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Wie die katholische Inquisition entstand - und wie sie ihr blutiges Geschäft betrieb

Die kirchliche Vernichtung Andersdenkender

Im elften Jahrhundert breiteten sich in ganz Südeuropa, später auch in Mitteleuropa Bewegungen aus, die sich von einer verweltlichten Kirche abwandten und ein inneres Christentum anstrebten.

Auf dem Balkan nannte man sie Bogumilen (Gottesfreunde), in Italien und Südfrankreich Katharer (die Reinen) - von diesem Begriff leitet sich auch das Wort "Ketzer" ab. Die Katharer lehnten die Romkirche mit ihren Dogmen, Sakramenten und Reichtümern ab, predigten statt dessen Gewaltlosigkeit, Vegetarismus, Wiederverkörperung und Weltverneinung. Gleichzeitig erstand in Frankreich die mächtige Bewegung der Waldenser, die ein an der Bibel orientiertes, einfaches Christentum anstrebten.

Jeder musste mitmachen

Der Kirche gelang es nicht, diese Bewegungen mit den üblichen Mitteln - Verleumdung, Verächtlichmachung, Angstmache, Vereinnahmung - zum Stillstand zu bringen. Diese Bewegungen erhielten immer mehr Zulauf und genossen auch den Schutz zahlreicher Fürsten. Hier zog die Romkirche andere Register.

1184 verlangte die Synode von Verona von allen Bischöfen, in ihren Diözesen nach Ketzern zu fahnden. 1215 wurde auf dem 4. Laterankonzil allen weltlichen Herrschern die Pflicht auferlegt, Ketzer in ihrem Herrschaftsbereich zu bestrafen. Taten sie es nicht, so gerieten sie selbst in den Kirchenbann. Von 1209 bis 1229 hetzte der Papst die "Christenheit" gegen die Katharer und ihre Beschützer in den ersten Ketzerkreuzzug. Nach dem blutigen Sieg loderten die Scheiterhaufen - und es kam die "Nacharbeit": 1229 wurden auf der Synode von Toulouse alle Bischöfe aufgefordert, mehrere Laien mit der Ketzerjagd zu beauftragen. Das Haus, das einen Ketzer beherbergt hatte, sollte niedergerissen, der Gastgeber enteignet und bestraft werden. Alle Christen mussten eifrige Ketzerverfolgung geloben und den Eid alle zwei Jahre erneuern.

Auf derselben Synode wurde übrigens auch allen Laien verboten, die Bibel zu besitzen!

Nun ging es Schlag auf Schlag. Papst Gregor IX. ernannte 1230 die ersten hauptamtlichen Inquisitoren. 1233 berief er das erste Inquisitionstribunal ein - zur Bekämpfung der Katharer. 1252 fasste sein Nachfolger Innozenz IV. die Verfahrensregeln in seiner Bulle "Ad Exstirpanda" (Zur Ausrottung) zusammen und stellte andersgläubige Christen auf eine Stufe mit Dieben und Räubern. Alle "überführten" Häretiker sollten auch ihre Gesinnungsgenossen preisgeben und dann innerhalb von fünf Tagen hingerichtet werden.

Binnen weniger Jahrzehnte überzog der "Heilige Stuhl" die gesamte Christenheit mit einem lückenlosen Netz von Denunziation und Gesinnungsterror - und das bis weit ins 18., in Spanien sogar bis ins 19. Jahrhundert hinein.

Vom Erscheinen des Inquisitors in einer Stadt oder Gemeinde bis zur feierlichen Verbrennung der Opfer war alles auf Einschüchterung und Machtdemonstration hin angelegt. Der Inquisitor rief zunächst alle in der Kirche zusammen und erklärte ihnen die Merkmale der Ketzerei. Sodann forderte er die Gläubigen auf, binnen weniger Tage alle bei ihm anzuzeigen, die in Verdacht stünden, Ketzer zu sein. Wer etwas Verdächtiges über seinen Nachbarn verschwieg, geriet selber in die Mühlen des Verfahrens. Viele denunzierten andere aus Angst, sonst selbst angezeigt zu werden - oder gar sich selbst wegen geringfügiger Nachlässigkeiten wie Fluchen oder schlechter Gedanken. Die Massengehirnwäsche begann zu greifen.

