Wer kennt es nicht aus dem
Geschichtsunterricht: Kaiser und Papst stritten sich im 11. Jahrhundert um die Macht - so,
wie sich eben zwei Schulbuben in der Pause darum raufen, wer der Stärkere ist. Und dann
gewann der Papst, Heinrich IV. musste in Canossa seinen Kniefall machen. Wie es wirklich
war und warum es so kam, war nicht recht klar geworden.

Heinrich IV. vor der Burg Canossa. Wie lief es wirklich ab?
Die Demütigung von Canossa (1077) kann sich so, wie es papstfreundliche
Chronisten (und der damalige Papst selbst!) schilderten, jedenfalls nicht abgespielt
haben. Heinrich wäre erfroren, wenn er tatsächlich im strengsten Winter drei Tage lang
barfuß umhergelaufen wäre.
Auch sonst wird bei Karlheinz Deschner vieles gerade gerückt und aus
einer bisher ungewohnten Perspektive betrachtet. Es geht dabei nicht nur um das
Kräftemessen der "Großen" (die meist die größten Verbrecher waren), sondern
vor allem um die Wirkungen, die solche Politik hatte: Fünfzig Jahre lang versank
Deutschland in einem blutigen Bürgerkrieg, nur weil Papst Gregor VII. (Wahlspruch:
"Verflucht sei der Mensch, der sein Schwert vom Blut zurückhält") in seinem
Größenwahn plötzlich die Weltherrschaft anstrebte und, entgegen aller bis dahin
gültiger Rechtsauffassung, das Kaisertum bekämpfte - das Kaisertum, das dem Papsttum
zuvor zu seiner Größe erst verholfen hatte.
Diese Kurswechsel ziehen sich durch Deschners Kriminalbücher wie ein
roter Faden. Auch im sechsten Band: Erst hetzen die Päpste die deutschen Kaiser, bis hin
zu Barbarossa, gegen die Normannen in Süditalien. Dann, wie aus heiterem Himmel,
verbünden sie sich mit den Normannen gegen die Deutschen.
Und noch ein roter Faden: die ständige Kriegstreiberei. Nicht nur
sämtliche Kreuzzüge gehen auf das Konto der Päpste, sondern auch fast alle der anderen
europäischen Kriege des 11. und 12. Jahrhunderts, von denen dieser Band handelt. (In den
anderen Bänden ist es allerdings nicht viel anders.) In zahlreichen Geheimverträgen
lassen sich die Päpste regelrecht zusichern, dass die Deutschen nicht ohne Einwilligung
des Papstes mit den Normannen Frieden schließen, die oberitalienischen Städte nicht mit
dem Kaiser (das war nach dem Seitenwechsel) und so fort. Krieg muss eben sein, um die
Macht des Papsttums zu vergrößern.
Durch gezieltes Manipulieren der
deutschen Königswahl legen die Päpste auch den Grundstein für den nächsten deutschen
Bürgerkrieg, indem sie die Familien der Staufer und Welfen gegeneinander aufbringen
(Fortsetzung folgt im siebten Band).
Eher peripher, aber nicht minder bezeichnend: die Zustände im damals
schon "alten Rom". Über Jahrzehnte hinweg existieren zwei oder drei Päpste
gleichzeitig; können die Päpste nicht in Rom residieren, weil dort die Römer selbst
regieren ("denn wie gewöhnlich hassten sie die Päpste noch mehr als die
Kaiser"); werden Kirchen, auch St. Peter und der Lateran, zu regelrechten Festungen
ausgebaut und verteidigt oder gestürmt; werden auch während des Hochamtes Degenkämpfe
verfeindeter Papstparteien ausgefochten.