| Die ich rief, die Geister
...Bin ich es noch selbst oder werde ich gesteuert?
Strange Days
(Fremde Tage)
heißt der amerikanische Spielfilm, dessen Handlung in Los Angeles am
30.12.1999 beginnt. Hintergrund des Thrillers ist eine neu entwickelte Technik, so genannte
"Virtual-Reality-Clips", mit deren Hilfe die Wahrnehmungen und Gefühle eines
anderen Menschen aufgenommen und konsumiert werden können.

Lenny (links) handelt mit "Virtual-Reality-Clips", mit deren
Hilfe man die Gefühle anderer nachempfinden kann - ein gefährlicher Job
(Szene aus dem Film Strange Days)
In welchem Verhältnis steht die Filmidee zur
Wirklichkeit? In der Psychiatrie kennt man die Krankheit der "multiplen
Persönlichkeit" - in einer Person befindet sich nicht nur einer,
sondern viele. Religiöse Traditionen sprechen vom Phänomen der "Besetzung".
Strange Days (USA, 1995) spielt an der Wende zu
einem neuen Jahrtausend - ein symbolisches Datum: Morde, übersteigerte Gier nach
Sexualität und der Drang nach Macht bekommen eine neue Dimension, wenn es möglich ist,
dass einer in den Körper eines anderen eindringen kann. Wer bringt dann z. B. wen um? Wer
hat alles Anteil an den Leidenschaften? Und wer steckt noch hinter dem Willen zur Macht?
So weit der Hintergrund des Films.
In unserer Gesellschaft sagen Menschen manchmal: "Ich war oder ich
bin nicht mehr ich selbst!"
Multiple
Persönlichkeit
Im Extremfall diagnostizieren Ärzte die "Multiple
Persönlichkeitsspaltung" wie bei Anna, einer hochintelligenten 29jährigen Patientin
(Abitur mit Eins) in psychiatrischer Behandlung (SZ, 14.6.1995). Aus ihr spricht z. B.
die verspielte Ruth, die coole Ingeborg, der Macho Theo oder der stilvolle Will.
Wissenschaftler erklären sich das Phänomen damit, dass die Patienten vielleicht als
Kinder gequält wurden und negative Erfahrungen abgespalten haben - die sich nun als
eigene Personen melden (Freitag, 16.2.1996). Manche Therapeuten sprechen in diesem
Zusammenhang vom Ziel, die abgespaltenen Anteile bzw. den "Dämon" zu
integrieren. Man geht davon aus, dass es eine hohe Dunkelziffer "multipler"
Personen gibt. Als Patienten erfasst sind in Deutschland derzeit ca. 40.000 Personen.
Anna erklärt, eine Integration sei illusorisch: "Wenn Dutzende,
vielleicht Hunderte von Persönlichkeiten unter knapp zwei Quadratmeter Haut leben, kann
man sich vorstellen, was da los ist." Das selbst gesteckte Therapieziel der Patientin:
"Wir wollen einfach, dass alle miteinander auskommen und keine Angst mehr
haben."
Anna spricht von "Wir", denn bei einem "Ich" wäre zu
klären, welches der vielen "Ichs" die Ich-Aussage macht. Andere Betroffene oder
Hilfe-Anbieter wollen aber nicht so schnell vor der offensichtlichen Krankheit
kapitulieren und fragen sich: Wie kann aus vielen wieder eine Person werden? Das
Gegenmodell zu einer Integration wird in der kirchlichen Tradition angewendet: die
Austreibung des Dämons bzw. der Dämonen = Exorzismus. Gab es den Exorzismus in den
letzten Jahrhunderten vor allem in der katholischen Kirche, so wird die
Dämonenaustreibung in jüngster Zeit auch in so genannten "charismatischen"
Kirchenkreisen angewendet - evangelischen, katholischen oder nichtkonfessionellen Gruppen,
die von einem geistigen Kampf zwischen dem "Heiligen Geist" und den Dämonen um
die Seele der Menschen ausgehen - das Ergebnis ist allerdings oft fragwürdig oder
führt gar zur Verschlimmerung der Situation.
Negative Telepathie
Aus geistiger Sicht kann die Situation wie folgt gedeutet werden: Seelen
aus dem Jenseits, die noch sehr an die Erde gebunden sind, wollen durch Menschen wirken.
Denkt ein Mensch z. B. beständig negativ, dann kann er sich bei diesem Denken
unbewusst
für so genannte "Einspritzungen" öffnen. Dies sind Suggestionen von anderen
Menschen oder von Seelen aus niederen jenseitigen Bereichen, und sie wirken durch eine Art
negative Telepathie. Der Vorgang ist anfangs subtil: Der Mensch hält die Gedanken und
Empfindungen noch für seine eigenen und merkt nicht, dass er sein "Haus",
nämlich seinen physischen Körper, bereits für andere geöffnet hat. Unmerklich wird er
zunächst beeinflusst, später eventuell umsetzt, dann sogar besetzt. Er ist nicht mehr
"Herr" seiner selbst.
Ist es so weit gekommen, lässt sich die fremde
Seele weder einfach hinaustreiben noch "integrieren".
Erschwerend kommt hinzu, dass die fremden Seelen, die einen Menschen um-
oder besetzen, diesen erheblich schwächen können, bis hin zu gravierenden Depressionen.
Die Autorin des Films Strange Days wurde gefragt, ob es
sie reizen würde, in die Haut eines anderen zu schlüpfen. Ihre Antwort: "Absolut.
Ich bin sehr neugierig. Ich würde alles tun, um meine Sichtweise erweitern zu
können" (Max, 1996).
Doch ist ihre Neugierde angesichts der bestehenden Gefahren nicht
vergleichbar dem Wissensdurst des Zauberlehrlings bei Goethe? Als er die
"Zauberei" nicht mehr im Griff hatte, rief er in seiner Not: "Die ich rief
die Geister, die werd ich nun nicht los." Auch die Evangelien der Bibel berichten von
einem Mann, aus dem ein unreiner Geist ausgefahren war. Dieser kam jedoch zurück und
brachte noch weitere mit.
Eine Bewusstseinserweiterung findet dabei auf keinen Fall statt, da immer
nur Gleiches und Ähnliches der Magnet für eine Steuerung bzw. Besetzung ist. Es gilt:
Wohin ich sende, von dort empfange ich.
Die Erkenntnis der Situation
"Ich werde beeinflusst" kann
aber der Beginn eines Befreiungsprozesses sein.
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