Unschuldige gab es nicht

Einzelne Aspekte dieses ausgeklügelten Verfahrens werden übrigens in abgewandelter Form auch heute noch praktiziert - nur dass heute an die Stelle des Mords an Andersgläubigen der Rufmord durch hauptamtliche Kirchenvertreter, so genannte "Sektenbeauftragte", getreten ist.

Wer einmal angezeigt wurde, hatte keine Chance, ohne Strafe davonzukommen. Unschuldige gab es nicht, dafür sorgte schon die Folter. Wer sofort seinen "Irrglauben" zugab und "bereute", konnte anfänglich um die Todesstrafe noch herumkommen. Er wurde dann "nur" längere Zeit eingesperrt, musste auf seiner Kleidung ein Kreuz tragen oder sich mehrmals jährlich vom Priester in der Kirche öffentlich geißeln lassen. Oder alles zusammen.

Doch damit war es nicht getan. Egal, ob sie sterben mussten oder nicht - die Angeklagten wurden unter der Folter gezwungen, weitere "Gesinnungsgenossen" preiszugeben; welche dann ebenfalls in das Martyrium gerieten.

Die Zahl der durch die Inquisition Ermordeten ist heute schwer zu ermitteln. Experten-Schätzungen schwanken zwischen einer und neun Millionen. Auch wenn es "nur" eine Million war, muss man in etwa mit der zehnfachen Zahl an Menschen rechnen, die mit "geringeren" Strafen die Verliese der Inquisition irgendwann wieder verließen - Menschen, die für den Rest ihres Lebens gebrandmarkt und gebrochen waren, all ihrer Rechte beraubt, immer wieder gedemütigt. Sie dienten den anderen als lebende Beispiele, dass jedwede Abweichung gnadenlos aufgedeckt und verfolgt wurde. Das Hauptziel war also erst in zweiter Linie die Auslöschung der "unverbesserlichen" Ketzer. In erster Linie war das Ziel die systematische und flächendeckende Einschüchterung und Erstickung abweichenden Gedankengutes.

Schon wer sich bemühte, ein frommes Leben zu führen, konnte schnell in Verdacht geraten - denn viele Katharer, Waldenser und Wiedertäufer waren als ernsthafte und geradlinige Menschen bekannt. Es kam vor, dass recht gläubige Katholiken sich gegen solchen Verdacht zu wehren versuchten, indem sie beteuerten: "Ich bin kein Ketzer, denn ich habe eine Frau und schlafe bei ihr, ich habe Kinder und esse Fleisch, ich lüge, schwöre und bin ein gläubiger Christ, so wahr mir Gott helfe!"

In Spanien und Portugal kam im 16. und 17. Jahrhundert, also lange nach dem "finsteren Mittelalter", die literarische Produktion fast zum Erliegen. Die Autoren nicht-katholischen Gedankengutes kamen sofort auf den Index verbotener Bücher, auf dem bis 1962 (!) auch ungezählte Wissenschaftler und weltbekannte Literaten landeten.

Am schlimmsten wütete die Inquisition in Spanien. Dort dauerten die feierlichen "Autodafés" (Akte des Glaubens) meist von den frühen Morgenstunden bis in die Nacht - mit mehreren Messen. Die Scheiterhaufen wurden mit Weihwasser besprengt, wer Holz dafür heranschleppte erhielt Sündenablässe. Den Todgeweihten wurden schon während der Folter Kruzifixe vor Augen gehalten - wie um ihnen zu zeigen: In Seinem Namen müssen wir deine Seele erlösen, indem wir deinen Körper vernichten. Kann man sich eine größere Verhöhnung des Gekreuzigten vorstellen?

