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Heute vor 900 Jahren:
Eroberung von JerusalemFreudentränen nach dem Massaker
Gegen Mittag
senkt sich die hölzerne Fallbrücke des Belagerungsturms auf die
Stadtmauer hernieder. Es entbrennt ein Kampf Mann gegen Mann.
Gleichzeitig werden Sturmleitern an die Mauern gelegt. Am frühen
Nachmittag ist es um die Stadt geschehen: Von mehreren Seiten dringen
die "Franken" in die Stadt ein.

Die Kreuzfahrer dringen in die Stadt Jerusalem ein
und veranstalten dort ein grauenhaftes Blutbad - Miniatur von 1450.
Was dann geschah, gehört zu den schwärzesten Stunden der so genannten
Christenheit: die Eroberung Jerusalems. Aus der damaligen Sicht der europäischen
Kreuzritter war es einer der glanzvollsten Augenblicke.
Man schrieb den 15. Juli 1099. Zwei Tage zuvor waren die Belagerungstürme
gegen die Mauer vorgeschoben worden. Seit fünf Wochen lagen die Kreuzfahrer vor der
Stadt, die das Ziel ihrer Träume war. Drei Jahre zuvor waren sie aufgebrochen - doch von
den ursprünglich etwa 300.000 "bewaffneten Wallfahrern", die mit dem
Schlachtruf "Gott will es!" ausgezogen waren, erreichte nur ein Zehntel das Ziel
der Reise durch Wüste und Feindesland.
Jetzt wollten sie für die Strapazen entschädigt werden. Und die Menschen
umbringen, die ihnen von der päpstlichen Propaganda als "Untermenschen", als
"ungläubige Hunde" dargestellt worden waren.
 Ein Massenmörder bei der Vorbereitung seiner Taten: Papst Urban
II. ruft 1095 in Clermont zur bewaffneten Wallfahrt auf.
Und das taten sie mit kaum geahnter Gründlichkeit. "Zur
selben Stunde, in der unser Herr Jesus Christ es zuließ, dass er für uns den Kreuzestod
erlitt", schrieb ein Chronist, "flohen die Verteidiger von den Mauern der Stadt,
und die Unsrigen folgten ihnen und trieben sie vor sich her, sie tötend und
niedermetzelnd, bis zum Tempel Salomos, wo es ein solches Blutbad gab,
dass die Unsrigen
bis zu den Knöcheln im Blut wateten ... Nachdem die Unsrigen die Heiden
endlich zu Boden geschlagen hatten, durcheilten sie die ganze Stadt und
rafften Gold und Silber an sich und plünderten die Häuser. Dann, vor
Freude weinend, gingen die Unsrigen hin, um das Grab unseres Erlösers zu
verehren, und entledigten sich ihm gegenüber ihrer Dankesschuld."
"Vieles, was man einst schrieb, liest sich heute wie Satire",
schreibt Karlheinz Deschner im sechsten Band seiner Kriminalgeschichte des
Christentums* über die Eroberung Jerusalems. Eine bittere Satire. Das Blutbad
im Namen Christi dauerte einen halben Tag und eine Nacht. Die einzigen Überlebenden sind
einige Sarazenen um den fatimidischen Statthalter Iftikar al-Daula, die sich in die
Davidsburg retten und gegen eine große Summe Goldes freies Geleit erhalten.
Die Juden werden in der Synagoge hingemetzelt - "ein gerechtes
Gottesurteil" nannte es ein Erzbischof. An die fünftausend Sarazenen starben in der
Al-Aqsa-Moschee, wohin sie sich geflüchtet hatten. "Die Ritter Christi",
schreibt ein Augenzeuge nach der Ermordung von 60.000 - 70.000 Menschen, troffen "vom
Scheitel bis zur Sohle vom Blut".
"Leichenhaufen wie Häuser" meldet ein Berichterstatter; andere
versichern, dass noch ein halbes Jahr oder gar ein Jahr später "die Luft vom
Leichengestank verpestet war". "Kein zeitgenössischer christlicher Chronist
indes äußert im geringsten Gewissensbisse", so Deschner. Auch nicht über die
Raffgier, mit der die angeblich christlichen Krieger die gesamte Stadt aufs gründlichste
plünderten und alle Gebäude in Besitz nahmen.
