Das Weisse Pferd - Urchristliche Zeitung für Gesellschaft, Religion, Politik und Wirtschaft

Ausgabe 17/99

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Krisenherde der Erde (14): Dagestan im Kaukasus

Kriegswolken über dem Berg der Sprachen

"Moslemische Rebellen", so meldeten die Nachrichten, "haben in Dagestan mehrere Dörfer besetzt. Sie wollen aus Dagestan einen unabhängigen moslemischen Staat machen und erklären den russischen ‘Besatzern’ den ‘Heiligen Krieg’".

Bergland im Kaukasus

Der Kaukasus - mit seinen über 5.000 Meter hohen Gipfeln und
unwegsamen Schluchten ist er für fremde Mächte kaum beherrschbar
.

Die Rebellen kommen aus dem benachbarten Tschetschenien. Weder die tschetschenische noch die dagestanische Regierung (beide Gebiete sind offiziell autonome Teilrepubliken innerhalb Russlands) unterstützten die Eindringlinge. Dennoch sorgten sie für erhebliche Unruhe und leisteten den sie bekämpfenden russischen Truppen einige Wochen hinhaltenden Widerstand.

So viele Völker und Sprachen gibt es nirgends

Ausgerechnet Dagestan. Das "Bergland" (so die wörtliche Übersetzung) gilt als die Region mit der größten ethnischen Vielfalt der Erde. Auf einem Gebiet von der knappen Größe der Schweiz leben etwa 1,8 Millionen Menschen - doch diese Menschen sprechen 30 bis 40 verschiedene Sprachen: Turksprachen, persische und kaukasische Idiome bunt durcheinander, oft in jedem Tal ein anderes. Keine der vier wichtigsten Volksgruppen - Awaren, Darginer, Kumücken, Lesghier - kann die anderen dominieren. Sie sind fast alle moslemischen Glaubens, haben sich aber mit der Moskauer Zentralregierung gut arrangiert: Moskau gibt finanzielle Zuschüsse, die lokalen Eliten, unterteilt nach Volksgruppen und Familienclans, teilen das Geld unter sich auf, bereichern sich mit Hilfe eines undurchdringlichen Geflechts von Korruption und dunklen Geschäften - und sorgen für Ruhe. Jedenfalls bisher.

Schamil Bassajew
Schamil Bassajew will die Russen aus dem gesamten Kaukasus hinauswerfen
.

Die "Opposition" setzt auf den Islam - nicht weil sie so fromm ist, sondern weil sie auch etwas von Geschäften versteht und ebenfalls an die Fleischtöpfe heran will. Der Islam wird also von manchen nur benutzt - doch er ist im Kommen. Allerdings gibt es auch hier zwei sich bekämpfende Richtungen: Die alte Volksfrömmigkeit, die einige "mystische" Elemente pflegt wie den Tanz der Derwische oder religiöse Bruderschaften. Und den strengen islamischen Fundamentalismus der Wahhabiten, die z. B. Saudi-Arabien zu einem der engstirnigsten Verbotsstaaten der Welt gemacht haben.

Zu letzteren zählen sich die "Moslemrebellen", die nun aus dem benachbarten Tschetschenien eingedrungen sind. Zu ihren Anführern zählt der Tschetschene Schamil Bassajew, ein berüchtigter Partisanenführer, und der jordanische Wahhabit Chatab. Der tschetschenische Präsident Maschadow, der eine gemäßigtere islamistische Linie vertritt, hat die Kontrolle über die unterschiedlichen rebellischen Banden längst verloren.

In Tschetschenien, etwa so groß wie Schleswig-Holstein, haben wenige Tausend entschlossene Moslemkrieger die Kontinentalmacht Russland 1996 zum Rückzug gezwungen und einen Waffenstillstand ausgehandelt. Erst 2001 soll endgültig über den zukünftigen Status des autonomen Gebiets entschieden werden. Doch schon jetzt ist Tschetschenien die Lunte, die den ganzen Kaukasus in Flammen setzen kann. Wird das Ländchen unabhängig, dann kann man diesen Schritt auch vielen anderen Kleinststaaten an der Südflanke Russlands schwer verwehren.

Ein schwer zu eroberndes Gebiet

Erst im 19. Jahrhundert eroberte Russland den nördlichen Teil des Kaukasus. Damals leistete der Imam Schamil (heute der Vorname Bassajews!) jahrelang erbitterten Widerstand im Namen des Islam. Schamil war ein Aware aus Dagestan.

Karte des Kaukasus

Durch seine bewegte und meist noch unbewältigte Vergangenheit steckt der gesamte Kaukasus voller ungelöster ethnischer und religiöser Konflikte.

Auch später machten sich die Russen nicht beliebter. Die beiden Diktatoren Lenin und Stalin spielten dem Kaukasus, dem "Berg der Sprachen" übel mit. Dabei waren beide kaukasischer Herkunft: Lenin stammte väterlicherseits aus dem Nordkaukasus und wuchs in der Nähe von Kasan, einer Hochburg der Tataren, auf. Stalin war väterlicherseits Georgier, seine Mutter war eine Ossetin - ein kaukasischer Volkstamm, der möglicherweise, von den räuberischen Skythen der Antike abstammt.

