Das Weisse Pferd - Urchristliche Zeitung für Gesellschaft, Religion, Politik und Wirtschaft

Ausgabe 11/99

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Interview mit Professor Mynarek über sein Buch:
"Die neue Inquisition"

"Scheiterhaufen können wir nicht mehr anzünden, doch ..."

Redaktion: Herr Prof. Mynarek, im Verlag Das Weisse Pferd ist Ihr Buch über "Die neue Inquisition" erschienen. Wie kamen Sie eigentlich darauf, zu diesem Thema ein Buch zu schreiben?

Die neue Inquisition - über Sektenbeauftragte und mehr - von Prof. Mynarek
Für 18 € plus Versand erhältlich beim Verlag DAS WEISSE PFERD, (Schweiz: 35 SFr)

Prof. Mynarek: Seit Jahren schon beobachte ich das im höchsten Maß ungerechte, menschenrechtswidrige Kesseltreiben zahlreicher kirchlicher und staatlicher Sektenbeauftragter gegen neue Religions- und Glaubensgemeinschaften. Ich konnte natürlich nicht alle gegen diese Gemeinschaften erhobenen Beschuldigungen auf ihren Wahrheitsgehalt hin überprüfen. Aber aufgrund meiner guten Kenntnis der Kirchengeschichte und der beiden Großkirchen in ihrem jetzigen Zustand wusste ich mit absoluter Sicherheit, dass alles, was die Sektenbeauftragten den neuen Gruppierungen vorwerfen, in sehr viel größerem und massiverem Umfang den beiden Kirchen vorzuwerfen ist.

Was für einen Charakter haben Sektenbeauftragte?

So reifte in mir der Entschluss, diesen Sachverhalt in allen Einzelheiten im Rahmen eines Buches aufzuzeigen. Außerdem motivierte mich zum Verfassen dieses Buches die Frage: Wie steht es um den Charakter, die Psyche, das Innenleben von solchen Leuten wie den Sektenbeauftragten, wenn sie bereit und fähig sind, tagtäglich eimerweise Dreck und Schlamm über andere Menschen auszuschütten, deren Schuld im Grunde nur darin besteht, nicht oder nicht mehr den beiden Kirchen anzugehören und ihren eigenen spirituellen, religiösen und ethischen Weg gehen zu wollen. Und schließlich ging es mir bei meinem neuesten Buch auch darum, die zynischen, raffinierten Methoden und Strategien aufzudecken, die von kirchlichen und staatlichen Sektenbeauftragten angewandt werden, um neue Glaubensgemeinschaften, ihre Leiter und Angehörigen, zu diskriminieren, zu diffamieren.

Redaktion: Sie sind als der erste Universitätsprofessor der kath. Theologie des deutschsprachigen Raumes im 20. Jahrhunderts aus der Kirche ausgetreten und sind heute einer der bekanntesten Kritiker dieser Institutionen. Wie wurde aus einem hohen Kirchenvertreter ein Kirchenkritiker, ein "Abtrünniger"?

Prof. Mynarek: Ich bin aus ganz idealistischen, ethischen, christlichen Motiven Priester geworden. Ich glaubte damals, die Kirche sei jene Institution, die die Menschen aus den reinsten und besten Absichten und Motiven heraus zu Gott und einem vollkommeneren Leben führen wolle. In diesem Vorgehen wollte ich sie als Priester unterstützen. Je höher ich jedoch auf der Stufenleiter meiner theologischen Karriere bis hin zum Dekan der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien aufstieg, desto deutlicher erkannte ich, dass es den meisten Verantwortlichen in den beiden Kirchen sehr viel primärer und zentraler als um das Heil der Menschen in Wirklichkeit um Macht, Prestige, Profit, Ruhm, Einfluss in Staat und Gesellschaft, Luxus und Prunksucht in einem für den gewöhnlichen Gläubigen geradezu unvorstellbaren Ausmaß geht. Ich habe lange mit mir gerungen, aber mir wurde immer klarer: Du wirst selber zu einem ganz korrupten Funktionär dieses Systems, wenn du nicht den entscheidenden Schritt tust und aus ihm austritt.

Kirchenaustritt aus Idealismus

Derselbe ethische Idealismus, der mich bewogen hatte, dieser Kirche als Priester zu dienen, trieb mich auch wieder aus ihr heraus, als ich in schmerzlicher Weise erkennen musste, dass die Kirche in Wirklichkeit abtrünnig ist, weil sie in ihrer Praxis ständig alle hohen Normen der Humanität, der Ethik, der Spiritualität und Religiosität mit Füßen tritt und tagtäglich verrät.

