Das Weisse Pferd - Urchristliche Zeitung für Gesellschaft, Religion, Politik und Wirtschaft

Ausgabe 4/99

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Krisenherde der Erde (12): Weiße wie Schwarze - trenne, binde und herrsche

Der Kongo:
Das kranke
"Herz Afrikas"

"Die Kugel ist viel kleiner als der Elefant - und doch kann sie ihn töten", sagt ein afrikanisches Sprichwort. Wer hätte es vor zwei Jahren für möglich gehalten, dass ein Konflikt, der im Mini-Staat Ruanda seinen Ausgang nahm, den Riesenstaat Kongo zweimal in zwei Jahren in einen Bürgerkrieg stürzen und den ganzen Kontinent an den Rand eines "afrikanischen Weltkrieges" bringen würde?

Karte des Kongo

Der Kongo - mehr als sechsmal so groß wie Deutschland

Der Kongo, sechsmal größer als Deutschland, gilt seit jeher als das "finstere Herz Afrikas" - undurchschaubar, undurchdringlich. Heute stehen die Truppen von mindestens sechs Nachbarstaaten auf kongolesischem Gebiet und kämpfen gegeneinander: Uganda und Ruanda unterstützen die Rebellen, die Präsident Kabila schon nach einem Jahr Amtszeit wieder stürzen wollen. Angola, Simbabwe, der Tschad und der Sudan unterstützen Kabila, und auch Namibia steht auf seiner Seite.

Intervention in letzter Minute

Im August 1998 waren die Rebellen kurz vor der Hauptstadt Kinshasa gestanden. In einem beispiellosen Handstreich hatten einige von ihnen im Osten des Landes ein Flugzeug gekapert und waren damit in den äußersten Westen, an die Atlantikküste, geflogen. Dort eroberten sie zwei Hafenstädte und eröffneten eine zweite Front. In letzter Minute wurden sie von den Truppen der Nachbarstaaten an der Einnahme der Hauptstadt gehindert und in den Osten des Landes zurückgedrängt.

Fast wäre es also gelungen, den Siegeszug von 1997 zu wiederholen. Damals hatten ebenfalls ruandische und ugandische Truppen einer Rebellenbewegung geholfen, den über dreißig Jahre lang herrschenden Diktator Mobutu zu stürzen und den jetzigen Präsidenten Kabila in den Sattel zu heben. Doch offenbar waren seine damaligen Freunde, die Präsidenten Museveni (Uganda) und Kagame (Ruanda) nicht mit ihm zufrieden. Kabila ließ zwar bei seinem Vormarsch Tausende von aus Ruanda in den Kongo geflüchteten Hutus im kongolesischen Busch verhungern oder töten und schaffte sie dadurch ihren Feinden, den in Ruanda regierenden Tutsis, vom Hals.

Doch er unternahm nichts, die im Osten Kongos operierenden Hutu-Rebellen zu bekämpfen, die Ruanda nach wie vor bedrohen und dort 1994 in einem beispiellosen Völkermord etwa 800.000 Tutsis umgebracht hatten.

Tutsis - im Kongo unbeliebt

Kabila entledigte sich vielmehr nach und nach seiner Verbündeten, auch der Tutsis, die im Kongo von den dort lebenden Bantus nicht gerne gesehen sind. Die Tutsis sprechen zwar auch eine Bantusprache, bilden aber seit Jahrhunderten in Ruanda und Burundi eine herrschende Schicht von etwa 15 % der Bevölkerung. Die Tutsis als Hirten herrschen über die Hutus, die zumeist Bauern sind. Die belgische Kolonialmacht verstärkte diesen Gegensatz, weil man so besser regieren kann; die katholische Kirche und die französische Regierung ermutigten die Hutus zur politischen Machtübernahme - doch diese führte zum Völkermord.