Für nicht einmal neunzig Jahre. Am 2. Oktober 1187 kapituliert die Stadt
vor den Truppen des aus Kurdistan stammenden Heerführers Saladin. Dieser nimmt allerdings
keine Rache, im Gegenteil. Er erlaubt den Unterlegenen nicht nur, sich loszukaufen,
sondern sichert gefangenen Familienvätern und Ehemännern auch noch sicheres Geleit zum
Hafen, zwingt sogar die skrupellosen (christlichen) Schiffskapitäne, die den Besiegten
ihre letzte Habe nehmen wollen, sie kostenlos mitzunehmen. Sein Bruder "kauft"
viele und lässt sie frei.

Ehe der Belagerungsturm die Mauer erreichen kann, muss der Graben aufgefüllt werden.
Dass dennoch Ungezählte in die Sklaverei verkauft werden, liegt an dem
beschämenden Egoismus der "Christen": Die Reichen unter ihnen helfen ihren
armen Brüdern nicht; auch der hohe Klerus zieht mit Schätzen beladen davon, ohne seine
"Schafe" vor der Sklaverei zu bewahren.
Die Muslime waren
toleranter
Als ob dies alles noch nicht
genügt hätte, um die moralische Kluft zwischen den Muslimen - deren Fanatismus sich
allerdings im Verlauf der Kreuzzüge ebenfalls steigerte - und den "Christen"
aufzuzeigen: Unmittelbar nach dem Fall Jerusalems ruft Papst Gregor VIII. zu einem
weiteren Kreuzzug auf - obwohl Saladin das "heilige Grab" vor Brandstiftern
schützen ließ und allen unbewaffneten Christen weiterhin den Zugang zur Stadt
gestattete.
Dies war übrigens auch schon vor dem ersten Kreuzzug so gewesen. Ein
einziger Kalif, der wahnsinnige Al-Tahir, hatte 1009 die Grabeskirche zerstören lassen -
doch sein Sohn baute sie wieder auf. Was Papst Urban II. am 27. November 1095 in
Clermont den dort versammelten Menschenmassen von der Schändung der
"heiligen Stätten" und der Ermordung der dort lebenden
Christen erzählte, war skrupellose Propaganda.
Die eigentlichen Motive für die Kreuzzüge liegen zum einen in einer
ideologischen Stärkung des Papsttums, das gerade im Streit mit dem deutschen Kaisertum
lag und nun seine Fähigkeit zur Mobilisierung der Massen unter Beweis stellen konnte.
Zum anderen ging es um die Erschließung neuer Handelswege sowie um die
Schwächung des byzantinischen Reiches, das sich kurz zuvor (1054) endgültig von der
römischen Kirche losgesagt hatte. Konstantinopel wurde dann auch tatsächlich während
des vierten Kreuzzugs 1202 von "lateinischen" Truppen erobert und geplündert,
wovon es sich bis zur Eroberung durch die Osmanen 1492 nicht mehr erholte.
Schließlich sollten die zahlreichen Fehden in Europa beendet und auf ein
äußeres Ziel gelenkt werden. Die Kirche verdiente dabei - wie auch sonst in der
Geschichte - nicht schlecht. Kreuzzugssteuern wurden erhoben,
Ablassgelder
entgegengenommen - wer nicht am Kreuzzug teilnehmen konnte, dem wurde gegen entsprechende
Zahlung ebenfalls, wie allen Teilnehmern an der "Pilgerfahrt", die Vergebung
seiner Sünden und das ewige Leben versprochen. Und die Klöster erwiesen sich als
besonders geschäftstüchtig: Sie vergaben Kredite, mit denen sich die Ritter ihre
Ausrüstung besorgten - und nahmen dafür deren Ländereien in Zahlung. Kam der Ritter
nicht oder ohne Beute nach Hause (wofür die Wahrscheinlichkeit weit über 90 % betrug),
fiel der Besitz an das Kloster.
Wann wird Christus
rehabilitiert?
Was blieb am Ende? Allein der
erste Kreuzzug kostete einer Million Menschen das Leben - nicht nur Sarazenen und
Christen, sondern auch Tausenden von Juden vor allem im Rheinland, die von den
Kreuzfahrern gleich zu Beginn der Wallfahrt als erste abgeschlachtet wurden.
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