Das Weisse Pferd - Urchristliche Zeitung für Gesellschaft, Religion, Politik und Wirtschaft

Ausgabe 17/99

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Der versteckte Angriff auf das frühe Urchristentum (Teil 1)

Wie Paulus die Lehre des Jesus verfälschte

Eigentlich hatte Jesus von Nazareth alles gut vorbereitet: Er berief einige seiner Nachfolger zu seinen "Aposteln" (= Boten bzw. Gesandten) und übertrug ihnen die Leitung der Urgemeinde in Jerusalem und weiterer Gemeinden. Und von dort gingen weitere Männer und Frauen hinaus, um die Botschaft vom kommenden Gottesreich auch außerhalb Israels bekannt zu machen. Das ging so lange einigermaßen gut, bis Saulus, später Paulus, hinzu kam. Mit Paulus begann die Verfälschung der Lehre von Jesus und der allmähliche Aufbau einer kirchlichen institutionellen Struktur.
Während die Apostel noch von Jesus direkt belehrt und geschult werden, kennt Paulus Jesus nicht. Ist Jesus bei Paulus demnach nur eine "metaphysische Figur, der man alles unterschieben konnte", wie es der Philosoph Friedrich Nietzsche einmal kommentierte? Paulus zeigt zumindest kein nachweisliches Interesse am Leben des Jesus von Nazareth, an dem er sich hätte als Vorbild orientieren können.

Jünger Jesu (Filmszene)

Jesus von Nazareth und Seine Jünger unterwegs in Palästina (Filmausschnitt) - Jesus erklärte auch, wie es nach Seinem Tod und Seiner Auferstehung weitergehen sollte.

Die ersten urchristlichen Gemeinden  wurden von Christus unmittelbar durch das Prophetische Wort geführt. Christus offenbarte sich durch Prophetenmund, und nach dem Zeugnis der Apostelgeschichte war die "Menge der Gläubigen" "ein Herz und eine Seele" (4, 32). "Sie blieben beständig in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet" (Apostelgeschichte 2, 42), sie taten Gutes an ihren Nächsten "und fanden Wohlwollen beim ganzen Volk" (Apostelgeschichte 2, 47). In dieser Zeit kam Saulus, später Paulus genannt, hinzu und gab den ersten größeren Anlass für Unstimmigkeiten ...

Saulus aus Tarsus in Kleinasien (weitgehend identisch mit der heutigen Türkei) ist als jüdischer Pharisäer ein erbitterter Gegner von Jesus von Nazareth und verfolgt die urchristliche Gemeinde. Dann erfolgt ein Einschnitt in seinem Leben: In einer Vision glaubt er eines Tages, die Stimme des Mannes aus Nazareth zu hören, und er glaubt auch, ihn zu sehen. Nach diesem Erlebnis gelangt Paulus zu der Überzeugung, dass Jesus in der Tat der "Christus" war, das heißt, der Gesandte Gottes, der Israel verheißene Befreier bzw. Erlöser. Paulus orientiert sich um. In Zukunft will er für ihn kämpfen, nicht mehr gegen ihn. Doch von Anfang an ist er nicht bereit, sich in die bestehende Gemeinschaft einzuordnen. Er betont sogar, dass er sich nach seiner Umkehr nicht mit den anderen Urchristen besprach. Stattdessen beginnt er aus eigenem Entschluss mit dem Predigen. Erst nach drei Jahren besucht er für zwei Wochen Petrus und reist anschließend wieder durch die Lande (Galaterbrief 1, 16-18). (1)

Doch schon bald stellt sich heraus, dass Paulus die christliche Lehre mit seinen römischen Vorstellungen vermischt. Deshalb kommt es dort, wo er bei seinen Reisen bereits urchristliche Gruppen vorfindet, zu Unstimmigkeiten und Konflikten. Paulus lässt sich jedoch nichts sagen und sich nicht korrigieren. Im Gegenteil: Als es erst nach 14 Jahren (!) zu ersten offiziellen Gesprächen mit den Hauptverantwortlichen der urchristlichen Bewegung kommt, weist Paulus seinerseits Petrus heftig zurecht und "widerstand ihm ins Angesicht", wie er es in der Bibel selber schreibt (Galaterbrief 2). Der Streit mit Petrus, den Paulus offen der Heuchelei bezichtigt, entzündet sich an den jüdischen Wurzeln des Urchristentums und unter anderem auch an der Frage nach dem Fleischkonsum beim urchristlichen Mahl (Näheres dazu in Der Theologe Nr. 5). Doch die Unterschiede zwischen Paulus einerseits und den "Aposteln" (so den von Jesus selbst eingesetzten Hauptverantwortlichen für sein Werk) und Jesus von Nazareth andererseits sind noch viel weit reichender ...

