Das Weisse Pferd - Urchristliche Zeitung für Gesellschaft, Religion, Politik und Wirtschaft

 Ausgabe 15/99

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Karlheinz Deschners "Kriminalgeschichte": der 6. Band

Das Papsttum: kriegstreibende Kraft der Geschichte

Wer kennt es nicht aus dem Geschichtsunterricht: Kaiser und Papst stritten sich im 11. Jahrhundert um die Macht - so, wie sich eben zwei Schulbuben in der Pause darum raufen, wer der Stärkere ist. Und dann gewann der Papst, Heinrich IV. musste in Canossa seinen Kniefall machen. Wie es wirklich war und warum es so kam, war nicht recht klar geworden.

Gemälde: Gang nach Canossa
Heinrich IV. vor der Burg Canossa. Wie lief es wirklich ab?

Die Demütigung von Canossa (1077) kann sich so, wie es papstfreundliche Chronisten (und der damalige Papst selbst!) schilderten, jedenfalls nicht abgespielt haben. Heinrich wäre erfroren, wenn er tatsächlich im strengsten Winter drei Tage lang barfuß umhergelaufen wäre.

Auch sonst wird bei Karlheinz Deschner vieles gerade gerückt und aus einer bisher ungewohnten Perspektive betrachtet. Es geht dabei nicht nur um das Kräftemessen der "Großen" (die meist die größten Verbrecher waren), sondern vor allem um die Wirkungen, die solche Politik hatte: Fünfzig Jahre lang versank Deutschland in einem blutigen Bürgerkrieg, nur weil Papst Gregor VII. (Wahlspruch: "Verflucht sei der Mensch, der sein Schwert vom Blut zurückhält") in seinem Größenwahn plötzlich die Weltherrschaft anstrebte und, entgegen aller bis dahin gültiger Rechtsauffassung, das Kaisertum bekämpfte - das Kaisertum, das dem Papsttum zuvor zu seiner Größe erst verholfen hatte.

Diese Kurswechsel ziehen sich durch Deschners Kriminalbücher wie ein roter Faden. Auch im sechsten Band: Erst hetzen die Päpste die deutschen Kaiser, bis hin zu Barbarossa, gegen die Normannen in Süditalien. Dann, wie aus heiterem Himmel, verbünden sie sich mit den Normannen gegen die Deutschen.

Und noch ein roter Faden: die ständige Kriegstreiberei. Nicht nur sämtliche Kreuzzüge gehen auf das Konto der Päpste, sondern auch fast alle der anderen europäischen Kriege des 11. und 12. Jahrhunderts, von denen dieser Band handelt. (In den anderen Bänden ist es allerdings nicht viel anders.) In zahlreichen Geheimverträgen lassen sich die Päpste regelrecht zusichern, dass die Deutschen nicht ohne Einwilligung des Papstes mit den Normannen Frieden schließen, die oberitalienischen Städte nicht mit dem Kaiser (das war nach dem Seitenwechsel) und so fort. Krieg muss eben sein, um die Macht des Papsttums zu vergrößern.

Karlheinz Deschner: Kriminalgeschichte des Christentums Band 6Durch gezieltes Manipulieren der deutschen Königswahl legen die Päpste auch den Grundstein für den nächsten deutschen Bürgerkrieg, indem sie die Familien der Staufer und Welfen gegeneinander aufbringen (Fortsetzung folgt im siebten Band).

Eher peripher, aber nicht minder bezeichnend: die Zustände im damals schon "alten Rom". Über Jahrzehnte hinweg existieren zwei oder drei Päpste gleichzeitig; können die Päpste nicht in Rom residieren, weil dort die Römer selbst regieren ("denn wie gewöhnlich hassten sie die Päpste noch mehr als die Kaiser"); werden Kirchen, auch St. Peter und der Lateran, zu regelrechten Festungen ausgebaut und verteidigt oder gestürmt; werden auch während des Hochamtes Degenkämpfe verfeindeter Papstparteien ausgefochten.

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Doch auch die Kaiser waren keineswegs nur Opfer der päpstlichen Ränke, sondern ihrerseits Täter, die ihre Grausamkeiten genauso "christlich" rechtfertigten wie ihre kirchlichen Vorbilder. Insbesondere der viel gerühmte Friedrich Barbarossa hinterließ in Italien eine entsetzliche Blutspur durch Gräueltaten und Ausbeutung - doch, so berichten die Chronisten, alle Kriegsfürsten waren, so sie denn gewonnen hatten, "hocherfreut und dankten Gott für den Sieg". Ist es heute anders?

Karlheinz Deschner, Kriminalgeschichte des Christentums, Band 6: das 11. und 12. Jahrhundert, Rowohlt, 656 S., 27,00 €

"Idioten als Päpste"

"Wir bekennen, dass wir unverständig genug gewesen sind, Idioten zu Päpsten einzusetzen."

Erklärung römischer Synodalen am 24.12.1046 (zit. nach Deschner)

Weitere Literatur:
Wer sitzt auf dem Stuhl Petri, Verlag Das Wort
http://www.das-wort.com/cgi/gen_article.
cgi?article=s371de&type=desc&rtopic=fueranalytiker


 



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