Im August 1998 waren die
Rebellen kurz vor der Hauptstadt Kinshasa gestanden. In einem beispiellosen Handstreich
hatten einige von ihnen im Osten des Landes ein Flugzeug gekapert und waren damit in den
äußersten Westen, an die Atlantikküste, geflogen. Dort eroberten sie zwei Hafenstädte
und eröffneten eine zweite Front. In letzter Minute wurden sie von den Truppen der
Nachbarstaaten an der Einnahme der Hauptstadt gehindert und in den Osten des Landes
zurückgedrängt.
Fast wäre es also gelungen, den Siegeszug von 1997 zu wiederholen. Damals
hatten ebenfalls ruandische und ugandische Truppen einer Rebellenbewegung geholfen, den
über dreißig Jahre lang herrschenden Diktator Mobutu zu stürzen und den jetzigen
Präsidenten Kabila in den Sattel zu heben. Doch offenbar waren seine damaligen Freunde,
die Präsidenten Museveni (Uganda) und Kagame (Ruanda) nicht mit ihm zufrieden. Kabila
ließ zwar bei seinem Vormarsch Tausende von aus Ruanda in den Kongo geflüchteten Hutus
im kongolesischen Busch verhungern oder töten und schaffte sie dadurch ihren Feinden, den
in Ruanda regierenden Tutsis, vom Hals.
Doch er unternahm nichts, die im Osten Kongos operierenden Hutu-Rebellen
zu bekämpfen, die Ruanda nach wie vor bedrohen und dort 1994 in einem beispiellosen
Völkermord etwa 800.000 Tutsis umgebracht hatten.
Kabila entledigte sich
vielmehr nach und nach seiner Verbündeten, auch der Tutsis, die im Kongo von den dort
lebenden Bantus nicht gerne gesehen sind. Die Tutsis sprechen zwar auch eine Bantusprache,
bilden aber seit Jahrhunderten in Ruanda und Burundi eine herrschende Schicht von etwa 15 %
der Bevölkerung. Die Tutsis als Hirten herrschen über die Hutus, die zumeist Bauern
sind. Die belgische Kolonialmacht verstärkte diesen Gegensatz, weil man so besser
regieren kann; die katholische Kirche und die französische Regierung ermutigten die Hutus
zur politischen Machtübernahme - doch diese führte zum Völkermord.

Laurent Kabila - früher marxistischer Rebellenführer, heute Staatspräsident des Kongo.
Doch nun wird er selbst von Rebellen bedrängt
Exil-Tutsis aus Uganda übernahmen die Herrschaft - und wollen nun eine
Wiederholung der Ereignisse von 1994 um jeden Preis verhindern (vgl. hierzu unseren
Artikel "Die Verantwortung der katholischen Kirche für den Völkermord in
Ruanda" in Nr. 20/1998).
Vielleicht hieße der Kongo heute noch Zaire und stände unter der
Herrschaft des Mobutu-Clans, wenn Mobutu nicht Ende 1996 die mit den Tutsis verwandten
Stämme im Osten seines Riesenreiches schikaniert und durch ein neues
Staatsbürgerschaftsgesetz ausgegrenzt hätte. Für Mobutu gehörte dies zum politischen
Alltag: Stämme gegeneinander ausspielen, heute diesen begünstigen, morgen jenen.
Doch der Völkermord hatte alles verändert, die Nerven lagen blank - die
Tutsis zögerten nicht lange und überrollten Mobutu in nur sieben Monaten. Anstatt
dass
sich Hutus und Tutsis versöhnen und ihren sozialen Konflikt bereinigen, dreht sich die
Spirale der Gewalt immer weiter und greift auf die Nachbarländer über.
Beim ersten Vormarsch der
Tutsi hatten die Nachbarn des Kongo noch mehr oder weniger beifällig zugesehen.
Dass
Mobutu nicht mehr lange regieren konnte, wusste jeder. Doch ein Jahr später, beim zweiten
Sturm auf Kinshasa, griffen sie ein.
Warum? An Kabilas Person lag es wohl nicht, denn dieser erwies sich in
Punkto Willkür und Korruption als nicht besser als sein Vorgänger. Doch er hatte es
immerhin verstanden, den Familienclans der Präsidenten Simbabwes und Namibias lukrative
Beteiligungen an der Ausbeutung der kongolesischen Bodenschätze zuzusichern. Der Kongo
ist mit Diamanten, Erdöl, Kupfer und Gold das bei weitem rohstoffreichste Land Afrikas.
Diese Bodenschätze kommen jedoch nicht der Bevölkerung zugute, sondern
dienen traditionell der Bereicherung der jeweils Herrschenden. Das begann schon mit der
belgischen Kolonialherrschaft (siehe unten).
