Frage: Man redet ja heutzutage viel von Klimaveränderung. Hat
sich beim Wetter während der Erntezeit auch schon etwas geändert?
Ja, das Klima ändert sich. Es fällt auf, dass es im letzten Herbst und
auch in diesem Jahr feuchter als sonst war. Die "Regenzeit" im Winterhalbjahr
beginnt im Herbst früher und hört im Frühjahr später auf als früher üblich. Wir
hatten dieses Jahr schon doppelt soviel Regen, als sonst in einem ganzen Jahr fällt. Aber
das kann nächstes Jahr schon wieder ganz anders sein. Das Wetter scheint großen
Schwankungen zu unterliegen; es weicht stark von den Erfahrungswerten ab. Seit Beginn der
Ernte, die heuer sehr früh stattfindet, ist es jedoch konstant trocken und warm, wofür
wir sehr dankbar sind.
Frage: Und wie sieht es mit dem Unkraut, oder besser gesagt:
Beikraut, aus? Das wird ja in der ökologischen Landwirtschaft nicht weggespritzt. Gab es
viel dieses Jahr?
Durch die starke Feuchtigkeit ist natürlich einiges gewachsen. Aber es
steht tiefer als das Getreide. Die Felder sind hier unterschiedlich betroffen. Es hängt
zum einen davon ab, wie der Boden behandelt wurde, bevor wir ihn übernommen haben. Zum
anderen aber auch, wie wir damit umgehen. Fahren wir z. B. zum Säen in ein Feld hinein,
das noch sehr nass ist, dann wird der Boden zerfurcht und verdichtet sich. Dann kann man
schon davon ausgehen, dass dort im Frühjahr verstärkt Kamille oder Distel wachsen
werden, die den Boden wieder lockern. Alle Beikräuter haben also auch eine Funktion.
Frage: Ihr habt auf den Gütern "Neu Jerusalem" vor
einigen Jahren damit begonnen, nach dem Grundsatz der Dreifelderwirtschaft zu arbeiten:
Nachdem das Feld zwei Jahre lang bebaut wurde, bleibt es ein Jahr brach liegen und kann
sich erholen. Kann sich das ein Betrieb heutzutage finanziell überhaupt leisten?
Kurzfristig ist es natürlich ein finanzieller Verlust, wenn man den Boden
nicht jedes Jahr beansprucht. Doch wir können über einige Jahre hinweg schon
feststellen, dass es sich langfristig auszahlt. Auf lange Sicht steigen auf solchen
Feldern die Erträge an. Die Felder werden stabiler und sind besser für
Wetterschwankungen gerüstet - ähnlich wie ein Mensch, der gesund ist, schwierige
Situationen leichter verkraftet als ein überlasteter oder kranker.
Frage: Die Bäckerei Lebe Gesund bäckt das ganze Jahr über
fast ausschließlich mit eigenem Getreide von euren Höfen. Gibt es da keine
Lagerverluste?
Nur geringe. Das liegt an der modernen Lagertechnik, die wir einsetzen.
Wir reinigen das Getreide, trocknen es und halten es kühl. Dadurch haben Pilze und Käfer
keine Chance, sich zu entwickeln, denn die brauchen ein bestimmtes Klima, z. B. warm und
feucht. Durch die Reinigung entfernen wir mit den Beikräutern und dem Schmutz auch
zahlreiche Keime und Sporen - und wir verringern die Schadstoffe ganz erheblich, die etwa
über die Luft auf den Acker gelangt sind. Dadurch leisten wir auch einen zusätzlichen
Beitrag zur Gesundheit des Endverbrauchers, der letztendlich das Brot
isst. - Aber jetzt
muss ich aufhören, weil ich gerade das Getreide vom Mähdrescher auf den Hänger lade.
Das Weisse Pferd: Wir sind auch schon durch - vielen Dank für
das Gespräch und weiterhin gutes Wetter!
Eine Frage hatten wir doch noch, aber die wollten wir ohnehin Josef
stellen, einem der Geschäftsführer der Firma Gut zum Leben, die für die
Weiterverarbeitung und den Vertrieb der im Gütesiegelverbund ökologisch angebauten
Lebensmittel zuständig ist.
Frage: Josef, in letzter Zeit werden immer mehr
Lebensmittelskandale bekannt, wie z. B. die Dioxin-Eier in Belgien, die
Futtermittelskandale bei Tiermästereien. Steigt dadurch die Nachfrage nach ökologisch
angebauten Lebensmitteln auch bei euch?
Ja, die Nachfrage steigt stetig an. Die Belgier - wir sind seit kurzem mit
unseren Produkten auch in Belgien - sind sehr verunsichert. Aber auch bei uns werden die
Menschen immer sensibler, vor allem auch Familien mit Kindern oder Menschen mit Allergien.
Sie suchen Lebensmittel, zu denen sie Vertrauen haben können. Und wir haben eben den
Vorteil, dass bei uns von der Saat bis zum Verkauf der Produkte alles aus unserem
Gütesiegelverbund ist. Wir können also für die Qualität garantieren.
Frage: Welche Rolle spielt dabei, dass ihr auch auf Mist und
Gülle verzichtet?
Wir haben im Gütesiegelverbund keine Nutztierhaltung. Die Tiere sind
unsere Übernächsten. Wir achten sie und töten sie nicht. Folglich gibt es bei uns
keinen Mist und keine Gülle. Davon abgesehen spricht es sich immer mehr herum,
dass die
Tiere mit Medikamenten behandelt werden, nicht mehr gesund sind und diese Keime sich in
der Gülle befinden bzw. im Mist.