Das Weisse Pferd - Urchristliche Zeitung für Gesellschaft, Religion, Politik und Wirtschaft

Ausgabe 15/99

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Krisenherde der Erde (13)

Angola: Der Reichtum ist zum Fluch geworden

Die Nachricht ging völlig unter: Mitten während der hektischen Vorbereitungen für den Kosovo-Krieg verließen am 20. März 1999 die letzten Mitarbeiter der Vereinten Nationen Angola. Die "friedensstiftende Mission" der Völkergemeinschaft war damit endgültig gescheitert. Das Land wurde dem erneut ausbrechenden Bürgerkrieg überlassen.

  Santos Savimbi

Die Kontrahenten: Angolas Regierungschef Jose Eduardo dos Santos (links) und Rebellenführer Jonas Savimbi

Was hat Angola mit dem Kosovo zu tun? Sehr viel - wenn es gilt, aufzuzeigen, mit welch unterschiedlichen Maßstäben "humanitäre Katastrophen" gemessen werden. Bereits im Januar 1999 brachte die Weltwoche dieses Ungleichgewicht zur Sprache: "Was würde geschehen, wenn die Schergen von Slobodan Milosevic ein Flugzeug der Vereinten Nationen voller Hilfsgüter für Flüchtlinge im Kosovo abschössen? Wie würde Washington reagieren, wenn Saddam Hussein sich weigerte, eine Such- und Rettungsaktion für amerikanische Verunglückte zu genehmigen? Man würde den Bösewichtern Waffengewalt androhen und sie notfalls zur Vernunft bombardieren."

In Angola geschah genau dies Ende 1998: Ein Flugzeug der Vereinten Nationen wurde abgeschossen - bis heute ist unklar, von welcher Bürgerkriegspartei. Die Bergung wurde von beiden Parteien behindert, ohne dass von Nato oder UNO - nach entsprechender Pressekampagne - zum Angriff geblasen wurde.

Angola passte nicht ins Bild. Allein dieser mehr als 30jährige Bürgerkrieg genügt, um den Einsatz für die Menschenrechte als Grund für einen Krieg gegen Jugoslawien als pure Heuchelei zu entlarven. Denn um die Menschenrechte der Angolaner kümmert sich niemand. Im Gegenteil: Die Industriestaaten der Nordhalbkugel - sowohl westliche als auch östliche - profitieren von diesem Krieg - und halten ihn seit Jahrzehnten in Gang.

Zehn Prozent des in den USA verbrauchten Erdöls stammen aus Angola. Von dort kommt auch ein Fünftel aller Diamanten, mit denen auf unserem Planeten gehandelt wird. "Diamanten für die Liebsten und Benzin für Autos finanzieren die Kriege Afrikas" - unter anderem diesen Satz wollte die Hilfsorganisation Medico international als Anzeige in einer großen deutschen Tageszeitung veröffentlichen. Die Anzeige wurde abgelehnt.

Minenopfer
Tausende von Minen-Opfern kämpfen um das Überleben

Es ist kein Zufall, dass die blutigsten Konflikte Afrikas gerade dort toben, wo die meisten Bodenschätze vorhanden sind. In Angola stehen sich die aus der marxistischen Befreiungsarmee MPLA entstandene Regierung unter Präsident Dos Santos und die "ewige Rebellenarmee" UNITA des Jonas Savimbi gegenüber. Die Regierung kontrolliert die Hauptstadt Luanda und die meisten großen Städte - und die Ölvorkommen, vor allem vor der Exklave Cabinda. Dort lagern auf dem Meeresgrund nach Schätzung von Londoner Ölexperten die größten derzeit zur Förderung bereitstehenden Ölvorkommen der Welt. Die Rebellen um Savimbi hingegen kontrollieren weite Gebiete im Norden und Nordosten des Landes - und 60 Prozent der angolanischen Diamantenvorkommen.

Beide Seiten haben somit genug Geld, um sich modernste Waffen kaufen zu können - vor allem aus Russland, der Ukraine, Tschechien, Brasilien, Nordkorea, Bulgarien und Usbekistan. Angola gibt ein Drittel seines Volkseinkommens für Waffen aus und ist damit der größte Waffenimporteur des Kontinents. Gesetzt den Fall, dieses Geld wäre nicht vorhanden oder es würde niemand Waffen liefern, so wäre der Krieg sehr schnell am Ende.