Laurent Kabila - Staatspräsident des Kongo
Laurent Kabila - früher marxistischer Rebellenführer, heute Staatspräsident des Kongo. Doch nun wird er selbst von Rebellen bedrängt

Exil-Tutsis aus Uganda übernahmen die Herrschaft - und wollen nun eine Wiederholung der Ereignisse von 1994 um jeden Preis verhindern (vgl. hierzu unseren Artikel "Die Verantwortung der katholischen Kirche für den Völkermord in Ruanda" in Nr. 20/1998).

Vielleicht hieße der Kongo heute noch Zaire und stände unter der Herrschaft des Mobutu-Clans, wenn Mobutu nicht Ende 1996 die mit den Tutsis verwandten Stämme im Osten seines Riesenreiches schikaniert und durch ein neues Staatsbürgerschaftsgesetz ausgegrenzt hätte. Für Mobutu gehörte dies zum politischen Alltag: Stämme gegeneinander ausspielen, heute diesen begünstigen, morgen jenen.

Doch der Völkermord hatte alles verändert, die Nerven lagen blank - die Tutsis zögerten nicht lange und überrollten Mobutu in nur sieben Monaten. Anstatt dass sich Hutus und Tutsis versöhnen und ihren sozialen Konflikt bereinigen, dreht sich die Spirale der Gewalt immer weiter und greift auf die Nachbarländer über.

Wettrennen um die Bodenschätze

Beim ersten Vormarsch der Tutsi hatten die Nachbarn des Kongo noch mehr oder weniger beifällig zugesehen. Dass Mobutu nicht mehr lange regieren konnte, wusste jeder. Doch ein Jahr später, beim zweiten Sturm auf Kinshasa, griffen sie ein.

Warum? An Kabilas Person lag es wohl nicht, denn dieser erwies sich in Punkto Willkür und Korruption als nicht besser als sein Vorgänger. Doch er hatte es immerhin verstanden, den Familienclans der Präsidenten Simbabwes und Namibias lukrative Beteiligungen an der Ausbeutung der kongolesischen Bodenschätze zuzusichern. Der Kongo ist mit Diamanten, Erdöl, Kupfer und Gold das bei weitem rohstoffreichste Land Afrikas.

Diese Bodenschätze kommen jedoch nicht der Bevölkerung zugute, sondern dienen traditionell der Bereicherung der jeweils Herrschenden. Das begann schon mit der belgischen Kolonialherrschaft (siehe unten).

Angola wiederum will die Bekämpfung der angolanischen Rebellenarmee UNITA auf kongolesischem Gebiet selbst in die Hand nehmen - denn diese unterhalten dort seit Mobutus Zeiten zahlreiche Stützpunkte. Hier zeigt sich ein generelles Problem Afrikas: "Afrikanische Herrschaft integriert nicht, sie schließt aus", lesen wir in der Süddeutschen Zeitung (17.9.1998).

Konflikte werden nicht gelöst, sondern verdrängt, die Opposition wird beseitigt oder vertrieben - um dann als "Befreiungsbewegung" die Nachbarstaaten unsicher zu machen. "Afrikas Staaten neigen nach wie vor dazu, durch innenpolitische Ausgrenzung der Opposition ihre Probleme zu exportieren." Dadurch entsteht ein kaum entwirrbares Spinnennetz der Gewalt und Gegengewalt, das fast alle Staaten Afrikas miteinander verbindet.

Dies gilt auch für den Sudan und den Tschad, die beide Kabila unterstützen, weil sie Feinde der Vereinigten Staaten sind - und Kabila, der ursprünglich von den USA unterstützt wurde, hat sich von den Amerikanern wieder abgewendet und die Minenkonzessionen für amerikanische Firmen wieder rückgängig gemacht. Der Feind meines Feindes ist eben mein Freund.

