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Krisenherde der Erde
(11): Die Kurden - das größte staatenlose Volk der Erde Kurdistan: Teile und herrsche
Auch wenn über sein
weiteres Schicksal noch nicht entschieden ist - der kurdische Untergrundchef Öcalan hat
durch seine spektakuläre Ausreise nach Italien immerhin erreicht, dass sich die
Öffentlichkeit Europas mit ihm und seinem Volk beschäftigt. Die Tatsache,
dass ihn
niemand gerne vor Gericht stellt, zeigt das Unruhepotenzial, das die Kurden nicht nur in
ihrer angestammten Heimat im Nahen Osten darstellen, sondern auch in Europa.
Allein in Deutschland leben 500.000 Kurden. Bei einer Auslieferung und
Aburteilung Öcalans in Deutschland befürchten die Behörden bürgerkriegsähnliche
Auseinandersetzungen zwischen Kurden und Türken.
Mit 25-30 Millionen Menschen sind die Kurden das größte Volk der Erde,
das nicht über einen eigenen Staat verfügt. Sie hatten auch nie einen. Über die Hälfte
der Kurden, etwa 18 Millionen, leben in der Türkei, wo selbst ihre Sprache unterdrückt
wird: Schon der Besitz einer Kassette mit kurdischer Musik kann in den kurdischen
Stammlanden im Osten Anatoliens zu Repressalien führen. Kurden leben außerdem im Irak,
in Syrien und im Iran.

Kurdische Widerstandskämpfer gibt es in vier Staaten - doch untereinander sind sie sich
selten einig.
In all diesen Staaten führen sie buchstäblich ein Randgruppendasein -
sie leben überall am äußersten Rand des Staatsgebietes, abgedrängt, vernachlässigt
und misstrauisch beäugt von den Militärs. In der Türkei und im Irak gibt es
Offiziersfamilien, in denen Vater, Sohn und Großvater stolz darauf sind, schon in der
dritten Generation gegen die Kurden zu kämpfen.
Denn diese wissen sich zu wehren: Aufstände gegen die Osmanen, Vorläufer
der Türken, gab es schon vor Jahrhunderten. Zeitweise konnten einzelne Führer der etwa
100 kurdischen Stämme kleine Fürstentümer errichten, die nur noch nominell dem
Osmanenreich unterstanden. Doch dann rückten die Truppen des Sultans wieder vor, es
folgten Aufstände, Blutvergießen und Unterdrückung.

Überall ein Dasein am Rande - die Kurden
Nach der Auflösung des Osmanischen Reiches 1918 sah es für wenige Jahre
so aus, als ob die Kurden einen eigenen Staat erhalten könnten. Doch die Türkei
erstarkte unter ihrem Führer Kemal Pascha (Atatürk) und erzwang neue Verhandlungen.
Kurdistan wurde endgültig aufgeteilt. Wohl in keinem Teil der Welt wurde die Devise
"Teile und herrsche!" so rigoros durchgesetzt wie in Kurdistan.
In der kemalistischen Türkei war kein Platz für andere Völker. Die
kulturelle Identität der Kurden wurde geleugnet, sie wurden einfach als
"Bergtürken" bezeichnet. Neuerliche Aufstände folgten, schließlich der
bewaffnete Terror der kurdischen Arbeiterpartei PKK. Diese bekämpfte
aber nicht nur die
türkische Armee, sondern auch "Abweichler" und "Kollaborateure" im
eigenen Volk. Ihre Kriegskasse füllte die marxistische PKK schon bald mit Drogenschmuggel
in großem Stil.
3.000 Dörfer
zerstört, 30.000 Tote
Die Landbevölkerung geriet in eine ausweglose Lage: Die Armee der Türkei
zerstörte bei dem Versuch, den Widerstand zu brechen, über 3.000 Dörfer,
drei Millionen Menschen flüchteten in die Städte. Insgesamt
starben in dem seit 25 Jahren neu entflammten schmutzigen Krieg in Türkisch-Kurdistan
über 30.000 Menschen.
Die türkischen Militärs "gewannen" diesen Krieg zwar zu Beginn
dieses Jahres 1998, und die PKK gestand ein, nur noch wenig militärischen Spielraum zu haben. Doch
das Problem ist damit noch lange nicht gelöst. Auch gemäßigte Kurden wurden durch die
Angriffe der türkischen Armee in die Arme der Befürworter von Gewalt getrieben.
Im vergangenen Sommer drohte die Türkei dem Nachbarland Syrien mit
militärischem Eingreifen, falls Syrien weiterhin dem PKK-Chef Öcalan Unterschlupf
gewähren sollte. Syrien gab nach, und Öcalan musste das Land verlassen.
Wer gibt nach?
