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Das
"gemeine Volk"
und seine "Führer"
Als der amerikanische Präsident jüngst in Deutschland
landete, um die Moral seiner Truppen und des deutschen Bundeskanzlers zu inspizieren,
beschrieb ein Radioreporter, wie auch das "gemeine Volk"
dem "mächtigsten Mann der Welt"
die Hand schütteln wollte.
Der Reporter meinte vermutlich nichts Böses: Er
dachte an den "Mann von der Straße"; er hätte auch vom
"allgemeinen" Volk im Gegensatz etwa zur "Prominenz"
sprechen können. Doch wenn vom "gemeinen Volk" die Rede
ist, schwingt eine Geringschätzung mit, an die sich das Volk in
Jahrhunderten offensichtlich gewöhnt hat - obwohl es im Grunde viel
mächtiger ist als seine sich allmächtig wähnenden Führer: Ohne die "Plebs"
im alten Rom hätte es keinen Cäsar gegeben; ohne das Kirchenvolk keine
Volkskirche; ohne den Ruf "Wir sind das Volk" keine
Wiedervereinigung Deutschlands. Und in Artikel 20 des Grundgesetzes
heißt es gar: "Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus."
Welch ein Fortschritt - vom gemeinen Volk zum souveränen Volk! Doch von
seinen Führern wird es immer noch gern als dummes Volk behandelt.

Ist es ein Zufall, welches Volk von wem geführt
wird?
Der
"mächtigste Mann der Welt", der mitunter seiner selbst nicht ganz mächtig ist,
hat da neue Maßstäbe gesetzt, als er sein Volk ein Jahr lang mit Unwahrheiten über sein
umtriebiges Privatleben bediente und schließlich eine schwere Staatskrise provozierte.
Doch eben dieser Präsident, dem sein Volk kaum noch etwas glaubt, mauserte sich über
Nacht zum mächtigen Kriegsherrn, der ein europäisches Land in die Steinzeit
zurückbomben lässt. Und schon schart das Volk sich wieder um ihn - wie gut,
dass Krieg
ist. Derweil tingelt seine Gespielin aus dem Oval-Office um die Welt, um aus ihren
erotischen Erlebnissen mit dem mächtigen Mann Kapital zu schlagen. Auch ihr will das Volk
die Hand schütteln ... Ist das Volk noch zu retten? Und während es sich als Voyeur eines
Schmierenstücks gemein macht, spielt es zugleich in Umfrageergebnissen den
Entscheidungshelfer für den jeweils nächsten Schritt des Kriegsherrn. Die Abhängigkeit
von Führer und Verführten ist gespenstisch.
Gespenstisch
ist die Szene auch in der anderen Machtzentrale: Schwerfällig wie ein kranker Bär
schreitet der russische Präsident zu seinem
Konferenztisch. Neben ihm nimmt sein Ministerpräsident Platz und senkt das Haupt. Auch er
wird wohl demnächst wieder gefeuert, wie schon so viele vor ihm, weil sie nicht
schafften, was unter diesem Präsidenten nicht zu schaffen ist, der nicht mehr regiert und
auch nicht regieren lässt. Seine politische Kreativität erschöpft sich in Entlassungen
und Ernennungen. Der zweitmächtigste Mann der Welt, Herr über ein riesiges
Atomwaffenarsenals, ist seiner kaum mehr mächtig - von Krankheit gezeichnet, mitunter
etwas verwirrt, wilde Drohungen ausstoßend, ein Kapitän, dessen Staatsschiff steuerlos
dahin treibt und in Korruption und ökonomischem Chaos zu versinken droht. Sein Volk ist
bettelarm und ohne Hoffnung, das Land vom politischen Kollaps bedroht. Und dennoch wird
mancher froh sein, dass er noch da ist, weil sonst alles noch viel schlimmer würde. Das
hilflose Volk ist auf seinen hilflosen Führer verwiesen und umgekehrt. Die Situation
wirkt dämonisch.
