Was hat Angola mit dem Kosovo zu tun? Sehr viel - wenn es gilt,
aufzuzeigen, mit welch unterschiedlichen Maßstäben "humanitäre Katastrophen"
gemessen werden. Bereits im Januar 1999 brachte die Weltwoche dieses
Ungleichgewicht zur Sprache: "Was würde geschehen, wenn die Schergen von Slobodan
Milosevic ein Flugzeug der Vereinten Nationen voller Hilfsgüter für Flüchtlinge im
Kosovo abschössen? Wie würde Washington reagieren, wenn Saddam Hussein sich weigerte,
eine Such- und Rettungsaktion für amerikanische Verunglückte zu genehmigen? Man würde
den Bösewichtern Waffengewalt androhen und sie notfalls zur Vernunft bombardieren."
In Angola geschah genau dies Ende 1998: Ein Flugzeug der Vereinten
Nationen wurde abgeschossen - bis heute ist unklar, von welcher Bürgerkriegspartei. Die
Bergung wurde von beiden Parteien behindert, ohne dass von Nato oder UNO - nach
entsprechender Pressekampagne - zum Angriff geblasen wurde.
Angola passte nicht ins Bild. Allein dieser mehr als 30jährige
Bürgerkrieg genügt, um den Einsatz für die Menschenrechte als Grund für einen Krieg
gegen Jugoslawien als pure Heuchelei zu entlarven. Denn um die Menschenrechte der
Angolaner kümmert sich niemand. Im Gegenteil: Die Industriestaaten der Nordhalbkugel -
sowohl westliche als auch östliche - profitieren von diesem Krieg - und halten ihn seit
Jahrzehnten in Gang.
Zehn Prozent des in den USA verbrauchten Erdöls stammen aus Angola. Von
dort kommt auch ein Fünftel aller Diamanten, mit denen auf unserem Planeten gehandelt
wird. "Diamanten für die Liebsten und Benzin für Autos finanzieren die Kriege
Afrikas" - unter anderem diesen Satz wollte die Hilfsorganisation Medico
international als Anzeige in einer großen deutschen Tageszeitung veröffentlichen.
Die Anzeige wurde abgelehnt.

Tausende von Minen-Opfern kämpfen um das
Überleben
Es ist kein Zufall, dass die blutigsten Konflikte Afrikas gerade dort
toben, wo die meisten Bodenschätze vorhanden sind. In Angola stehen sich die aus der
marxistischen Befreiungsarmee MPLA entstandene Regierung unter Präsident Dos Santos und
die "ewige Rebellenarmee" UNITA des Jonas Savimbi gegenüber. Die Regierung
kontrolliert die Hauptstadt Luanda und die meisten großen Städte - und die Ölvorkommen,
vor allem vor der Exklave Cabinda. Dort lagern auf dem Meeresgrund nach Schätzung von
Londoner Ölexperten die größten derzeit zur Förderung bereitstehenden Ölvorkommen der
Welt. Die Rebellen um Savimbi hingegen kontrollieren weite Gebiete im Norden und Nordosten
des Landes - und 60 Prozent der angolanischen Diamantenvorkommen.
Beide Seiten haben somit genug Geld, um sich modernste Waffen kaufen zu
können - vor allem aus Russland, der Ukraine, Tschechien, Brasilien, Nordkorea, Bulgarien
und Usbekistan. Angola gibt ein Drittel seines Volkseinkommens für Waffen aus und ist
damit der größte Waffenimporteur des Kontinents. Gesetzt den Fall, dieses Geld wäre
nicht vorhanden oder es würde niemand Waffen liefern, so wäre der Krieg sehr schnell am
Ende.
Der Krieg - er begann im Jahre 1961, als sich die Rebellengruppen gegen
die portugiesische Kolonialherrschaft erhoben. Der Gegensatz MPLA* gegen UNITA** spiegelte
dabei nicht nur die Auseinandersetzung zwischen Ost und West, sondern auch - wie in Afrika
üblich - zwischen zwei Stämmen, und zwar den Kimbundu (MPLA) und Ovimbundu (UNITA). Nach
der Unabhängigkeit 1975 sollten die beiden Organisationen das Land gemeinsam regieren -
doch die MPLA vertrieb den Partner aus der Hauptstadt. Nun bekämpften sich die
Guerilleros, die zuvor gemeinsam gegen die Portugiesen Krieg geführt hatten, gegenseitig.
Angola wurde zum Schauplatz eines Stellvertreterkrieges der Supermächte: Die Sowjetunion
und Kuba unterstützen die MPLA, die USA und Südafrika die UNITA.
Nach der Auflösung der Sowjetunion sah es lange Zeit so aus, als ob der
Krieg beendet werden könnte. Als jedoch Savimbi aber 1992 die ersten freien Wahlen
verlor, wollte er sich nicht damit abfinden, die zweite Geige zu spielen. Er nahm den
Kampf wieder auf; und auch 1994 nach dem Abkommen im sambischen Lusaka hintertrieb er alle
Abmachungen und rüstete unter den Augen der UNO-Beobachter weiter auf. Seit Ende 1998 ist
der Bürgerkrieg wieder in vollem Gange.
Es wäre aber irreführend, Savimbi allein die Schuld an den Zuständen in
Angola zu geben. Das Regime schlägt mit gleicher Brutalität zurück und regiert
teilweise mit Folter und Terror. Vor allem aber saugen Dos Santos und seine korrupte
Clique das Land bis aufs Blut aus. Die Wirtschaft ist praktisch zusammengebrochen; fast
alle Gebrauchsartikel werden importiert - aber kaufen können sie nur diejenigen, die am
Dollarsegen des Erdöls beteiligt werden. "Dieser Regierung quellen die Ölmilliarden
wirklich aus den Ohren hinaus", so eine Diplomatin.
