Der
versteckte Angriff auf das frühe Urchristentum (Teil 1)
Wie Paulus die
Lehre des Jesus verfälschte
Eigentlich hatte Jesus von Nazareth alles gut vorbereitet: Er berief
einige seiner Nachfolger zu seinen "Aposteln"
(= Boten bzw. Gesandten) und übertrug ihnen die Leitung der Urgemeinde in
Jerusalem und weiterer Gemeinden. Und von dort gingen weitere Männer und Frauen hinaus, um die Botschaft vom kommenden Gottesreich auch außerhalb Israels bekannt zu machen. Das ging so
lange einigermaßen gut, bis Saulus, später Paulus, hinzu kam. Mit Paulus begann die Verfälschung der
Lehre von Jesus und der allmähliche Aufbau einer kirchlichen institutionellen Struktur.
Während die Apostel noch von Jesus direkt belehrt und
geschult werden, kennt Paulus Jesus nicht. Ist Jesus bei Paulus demnach nur eine
"metaphysische Figur, der man alles unterschieben konnte", wie es der Philosoph
Friedrich Nietzsche einmal kommentierte? Paulus zeigt zumindest kein
nachweisliches Interesse am Leben des Jesus von
Nazareth, an dem er sich hätte als Vorbild orientieren können.

Jesus von Nazareth und Seine Jünger unterwegs in
Palästina (Filmausschnitt) - Jesus erklärte auch, wie es nach Seinem Tod und Seiner
Auferstehung weitergehen sollte.
Die ersten urchristlichen Gemeinden
wurden von Christus unmittelbar durch das Prophetische Wort geführt. Christus
offenbarte sich durch Prophetenmund, und nach dem Zeugnis der Apostelgeschichte
war die "Menge der Gläubigen" "ein Herz und eine Seele"
(4, 32). "Sie blieben beständig in der Lehre der
Apostel und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet"
(Apostelgeschichte 2, 42), sie taten Gutes an ihren
Nächsten "und fanden Wohlwollen beim ganzen Volk"
(Apostelgeschichte 2, 47).
In dieser Zeit kam Saulus, später Paulus genannt, hinzu und gab den ersten
größeren Anlass
für Unstimmigkeiten ...
Saulus aus Tarsus in Kleinasien (weitgehend
identisch mit der heutigen Türkei) ist als
jüdischer Pharisäer ein erbitterter Gegner von Jesus von Nazareth und verfolgt die
urchristliche Gemeinde. Dann erfolgt ein Einschnitt in seinem Leben: In einer Vision glaubt er eines Tages, die Stimme des Mannes aus
Nazareth zu hören, und er glaubt auch, ihn zu sehen. Nach diesem Erlebnis gelangt Paulus
zu der Überzeugung, dass Jesus in der Tat der "Christus" war, das heißt, der
Gesandte Gottes, der Israel verheißene Befreier bzw. Erlöser. Paulus orientiert sich um. In Zukunft will er
für ihn kämpfen, nicht mehr gegen ihn. Doch von Anfang an ist er nicht bereit, sich in
die bestehende Gemeinschaft einzuordnen. Er betont sogar, dass er sich nach seiner
Umkehr nicht mit den anderen Urchristen besprach. Stattdessen beginnt er aus
eigenem Entschluss mit dem Predigen. Erst nach drei Jahren besucht er für zwei
Wochen Petrus und reist anschließend wieder durch die Lande (Galaterbrief 1, 16-18).
(1)
Doch schon bald stellt sich heraus, dass Paulus die christliche Lehre
mit seinen römischen Vorstellungen vermischt. Deshalb kommt es dort, wo er bei seinen Reisen bereits
urchristliche Gruppen vorfindet, zu Unstimmigkeiten und Konflikten. Paulus
lässt sich jedoch nichts sagen und sich nicht korrigieren. Im Gegenteil: Als es erst nach 14 Jahren
(!) zu ersten offiziellen Gesprächen mit den Hauptverantwortlichen der urchristlichen Bewegung
kommt, weist Paulus seinerseits Petrus heftig zurecht und "widerstand ihm ins
Angesicht", wie er es in der Bibel selber schreibt (Galaterbrief 2). Der Streit mit Petrus,
den Paulus offen der Heuchelei bezichtigt, entzündet sich an den jüdischen Wurzeln des
Urchristentums und unter anderem auch an der Frage nach dem Fleischkonsum beim urchristlichen Mahl
(Näheres dazu in Der
Theologe Nr. 5). Doch die Unterschiede zwischen Paulus einerseits und
den "Aposteln" (so den von Jesus selbst eingesetzten Hauptverantwortlichen für
sein Werk) und Jesus von Nazareth andererseits sind noch viel weit reichender
...
