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Krisenherde der Erde
(14): Dagestan im KaukasusKriegswolken über dem Berg der Sprachen
"Moslemische
Rebellen", so meldeten die Nachrichten, "haben in Dagestan mehrere Dörfer
besetzt. Sie wollen aus Dagestan einen unabhängigen moslemischen Staat machen und
erklären den russischen Besatzern den Heiligen Krieg".

Der Kaukasus - mit seinen über 5.000 Meter hohen Gipfeln und
unwegsamen
Schluchten ist er für fremde Mächte kaum beherrschbar.
Die Rebellen kommen aus dem benachbarten Tschetschenien. Weder die
tschetschenische noch die dagestanische Regierung (beide Gebiete sind offiziell autonome
Teilrepubliken innerhalb Russlands) unterstützten die Eindringlinge. Dennoch sorgten sie
für erhebliche Unruhe und leisteten den sie bekämpfenden russischen Truppen einige
Wochen hinhaltenden Widerstand.
So viele Völker und
Sprachen gibt es nirgends
Ausgerechnet Dagestan. Das
"Bergland" (so die wörtliche Übersetzung) gilt als die Region mit der
größten ethnischen Vielfalt der Erde. Auf einem Gebiet von der knappen Größe der
Schweiz leben etwa 1,8 Millionen Menschen - doch diese Menschen sprechen 30 bis 40
verschiedene Sprachen: Turksprachen, persische und kaukasische Idiome bunt durcheinander,
oft in jedem Tal ein anderes. Keine der vier wichtigsten Volksgruppen - Awaren, Darginer,
Kumücken, Lesghier - kann die anderen dominieren. Sie sind fast alle moslemischen
Glaubens, haben sich aber mit der Moskauer Zentralregierung gut arrangiert: Moskau gibt
finanzielle Zuschüsse, die lokalen Eliten, unterteilt nach Volksgruppen und
Familienclans, teilen das Geld unter sich auf, bereichern sich mit Hilfe eines
undurchdringlichen Geflechts von Korruption und dunklen Geschäften - und sorgen für
Ruhe. Jedenfalls bisher.

Schamil Bassajew will die Russen aus dem gesamten Kaukasus hinauswerfen.
Die "Opposition" setzt auf den Islam - nicht weil sie so fromm
ist, sondern weil sie auch etwas von Geschäften versteht und ebenfalls an die
Fleischtöpfe heran will. Der Islam wird also von manchen nur benutzt - doch er ist im
Kommen. Allerdings gibt es auch hier zwei sich bekämpfende Richtungen: Die alte
Volksfrömmigkeit, die einige "mystische" Elemente pflegt wie den Tanz der
Derwische oder religiöse Bruderschaften. Und den strengen islamischen Fundamentalismus
der Wahhabiten, die z. B. Saudi-Arabien zu einem der engstirnigsten Verbotsstaaten der Welt
gemacht haben.
Zu letzteren zählen sich die "Moslemrebellen", die nun aus dem
benachbarten Tschetschenien eingedrungen sind. Zu ihren Anführern zählt der Tschetschene
Schamil Bassajew, ein berüchtigter Partisanenführer, und der jordanische Wahhabit
Chatab. Der tschetschenische Präsident Maschadow, der eine gemäßigtere islamistische
Linie vertritt, hat die Kontrolle über die unterschiedlichen rebellischen Banden längst
verloren.
In Tschetschenien, etwa so groß wie Schleswig-Holstein, haben wenige
Tausend entschlossene Moslemkrieger die Kontinentalmacht Russland 1996 zum Rückzug
gezwungen und einen Waffenstillstand ausgehandelt. Erst 2001 soll endgültig über den
zukünftigen Status des autonomen Gebiets entschieden werden. Doch schon jetzt ist
Tschetschenien die Lunte, die den ganzen Kaukasus in Flammen setzen kann. Wird das
Ländchen unabhängig, dann kann man diesen Schritt auch vielen anderen Kleinststaaten an
der Südflanke Russlands schwer verwehren.
Ein schwer zu eroberndes Gebiet
Erst im 19. Jahrhundert eroberte Russland den nördlichen Teil des
Kaukasus. Damals leistete der Imam Schamil (heute der Vorname Bassajews!) jahrelang
erbitterten Widerstand im Namen des Islam. Schamil war ein Aware aus Dagestan.

