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Das umstrittene Welthandels-Abkommen
"MAI"
Kommt die
Diktatur der Konzerne?
Dass
Staaten immer weniger Bedeutung haben, Konzerne dafür immer mehr,
scheint eine unaufhaltsame Entwicklung. Dem soll auch das
Welthandels-Abkommen MAI dienen, das investierenden Konzernen in
Dritte-Welt-Ländern ungeahnte Rechte einräumt, den Staaten jedoch kaum
welche.
Ein Abkommen zum Schutz
von Investitionen im Ausland sollte es werden. Was aber daraus wurde, war ein
Vertragsentwurf, der ausländischen Firmen ungeahnte Rechte einräumt, den Staaten aber,
in denen sie investieren, geradezu alle Rechte nimmt. Dass der Vertrag bislang nicht
unterzeichnet werden konnte, liegt an den Protesten einiger aufmerksamer Beobachter,
hauptsächlich aus den USA und Kanada.
Worum handelt es sich bei diesem offensichtlich heißen Eisen? Es ist das
MAI, das Multilaterale Abkommen über Investitionen. Betrachtet man die
Geschichte des MAI, kann man leicht zu dem Schluss kommen, unsere und die Demokratie
anderer Länder sei nur Fassade vor der zunehmenden Machtfülle international agierender
Konzerne.
"Rücktransfer"
von Erträgen
Bereits vor mehr als 20
Jahren versuchten einige Industriestaaten und Entwicklungsländer, Rahmenbedingungen für
internationale Investitionen zu schaffen. Investierenden Firmen sollte damit
beispielsweise Schutz vor möglichen Willkürakten gewährt oder auch der Rücktransfer
von Erträgen garantiert werden. Derartige allgemeingültige und verbindliche Richtlinien
hätten hunderte von bilateralen Investitionsschutzabkommen überflüssig gemacht.
Die damaligen Verhandlungen führten zu keinem
Abschluss, bereiteten aber
den Weg für Leitsätze des Internationalen Währungsfonds IWF auf diesem Gebiet. Jedoch
wollten die Industrieunternehmen keine "Leitsätze", die im Einzelfall
möglicherweise nicht durchsetzbar sind, sondern ein für alle Staaten rechtlich
verbindliches Abkommen. Die Verhandlungen scheiterten am Widerstand der
Entwicklungsländer.
Die Gespräche wurden alsdann auf eine andere Ebene verlegt, und zwar auf
die der OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung). Unter den
29 ihr zugehörenden Staaten sind alle Industrienationen vertreten, aber nur wenige arme
Länder. Es konnten also nicht so viele hineinreden. Neun Beobachterländer waren
zugelassen, darunter China und Brasilien, nicht aber Russland und Indien. Ganz Afrika
fehlte. Unter strenger Geheimhaltung, und zwar so, dass nicht einmal die Parlamente der
wichtigsten OECD-Staaten informiert wurden, entstand der Entwurf zum MAI, dem
multilateralen Abkommen über Investitionen.
Als der Text durch Indiskretion bekannt wurde, platzte eine Bombe. In den
USA, in Frankreich, Kanada und Neuseeland begannen öffentliche Diskussionen über ein
Vertragswerk, das ganz offensichtlich Empfängerländer zum Vorteil der investierenden
transnationalen Firmen knebeln sollte. Die nicht unterrichteten Parlamentarier
entrüsteten sich. Die deutsche Regierung, die den Vertragstext zunächst nicht einmal
übersetzen lassen wollte, war mit der Weitergabe des Textes an den
Wirtschaftsausschuss
um Monate langsamer als andere.

Wer diktiert die Arbeitsbedingungen?
Von privater Hand wurde der Abkommensentwurf, mit Erläuterungen und
kritischen Beiträgen versehen, einer größeren Öffentlichkeit zugänglich gemacht
(1). Der Text ist schwierig bis langweilig zu lesen, und ohne
entsprechende Hinweise des Herausgebers ist der Nichtfachmann kaum in der Lage, die
Absicht hinter dem Vertrag zu erkennen. Vordergründig ist es ein löbliches Unterfangen,
ein für alle mal Regeln für Investitionen im Ausland zu schaffen und somit das
mühselige, immer wiederkehrende Aushandeln von Verträgen überflüssig zu machen.
Wenn hinter den Paragraphen aber nichts als das Streben internationaler
Konzerne nach noch mehr Macht steht, dann sind die demokratischen Parlamente aufgerufen,
dieses Vertragswerk zu verhindern.
