der Judenfrage ab?

Von 1938 an wurde die von Landesbischof Sasse herausgegebene Schrift Martin Luther über die die Juden - Weg mit ihnen! (siehe Der Theologe Nr. 28) ein Bestseller auf dem deutschen Buchmarkt. Und andere Nachfolger Luthers, z. B. der evangelische Reichsfinanzminister von Krosigk, waren Teil der Nazi-Regierung und stellten die Weichen in Richtung "Endlösung."

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Landesbischof Meiser (1881-1956), ein Antisemit wie sein Vorbild Martin Luther. Noch immer werden Antisemiten in der evangelischen Kirche in Ehren gehalten. Nach Meiser sind bis heute Straßen in vielen Städten benannt.

Bis es soweit kam, waren allerdings einige "Vorarbeiten" nötig. Eine der unverhohlensten Etappen in Richtung Holocaust war der Boykott der jüdischen Geschäfte am 1.4.1933. SA- und SS-Wachen, die meisten davon evangelisch oder katholisch, waren vor den jüdischen Geschäften postiert. Die Schaufenster wurden mit dem Wort "Jude" beschmiert, und alle deutschen Kunden, die trotz der Boykott-Wachen dort einkaufen wollten, wurden fotografiert. Den Israelitischen Kultusgemeinden schickte man hinterher die Rechnungen für die SA- und SS-Männer.

Noch gutgläubig rief der Rat der Juden in Deutschland die evangelische Kirche um Hilfe auf. Doch spätestens jetzt zieht sich der reißende Wolf seine Schafsmaske vom Gesicht. In einer Radioansprache an die Protestanten der USA erklärte der evangelische Generalsuperintendent Dibelius, nach dem Krieg EKD-Ratsvorsitzender: Die Kirche "kann und darf den Staat nicht daran hindern, mit harten Maßnahmen Ordnung zu schaffen .. Sie werden es erleben, dass das, was jetzt in Deutschland vor sich geht, zu einem Ziele führen wird, für das jeder dankbar sein kann, der deutsches Wesen liebt und ehrt."

Die evangelische Kirche half der NSDAP an die Macht

Der Staat wurde nicht nur nicht gehindert, harte Maßnahmen zu ergreifen, kirchliche Amtsträger wie 1921 der evangelische Gemeindepfarrer Friedrich Wilhelm Auer aus der bayerischen Landeskirche forderten schon während der Weimarer Demokratie (1919-1933) öffentlich zum Boykott jüdischer Geschäfte auf, und der Vorsitzende des Evangelischen Bundes erklärte 1924 den völkischen Kampf gegen das Judentum zur "christlichen Pflicht." Der spätere Landesbischof Meiser erhob 1926 in einem Gutachten sogar seine Stimme gegen die "Verjudung unseres Volkes", und er erklärt 1931: "Wir erwarten uns von der NSDAP viel."

Während die NSDAP bei den Reichstagswahlen 1931 "nur" 37,4 % der Stimmen erhält, sind es 80 % der evangelischen Pfarrer, die von den Nazis "begeistert" sind. In überwiegend evangelischen Stimmkreisen erhalten die Nazis vor der Machtergreifung bereits über 70 %, in manchen protestantischen Landgemeinden sogar zwischen 90 und 100 % aller Stimmen. Der evangelische Ortspfarrer war dort oft selbst Nazi-"Parteigenosse" und warb für die Partei. An allen Universitäten mit einer starken evangelisch-theologischen Fakultät erzielte der Nazi-Studentenbund Rekordwahlergebnisse. Demgegenüber hatten die katholischen Bischöfe ihren Mitgliedern bis 1933 verboten, gleichzeitig NSDAP-Mitglieder zu sein. Das änderte sich erst 1933, als der Katholik Hitler der katholischen Kirche umfangreiche Vergünstigungen gewährte und Zugeständnisse machte. Der evangelischen Kirche hat Hitler in der Weimarer Republik aber maßgeblich mit den steilen Aufstieg der NSDAP zur Volkspartei zu verdanken. Evangelische Kirche und Nazis zusammen bekämpften die Weimarer Demokratie. Die Kirche berief sich dabei auf Luthers "Zwei-Reiche-Lehre", die eine staatlich unterstützte Kirche (das eine "Reich") in einem starken totalen Obrigkeitsstaat (das andere "Reich") vorsieht. 1932 folgte die Gründung des NSEP, des Nationalsozialistischen Evangelischen Pfarrerbundes. In der Schweiz sah man in dieser Zeit mit Sorge auf die Evangelische Kirche in Deutschland. Die Neue Zürcher Zeitung schrieb am 12.6.1932, die evangelische Kirche in Deutschland sei dabei, "Parteikirche" [der NSDAP] zu werden.

Die Machtergreifung Hitlers 1933 löst schließlich Begeisterungsstürme in der evangelischen Kirche aus. Zwar kam es ab 1934 über die innerkirchliche Frage der Kirchenleitung und des kirchlichen Bekenntnisses zu erheblichen Konflikten mit dem Staat. In der Judenfrage sieht man sich jedoch "eins" mit Hitler, wie der "Sektenbeauftragte" Walter Künneth 1934 in einem von der Evangelischen Kirche in Deutschland in Auftrag gegebenen Gutachten schreibt. Künneth: "Die Kirche hat sich dafür einzusetzen, dass die Ausschaltung der Juden als Fremdkörper im Volksleben sich nicht in einer dem christlichen Ethos widersprechenden Weise vollzieht." So schätzt man in der Kirche auch Hitler ein. Doch wie soll das möglich sein? Nach 1945 hat sich das evangelische Personal in den KZs und den Vernichtungslagern damit gerechtfertigt, sich den Juden gegenüber nicht bösartig verhalten zu haben. So stellt sich im nachhinein die Frage: Ist ein evangelischer Henker vielleicht höflicher und zuvorkommender mit den Opfern als ein Henker, der keiner der beiden Großkirchen angehört? Wie weit darf ein evangelischer Judenverfolger gehen? Ist er im Unterschied zu den nichtkirchlichen Antisemiten nur "frei von Hassgefühlen und Racheinstinkten", wie es der Gutachter Künneth 1934 weiter ausführt? Doch was hat das Opfer davon, ob es mit oder angeblich ohne Hass verfolgt bzw. getötet wird?

Als die alliierten Fliegerangriffe auf Deutschland beginnen, rät der evangelische Pfarrer Auer den Nazis, für jedes deutsche Opfer sollen zehn Juden erhängt werden. Würden die Angriffe dann nicht aufhören, schlägt der Kirchenmann die Ermordung aller Juden in einer Nacht vor.

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Nach 1945 rechtfertigen die Kirchenleitungen ihr eigenes Verhalten und das aller Nazi-Pfarrer. In Bayern wurde 1947 D. Otto Bezzel als Personalreferent der neben dem Bischof einflussreichste Kirchemann. Zehn Jahre vorher, 1937, sprach sich Bezzel als Oberkirchenrat und Bayreuther Regionalbischof noch für Judenverfolgungen aus und forderte: "Die Juden sind die Zerstörer und gehören hinausgepeitscht."

Siehe auch:
"Von Martin Luther zu Adolf Hitler" in "Das Weisse Pferd" Nr. 4/1999 und Nr. 5/1999

"Der Theologe Nr. 4" ist im Internet einsehbar unter http://www.theologe.de/theologe4.htm. Dort finden sich auch alle Quellenangaben zu den hier veröffentlichten Zitaten. 


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