Durch seine bewegte und meist noch unbewältigte
Vergangenheit steckt der gesamte Kaukasus voller ungelöster ethnischer und religiöser
Konflikte.
Auch später machten sich die Russen nicht beliebter. Die beiden
Diktatoren Lenin und Stalin spielten dem Kaukasus, dem "Berg der
Sprachen" übel mit. Dabei waren beide kaukasischer Herkunft: Lenin stammte
väterlicherseits aus dem Nordkaukasus und wuchs in der Nähe von Kasan, einer Hochburg
der Tataren, auf. Stalin war väterlicherseits Georgier, seine Mutter war eine Ossetin -
ein kaukasischer Volkstamm, der möglicherweise, von den räuberischen Skythen der Antike
abstammt.
Lenin, insbesondere aber Stalin zwangen die kaukasischen Völker (und
nicht nur diese) nach anfänglichen Versprechungen unter die sowjetische Knute. Während
des zweiten Weltkriegs ließ Stalin ganze Völker aus dem Kaukasus in die kasachische
Steppe deportieren - darunter Tschetschenen, Inguschen, Kabardiner, Balkaren. Erst nach
dem Krieg durften die Überlebenden zurückkehren. Außerdem legte er überall in der
ehemaligen Sowjetunion ethnische "Minen" an, indem er willkürlich Grenzen
zwischen den Volksgruppen zog, um diese gegeneinander aufzubringen. So konnte er sie
besser beherrschen. Doch die Konflikte , die er programmierte, brachen in den letzten
Jahren schon teilweise auf: Krieg zwischen Armenien und Aserbeidschan um das armenische
Karabach, das Stalin Aserbeidschan zuschlug; Krieg zwischen Osseten und Georgiern, weil
Stalin Südossetien Georgien einverleibte; Bürgerkrieg zwischen Inguschen und Osseten,
weil die aus der Verbannung zurückgekehrten Inguschen das von Osseten besetzte Land
wiederhaben wollten. Viele weitere derartige Minen im ehemaligen Sowjetreich, negativen
Strahlungsfeldern ähnlich, sind ebenfalls noch längst nicht entschärft.
Doch auch das nach der Auflösung der Sowjetunion entstandene Russland
verhielt sich gegenüber den "einverleibten" Völkerschaften nicht gerade
taktvoll. Tschetschenien wurde brutal zerbombt, und auch in benachbarten Gebieten nehmen
undisziplinierte oder betrunkene russische Einheiten oft wenig Rücksicht auf die
Zivilbevölkerung. "Aus Versehen" erschossene oder totgefahrene Zivilisten sind
auch in "Friedenszeiten" nicht selten - und das in einem Gebiet, in dem nach wie
vor das Gesetz der Blutrache gilt: Für jedes getötete Mitglied der Sippe muß Blut
fließen. Ist der Schuldige nicht aufzufinden, dann eben von einem Verwandten - oder, bei
einem Soldaten, von einem anderen Armeeangehörigen. Kein Wunder, dass
der Islam als Rechtfertigung der "Befreiung" von fremder
Herrschaft an Bedeutung gewinnt.
Wer transportiert das Öl - und durch welches Gebiet?
Zu allem Unglück liegt der Kaukasus aber auch noch in einem
weltstrategisch äußerst brisanten Gebiet. Er ist Teil des "Schlachtfeldes der
Zukunft" (Peter Scholl-Latour) zwischen dem Schwarzen Meer und dem Hindukusch.
Hier geht es um die Rohstoffvorräte des vorderasiatischen Steppengürtels, insbesondere
die Ölvorräte rund um das Kaspische Meer, und um deren Abtransport in die westlichen
Industrieländer.
Bisher war die Pipeline durch den Nordkaukasus, also durch Dagestan (!) und
Tschetschenien (!) eine der wenigen Transportmöglichkeiten. Weitere Pipelines sind jedoch
geplant, etwa durch Georgien, Armenien oder Afghanistan. Westliche Konzerne sind längst
mit Aserbeidschan und anderen ehemaligen Sowjetstaaten ins Geschäft gekommen. Russland
versucht jedoch, seinen Einfluss aufrecht zu erhalten. Der Kreml schürt regionale
Konflikte z. B. im Südkaukasus in Georgien, um diese Länder in militärischer
Abhängigkeit zu halten und Ölpipelines dort zu verhindern. Umgekehrt ist es denkbar,
dass Konflikte im Nordkaukasus von außen geschürt werden, um die bisherige Route
unsicher zu machen (und gleichzeitig Russland zu schwächen).
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Es wäre nicht das
erste Mal, dass international operierende "Terroristen" von irgendwelchen
Geheimdiensten, seien es amerikanische oder britische oder andere, unterstützt werden.
Beweisen lässt sich hier wenig. Doch Vorderasien war schon im vorigen Jahrhundert
Schauplatz eines abenteuerlichen "Spiels" von Geheimdiensten und politischen
Intriganten um Einflusssphären und Rohstoffquellen. Und die SPD-Fraktion im Deutschen
Bundestag, sicherlich nicht einer "Weltverschwörungstheorie" verdächtig, hat
in einem Positionspapier zur "Zukunftsregion Kaspisches Meer" im Juni 1998 die
Gefahr benannt, dass im Gerangel um die kaspischen Bodenschätze jemand unter den Gegnern
Russlands die "tschetschenische Karte ziehen" könne. Ist es jetzt soweit?
Wir müssen einmal mehr feststellen: Nationen mit überwiegend
christlicher Bevölkerung verursachen oder schüren Konflikte. Muss man sich da wundern,
wenn der Islam, auch in seiner radikaleren Ausprägung, immer mehr an Boden gewinnt?
Wie entstand der
"Berg der Sprachen"?
Der Kaukasus bietet ein weltweit einmaliges babylonisches
Sprachengewirr. Zahlreiche der dort heimischen Sprachen werden nur in dieser Region
gesprochen und sind mit keiner anderen verwandt, etwa das Georgische. Wie entstand diese
Vielfalt?
Einen interessanten Erklärungsversuch bietet der Schweizer Historiker
Robert Sträuli. Nach seiner Theorie waren früher im Kaukasus zahlreiche eher
kriegerische Völker beheimatet, die auf Raubzügen Menschen anderer Völker raubten und
versklavten. Im Laufe der Zeit könnten sie deren (zahlreiche) Sprachen übernommen haben,
während ihre eigenen Idiome, etwa das Churritische, in Vergessenheit gerieten.
Zu den früheren Reitervölkern gehörten u. a. die Awaren und die Skythen,
von denen es bis heute Nachkommen im Kaukasus geben soll. Natürlich muss man sich vor
Verallgemeinerung hüten, doch kriegerische "Gene" scheinen im Kaukasus bis
heute stark ausgeprägt zu sein. |
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