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Nur der tote Fisch schwimmt mit dem Strom. Dies gilt für
Wirtschaft, Politik und Kirche und für jeden, der in diesem Kielwasser schwimmt. |
Ein anderer Führer empfängt trotzig Diplomaten aus aller Herren
Länder in seinem Salon, während seine Soldateska im Kosovo brandschatzt, mordet und
Hunderttausende vertreibt. Kenner schildern ihn als eine Marionette seiner politischen
Koalitionspartnerin, die zugleich seine Ehefrau ist und jedes Verhandlungsergebnis über
Nacht kippt, wenn es ihr nicht gefällt. Wieder ein Machthaber, der seiner nicht mächtig
ist und seine Schwäche durch Gewalttätigkeit kompensiert. Sein Volk, das bereits dabei
war, sich gegen ihn zu erheben, schart sich im Bombenhagel der NATO wieder um ihn - wie
gut, dass Krieg ist.

Die Mächtigen dieser Welt - sind sie ihrer selbst immer
mächtig?
Die Hauptdarsteller des
gegenwärtigen Welttheaters gleichen dem Ensemble eines grotesken Possenspiels, doch ein
dämonischer Regisseur inszeniert mit ihnen eine Tragödie mit offenem Ausgang - bis hin
zu einem Dritten Weltkrieg. Sind die Unzulänglichkeit der Hauptakteure des Weltgeschehens
und der Abgrund, an dem sie sich bewegen, purer Zufall? Oder stolperte das Personal der
Weltgeschichte nicht schon immer von einer Katastrophe zur anderen, in die es die Völker
mit hineinriss? Ging etwa Karl der Große mit den Sachsen weniger brutal um als
Slobodan Milosevic
mit den Kosovo-Albanern? Vielleicht hätte Tony Blair, dem in diesem Jahr der Karlspreis
verliehen wurde, gut daran getan, in einem ehrlichen (und nicht "christlich"
geschönten) Geschichtsbuch nachzulesen, welch zweifelhafte Ehre ihm damit widerfuhr.
Haben sich die Kreuzfahrer, die im mittelalterlichen Jerusalem ein Blutbad
anrichteten, besser benommen als die marodierenden Truppen eines Mobutu in Zaire oder
eines Karadczic in Bosnien? Und wie steht es mit den amerikanischen
Menschenrechtsfreunden, deren Präsident Truman vor 54 Jahren Hunderttausende von Japanern
tötete bzw. verkrüppelte, um gegenüber Stalin seine atomare Zerstörungskraft zu
demonstrieren?
Führer sind Produkte
ihrer Völker
Doch die Führer, die die
Welt immer wieder ins Unglück stürzen, fallen nicht vom Himmel, sondern sind Produkte
ihrer Völker, auch wenn diese ihre Herrscher nicht demokratisch gewählt haben. Das
"gemeine" Volk schafft das Energiefeld von Friedlosigkeit und Gewalttätigkeit,
das sich dann personifiziert. Und das Volk lehnt sich an seine Führer an und projiziert
die eigenen Sehnsüchte auf die Mächtigen, gleich ob es sich um Staatsmänner,
Kirchenfürsten, Wirtschaftsführer oder Prinzessinnen handelt. Sie alle werden zu Idolen
der Schwachen.
Jesus wollte weder
Untertanen noch Obrigkeiten
Im "christlichen
Abendland" wirkt dies besonders peinlich, denn derjenige, von dem die Christen ihren
Namen ableiten, hat sie gelehrt, dass sie Kinder Gottes sind, zur Freiheit im Geiste
Gottes geboren und nicht zur Knechtschaft der Finsternis. Hätte die Menschheit die Lehren
des Nazareners befolgt, Seine Bergpredigt und die Zehn Gebote Mose, gäbe es weder gemeine
Untertanen noch allmächtige Obrigkeiten.
Es wäre ein Volk von Freien und
Gleichen, von Brüdern und Schwestern, die sich nicht an Idole anlehnen müssen, sondern
aus ihrer inneren, göttlichen Souveränität heraus leben würden. Es gäbe Staaten, die
den Namen "Gemeinwesen" verdienten, weil alle sich dem Gemeinwohl verpflichtet
fühlten. Es gäbe keine Kriege zwischen den Völkern. Und der Mensch würde die Natur
nicht zerstören, sondern in der Einheit mit seinen Mitgeschöpfen leben. Die Erde und
ihre Bewohner würden sich allmählich verwandeln und auf die geistige Wiederkunft des
Christus Gottes vorbereiten, die Jesus von Nazareth angekündigt hat.
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