Der bekannteste christlich-soziale Politiker dieser Zeit ist der Wiener
Bürgermeister Dr. Karl Lueger. Zum Umgang mit Juden erklärt das katholische
Stadtoberhaupt im österreichischen Reichstag in Wien provozierend, es sei ihm
"gleichgültig, ob man die Juden henkt oder köpft". Und das von den
Christlichsozialen finanzierte Bukowinaer Volksblatt schreibt,
dass man "eine
Zacherlinspritze [Zacherlin ist ein Insektenvertilgungsmittel] gegen die Juden
erfinden" müsse.
Die Politik Dr. Luegers hat die volle Unterstützung der katholischen
Kirche Österreichs, die den Antisemitismus immer wieder schürt und dafür auf zahlreiche
Lügen der Kirchengeschichte zurückgreift. Dazu gehören die angeblichen jüdischen
Ritualmorde, die in früheren Jahrhunderten schon als Grund für Judenverfolgungen
herhalten mussten. Brigitte Hamann schreibt in ihrem Bestseller Hitlers
Wien: "Führend in der Verbreitung vieler Schauermärchen waren katholische
Geistliche, die auch die nötige Literatur beisteuerten." Und: "Da auch Pfarrer von den Kanzeln herab den Antisemitismus
predigten und den ´Abwehrkampf`` gegen die Juden als richtig und notwendig darstellten,
sahen Luegers Anhänger immer weniger Unrecht darin, diese ´Gottlosen` zu
schikanieren" (Hitlers Wien, S. 413.415). Der Wiener Bürgermeister setzt sich
im Gegenzug sehr für die katholische Kirche ein. Brigitte Hamann schreibt: "Lueger
wiederum rief zum stärkeren Kirchenbesuch auf und umgab sich bei seinen öffentlichen
Auftritten mit Vorliebe mit Geistlichen und Nonnen" (S. 419).

Wiens damaliger katholischer Bürgermeister Dr. Karl Lueger: "Gleichgültig, ob man die
Juden henkt oder köpft."
Adolf Hitler ist von Dr. Lueger und seiner Politik beeindruckt. Allerdings
stören den späteren Führer bei Lueger und den Christlichsozialen die einseitige
Ausrichtung auf die katholische Kirche, "die Bindungen an den Klerus". Denn
Hitler dachte nicht in Konfessionen, sondern konfessionsübergreifend,
heute würde man sagen "ökumenisch". In Mein Kampf
missbilligt er die Auseinandersetzung zwischen Katholiken und
Evangelischen und ruft dazu auf: "Darum sei jeder tätig, und zwar jeder,
gefälligst, in seiner Konfession." So hält er es auch selbst. Trotz
seiner lebenslangen Verehrung für Martin Luther bleibt Adolf Hitler "von
der Wiege bis zur Bahre" römisch-katholisch und preist den
Nationalsozialismus als ökumenische Bewegung. Hitler wörtlich: "Es
konnte in den Reihen unserer Bewegung der gläubige Protestant neben dem
gläubigen Katholiken sitzen, ohne je in den geringsten Gewissenskonflikt
mit seiner religiösen Überzeugung geraten zu müssen." Katholiken und
Evangelische sollen nach dem Willen Hitlers einander achten und schätzen
und gemeinsam gegen den jüdischen Feind kämpfen (70. Auflage, München 1933, S. 628ff.).
Hitler gelingt schließlich etwas, was es bis dahin in der deutschen
Geschichte noch nicht gegeben hatte: Sowohl die evangelische als auch die katholische
Kirche stehen hinter ihm und seiner antisemitischen Politik.
Während die Evangelische Kirche in der Weimarer Republik den Aufstieg der
NSDAP an die Macht tatkräftig fördert, lehnen die katholischen Bischöfe die
Mitgliedschaft in der NSDAP zunächst noch ab. Sie unterstützen dafür die rein
katholische Zentrumspartei. Das Verhältnis zwischen katholischer Kirche und Nazis ändert
sich jedoch, als der neu gewählte Reichskanzler Hitler am 23.3.1933 der Kirche in seiner
Regierungserklärung die "Unverletzlichkeit des katholischen Glaubens"
zusichert.
Bereits wenige Wochen später koordinieren die Nazis mit Vertretern der
katholischen und evangelischen Kirche das Verbot anderer Glaubensgemeinschaften wie der
Zeugen Jehovas, die in den folgenden Jahren zu Hunderten ermordet werden. Und am 20.7.1933
schließt Nazi-Deutschland mit der katholischen Kirche ein Konkordat ab, das der Kirche
umfangreiche Privilegien zugesteht. Dazu gehören kirchliche Selbstverwaltung, eigene
Gesetzesvollmacht, katholischer Religionsunterricht als ordentliches Lehrfach an
staatlichen Schulen und der staatliche Schutz der katholischen Verbände und Vereine. Im
Gegenzug erkennt der Vatikan als erster Staat Nazi-Deutschland in vollem Umfang
völkerrechtlich an.
Kirchliche Amtsträger schüren unterdessen weiter den
Antisemitismus bzw. befürworten eine Verfolgungsmaßnahme nach der
anderen. Die Weichen für den Holocaust an den Juden sind gestellt. Und
ein Blick in die Konzils- und Synodengeschichte der
Kirche gibt Hitler recht, wenn er im Hinblick auf die Judenverfolgung an Papst Pius XII.
schreibt: "Wir setzen fort das Werk der Katholischen Kirche"
(zit. nach Wochenpost,
12.4.1995; einzelne Synodenbeschlüsse sind in der Schrift "Die
evangelische Kirche und der Holocaust" mit eingearbeitet). Und bei anderer Gelegenheit rechtfertigt Hitler die
Judenverfolgung mit den Worten, "dass er gegen die Juden nichts anderes
tue als das, was die Kirchen in den 1500 Jahren gegen sie getan habe" (zit. nach Friedrich Heer, Gottes erste Liebe,
Berlin 1981, S. 406).

Dass die Nazis später ihre Ideologie von den kirchlichen Wurzeln
abzukoppeln versuchen, kommt den beiden Großkirchen sehr gelegen. In der Nachkriegszeit
wird nämlich eine Legende vom "Widerstand" der Kirche gestrickt und dafür
das Zeugnis von Einzelnen für die Kirche als Ganzes vereinnahmt.
Unmittelbar nach 1945 ist das noch anders: Beide Kirchen setzen sich mit
Engagement vor allem für die Verteidigung von Nazi-Kriegsverbrechern ein. Der Vatikan ist
in dieser Zeit Zufluchtsort für Kriegsverbrecher, die aus Deutschland fliehen. Von Rom
aus verhilft ihnen die Kirche mit falschen Pässen zur Flucht nach Südamerika.
Einer von ihnen ist Adolf Eichmann, evangelisch und einst Mitglied des
CVJM ("Christlichen Verein Junger Männer"), der Organisator der
"Endlösung" an den Juden. Eichmann sagt dazu am 14.5.1961: "Ich erinnere
mich in tiefer Dankbarkeit an die Hilfe katholischer Priester bei meiner Flucht aus Europa
und entschied, den katholischen Glauben zu honorieren, indem ich Ehrenmitglied wurde"
(zit. nach Ernst Klee, Persilscheine und falsche Pässe,
Frankfurt am Main 1991, S. 25). Eichmann, der auch nach seiner
Entführung durch den israelischen Geheimdienst nach Israel sein Tun nicht bereut, blieb
zwar offiziell evangelisch, trug aber in seinen argentinischen Pass "katholisch"
ein, was er offenbar als "Ehrenmitgliedschaft" auffasst.