Der Krieg - er begann im Jahre 1961, als sich die Rebellengruppen gegen die portugiesische Kolonialherrschaft erhoben. Der Gegensatz MPLA* gegen UNITA** spiegelte dabei nicht nur die Auseinandersetzung zwischen Ost und West, sondern auch - wie in Afrika üblich - zwischen zwei Stämmen, und zwar den Kimbundu (MPLA) und Ovimbundu (UNITA). Nach der Unabhängigkeit 1975 sollten die beiden Organisationen das Land gemeinsam regieren - doch die MPLA vertrieb den Partner aus der Hauptstadt. Nun bekämpften sich die Guerilleros, die zuvor gemeinsam gegen die Portugiesen Krieg geführt hatten, gegenseitig. Angola wurde zum Schauplatz eines Stellvertreterkrieges der Supermächte: Die Sowjetunion und Kuba unterstützen die MPLA, die USA und Südafrika die UNITA.

Trügerischer Friede

Nach der Auflösung der Sowjetunion sah es lange Zeit so aus, als ob der Krieg beendet werden könnte. Als jedoch Savimbi aber 1992 die ersten freien Wahlen verlor, wollte er sich nicht damit abfinden, die zweite Geige zu spielen. Er nahm den Kampf wieder auf; und auch 1994 nach dem Abkommen im sambischen Lusaka hintertrieb er alle Abmachungen und rüstete unter den Augen der UNO-Beobachter weiter auf. Seit Ende 1998 ist der Bürgerkrieg wieder in vollem Gange.

Es wäre aber irreführend, Savimbi allein die Schuld an den Zuständen in Angola zu geben. Das Regime schlägt mit gleicher Brutalität zurück und regiert teilweise mit Folter und Terror. Vor allem aber saugen Dos Santos und seine korrupte Clique das Land bis aufs Blut aus. Die Wirtschaft ist praktisch zusammengebrochen; fast alle Gebrauchsartikel werden importiert - aber kaufen können sie nur diejenigen, die am Dollarsegen des Erdöls beteiligt werden. "Dieser Regierung quellen die Ölmilliarden wirklich aus den Ohren hinaus", so eine Diplomatin.

Karte von Angola

Angola - viermal so groß wie Deutschland, aber nur 12 Millionen Einwohner

Gleichzeitig beträgt die durchschnittliche Lebenserwartung der Angolaner etwa 40 bis 45 Jahre. 40 % der Kinder sterben vor dem Erreichen des fünften Lebensjahres. 650.000 Menschen sind auf der Flucht, können ihre Felder nicht mehr bestellen. Es droht eine Hungersnot. Und Angola hat noch eine "Errungenschaft" der westlichen Zivilisation aufzuweisen: Landminen. In Angola gibt es mehr Minen als Menschen: über 12 Millionen.

Sie kennen nur Krieg

Eine ganze Generation von Angolanern kennt nichts als Krieg. Jedes dritte Kind war oder ist an eine Armee gebunden, jedes zehnte hat schon auf Menschen geschossen.

Menschenrechte? Jugoslawien wurde bombardiert und mit wirtschaftlichen Sanktionen belegt; auch der Irak wird noch immer von amerikanischen Flugzeugen bombardiert und steht unter einem Embargo, das jährlich Tausenden von Kindern das Leben kostet. In Angola gibt es hingegen kein Embargo - lediglich für angolanische Diamanten hat der UN-Sicherheitsrat im Juni 1998 ein Handelsverbot beschlossen, das allerdings bisher nur auf dem Papier steht. Der Konzern Chevron führt weiter Unmengen von Öl aus - nachdem die USA schon vor Jahren die Seiten wechselten, die inzwischen gespaltene UNITA fallen ließ und seither die Ex-Kommunisten in Luanda unterstützen.

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Angola ist viermal so groß wie Deutschland. Mit seinen Reichtümern könnte es den 12 Millionen Einwohnern einen gewissen Wohlstand bescheren. Doch der Reichtum ist zum Fluch geworden. Die Profitgier von Rüstungskonzernen, Minenherstellern, Diamantenhändlern und Ölkonzernen hat Angola zu einer Hölle gemacht. Das Waisenkind des Kalten Krieges (so der Titel eines Buches) wird heute mit seinen Problemen alleingelassen. Doch die Wirkungen werden auf diejenigen zurückfallen, die seine Agonie mit verursacht haben.


* MPLA = Movimento Popular pela Liberacao de Angola (port.) - Volksbewegung für die Befreiung Angolas

** UNITA = Uniao Nacional pela Independencia Total de Angola (port.) - Nationale Union für die totale Unabhängigkeit Angolas


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