Das Weisse Pferd - Urchristliche Zeitung für Gesellschaft, Religion, Politik und Wirtschaft

 Ausgabe 13/99

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Vom ursprünglichen Sinn blieb nichts übrig:

Das katholische Jubeljahr: Mose, auf den Kopf gestellt

"Bitte kommt nicht!" So flehten römische Medien, als anlässlich der Seligsprechung Pater Pios eine erneute Masseninvasion in die ewige Stadt Rom bevorstand. Genützt hat es wenig, und der Vatikan war verärgert. Aber den Römern gehen allmählich die Nerven durch: Ihre Stadt ist eine einzige Baustelle. Mit Milliardenaufwand (über drei Milliarden DM) wird die Stadt umgebaut, um für das Jahr der Jahre gerüstet zu sein: für das "Heilige Jahr" 2000.

Isrealiten auf einem Feld

Jubeljahr im früheren Israel: Die Reichen geben den Armen ihr ursprüngliches Grundeigentum zurück, Schulden werden erlassen.

Allerdings ist schon absehbar, dass die Tiefgaragen, Tunnels und Metrolinien nicht rechtzeitig zu Weihnachten 1999 fertig werden, wenn der Papst feierlich eine bestimmte vermauerte Pforte mit einem Hammer beklopft, bevor sie geöffnet und für die erwarteten 30 (dreißig) Millionen Pilger freigegeben wird, die sie bis Dreikönig 2001 durchschreiten werden.

Aber sie beschreiten eben nicht nur die Pforte, die ihnen angeblich Ablass ihrer Sünden beschert, sie hinterlassen auch, abgesehen von einem unvorstellbaren Verkehrschaos, täglich mindestens 120 Tonnen zusätzlichen Abfall und trinken pro Tag 300.000 Liter Wasser (und lassen sie wieder).

Und wem nützt das alles? Der Stadt Rom und ihren Bewohnern unter dem Strich wohl kaum, sieht man von den Hoteliers einmal ab. Wohl aber dem Vatikan. Und das war schon immer so, wenn "Heilige Jahre" oder "Jubeljahre" stattfanden. Als erster kam Papst Bonifaz VIII. im Jahre 1300 auf die Idee, ein solches "Giubileo" auszurufen. Den Gläubigen wurde damals versprochen, sie würden durch eine Wallfahrt nach Rom und - nicht zu vergessen! - ein (Geld-) Opfer auf dem Altar der Peterskirche einen vollkommenen Ablass für alle während ihres Lebens begangenen Sünden empfangen.

Dieses erste "Heilige Jahr" verlief so erfolgreich, dass das zweite nicht erst, wie geplant, für 1400, sondern bereits für 1350 angesetzt wurde. Später wurden die Abstände auf 25 Jahre verkürzt und weitere Sonderjubeljahre eingeschoben, zuletzt 1983 zum 1950.Todesjahr von Jesus von Nazareth.

Petersplatz in Rom
Jubeljahr in Rom: Arme Gläubige zahlen an die reiche Kirche für den angeblichen Erlass einer seelischen Schuld

Wer nicht in der Lage war, eine Romreise anzutreten, konnte einen ebenso vollständigen Ablass erreichen, wenn er den dritten Teil der Reisekosten an einen päpstlichen Vertreter zahlte. Oder der Pilger konnte die Pforte noch einmal für seine Angehörigen passieren - selbstverständlich unter Wiederholung des Zahlungsvorganges.

Auch für das Jahr 2000 hatte der Papst am 1. Adventssonntag 1998 wieder einen "vollkommenen Jubiläumsablass" in Aussicht gestellt. Zwar ist heute keine Geldsumme dafür genannt, aber die Opferstöcke der römischen Kirchen werden sicher genauso wenig leer bleiben wie im Mittelalter. Auch wenn die Mehrzahl der Pilger, so vermutet man, nicht gerade zu den Reichsten gehören werden.

Rechtzeitig zum Jubiläum hat der Vatikan, dem in Rom etwa jedes vierte Haus gehört, einige Immobilien in attraktiver Lage zu Hotels umbauen lassen. Unter diesen Gebäuden war auch eine katholische Schule, die man kurzerhand schloss.

Der angebliche Erlass von Sündenstrafen hat dabei nicht das Geringste mit Jesus von Nazareth zu tun und wird von Kritikern als Betrug und Scharlatanerie gewertet (siehe dazu auch www.theologe.de/theologe2.htm#24 und www.das-weisse-pferd.com/00_20/kirche_geld_6.html).

Auch die Juden hatten Jubeljahre

Der heutige Papst bezog sich bei seiner Ankündigung des "Jubeljahres" im November 1994 ausdrücklich auf die Tradition des Alten Testamentes. Auch die Juden feierten regelmäßig "Jubeljahre". Das hebräische Wort "Jowel" ist mit "Jubel" verwandt.

Doch bei den Juden hatten diese Jahre einen ganz anderen Sinn. Alle fünfzig Jahre, so bestimmte es Mose, mussten alle Felder, alles Eigentum an Boden an die ursprünglichen Besitzer zurückgegeben werden. Zusätzlich wurden alle sieben Jahre die Schulden erlassen, und das Ackerland konnte sich für ein Jahr ausruhen. Außerdem wurden die durch Verschuldung zu Taglöhnern herabgesunkenen Bauern aus ihrer Abhängigkeit befreit.

Das Ziel war, dass immer wieder ein sozialer Ausgleich stattfand. Ohne regulierende Eingriffe würden nämlich die Reichen immer reicher, die Armen immer ärmer werden. Da z. B. der Boden nicht vermehrbar ist, reagiert er auf steigende Nachfrage (z. B. durch Bevölkerungszunahme) mit steigenden Preisen. Die Folge ist Bodenspekulation und eine nicht durch Leistung gerechtfertigte Bereicherung der Bodenbesitzer. Ähnlich ist es bei den Schulden: Weil das Geld nicht rosten oder verderben kann, ist es den Waren überlegen und erzwingt ebenfalls höhere Preise, die sich als Zinsen ausdrücken und den, der einmal in die Zinseszinsspirale gerät, auf Generationen ins Unglück stürzen können. Das Zinsnehmen war deshalb unter den Juden verboten, wie übrigens auch noch in der Kirche bis zum Beginn der Neuzeit.

Und schließlich: Auch der Boden braucht Ruhe. Wenn er ständig nur ausgebeutet wird, erschöpft sich seine Kraft früher oder später. "Moderne" Kunstdünger können diesen Prozess allenfalls hinausschieben.

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Inwieweit die Vorschriften des Jubeljahres im jüdischen Volk wirklich beachtet und in die Tat umgesetzt wurden, ist nur schwer zu ermitteln. Im Grunde versuchten die Israeliten Missstände zu mindern, die bis heute ungelöst sind, obwohl Lösungsvorschläge (von Bodenreformern, Geldreformern, Ökologen) genug vorhanden wären. Abschöpfung des Bodenwertzuwachses, Umlaufsicherung des Geldes, Dreifelderwirtschaft seien hier stellvertretend erwähnt. Doch die Profitgier des Menschen gegenüber seinesgleichen und der Natur ist stärker. Sie verhindert Reformen, führt aber letztlich in Katastrophen sozialer und ökologischer Art.


 



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