Kein Interesse an Jesus

Während die Apostel noch von Jesus direkt belehrt und geschult wurden, kannte Paulus Jesus nicht. Stattdessen hatte er die pharisäische Schulung der Gegner des Mannes aus Nazareth genossen. Doch anstatt sich so viel wie möglich von Jesus berichten zu lassen und sich so weit wie möglich an ihm als Vorbild zu orientieren, erklärt Paulus sein Defizit einfach als belanglos und schreibt selbstbewusst: "Auch wenn wir Christus gekannt haben nach dem Fleisch [auf die anderen Apostel bezogen], so kennen wir ihn doch jetzt so nicht mehr" (2. Korintherbrief 5, 16). Der Satz wäre gar nicht unbedingt falsch, wenn das von Paulus so genannte heutige "Kennen" von Christus mit dem übereinstimmt, was Jesus von Nazareth einst als Mensch seinen Zeitgenossen lehrte. Doch woher will Paulus wissen, ob der "Christus" aus seiner Vision und in seiner Vorstellung mit dem Christus übereinstimmt, der in Jesus von Nazareth unter den Menschen lebte? Jesus, der Christus, scheint bei Paulus nur mehr "ein bloßes Motiv" zu sein, wie der Philosoph Friedrich Nietzsche ihm vorwirft, eine "metaphysische Figur, der man alles unterschieben konnte".

Portrait von Paulus
Paulus änderte die Lehre von Jesus - Hier ein Paulus-Porträt mit Heiligenschein in einer Kirche in Sizilien

Und in der Tat: Anstatt zu fragen, was Jesus gelehrt hat, deutet Paulus das Leben von Jesus nach dem Muster heidnischer Mysterienreligionen und des Kaiserkults, wo von sterbenden und wieder auferstehenden Göttern die Rede ist, an denen der Gläubige durch Identifikation bzw. durch magische Übungen Anteil haben könne. Gleichermaßen knüpft er an den jüdischen Opferkult an und interpretiert ihn neu: Während strenggläubige Juden durch Tieropfer einen angeblichen Zorn Gottes besänftigen wollen, erklärt Paulus kurzerhand, dass das Blut, das Jesus bei seiner Hinrichtung vergossen hatte, bei Gott angeblich ein für alle mal sühnende Wirkung hätte (Römerbrief 3,  25), so dass es keiner Tieropfer mehr bedürfe.

Die Umdeutung

Zwar war auch Jesus ein Gegner der Tieropfer. Doch im Unterschied zu Paulus hatte er einen Gott verkündet, der überhaupt kein "Sühnopfer" benötigt und nie ein solches Opfer benötigt hatte. (2) Stattdessen wünscht der Gott, den Jesus verkündet, dass alle Seine Kinder Ihm ihr Herz öffnen, Schritt für Schritt ihr Ego "opfern" und für ihren Nächsten da sind. Paulus hingegen kehrt wieder zu den alten vorchristlichen Gottesvorstellungen der Menschen (Gotteszorn, Sühnopfer) zurück und deutet diese nur auf Christus hin um. Der Höhepunkt seiner Umdeutung besteht schließlich darin, dass man durch den bloßen Glauben an ein solches Sühnopfer "gerecht" werden könne - also "ohne Verdienst", d. h. ohne das rechte Tun. Dies war eine wesentliche Botschaft des Paulus, und es war eine angenehme Botschaft für das Volk. Mit dem unbequemen Jesus von Nazareth hatte sie aber nichts mehr zu tun. Denn Jesus lehrte das Halten der Zehn Gebote und der Bergpredigt, und er sagte immer wieder: "Tu das, so wirst du leben" (Lukas 10, 27). Oder: In das Reich Gottes kommen, "die den Willen tun meines Vaters im Himmel" (Matthäus 7, 21). Oder: Wer seine Rede "tut", "der gleicht einem klugen Mann" (Matthäus 7, 24). Oder: "Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihr ihnen auch! Das ist das Gesetz und die Propheten" (Matthäus 7, 12). Oder: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das hat ihr mir getan (Matthäus 25, 40; siehe auch V. 25). Und vieles mehr. Paulus spricht dagegen vom "Glauben", der einen Menschen "gerecht" mache (vor allem im Römerbrief, Kapitel 3 und 4).