Kein Interesse an Jesus
Während die Apostel noch von Jesus direkt belehrt und geschult
wurden, kannte Paulus Jesus nicht. Stattdessen hatte er die pharisäische Schulung der
Gegner des Mannes aus Nazareth genossen. Doch anstatt sich so viel wie möglich von Jesus berichten zu lassen
und sich so weit wie möglich an ihm als Vorbild zu orientieren, erklärt Paulus sein
Defizit einfach als belanglos und schreibt selbstbewusst: "Auch wenn wir Christus gekannt haben nach dem Fleisch [auf die
anderen Apostel bezogen], so kennen wir ihn doch jetzt so nicht mehr" (2. Korintherbrief 5, 16).
Der Satz wäre gar nicht unbedingt falsch, wenn das von Paulus so
genannte heutige "Kennen" von Christus mit dem übereinstimmt, was Jesus
von Nazareth einst als Mensch seinen Zeitgenossen lehrte. Doch woher will Paulus wissen, ob der "Christus" aus seiner Vision und in seiner
Vorstellung mit dem Christus übereinstimmt, der in Jesus von Nazareth unter den
Menschen lebte? Jesus, der Christus, scheint bei Paulus nur mehr "ein bloßes Motiv"
zu sein, wie der Philosoph Friedrich
Nietzsche ihm vorwirft, eine "metaphysische Figur, der man alles unterschieben
konnte".

Paulus änderte die Lehre von Jesus - Hier ein Paulus-Porträt mit Heiligenschein in einer
Kirche in Sizilien
Und in der Tat: Anstatt zu fragen, was Jesus gelehrt hat, deutet Paulus das Leben
von Jesus nach dem Muster heidnischer Mysterienreligionen und des Kaiserkults, wo von
sterbenden und wieder auferstehenden Göttern die Rede ist, an denen der Gläubige durch
Identifikation bzw. durch magische Übungen Anteil haben könne. Gleichermaßen knüpft
er an den jüdischen Opferkult an und interpretiert ihn neu: Während strenggläubige
Juden durch Tieropfer einen angeblichen Zorn Gottes besänftigen wollen, erklärt Paulus
kurzerhand, dass das Blut, das Jesus bei seiner Hinrichtung vergossen hatte, bei Gott
angeblich ein
für alle mal sühnende Wirkung hätte (Römerbrief 3, 25), so dass es keiner Tieropfer mehr
bedürfe.
Die Umdeutung
Zwar war auch Jesus ein Gegner
der Tieropfer. Doch im Unterschied zu Paulus hatte er einen Gott verkündet, der
überhaupt kein "Sühnopfer" benötigt und nie ein solches Opfer benötigt hatte.
(2) Stattdessen wünscht der Gott, den Jesus verkündet, dass alle Seine Kinder Ihm ihr Herz
öffnen, Schritt für Schritt ihr Ego "opfern" und für ihren Nächsten da sind. Paulus
hingegen kehrt wieder zu den alten vorchristlichen Gottesvorstellungen der Menschen
(Gotteszorn, Sühnopfer) zurück und deutet diese nur auf Christus hin um. Der Höhepunkt
seiner Umdeutung besteht schließlich darin,
dass man durch den bloßen Glauben an ein solches Sühnopfer "gerecht" werden könne
- also "ohne Verdienst", d. h. ohne das rechte Tun. Dies war eine
wesentliche Botschaft des Paulus, und es war eine angenehme Botschaft
für das Volk. Mit dem unbequemen Jesus von Nazareth hatte sie aber nichts mehr zu tun.
Denn Jesus lehrte das
Halten der Zehn Gebote und der Bergpredigt, und er sagte immer wieder: "Tu das, so wirst du
leben" (Lukas 10, 27). Oder: In das Reich Gottes kommen, "die den
Willen tun meines Vaters im Himmel" (Matthäus 7, 21). Oder: Wer
seine Rede "tut", "der gleicht einem klugen Mann" (Matthäus 7, 24).
Oder: "Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut
ihr ihnen auch! Das ist das Gesetz und die Propheten" (Matthäus 7,
12).
Oder: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das
hat ihr mir getan (Matthäus 25, 40; siehe auch V. 25).
Und vieles mehr. Paulus spricht dagegen vom "Glauben", der
einen Menschen "gerecht" mache (vor allem im Römerbrief, Kapitel 3
und 4).