Redaktion: Haben Sie auch persönlich, am eigenen Leib, Erfahrungen mit der "neuen Inquisition" gemacht?

Prof. Mynarek: Ja, das habe ich. Als ich mit meiner Kritik an der Kirche an die Öffentlichkeit ging, setzten die Schikanen ein: Telefonterror mit wüsten Beschimpfungen, Verleumdungen, massiven Morddrohungen, aufgeschnittene Autoreifen, Manipulationen an meinem Auto, die mich auf der Autobahn Wien-Salzburg fast das Leben gekostet hätten, weil die Bremsen plötzlich nicht mehr funktionierten usw. Auf massiven Druck hin, den die Kirche auf den österreichischen Staat ausübte, wurde mir die Lehrtätigkeit an der Uni Wien untersagt, obwohl ich mir disziplinrechtlich nichts hatte zuschulden kommen lassen. Aber die Kirche handelte da nur ihrer Herrschaftslogik entsprechend konsequent. Sie hat ja auch die Menschenrechtserklärung der Vereinten Nationen bis heute nicht unterzeichnet. Als den Kirchenoberen zu Gehör kam, dass ich beabsichtigte, ein Buch über Macht und Menschenmissbrauch durch die Kirchenfürsten herauszugeben, erschien bei mir der Delegierte eines deutschen Kardinals und versuchte mich mit allen Mitteln von dieser Idee abzubringen.

Er versprach mir die Wiedereinsetzung in meine Lehrstuhltätigkeit, wenn ich mich verpflichtete, wieder in die Kirche einzutreten und das Buch nicht erscheinen zu lassen. "Andernfalls", so drohte er, "werden wir Sie mit dreißig und mehr Gerichtsprozessen überziehen und Sie finanziell in den Ruin treiben. Denn Scheiterhaufen können wir aber nicht mehr anzünden. Es gibt aber andere Mittel, auch heute noch, Menschen zu vernichten." Tatsächlich strengten Vertreter der Kirche nach Erscheinen des Buches mit dem Titel Herren und Knechte der Kirche vor dem Landgericht und Oberlandesgericht München einen Prozess gegen mich an. Die sich durch mein Buch beleidigt fühlenden Kirchenmänner verlangten Schmerzensgelder zwischen zehntausend und zwanzigtausend Mark für die Antastung ihrer Persönlichkeit. Im Gefolge der mit den langjährigen Gerichtsprozessen verbundenen Kosten wurden mein Haus in Kitzingen bei Würzburg zwangsgepfändet. Mir wurde von einem Amtsgericht sogar die Schreibmaschine gepfändet, denn kirchenkritische Arbeiten könnte ich ja auch mit der Hand schreiben, teilte man mir mit.

Redaktion: Nun hat ja die Enquetekommission des Deutschen Bundestags festgestellt, dass eine generelle Gefahr von so genannten Sekten nicht ausgeht. Ist damit die Gefahr einer neuen "Hexenjagd" in unserem Land vermindert oder gebannt?

Prof. Mynarek: Leider nein. Denn die Kommissionsmehrheit hat im Widerspruch zu den tatsächlichen Erkenntnissen der Kommission, dass die neuen religiösen und weltanschaulichen Bewegungen keine größeren Gefahren bergen als das, was von vergleichbaren anderen gesellschaftlichen Gruppen, sogar z. B. von Sportvereinen, auch ausgeht, trotzdem einen ganzen Katalog gesetzgeberischer Handlungsempfehlungen beschlossen, die die religiöse Freiheit nichtkirchlicher Gruppen wieder und weiter einschränken sollen.

Ich behandle diese von der Kommissionsmehrheit empfohlenen Maßnahmen am Ende meines Buches Die neue Inquisition, will sie hier also nicht weiter ausführen. Erwähnt sei hier daher nur die Spitzel-Empfehlung der Kommission, wonach die Sammlung und Verbreitung einschlägiger Daten durch das Kölner Bundesverwaltungsamt erfolgen solle. Sodann der Vorschlag, eine neu zu gründende Bundesstiftung solle das Geld für vielerlei Untersuchungen zur Verfügung stellen. Das bedeutet wohl konkret, dass mit der Schaffung einer Bundes- und Länderstiftung, deren Aufsichts- und Wissenschaftsgremien voraussichtlich mit den kirchlichen oder kirchenfreundlichen ehemaligen Sachverständigen der Enquetekommission bestückt würden, die Arbeit der an sich jetzt gar nicht mehr notwendigen Kommission unter der Hand dennoch fortgesetzt würde.

