Jeden Morgen dieselbe Frage:
Was soll ich bloß anziehen? Leicht hat's der, der gerade nur eine halbwegs saubere
Hose und einen Pulli im Schrank hat. Dem bleibt sie erspart, die Qual der Wahl.
Heute zum Beispiel: Die schwarze Hose mit Hemd und Weste? Zu brav.
Wieso hab ich bloß keine In-Klamotten parat? 70-er Kram oder was Altes,
Halbzerschlissenes? Okay, dann das kurze Jäckchen mit dem Pelzkragen! Ist cool. Aber zu
kurz. Was tun mit den Fettschenkeln? Also doch lieber die gelbe Jeans! Die ist lässig,
witzig, hat nicht jeder. Nur sieht die ein bisschen nach Spielhöschen aus. Dann halt
dasselbe wie gestern: schwarze Hose, schwarzer Pulli, da kann man nix falsch machen.
Genauso abends: Kino und danach auf die Fete - was zieh ich an? Cool oder
lässig? Praktisch, edel, ausgeflippt? Wer geht mit, wen treffe ich und was soll wer
von mir halten? Das will alles berücksichtigt sein - denn Kleider machen nun mal Leute!
Eine spannende Frage also, die Klamottenfrage. Denn in dem »Was soll ich anziehen?«
steckt eine ganze Latte Gedanken, die in Sekundenschnelle durchs Hirn rasen: Klar sind das
oft praktische Überlegungen - geh ich ins Theater oder auf die Baustelle - , aber oft ist
es ein einziges Abwägen, was bestimmte Leute gut finden und was nicht. Ich bin dann nicht
ich selber, sondern führe ein kleines Theaterstückchen auf, in der Hoffnung, recht viel
Applaus für die tolle Kostümierung zu ernten.
Mit eigener Persönlichkeit oder mit Charakter hat das natürlich recht
wenig zu tun. Zum Glück machen wirs nicht immer so kompliziert: Manchmal gibt es am
Morgen auch das sichere Gefühl »Heute muss es gelb sein«, und ich zieh die gelbe Hose
an und fühl mich einfach nur wohl - egal, was irgendwer denkt. Und diese Tage laufen
meistens opti, denn was ich anhabe, ist eben nicht Jacke wie Hose! Wenn ich mich
wohl fühle in meinen Klamotten, spare ich mir schon mal die ständigen Gedanken darüber,
wie doof ich aussehe und was andere Tolles anhaben. Ich bin
selbstbewusster, zufrieden,
bin in der Schule oder im Job bei der Sache, habe Ideen und kriege alles gut auf die
Reihe. Es lohnt sich rauszufinden, was mir heute gefällt, unabhängig von anderen.
Hin und wieder eine kleine Investition in die eigene Garderobe zahlt sich
aus, auch wenn man knapp bei Kasse ist. Ich spare mir dafür die Frust-Schokolade, die
Trost-Pommes und die Heut-gönn-ich-mir-mal-was-CD. Langfristig gleicht sich das wieder
aus.
Und noch was: Schon mal festgestellt, dass Kleider nicht nur Leute
machen, sondern auch Gedanken, Verhalten, Gestik und das ganze Tagesgefühl beeinflussen? Damit
zu experimentieren ist eine spannende Sache: Wie fühl' ich mich in meinen Uralt-Jeans,
wie in einem edleren Teil? Wie sitze ich am Tisch, wenn ich was Feineres anhabe, und wie
lümmle ich herum, wenn ich im Schlafanzug frühstücke? Interessant auch: In Turnschuhen
und lässigen Jeans kommen die coolen Sprüche leichter über die Lippen und meine
Tendenz, den anderen voll zu labern, steigt enorm. Und renne ich ausschließlich im
Einheits-Look herum und dem Modetrend hinterher, dann orientiere ich mich auch in
Meinungen und Ansichten eher an der Masse und mache mir keine eigenen Gedanken.
So wie ich denke, so kleide ich mich - und andersherum hat das
Äußere einen Einfluss auf die Gedanken, das Lebensgefühl und das Verhalten. Test it!