Das Weisse Pferd - Urchristliche Zeitung für Gesellschaft, Religion, Politik und Wirtschaft

Ausgabe 4/99

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Unter dem Einfluss Martin Luthers

Adolf Hitler - vom Freund
der Juden zum Antisemiten

Ist der Antisemitismus, der in Deutschland im Holocaust endete, eine Verhängnis, das verführte Rassenfanatiker zu verantworten haben? Wenn ja, wer hat sie verführt? Es mag manchen überraschen: Adolf Hitler war in seiner Jugend kein Antisemit, er war sogar ein Freund der Juden. Der Antisemitismus in Deutschland und Österreich wird Anfang des Jahrhunderts vor allem in deutschnationalen Bewegungen hochgehalten. Und diese stehen in enger Verbindung mit den Kirchen, sowohl mit der katholischen als auch der evangelischen. Im 1. Teil der Untersuchung geht es um den Einfluss Martin Luthers und der evangelischen Kirche.
Denn unter dem Einfluss Martin Luthers wurde Adolf Hitler zum Antisemiten. Und einige Theologen nennen Luther später stolz den sogar
"ersten Nationalsozialisten". Der Reformator aus Wittenberg hat entscheidenden Anteil an der Vorgeschichte des Holocaust in Deutschland.

  Luther Hitler

Martin Luther - Adolf Hitler bewunderte ihn
als "das größte deutsche Genie"

In ihrem Buch Hitlers Wien verweist Brigitte Hamann auf vier politische Leitbilder in Österreich, die Hitlers politische Karriere prägen: den Katholiken Dr. Karl Lueger und die Lutheraner Georg Schönerer, Franz Stein und Karl Hermann Wolf, allesamt Antisemiten. Bevor der junge Hitler unter ihren Einfluss gerät, ist er bereits ein Verehrer Martin Luthers. Einer seiner Mitbewohner im Wiener Männerwohnheim im Jahr 1912, Rudolf Hanisch, äußert, "die wahre deutsche Religion" in den Augen Hitlers "sei der Protestantismus". Der spätere Führer "habe Luther als das größte deutsche Genie bewundert" (Hamann, S. 358).

Hitler würdigt die Leistung jüdischer Künstler

Den Antisemitismus Luthers teilt Hitler damals noch nicht. Im Gegenteil: Hitler spricht anerkennend von der "jüdischen Tradition", schätzt den jüdischen Hausarzt seiner Familie, wird als Maler hauptsächlich von Juden gefördert, und er bevorzugt sogar den Umgang mit seinen jüdischen Freunden, die ihn vielfach unterstützen und ihm aus mancher Notlage heraushelfen.

Adolf Hitler würdigt auch die Leistung jüdischer Komponisten und verteidigt den von Antisemiten angegriffenen jüdischen Schriftsteller Heinrich Heine. Auch später erwähnt Hitler nie ein schlimmes Erlebnis mit Juden.

Luther: Die Juden sind "unser Unglück"

Doch Martin Luther schildert die Juden im Widerspruch zu den Erfahrungen des jungen Hitler: Sie würden "hinter dem Ofen faulenzen" und die Deutschen arbeiten lassen; ihre Ärzte würden die "Kunst" beherrschen, Patienten langsam umzubringen; Juden hätten "kein menschliches Herz" gegenüber Andersgläubigen, wir hätten "rechte Teufel an ihnen", sie seien insgesamt "unser Unglück" und vieles mehr (Aus: Von den Juden und ihren Lügen, 1543, bzw. aus seiner letzten Predigt 1546).

Adolf Hitler "verehrt" Martin Luther, wie Rudolf Hanisch bezeugt, und gegen Ende des 1.Weltkriegs nimmt er allmählich die antisemitischen Anschauungen des "Reformators" auf und wird selbst Antisemit. In einem Gespräch sagt Hitler 1923: "Luther war ein großer Mann, ein Riese. Mit einem Ruck durchbrach er die Dämmerung, sah den Juden, wie wir ihn erst heute zu sehen beginnen" (Dietrich Eckart, Zwiegespräche zwischen Adolf Hitler und mir, München 1924, S. 34).

Los von Rom

Nicht nur Hitler selbst steht unter dem Einfluss Martin Luthers, auch Hitlers unmittelbare politische Leitbilder Schönerer, Wolf und Stein orientieren sich an Martin Luther.

Georg Schönerer tritt 1900 vom katholischen zum evangelischen Glauben über, gründet in Österreich die Alldeutsche Partei und ist Initiator der österreichischen Los-von-Rom-Bewegung, sein Nachfolger wird später Franz Stein. Schönerer vertritt den lutherischen Glauben mit Nachdruck. Die Mitglieder der Alldeutschen Partei müssen zugleich evangelisch sein.

