Das Weisse Pferd - Urchristliche Zeitung für Gesellschaft, Religion, Politik und Wirtschaft

 Ausgabe 14/99

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"Erlassjahr 2000"

Wie den ärmsten Ländern geht es bald den reichsten

Um zwei Uhr nachmittags am 19. Juni ertönten auf dem Stuttgarter Schlossplatz minutenlang Trompeten und Posaunen. Vor zehntausend Kundgebungsteilnehmern, hauptsächlich Besucher des evangelischen Kirchentages, wurde feierlich "ein neues Jahrtausend in Frieden und Gerechtigkeit" begrüßt. Einen Tag zuvor hatten die Staaten des G-8-Gipfels in Köln beschlossen, den 36 ärmsten Ländern der Erde insgesamt 70 Milliarden Dollar an Schulden zu erlassen.

Menschen in einem Land der Dritten Welt
Menschen in Entwicklungsländern - ihre Regierungen können kaum etwas in Gesundheit und Bildung investieren, weil sie immense Zinsen an die reichen Länder zahlen müssen.

Ein "Schritt in die richtige Richtung", befanden die Demonstranten in Stuttgart. Sowohl der Papst als auch der Kirchentag hatten seit längerem ein "Erlassjahr 2000" gefordert und an die "Jubeljahre" der Juden des Alten Testaments erinnert, die in bestimmten Zeitabständen Schulden erließen und Bodeneigentum an die ursprünglichen Besitzer zurückgaben (vgl. Das Weisse Pferd Nr. 13/1999). Aus der Substanz ihres eigenen unermesslichen Reichtums stellten die Kirchen allerdings bisher noch nichts den Armen zur Verfügung.

Ein Schritt in die richtige Richtung wenigstens bei den Politikern? Es gab auch kritische Stimmen. Dies sei "kein barmherziger Akt", so Freitag, "sondern nur die Abschreibung von Krediten, die schon jetzt nicht mehr bedient werden und auch künftig nicht einzutreiben sind".

Noch tiefer legte die Junge Welt den Finger in die Wunde: "Nach betriebswirtschaftlichen Kriterien sind die reichen Staaten so pleite wie die armen: Ein verbindlicher Rückzahlungsplan existiert nicht ... Auch in den reichen Staaten wirkt der Mechanismus, den man aus den ‘Bananen-Republiken’ kennt: Die Zinszahlungen sind der größte Posten im Staatshaushalt." Der 3. Weg stellt die 3,6 Billionen Mark, mit denen die armen Länder der Erde verschuldet sind, der deutschen Inlandsverschuldung gegenüber: "Derzeit etwa 8 Billionen DM, über den Daumen gepeilt: 5 Billionen bei den Unternehmen, reichlich 2 Billionen bei Bund, Ländern und Gemeinden und etwa eine halbe Billion bei Privathaushalten."

ärztliche Behandlung auf der Straße
Vielerorts gibt es kaum noch staatliche Unterstützung für das Gesundheitswesen

Die Industrieländer geben sich also großzügig den Anschein, ärmeren Ländern bei einem Problem zu helfen, das sie selbst nicht in Griff bekommen und das sie ständig näher an den Abgrund des Staatsbankrotts führt.

Was ist eigentlich ein "Schuldenerlass"?

Was ist eigentlich ein "Schuldenerlass"? Der Laie würde sich darunter vorstellen: Mein Nachbar schuldet mir hundert Mark - aber weil ich weiß, dass er so arm ist, erlasse ich sie ihm.

So ist es aber im internationalen Bereich gerade nicht. Der größte Teil der Kredite, die arme Länder hauptsächlich in den siebziger Jahren aufnahmen (siehe Kasten), wurde über westliche Banken abgewickelt. Diese sind im Grunde keine Kreditgeber, sondern nur Kreditvermittler. Sie sind gar nicht berechtigt, den Geldgebern einfach einen Teil ihrer Einlage zu streichen. Wenn einem Kreditgeber die Rückzahlung erlassen wird, so muss dafür entweder der Staat aufkommen - der jetzt vereinbarte Schuldenerlass kostet den deutschen Staat 4,35 Mrd. DM (FAZ, 19.6.1999) - oder die Bank muss den Verlust von der Steuer absetzen - was wiederum die Allgemeinheit der Steuerzahler belastet.

Die Wallstreet
In den Zentralen des westlichen Kapitalismus werden die Geldströme verteilt, die den armen Ländern fehlen
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Vor allem aber: Für den in diesem Fall von dritter Seite zurückgezahlten Kredit muss sofort ein neuer Kreditnehmer gefunden werden. Denn die Geldeinlage bei der Bank, die Ausgangspunkt des Kredits war, bleibt ja unvermindert bestehen. Für diese Einlage muss also nun eine neue Anlagemöglichkeit gesucht werden.

Schuldenberge haben immer, das wird meistens übersehen, auch eine "Schokoladenseite": Es stehen ihnen in gleicher Höhe Geldvermögen meist privater Art gegenüber, die nicht für den Konsum benötigt werden, also nach Anlage und entsprechender Verzinsung suchen. Und diese Vermögensberge wachsen durch den Zinseszinseffekt immer schneller - während in gleicher Schnelligkeit die Verschuldung der Ärmsten anwächst, die aus der "Schuldenfalle" nicht mehr herauskommen.

Durch einen einmaligen "Erlass" wird das Problem also nicht gelöst. Allenfalls tritt eine winzige Atempause in diesem Teufelskreislauf ein. Außerdem verlieren die Länder, denen die Schulden erlassen wurden, auf Jahre hinaus ihre Kreditwürdigkeit.