Das MAI in seiner jetzigen Entwurfsform bringt dem Investor
größtmögliche Freiheiten, und es greift weit in bestehende staatliche Ordnungen und
sogar in Souveränitätsrechte ein.
Ein Beispiel mag dies erläutern: Eine Firma rodet im kenianischen oder
auch thailändischen Urwald, um Holz für Wohnzimmermöbel nach Europa zu exportieren.
Endlich fällt es dem Land ein, durch Umweltgesetze die Urwaldrodung zu begrenzen, und
diese Gesetze auch durchzusetzen. Dann könnte die Rodungsfirma das Land wegen
"indirekter Enteignung" verklagen, da sich die eingeplanten Gewinne nicht
realisieren lassen. Dafür ist im MAI ein geheim tagendes Schiedsgericht vorgesehen, gegen
dessen Urteil keine Berufung möglich ist. Das Urteil ist vertraulich und darf Dritten
nicht zugänglich gemacht werden.
Das Schiedsgericht selber hat mit den ordentlichen Gerichten der
Länder nichts zu tun. Die normale Gerichtsbarkeit ist also ausgeschaltet, und der
Empfängerstaat ist seiner grundlegenden Rechte beraubt.
Ein Land, das vom MAI zurücktreten will, muss eine 5jährige
Kündigungsfrist beachten. Und auch dann gilt das Abkommen 15 Jahre lang für die bis
dahin getätigten Investitionen weiter. Das Land wäre also mindestens 20 Jahre lang
gebunden.
Was im MAI geregelt ist, steht über den Regelungen von Einzelstaaten, und
zwar auf allen Regierungsebenen, angefangen von der Bundes- bis hinunter zur
Kommunalebene. Kein Land könnte also Gesetze erlassen, die anders sind, als das MAI es
wünscht. Gesetze, die dem MAI widersprechen, werden ungültig. Zwar zieht das MAI
bestehende internationale Umweltverträge mit ein, aber ohne rechtliche Verbindlichkeit.
Seitenweise ließen sich die Ungerechtigkeiten für die
Empfängerländer aufführen. Da die Industrieländer selber ebenfalls Empfängerländer
für ausländische Investitionen sein können, haben einige von ihnen von der Möglichkeit
Gebrauch gemacht, für sich selbst Ausnahmeregeln zu definieren. Deutschland
fasste seine
Ausnahmewünsche auf neun Seiten zusammen, Kanada listete 80 Seiten auf, und die USA
brauchten sogar 309 Seiten. Die Listen sind zwar geheim, aber es zeigt sich der Menge nach
ein starkes Ungleichgewicht zugunsten der nordamerikanischen Staaten.
Wie gesagt: Die MAI-Regeln wurden durch die OECD geschaffen, eine
Organisation, in deren Bereich sich mehr als 97 % der 500 größten Unternehmen der Welt
befinden. Es ist daher kein Wunder, dass das MAI ein einseitiges Werk geworden ist, mit
einer gravierenden Benachteiligung von Empfängerländern und massiver Einschränkung
ihrer Handlungsmöglichkeiten. Ein reiches Empfängerland hat noch immer Möglichkeiten,
sich gegen Bevormundung zu wehren, aber ein Entwicklungsland wäre einer neuen,
unsichtbaren Art von Unterdrückung ausgeliefert.
Subtile Kolonisierung
Das MAI, einmal in Kraft gesetzt, ließe sich auch als eine subtile Art
von Kolonisierung sehen, diesmal nicht durch Staaten, sondern durch das Konglomerat
transnational handelnder Firmen, die dadurch mehr aus den Empfängerländern herausholen,
als ihnen fairerweise zustehen würde.
Die Proteste, die sich seit April 1997 deutlich und eindruckvoll
äußerten, führten dazu, dass das MAI auf Eis gelegt wurde. Frankreich hat sich ganz
zurückgezogen. Die Verhandlungen innerhalb der OECD wurden abgebrochen. Frankreich,
England und auch die EU schlugen jedoch bereits die Aufnahme von Verhandlungen zum selben
Thema bei der Welthandelsorganisation (WTO) vor, wo es nicht MAI, sondern MIA für
multilaterales Investitionsabkommen heißt. Es sei nur ein Klon, meinen die MAI-Gegner,
und warnen vor der Arroganz der Macht des Stärkeren.
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