Evangelischer Antisemitismus

Nur Juden werden, selbst wenn sie sich evangelisch taufen lassen, nicht als Protestanten anerkannt. Diese Skepsis geht auf Martin Luther selbst zurück, der zur Taufe von jüdischen Mitbürgern sagte: "Wenn ich einen Juden taufe, will ich ihn an die Elbbrücke führen, einen Stein an den Hals hängen und ihn hinab stoßen und sagen: Ich taufe dich im Namen Abrahams" (Tischreden, Nr. 1795).

Diesen Satz Luthers zitiert der lutherische Landesbischof Martin Sasse aus Eisenach in seinem Buch Martin Luther über die Juden - Weg mit ihnen! im Jahr 1938. Der Landesbischof verwendet das Zitat Luthers unkommentiert und damit billigend unter der Überschrift Luthers Rat zur Judentaufe (S.14).

Misstrauisch gegenüber der Judenmission erklärt auch der Luther-Nachfolger Schönerer: "Jud bleibt Jud, ob er sich taufen lässt oder nicht!"

Mithilfe der evangelisch-lutherischen Gustav-Adolf-Vereine Deutschlands werden unter der Obhut von Schönerer und der Alldeutschen Partei in Österreich innerhalb von zehn Jahren 65 neue evangelische Kirchen und zehn Bethäuser und 108 neue evangelische Predigerstellen errichtet.

Wie Schönerer tritt auch sein anfänglicher Mitstreiter Karl Hermann Wolf von der römisch-katholischen zur evangelischen-lutherischen Kirche über. Wolf wehrt sich aber dagegen, dass nur Protestanten Parteimitglied sein dürfen. Die Bewegung spaltet sich.

Hitler für ein ökumenisches Christentum

Auch Hitler betrachtet im Rückblick Schönerers extrem lutherische "Los-von-Rom-Bewegung" als "Fehler", und er beklagt die konfessionelle Zwietracht zwischen Lutheranern und Katholiken, die dem gemeinsamen Kampf gegen den Juden, den "Todfeind ... des gesamten Christentums" entgegenwirke. Am 27.10.1928 wirbt Hitler in einer Rede deshalb für ein ökumenisches Christentum: "Wir sind erfüllt von dem Wunsche, dass Katholiken und Protestanten sich einander finden mögen in der tiefen Not unseres eigenen Volkes" (zit. nach Röhm/Thierfelder, Juden-Christen-Deutsche 1, S. 65).

Doch während bei den Katholiken bis 1933 noch eine gewisse Skepsis gegenüber der NSDAP bleibt, bekämpft die evangelische Kirche immer offener die Weimarer Demokratie und unterstützt die NSDAP bei ihrem Aufstieg an die Macht. Aufgeschreckt durch Nazi-Kundgebungen, die meist mit dem Ruf "Juda verrecke!" beginnen, wendet sich ein Nichttheologe besorgt an das Deutsche Evangelische Pfarrerblatt.

Pfarrer Friedrich Wienecke verteidigt in seiner öffentlichen Antwort im Pfarrerblatt im Dezember 1930 die NSDAP: "Gewisse völkische Schwärmereien" können nicht der NSDAP angerechnet werden. Maßstab sei die "Innerlichkeit des Führers" (zit. nach Arndt, Die Judenfrage im Licht der evangelischen Sonntagsblätter, Tübingen 1960, S. 154). Immer mehr evangelische Pfarrer treten der NSDAP bei, bis 1934 folgen Hitler ca. 80 % der lutherischen Pfarrer "begeistert", die übrigen sind überwiegend Sympathisanten.

Die Kirche zitiert immer häufiger aus Luthers antisemitischen Schriften, die einst auch auf den jungen Hitler einwirkten. Und der lutherische Pfarrer Steinlein aus Ansbach erklärt in diesem Zusammenhang öffentlich, dass "man in der evangelischen Kirche Jahrhunderte lang immer wieder auf Luthers antijüdische Schriften hingewiesen hat" (Ev. Sonntagsblatt aus Bayern, 1933, S. 21). Nun geht die Saat auf. (Dieter Potzel)
 

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Lesen Sie in der nächsten Ausgabe: So sagt es Martin Luther, so tun es die Nationalsozialisten - Eine Gegenüberstellung.

Lesen Sie im Internet die komplette Dokumentation mit dem Titel
"Die evangelische Kirche und der Holocaust"
unter www.theologe.de/theologe4.htm

Siehe auch:
"Der Theologe Nr. 28" - Martin Luther, Von den Juden und ihren Lügen

Das Buch zum Thema

In ihrer kenntnisreichen Biographie des jungen Hitler legt Brigitte Hamann dar, welche Ideen und Menschen den späteren Diktator geprägt haben.

Brigitte Hamann - Hitlers Wien

Brigitte Hamann: "Hitlers Wien - Lehrjahre eines Diktators", Piper Verlag München 1996, Piper-TB 2653, ISBN 3492226531, 15,00 €


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