Angola wiederum will die Bekämpfung der angolanischen Rebellenarmee UNITA
auf kongolesischem Gebiet selbst in die Hand nehmen - denn diese unterhalten dort seit
Mobutus Zeiten zahlreiche Stützpunkte. Hier zeigt sich ein generelles Problem Afrikas:
"Afrikanische Herrschaft integriert nicht, sie schließt aus", lesen wir in der
Süddeutschen Zeitung (17.9.1998).
Konflikte werden nicht gelöst, sondern verdrängt, die Opposition wird
beseitigt oder vertrieben - um dann als "Befreiungsbewegung" die Nachbarstaaten
unsicher zu machen. "Afrikas Staaten neigen nach wie vor dazu, durch innenpolitische
Ausgrenzung der Opposition ihre Probleme zu exportieren." Dadurch entsteht ein kaum
entwirrbares Spinnennetz der Gewalt und Gegengewalt, das fast alle Staaten Afrikas
miteinander verbindet.
Dies gilt auch für den Sudan und den Tschad, die beide Kabila
unterstützen, weil sie Feinde der Vereinigten Staaten sind - und Kabila, der
ursprünglich von den USA unterstützt wurde, hat sich von den Amerikanern wieder
abgewendet und die Minenkonzessionen für amerikanische Firmen wieder rückgängig
gemacht. Der Feind meines Feindes ist eben mein Freund.
Kabila hat sich statt dessen wieder mit den Franzosen angefreundet, die
mit dem Sturz Mobutus (und vorher der Hutu-Regierung Ruandas) einen herben Verlust an
Einfluss auf den afrikanischen Kontinent hinnehmen mussten. Afrika war schon im 19.
Jahrhundert hauptsächlich zwischen Frankreich und England aufgeteilt worden. Heute
kämpfen die Geheimdienste und Diplomaten Frankreichs und der USA um wirtschaftliche und
politische Einflussnahme auf dem schwarzen Erdteil.
Doch beide mussten nun gleichermaßen Rückschläge einstecken. Die
afrikanischen Staaten mischen nun selber kräftig mit im Kampf um ein Stück vom Kuchen.
Sie blicken begehrlich auf den schwach gewordenen Kongo, der mit etwa 400 verschiedenen
Völkerschaften ohnehin ein schwer zu regierendes Land ist. Im Augenblick ist das Land
bereits geteilt - der Osten steht unter dem Einfluss Ugandas und Ruandas, die sich diesen
Teil des Landes gerne auch dauerhaft einverleiben würden.
Die heutige Situation des Kongo wird von Beobachtern häufig mit dem
Europa der beginnenden Neuzeit verglichen. Damals wurde ein schwaches Deutschland zum
Schauplatz eines dreißigjährigen Krieges. Die afrikanischen Staaten stehen gerade erst
am Anfang eines Prozesses der Staatenbildung, der in Europa Jahrhunderte dauerte. Bisher
haben sie die willkürlichen Grenzen, die die Kolonialmächte hinterließen, noch kaum
verändert. Werden sie die Fehler Europas wiederholen und ihre nationale Identität erst
nach blutigen Kriegen finden?
Ein besseres Vorbild haben sie jedenfalls nicht gehabt. Der Kongo ist
nicht zuletzt deshalb so schwach, weil das Land von den Belgiern in keiner Weise auf die
Unabhängigkeit (1960) vorbereitet wurde und sofort in eine Krise stürzte. Der erste
demokratisch gewählte Regierungschef Lumumba wurde 1961 ermordet. Bis heute ist nicht
geklärt, wer im selben Jahr den Tod des damaligen UNO-Generalsekretärs Dag Hammarskjöld
verursachte, der bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam. Er wollte offenbar die von
Belgien betriebene Abspaltung der Provinz Katanga (heute Shaba) verhindern. Lief das den
wirtschaftlichen Interessen belgischer Konzerne zuwider?
Mobutu, der sich 1965 an die Macht putschte, wurde über Jahrzehnte von
den Westmächten unterstützt, weil er als Parteigänger des Westens im Kalten Krieg
unentbehrlich schien. Dass er sein Volk restlos ausplünderte, interessierte kaum
jemanden. Im übrigen hatten es die Kolonialmächte auch schon so gemacht.
Den Kolonialmächten
an allem die alleinige Schuld zu geben, wäre jedoch ebenso falsch, wie die afrikanische
Vergangenheit zu verklären. In den afrikanischen Königreichen am Kongo gab es
Menschenopfer. Und heute sind sowohl die Kongolesen als auch die Ruander in ihrer Mehrheit
Katholiken und Protestanten, kennen also die Zehn Gebote und die Bergpredigt. Doch was hat
sich bis jetzt geändert?