Kabila hat sich statt dessen wieder mit den Franzosen angefreundet, die mit dem Sturz Mobutus (und vorher der Hutu-Regierung Ruandas) einen herben Verlust an Einfluss auf den afrikanischen Kontinent hinnehmen mussten. Afrika war schon im 19. Jahrhundert hauptsächlich zwischen Frankreich und England aufgeteilt worden. Heute kämpfen die Geheimdienste und Diplomaten Frankreichs und der USA um wirtschaftliche und politische Einflussnahme auf dem schwarzen Erdteil.

Doch beide mussten nun gleichermaßen Rückschläge einstecken. Die afrikanischen Staaten mischen nun selber kräftig mit im Kampf um ein Stück vom Kuchen. Sie blicken begehrlich auf den schwach gewordenen Kongo, der mit etwa 400 verschiedenen Völkerschaften ohnehin ein schwer zu regierendes Land ist. Im Augenblick ist das Land bereits geteilt - der Osten steht unter dem Einfluss Ugandas und Ruandas, die sich diesen Teil des Landes gerne auch dauerhaft einverleiben würden.

Die heutige Situation des Kongo wird von Beobachtern häufig mit dem Europa der beginnenden Neuzeit verglichen. Damals wurde ein schwaches Deutschland zum Schauplatz eines dreißigjährigen Krieges. Die afrikanischen Staaten stehen gerade erst am Anfang eines Prozesses der Staatenbildung, der in Europa Jahrhunderte dauerte. Bisher haben sie die willkürlichen Grenzen, die die Kolonialmächte hinterließen, noch kaum verändert. Werden sie die Fehler Europas wiederholen und ihre nationale Identität erst nach blutigen Kriegen finden?

Ein besseres Vorbild haben sie jedenfalls nicht gehabt. Der Kongo ist nicht zuletzt deshalb so schwach, weil das Land von den Belgiern in keiner Weise auf die Unabhängigkeit (1960) vorbereitet wurde und sofort in eine Krise stürzte. Der erste demokratisch gewählte Regierungschef Lumumba wurde 1961 ermordet. Bis heute ist nicht geklärt, wer im selben Jahr den Tod des damaligen UNO-Generalsekretärs Dag Hammarskjöld verursachte, der bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam. Er wollte offenbar die von Belgien betriebene Abspaltung der Provinz Katanga (heute Shaba) verhindern. Lief das den wirtschaftlichen Interessen belgischer Konzerne zuwider?

Mobutu, der sich 1965 an die Macht putschte, wurde über Jahrzehnte von den Westmächten unterstützt, weil er als Parteigänger des Westens im Kalten Krieg unentbehrlich schien. Dass er sein Volk restlos ausplünderte, interessierte kaum jemanden. Im übrigen hatten es die Kolonialmächte auch schon so gemacht.

Den Kolonialmächten an allem die alleinige Schuld zu geben, wäre jedoch ebenso falsch, wie die afrikanische Vergangenheit zu verklären. In den afrikanischen Königreichen am Kongo gab es Menschenopfer. Und heute sind sowohl die Kongolesen als auch die Ruander in ihrer Mehrheit Katholiken und Protestanten, kennen also die Zehn Gebote und die Bergpredigt. Doch was hat sich bis jetzt geändert?

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Belgisch-Kongo
-
Privateigentum König Leopolds

Der Kongo wurde erst im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts von Europäern erforscht.

1879 gründete der belgische König Leopold eine Handelsassoziation und brachte den Kongo als Privatmann unter seine Einflussnahme. 1884 wurde dies auf dem Berliner Kongress legitimiert - der Kongo wurde belgische Kolonie. Das Land wurde rücksichtslos ausgebeutet, die Ureinwohner mussten Zwangsarbeit leisten und wurden wie Sklaven gehalten.

Die Bevölkerung lebte in panischer Angst vor den Weißen. Wer Widerstand leistete, wurde erschossen. Erst nach dem Ersten Weltkrieg besserten sich die Bedingungen; doch Bildung wurde der einheimischen Bevölkerung nach wie vor weitgehend vorenthalten. 1960 wurde der Kongo überstürzt in die Unabhängigkeit entlassen.


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