Die Regierenden der Türkei denken nach wie vor nicht daran, den Kurden irgendeine Form von Autonomie
zu gewähren. Bei der PKK scheint man seit der jüngsten militärischen
Niederlage jedoch von der
Forderung nach einem eigenen kurdischen Staat abgerückt zu sein.
Die Beispiele Nordirlands und des Baskenlandes zeigen,
dass mit Gewalt,
Unterdrückung und Gegengewalt jedenfalls kein Konflikt gelöst werden kann. Wann wird man dies auch in der Türkei
bzw. bei den Kurden einsehen?
Die Kurden sind an dieser Situation allerdings nicht
nur durch den militärischen Widerstand beteiligt. Ihre
Zerstrittenheit ist fast sprichwörtlich. Sie wird durch sprachliche Unterschiede noch
verstärkt: Die kurdische Sprache, mit der persischen verwandt und somit indoeuropäisch,
kennt drei verschiedene Versionen - Kirmanji, Gorani und Zazayi -, deren Sprecher sich
untereinander kaum verstehen können. Außerdem verwenden sie zwei verschiedene Schriften
- lateinisch in der Türkei und Syrien, arabisch im Irak und Iran. Religiös gesehen sind
zwar die meisten Kurden sunnitische Muslime wie ihre Nachbarn. Es gibt unter den Kurden
aber auch eine starke Minderheit von Aleviten, einer anatolisch-islamischen Mischreligion,
die in der Türkei in zweifacher Hinsicht benachteiligt werden: als Kurden und als
Aleviten.
Es fiel den jeweiligen Machthabern immer leicht, die Kurden gegeneinander
auszuspielen. Die Chance, im Norden des Iraks unter amerikanischer Protektion eine
kurdische Schutzzone selbst zu verwalten, nutzten sie bis heute nicht: Die Kurdenführer Barzani und Talabani bekämpften sich vielmehr gegenseitig. Besonders grotesk war die
Situation während des Krieges zwischen dem Irak und dem Iran: Beide Länder
unterstützten die Kurden im Grenzgebiet des jeweils anderen Landes, während sie die im
eigenen Land bekämpften. Haust du meine Kurden, hau ich deine Kurden ...
Kurdistan:
Wasser und Öl im Überfluss
Aber auch andere Staaten tragen Mitschuld an der Lage der Kurden. So
unterdrückten die Briten nach dem ersten Weltkrieg kurdische Aufstände im Irak, um die
Kontrolle über die Ölfelder in diesem Gebiet zu behalten. "Ein unabhängiges
Kurdistan wäre der einzige Staat in der Region mit Wasser und Öl im
Überfluss",
stellte Die Woche fest. Diese Ressourcen sind schon seit langem Gegenstand
strategischer Erwägungen. Die Amerikaner ließen die Kurden im Irak zweimal (1975 und
1991) fallen, nachdem sie sie zuvor zum Kampf gegen die Regierung aufgestachelt hatten.
Auch sie wollten lieber Saddam im Amt halten, als einen kurdischen Staat zu unterstützen.
Auch Deutschland kann seine Hände nicht in Unschuld waschen: Es waren zum
großen Teil deutsche Waffen, viele davon Geschenke aus ostdeutschen Beständen, mit denen
die türkische Armee kurdische Dörfer zerstörte. Und mit Giftgasgranaten, die mit
deutscher Produktionstechnik hergestellt wurden, rottete Saddam Hussein im Nordirak 1988
ein ganzes kurdisches Dorf aus.
Was ist der Grund, dass die Kurden derart benachteiligt sind, obwohl sie
länger im Nahen Osten leben als die Türken und die Araber? Wer die Geschichte über
lange Zeiträume betrachtet, kann auch hier eine Art Pendelschlag erkennen. "Ein
Kurde hat keine Freunde", lautet ein altes Sprichwort, das die kriegerische und
stolze Haltung des Bergvolks zum Ausdruck bringt. Folgt man dem Schweizer Historiker Robert
Sträuli, so deutet die Silbe kur oder hor auf die früheren
kaukasischen Kriegervölker hin, deren Horden vor Jahrtausenden mit ihren
Raubzügen auf schnellen Pferden vgl. engl. - horse - andere Völker in Schrecken lat.
- horror - versetzten. Der Versammlungsplatz der churritischen Clanführer
hieß übrigens curia - ein Wort, das später die Römer und noch später die
römische Kirche übernahmen: Kurie. Ein Zufall?
Die Kurden verstanden sich immer schon auf das Kriegshandwerk. Noch in
diesem Jahrhundert beteiligten sich Kurden an einem grausamen Völkermord: der Ausrottung
der in der Türkei lebenden Armenier während des ersten Weltkrieges. Heute leiden die
Kurden unter der Unterdrückung anderer Völker.
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