Das "Alte
Testament" und der Glaube
Um diesen Gegensatz von Paulus und Jesus noch besser zu
verstehen, hilft auch die Frage, wie beide das so genannte "Alte Testament", die
"Heilige Schrift" der jüdischen Religion, verstehen. Einig sind sich beide
darin, dass die vielen hundert Gesetzesvorschriften dort nicht zu Gott führen.
Doch aus unterschiedlichen Gründen. Weil Priester im Laufe der Jahrhunderte dort
Texte fälschten und auf diese Weise ihre eigene Lehre in der "Heiligen Schrift"
als "Wort Gottes" ausgaben, stellt Jesus dies richtig; zum Beispiel in der
Bergpredigt mit seinen bekannten Worten: "Ich aber sage euch"
(Matthäusevangelium, Kapitel 5; in der theologischen Wissenschaft spricht man
von "Antithesen"). Ganz anders als Jesus erkennt Paulus aber alle
Gesetzesvorschriften als Gotteswort an ("So ist also das Gesetz heilig, und das
Gebot ist heilig, gerecht und gut"; Römerbrief 7, 12). Er lehrt aber
stattdessen das Heil durch "Glauben", weil niemand die Vorschriften alle
erfüllen könne (Römerbrief 3, 9-28; Galaterbrief 2, 16) (3). Daran wird im 16. Jahrhundert vor allem Martin Luther anknüpfen
und diese Lehre des Paulus weiter entwickeln. Denn Luther lehnt nicht nur die
Ethik des Alten Testaments als einen Weg zu Gott ab, wie es Paulus tut, sondern
auch die Ethik des Jesus von Nazareth, nämlich das schrittweise Erfüllen seiner
Lehre, wie sie z. B. in der Bergpredigt dargelegt ist (die Paulus vermutlich nur teilweise
kannte). Nur der rechte Glaube
führe angeblich zum "Heil" und zu Gott, nicht das Halten von Geboten
gleich welcher Art (mehr
dazu in Der Theologe Nr. 1 und in
Der Theologe Nr. 35).
Fundament für eine Kult-Kirche
Paulus legte damit die Fundamente für eine Volkskirche, die
bald Kulthandlungen für das von Paulus entwickelte "Heilsgeschehen"
und den angeblich notwendigen Glauben daran zelebrieren
wird, welche man wiederum aus den antiken Götterkulten entlehnt. Und bereits ein Paulusschüler der 1. Generation macht Jesus, den Christus, zum
"Hohenpriester" (im Hebräerbrief der Bibel), dessen Blut "unser Gewissen
reinigt", wie zuvor angeblich "das Blut von Böcken und Stieren und die Asche
von der Kuh durch Besprengung die Unreinen heiligt" (9, 13). Bald folgen Theologen und
Schriftgelehrte als "Assistenzpriester". Und bald werden auch wieder Riten und Zeremonien,
Talare, Kanzeln und Altäre eingeführt - ganz so, wie es die Leute in ihren
bisherigen Religionen gewöhnt waren. Jesus wollte aber nicht als dieser "Hohepriester" verstanden
werden. Sonst hätte er sich auch gleich z. B. von seinen Jüngern in diese Funktion
erheben lassen können.
Und so fügte die entstehende katholische Kirche Jahr für Jahr neue Anleihen aus
der antiken Vielgötterei ihrem Glaubensgebäude hinzu. Und die spätere
Auseinandersetzung zwischen "katholisch" und "evangelisch" hat einen ihrer
Gründe darin, dass die evangelische "Reformation" - wohl ganz im Sinne des
Paulus - den Katholizismus von vielen dieser Zutaten aus den Götzenkulten wieder
befreien wollte. "Christlich" wurde die Lehre dadurch aber nicht; nur hier und
da akzeptabler für mehr nüchterne Zeitgenossen. Denn auch der Protestantismus
pflegt einen Kult mit Pfarrern, Sakramenten, Altar usw., wenn auch gegenüber den
Katholiken in etwas "abgespeckter" Form. Bei Jesus, dem
Christus, und seinen Nachfolgern sind Priester und äußere Rituale
jedoch ganz überflüssig geworden, da die Menschen damit begonnen hatten, das Reich Gottes in sich
selbst zu erschließen (vgl. Lukasevangelium 17, 21: "Das Reich Gottes ist
in euch"), und weil sie keine Höhergestellten hatten und auch keine
"Mittler" zu Gott brauchten. Die ersten
Urchristen bauten die Verbindung zu Gott in sich auf, und sie wurden von Christus
unmittelbar geführt, wenn er sich durch Prophetenmund offenbarte, was auch
Paulus und seinen Schülern noch bekannt ist. (siehe z. B. Epheserbrief 4, 11
ff.).