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Die Verbrennung von Ketzern machte
die Kirche zum öffentlichen Spektakel

Geständige Ketzer wurden vor dem Verbrennen gnadenhalber noch schnell erwürgt. "Während der Häretiker, je nach Windrichtung, erstickte oder langsam verbrannte, sangen die versammelten Katholiken das Lied ‘Großer Gott, wir loben dich’", schreibt Karlheinz Deschner in Abermals krähte der Hahn. Und in Opus Diaboli lesen wir vom selben Autor: "Allein der Großinquisitor Torquemada schickte in Spanien persönlich 10.220 Menschen auf die Scheiterhaufen und 97.371 auf die Galeeren."

Der Spiegel bezeichnet die Inquisition als Vorläuferin von Gestapo, KGB und Stasi. In einem wesentlichen Punkt aber blieb die katholische Variante des Gesinnungsterrors bis heute unübertroffen: Weder Hitler noch Stalin wagten es, selbst noch die Hinrichtungen von Regimegegnern zum öffentlichen Schauspiel zu machen, das Henker wie Zuschauer als gottgewollt anzusehen hatten.

Blutgeld als Treibstoff

Wie konnte sich die Inquisition so lange halten? Sie wurde nicht in allen Ländern gleich intensiv durchgeführt. Hier kommt, wie könnte es anders sein, das Geld ins Spiel. Das Vermögen der Denunzierten wurde beschlagnahmt und zwischen Kirche und Staat aufgeteilt. Frau und Kinder standen meist mittellos auf der Straße - kaum jemand wagte, ihnen zu helfen, um nicht selbst in Verdacht zu geraten. Inquisitionsbeamte erstellten akribische Inventarlisten des gesamten ketzerischen Haushaltes, damit ihnen ja nichts entging. Wurde ein schon Verstorbener angezeigt und verurteilt (auch das war möglich, oft Jahrzehnte nach seinem Tod!), dann wurde sein Erbe ebenfalls eingezogen.

Man kann sich vorstellen, dass diese Praxis die Möglichkeit eröffnete, jeden unliebsamen Nachbarn aus dem Weg zu räumen: Man musste ihn nur bei der Inquisition anzeigen - oder einen seiner Vorfahren! Ohne den Anreiz des Geldes hätte die Inquisition in den meisten Ländern wohl eher ein Ende gefunden.

Beliebte Opfer der spanischen Inquisition waren nicht von ungefähr die reichen Nachfahren getaufter Juden und Mauren. Ihr katholisches Bekenntnis nützte ihnen nichts. Sie waren allein schon aufgrund ihrer "unsauberen" Abstammung verdächtig - übrigens ein katholischer Vorläufer des nazistischen Rassenwahns. Wenn sie Glück hatten, konnten sich die Verdächtigten durch große Geldsummen eine Zeitlang freikaufen.

Nicht die Kirche hat die Inquisition beendet - es war die Aufklärung, die ihr endlich Einhalt gebot. Heute denkt die Kirche darüber nach, nicht nur Galilei, sondern auch zum Beispiel Jan Hus (verbrannt 1418 auf dem Konzil zu Konstanz) oder Girolamo Savonarola (1498 in Florenz verbrannt) zu rehabilitieren. Doch was ist mit den Millionen von anderen Opfern? Wer rehabilitiert sie? Wer entschuldigt sich bei ihren Seelen? Wer gibt ihren Nachfahren das geraubte Vermögen, den konfiszierten Grundbesitz zurück? Vor allem: Wann beendet die Kirche die Gesinnungsschnüffelei und Verketzerung anderer, die bis heute an der Tagesordnung sind?

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Eines der Hauptziele der Inquisition war nach Aussage des russischen Historikers Griguljevic die Auslöschung aller Menschen und Bewegungen, die an das Gedankengut des Urchristentums anknüpften - und solche Menschen werden bis heute von beiden Kirchen bekämpft. Solange dies so bleibt, ist jede "Entschuldigung" nur scheinheilige Kosmetik.


 

 

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