Lenin, insbesondere aber Stalin zwangen die kaukasischen Völker (und nicht nur diese) nach anfänglichen Versprechungen unter die sowjetische Knute. Während des zweiten Weltkriegs ließ Stalin ganze Völker aus dem Kaukasus in die kasachische Steppe deportieren - darunter Tschetschenen, Inguschen, Kabardiner, Balkaren. Erst nach dem Krieg durften die Überlebenden zurückkehren. Außerdem legte er überall in der ehemaligen Sowjetunion ethnische "Minen" an, indem er willkürlich Grenzen zwischen den Volksgruppen zog, um diese gegeneinander aufzubringen. So konnte er sie besser beherrschen. Doch die Konflikte , die er programmierte, brachen in den letzten Jahren schon teilweise auf: Krieg zwischen Armenien und Aserbeidschan um das armenische Karabach, das Stalin Aserbeidschan zuschlug; Krieg zwischen Osseten und Georgiern, weil Stalin Südossetien Georgien einverleibte; Bürgerkrieg zwischen Inguschen und Osseten, weil die aus der Verbannung zurückgekehrten Inguschen das von Osseten besetzte Land wiederhaben wollten. Viele weitere derartige Minen im ehemaligen Sowjetreich, negativen Strahlungsfeldern ähnlich, sind ebenfalls noch längst nicht entschärft.

Doch auch das nach der Auflösung der Sowjetunion entstandene Russland verhielt sich gegenüber den "einverleibten" Völkerschaften nicht gerade taktvoll. Tschetschenien wurde brutal zerbombt, und auch in benachbarten Gebieten nehmen undisziplinierte oder betrunkene russische Einheiten oft wenig Rücksicht auf die Zivilbevölkerung. "Aus Versehen" erschossene oder totgefahrene Zivilisten sind auch in "Friedenszeiten" nicht selten - und das in einem Gebiet, in dem nach wie vor das Gesetz der Blutrache gilt: Für jedes getötete Mitglied der Sippe muß Blut fließen. Ist der Schuldige nicht aufzufinden, dann eben von einem Verwandten - oder, bei einem Soldaten, von einem anderen Armeeangehörigen. Kein Wunder, dass der Islam als Rechtfertigung der "Befreiung" von fremder Herrschaft an Bedeutung gewinnt.

Wer transportiert das Öl - und durch welches Gebiet?

Zu allem Unglück liegt der Kaukasus aber auch noch in einem weltstrategisch äußerst brisanten Gebiet. Er ist Teil des "Schlachtfeldes der Zukunft" (Peter Scholl-Latour) zwischen dem Schwarzen Meer und dem Hindukusch. Hier geht es um die Rohstoffvorräte des vorderasiatischen Steppengürtels, insbesondere die Ölvorräte rund um das Kaspische Meer, und um deren Abtransport in die westlichen Industrieländer.

Bisher war die Pipeline durch den Nordkaukasus, also durch Dagestan (!) und Tschetschenien (!) eine der wenigen Transportmöglichkeiten. Weitere Pipelines sind jedoch geplant, etwa durch Georgien, Armenien oder Afghanistan. Westliche Konzerne sind längst mit Aserbeidschan und anderen ehemaligen Sowjetstaaten ins Geschäft gekommen. Russland versucht jedoch, seinen Einfluss aufrecht zu erhalten. Der Kreml schürt regionale Konflikte z. B. im Südkaukasus in Georgien, um diese Länder in militärischer Abhängigkeit zu halten und Ölpipelines dort zu verhindern. Umgekehrt ist es denkbar, dass Konflikte im Nordkaukasus von außen geschürt werden, um die bisherige Route unsicher zu machen (und gleichzeitig Russland zu schwächen).

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Es wäre nicht das erste Mal, dass international operierende "Terroristen" von irgendwelchen Geheimdiensten, seien es amerikanische oder britische oder andere, unterstützt werden. Beweisen lässt sich hier wenig. Doch Vorderasien war schon im vorigen Jahrhundert Schauplatz eines abenteuerlichen "Spiels" von Geheimdiensten und politischen Intriganten um Einflusssphären und Rohstoffquellen. Und die SPD-Fraktion im Deutschen Bundestag, sicherlich nicht einer "Weltverschwörungstheorie" verdächtig, hat in einem Positionspapier zur "Zukunftsregion Kaspisches Meer" im Juni 1998 die Gefahr benannt, dass im Gerangel um die kaspischen Bodenschätze jemand unter den Gegnern Russlands die "tschetschenische Karte ziehen" könne. Ist es jetzt soweit?

Wir müssen einmal mehr feststellen: Nationen mit überwiegend christlicher Bevölkerung verursachen oder schüren Konflikte. Muss man sich da wundern, wenn der Islam, auch in seiner radikaleren Ausprägung, immer mehr an Boden gewinnt? 

Wie entstand der
"Berg der Sprachen"?

Der Kaukasus bietet ein weltweit einmaliges babylonisches Sprachengewirr. Zahlreiche der dort heimischen Sprachen werden nur in dieser Region gesprochen und sind mit keiner anderen verwandt, etwa das Georgische. Wie entstand diese Vielfalt?

Einen interessanten Erklärungsversuch bietet der Schweizer Historiker Robert Sträuli. Nach seiner Theorie waren früher im Kaukasus zahlreiche eher kriegerische Völker beheimatet, die auf Raubzügen Menschen anderer Völker raubten und versklavten. Im Laufe der Zeit könnten sie deren (zahlreiche) Sprachen übernommen haben, während ihre eigenen Idiome, etwa das Churritische, in Vergessenheit gerieten.

Zu den früheren Reitervölkern gehörten u. a. die Awaren und die Skythen, von denen es bis heute Nachkommen im Kaukasus geben soll. Natürlich muss man sich vor Verallgemeinerung hüten, doch kriegerische "Gene" scheinen im Kaukasus bis heute stark ausgeprägt zu sein.


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