Der erste Schriftgelehrte des
kirchlichen Christentums
Paulus ist demgegenüber der erste Schriftgelehrte, der
in eine hauptverantwortliche Position für die Urgemeinden gelangt. Dabei
hat er seinen intellektuellen Vorsprung
gegenüber den ehemaligen Fischern und Zimmerleuten unter den Aposteln wohl
geschickt genutzt. Diese sind
z. B. viel ungeübter im Disputieren und können auch anderweitig nicht verhindern,
wie Paulus sein theologisches "Wissen" als Schriftgelehrter einfließen lässt und
die christliche Lehre
damit offensichtlich oder unmerklich verändert. Die gravierendste Veränderung
ist dabei, dass Paulus an den von Jesus richtig gestellten ("Ich aber sage euch
...") Verfälschungen im Alten Testament festhält (Römerbrief 7, 12),
während er diese Situation gleichzeitig als "Fluch" deutet (Galaterbrief 3,
10 ff.). Dieser "Fluch" würde nun angeblich dadurch neutralisiert, dass
Christus gemäß dem Alten Testament selbst zum "Fluch" geworden sei (mehr dazu
siehe hier). Diese schriftgelehrte
Konstruktion hat aber nichts mit Jesus von Nazareth zu tun, und erst recht nicht
die Schlussfolgerung des Paulus, dass letztlich jeder Mensch "durch den Glauben"
"gerecht wird" (z. B. Römerbrief 3, 28). Denn Jesus lehrte im Gegensatz
dazu - wie oben bereits dargelegt - immer das rechte Tun.
Doch Paulus verirrt sich noch weiter in seiner teilweise abstrusen theologischen
Gedankenwelt, die noch vielfach seine Vorstellungen als ehemaliger "Pharisäer
und Schriftgelehrter" beinhaltet. So lehrt er der Gemeinde in Rom auch eine
Prädestination (Kapitel 9; "Gott erwählt und verstockt, wen er will"),
was wiederum nichts mit Jesus zu tun hat. Und auch, was er in
einem Brief an die Gemeinde in Korinth schreibt, stammt nicht von Jesus: "Der natürliche Mensch vernimmt
nichts vom Geist Gottes" (2, 14), so Paulus, es müsse "geistlich
beurteilt werden". Damit spricht er wohl dem unverbildeten
und teilweise kindlichen Verstand der
einfachen "natürlichen" Menschen die Möglichkeit der Gotteserkenntnis z. B. in
der Natur ab. Und er spricht diese Erkenntnis stattdessen dem "geistlichen"
Menschen zu
und selbstbewusst auch sich selbst: "Wenn einer meint, er sei ein Prophet
oder vom Geist erfüllt", so Paulus, "der erkenne, dass es des Herrn Gebot ist,
was ich euch schreibe. Wer aber das nicht anerkennt, der wird auch nicht
anerkannt" (1. Korinther 14, 37-38).
Später erklärt die Kirche, aufbauend auf Paulus, dass man
nur durch sie, die
Kirche, den
Geist Gottes empfangen könne, und ihre Amtsträger lässt sie "Geistliche" nennen. Jesus lehrte
aber anders. Z. B.: "Wenn ihr nicht
umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nichts ins Himmelreich kommen"
(Matthäus 18, 3).
Der
Rom-"Virus"
Robert Kehl schreibt in seinem Büchlein
Jesus, der
größte Betrogene aller Zeiten: "Etwas Schlimmeres konnte Jesus wohl nicht
widerfahren, als dass ein vollblütiger Pharisäer seine Sache in die Hand nehmen würde,
auch wenn er es gutgläubig tat" (S. 11). Paulus handelte also wohl
in bester Absicht, doch seine Aufgabe wäre es gewesen, sein Denken und Empfinden
zuerst von den kultischen, intellektuellen und pharisäischen Denkmustern und von den herrschsüchtigen
Traditionen der Römer zu
befreien, bevor er als Lehrer durchs Land zieht. Paulus tut es nicht.
Wie in seiner römischen Umwelt üblich, wertet Paulus folglich auch die Frau
ab, obwohl sie bei Jesus als gleichwertig geachtet war. Sie soll in den Versammlungen
schweigen und zu Hause den Mann fragen (1. Korintherbrief 14, 33-35). Christus ist bei Paulus das Haupt nur
des Mannes, "der Mann aber ist das Haupt der Frau" (1.
Korintherbrief 11, 3).