Redaktion: Sie schreiben in Ihrem Buch, dass der totalitäre Typ von Religion, wie ihn vor allem die katholische Kirche verkörpert, die Menschen heute immer weniger beeindrucken oder gefangen halten kann. Weshalb verlassen so viele Menschen auch die lutherische Kirche, die doch bezüglich Dogmen und Vorschriften ein "liberaleres" Image hat als die katholische?

Prof. Mynarek - Autor von: Die neue Inquisition
Prof. Hubertus Mynarek

Prof. Mynarek: Die lutherische Kirche hat tatsächlich ein liberaleres Image als die katholische Kirche. Aber der Schein trügt. In Wirklichkeit ist das Gottes- und Menschenbild, das Luther hatte und seiner Kirche vermachte, noch weit menschenfeindlicher und grausamer als das der katholischen Kirche. Mein Buch über Die neue Inquisition zeigt das in allen Einzelheiten. Das fatale Menschen- und Gottesbild Luthers, der den Menschen im Angesicht und unter dem Druck eines rücksichtslosen Willkürgottes keine Chance für eine freie ethische Entscheidung lässt, prägt ja auch noch die heutigen Inquisitoren, d. h. die protestantischen Sektenbeauftragten. Nicht ohne Grund betonte einer der einflussreichsten unter ihnen: "Wenn Sie bei mir auf Inquisition tippen, dann liegen sie richtig!"

Redaktion: Sie kennen den jetzigen Papst noch aus ihrer Zeit als Student in Lublin, als Karol Wojtyla dort Professor war. Der Papst hält sich bezüglich des Kosovokrieges ziemlich zurück. Im Gegensatz zum Bosnienkrieg hat er diese Aktion nicht als "gerechten Krieg" bezeichnet und beide Seiten zum Einstellen der Gewalt aufgefordert. Geht es dem Papst wirklich um Frieden - oder welche Interessen verfolgt er Ihrer Meinung nach mit dieser Haltung?

Prof. Mynarek: Ganz generell gilt: Für den Papst und den Vatikan als oberste Zentrale der katholischen Kirche sind Macht und Missionsinteressen stets das Wichtigste. Wenn jetzt der Papst gegenüber Jugoslawien moderatere Töne anschlägt als die USA, mit denen er bei der Zerschlagung des kommunistischen Ostblocks strategisch doch engstens zusammengearbeitet hat, dann tut er das, weil ihm das Herz näher ist als die Hose. Ohne Bild gesprochen: Der Papst will sein Lebensprogramm der Re-Evangelisierung - sprich Rekatholisierung - Europas in Jugoslawien nicht durch eine Pro-Amerika-Haltung im Kosovo-Konflikt gefährden. Milosevic oder dessen Nachfolger werden ihm dankbar ihre Türen öffnen und alle Chancen bereitstellen, wenn dieser Konflikt einmal beendet ist. Ohnehin hat dieser Papst nie einen Hehl daraus gemacht, dass ihm die Annäherung zu den und die Bekehrung der Orthodoxen immer wichtiger war als die von ihm nie ganz ernst genommenen Lutheraner.

Redaktion: Was glauben Sie, aus welcher Richtung der nächste Papst kommen könnte?

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Prof. Mynarek: Das ist völlig egal, aus welcher Richtung der nächste Papst kommen wird. Gegenüber den eisernen Herrschaftsstrukturen und raffinierten Einschüchterungsmechanismen der römischen Kurie wird er entweder ein willfähriges Vollzugsorgan ihrer Weisungen sein oder sterben - wie Johannes Paul I. Man vergesse auch nicht, dass inzwischen die fanatische innerkirchliche Sekte Opus Dei viele wichtige Positionen im Vatikan übernommen hat. Imagemäßig wird natürlich der neue Papst so tun, als ob er offener, weniger doktrinär, weniger autoritär und konservativ als Johannes Paul II. ist. Es wird so kommen, wie ich es in meiner Aussage gegenüber dem Stern sagte: Selbst wenn der neue Papst nur einen "Furz" progressiver sein sollte als der alte, werden ihn die Medien schon wieder als einen sagenhaften Reformator und Renovator feiern, und die katholische Kirche wird wieder von dieser Imageverbesserung profitieren.

Redaktion: Herr Prof. Mynarek, wir danken Ihnen für das Gespräch.


Das Buch kann beim Verlag Das Weisse Pferd bestellt werden (einfach oben "Post an uns" anwählen; 18,00 € + Versand), ISBN Nr. 978-3-9808322-1-2 

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Lesen Sie auch: Beruf Sektenbeauftragter - der neue Inquisitor


 



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