Herrschaft des Geldanlegers

Eine mögliche Lösung schlug der Buchautor Helmut Creutz schon 1993 in seinem Buch Das Geldsyndrom vor: Nicht die Schulden erlassen (bzw. verlagern, denn sie werden ja von anderen Staaten übernommen), sondern die Zinsen gegen Null senken. Dies könnte man erreichen, indem man das Geld unter Umlaufzwang setzt, damit es der Wirtschaft dient, ohne sie ständig durch überhöhte Zinszahlungen zu erpressen und auszusaugen.

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Der britische Wirtschaftswissenschaftler Keynes hatte dies im Auge, als er davon sprach, der Rentier (also der Geldbesitzer, der sein Geld für sich "arbeiten" lässt), müsse einen "sanften Tod" erleiden, damit die Wirtschaft gesund werden kann. Daran, so Freitag (18.6.1999), denke heute kaum noch jemand. Statt dessen "beherrscht heute der Standpunkt des Anlegers Wirtschaft und Politik gleichermaßen.

Entstanden ist eine Renditemaschine, die Körper, Geist und Seele nur noch als verwertbaren Rohstoff wahrzunehmen weiß. Alles Menschliche liegt ihr fern. Es scheint, als müsse dieser globale Entfremdungsakt erst auf die Spitze getrieben werden, damit er sich als der Wahnsinn zeigt, der er jetzt schon ist."

 

So gerieten die Entwicklungsländer in die Schuldenfalle

Als Honduras am 31. Oktober 1998 vom verheerenden Wirbelsturm "Mitch" heimgesucht wurde, war gerade Zahltag: 60 Millionen Dollar mussten an internationale Gläubiger überwiesen werden. Das Land erhielt keinen Tag Zahlungsaufschub.

Angola hat dreimal soviel Auslandsschulden wie seine gesamte Volkswirtschaft produziert, Guinea-Bissau gar dreieinhalbmal soviel. Uganda gibt fast sechsmal soviel für Schuldendienst aus als für sein Gesundheitssystem. 30 % der Exporteinnahmen Tansanias fließen zurück in die reichen Länder - für Bildung bleibt gerade ein Drittel dieser Summe übrig. Sambia zahlte zwischen 1990 und 1993 rund 1,3 Mrd. Dollar an Zins und Tilgung an seine Gläubiger - für seine Grundschulen konnte es gerade einmal 37 Millionen Dollar ausgeben.

Und die Schere öffnet sich weiter: 1980 schuldeten die Staaten Schwarzafrikas westlichen Gläubigern 83,3 Mrd. Dollar - 1996 waren es bereits 235,4 Mrd. Und das, obwohl die ursprüngliche Kreditsumme - also ohne Zinsen gerechnet - in diesem Zeitraum bereits doppelt zurückgezahlt war!

In die Verschuldungsfalle gerieten die meisten Länder in den 70er Jahren, als hunderte Milliarden Dollar aus den Ölexportländern und von den multinationalen Konzernen in die Banken flossen und diese nach Anlagemöglichkeiten suchten. Damals waren die Zinsen niedrig, viele Länder nahmen Kredite auf, die jedoch nur teilweise in Wirtschaftsprojekte gesteckt wurden - ein anderer Teil wurde für Waffen ausgegeben oder von einheimischen korrupten Eliten gleich wieder in Industrieländern auf Geheimkonten angelegt.

Aber auch Länder, die ihre Infrastruktur verbesserten oder ihren Export steigerten, mussten erleben, dass das Wachstum ihrer Wirtschaft nicht mit den Zinsraten Schritt halten konnte - zumal diese Zinsraten enorm anstiegen.

Brasilien musste in den 80er Jahren ein Viertel seiner Kaffee-Erlöse aufwenden, um eine Zinserhöhung um einen Prozentpunkt abzufangen. Die Industrieländer wussten sich jedoch gegen steigende Exporte abzuschotten. Um die Verluste auszugleichen, exportierten die armen Länder immer mehr Rohstoffe - deren Weltmarktpreise jedoch (zum Teil gerade wegen der erhöhten Produktion) rapide sanken. Der verheerende Raubbau an den Wäldern der Erde ist nicht zuletzt auch eine Folge dieser Entwicklung. Hinzu kam die Verteuerung des Erdöls. Aus dieser Schuldenfalle kommt kaum ein Land aus eigener Kraft noch heraus.

Doch auch die Industrieländer haben von dieser Entwicklung Nachteile: Sie können ihrerseits kaum noch etwas in völlig verarmte Länder exportieren. Die Zahl der Wirtschaftsflüchtlinge wächst. Und weltweit nehmen Drogensucht und Kriminalität zu, weil viele arme Bauern nur noch im Anbau von Drogen einen Ausweg sehen und viele verzweifelte Menschen sich mit Gewalt nehmen, was sie selbst zum Leben nicht mehr haben.

 

Wahre Größe

Mein Kind, Größe zeigt nur der, der sich selbst vergisst. Und wer sich selbst vergessen hat, der ist groß.

Wie klein und niedrig ist doch das menschliche Ich, der Mensch, dessen Denken und Tun sich nur um seine eigenen Belange dreht, der nur um sein Wohl besorgt ist.

Siehe, was du heute denkst und tust, das sind die Samen für morgen. Deshalb wird der Reiche, der sich nur um sein Wohl und seine Habe bemüht, gemäß seinem Leben nach und nach alles verlieren, bis er an Leib und Seele so arm geworden ist, dass er um sein Lebensbrot betteln oder es schwer verdienen muss. Jeder empfängt, Mein Kind, so, wie er denkt und sich gibt.

Aus: Vaterworte auch an Dich, S. 31, Tel. 09391/504135
http://www.das-wort.com/deutsch/bewusstes-leben/vaterworte.php


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