Und: "Der Mann ... ist Gottes Bild und Abglanz; die Frau aber ist das
Mannes Abglanz" (V. 7). Und weiter: "Der Mann ist nicht geschaffen um der Frau willen,
sondern die Frau um des Mannes willen"
(V. 9).
Und in seiner Staatslehre passt Paulus das Christentum vollends dem
Imperium Romanum an, indem er erklärt, dass der Christ der Obrigkeit dieser Welt
gehorchen müsse, da diese von Gott eingesetzt, angeordnet und "Gottes Dienerin"
sei, die mit dem Schwert auch ein gerechtes "Strafgericht" vollziehe
(Römerbrief 13) -
eine Lehre mit verheerender Wirkung in den folgenden fast 2000 Jahren. Jesus von Nazareth und die Apostel lehrten
auch solches nicht. Bei
ihnen heißt es diplomatisch: "Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gott
gebührt" (Markus 12, 17). Oder für den Konfliktfall: "Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen"
(Apostelgeschichte
5, 29).
Zwar gehen einzelne Fürsprecher von Paulus davon aus, dass die Stelle im
Römerbrief eine Fälschung bzw. Überarbeitung eines Paulus-Schülers ist, genauso
wie seine Anordnung im 1. Korintherbrief, dass die Frauen in der Gemeinde
schweigen sollen. Doch würde dies den Sachverhalt nur wenig ändern, nur die
Gewichtungen verschieben. "Paulus" als Person würde dann an diesen Stellen wieder
näher an Jesus herangerückt (was ihm persönlich zu wünschen wäre) zu Lasten des
überlieferten "Paulus". Doch selbst wenn Paulus als Person teilweise Opfer
seiner fälschenden Schüler wurde, so lassen sich nicht alle Widersprüche und
Unterschiede zu Jesus damit erklären. Zudem hält die theologische Wissenschaft
die Stelle im Römerbrief für authentisch, während die Authenzität des
Schweigegebots an die Frauen auch von dieser Seite angezweifelt wird. Diese
Problematik braucht hier allerdings nicht vertieft zu werden. Man kann "Paulus" auch
einfach so nehmen, wie er sich in den von ihm verfassten Briefen in der Bibel
darstellt und dabei eben bewusst offen lassen, ob einige Sätze daraus auf das Konto seiner
Nachfolger gehen (siehe dazu auch Der Theologe Nr.
14 - Hieronymus und die Entstehung der Bibel).
Zurück zur Staatslehre: Durch seine Anpassung an das römische System billigen Paulus
und seine Anhänger mehr
oder weniger auch die Sklaverei (Brief an Philemon), und in der Konsequenz
dieser Lehre wohl auch den Kriegsdienst (aus Römerbrief 13) - die Kirche
und ihre Theologen haben ihn jedenfalls immer so
verstanden.
Der
Bruch mit dem Bund Israels
Den Auftrag Israels, den Bund mit Gott zu erfüllen und Vorbild für alle
Völker zu werden (1. Mose 12, 3), sieht Paulus unwiderruflich als gescheitert an, und er kehrt ihn
einfach um.
Die christlich werdenden Völker sollen jetzt Vorbild für Israel sein. Durch Israels Fall
"ist den Heiden das Heil widerfahren, damit Israel ihnen nacheifern sollte"
(Römerbrief
11, 11).
Geplant war auch das etwas anders: Zwar sollte auch den "Heiden"
das Angebot der Nachfolge offen stehen, so dass sich ein Volk aus vielen Völkern aufbaut,
doch sollte die Jerusalemer Urgemeinde die Keimzelle bleiben, von wo aus das Reich Gottes auf
Erden allmählich Gestalt annimmt. Und nach wie vor stand zuerst das Volk Israel in der
Pflicht des Bundes mit Gott. Von dieser Überlieferung grenzt sich Paulus aber scharf ab
("Ich erachte es für Dreck", Philipperbrief 3, 8), auch wenn er dabei vor allem deren
Verfälschungen und Verirrungen im Blick haben mag. Doch nicht einmal die Zehn Gebote stellt er mehr in den
Mittelpunkt seiner Lehre.
Zusammenfassend kann man sagen: Mit seiner Abtrennung der jüdischen Wurzeln, mit der bequemen
Botschaft, dass der Glaube genüge und mit der Anlehnung an den totalitären römischen
Staat schafft Paulus die Voraussetzung dafür, dass das von ihm gelehrte Christentum in kurzer
Zeit zur Staats- und Volksreligion des Römischen Weltreiches aufsteigen kann. Friedrich Nietzsche sagt es treffend, wenn er Paulus als den
"Erfinder der Christlichkeit" bezeichnet. |
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