Das "Alte Testament" und der Glaube

Um diesen Gegensatz von Paulus und Jesus noch besser zu verstehen, hilft auch die Frage, wie beide das so genannte "Alte Testament", die "Heilige Schrift" der jüdischen Religion, verstehen. Einig sind sich beide darin, dass die vielen hundert Gesetzesvorschriften dort nicht zu Gott führen. Doch aus unterschiedlichen Gründen. Weil Priester im Laufe der Jahrhunderte dort Texte fälschten und auf diese Weise ihre eigene Lehre in der "Heiligen Schrift" als "Wort Gottes" ausgaben, stellt Jesus dies richtig; zum Beispiel in der Bergpredigt mit seinen bekannten Worten: "Ich aber sage euch" (Matthäusevangelium, Kapitel 5; in der theologischen Wissenschaft spricht man von "Antithesen"). Ganz anders als Jesus erkennt Paulus aber alle Gesetzesvorschriften als Gotteswort an ("So ist also das Gesetz heilig, und das Gebot ist heilig, gerecht und gut"; Römerbrief 7, 12). Er lehrt aber stattdessen das Heil durch "Glauben", weil niemand die Vorschriften alle erfüllen könne (Römerbrief 3, 9-28; Galaterbrief 2, 16) (3).  Daran wird im 16. Jahrhundert vor allem Martin Luther anknüpfen und diese Lehre des Paulus weiter entwickeln. Denn Luther lehnt nicht nur die Ethik des Alten Testaments als einen Weg zu Gott ab, wie es Paulus tut, sondern auch die Ethik des Jesus von Nazareth, nämlich das schrittweise Erfüllen seiner Lehre, wie sie z. B. in der Bergpredigt dargelegt ist (die Paulus vermutlich nur teilweise kannte). Nur der rechte Glaube führe angeblich zum "Heil" und zu Gott, nicht das Halten von Geboten gleich welcher Art (mehr dazu in Der Theologe Nr. 1 und in Der Theologe Nr. 35).

Fundament für eine Kult-Kirche

Paulus legte damit die Fundamente für eine Volkskirche, die bald Kulthandlungen für das von Paulus entwickelte "Heilsgeschehen" und den angeblich notwendigen Glauben daran zelebrieren wird, welche man wiederum aus den antiken Götterkulten entlehnt. Und bereits ein Paulusschüler der 1. Generation macht Jesus, den Christus, zum "Hohenpriester" (im Hebräerbrief der Bibel), dessen Blut "unser Gewissen reinigt", wie zuvor angeblich "das Blut von Böcken und Stieren und die Asche von der Kuh durch Besprengung die Unreinen heiligt" (9, 13). Bald folgen Theologen und Schriftgelehrte als "Assistenzpriester". Und bald werden auch wieder Riten und Zeremonien, Talare, Kanzeln und Altäre eingeführt - ganz so, wie es die Leute in ihren bisherigen Religionen gewöhnt waren. Jesus wollte aber nicht als dieser "Hohepriester" verstanden werden. Sonst hätte er sich auch gleich z. B. von seinen Jüngern in diese Funktion erheben lassen können.
 
Und so fügte die entstehende katholische Kirche Jahr für Jahr neue Anleihen aus der antiken Vielgötterei ihrem Glaubensgebäude hinzu. Und die spätere Auseinandersetzung zwischen "katholisch" und "evangelisch" hat einen ihrer Gründe darin, dass die evangelische "Reformation" - wohl ganz im Sinne des Paulus - den Katholizismus von vielen dieser Zutaten aus den Götzenkulten wieder befreien wollte. "Christlich" wurde die Lehre dadurch aber nicht; nur hier und da akzeptabler für mehr nüchterne Zeitgenossen. Denn auch der Protestantismus pflegt einen Kult mit Pfarrern, Sakramenten, Altar usw., wenn auch gegenüber den Katholiken in etwas "abgespeckter" Form. B
ei Jesus, dem Christus, und seinen Nachfolgern sind Priester und äußere Rituale jedoch ganz überflüssig geworden, da die Menschen damit begonnen hatten, das Reich Gottes in sich selbst zu erschließen (vgl. Lukasevangelium 17, 21: "Das Reich Gottes ist in euch"), und weil sie keine Höhergestellten hatten und auch keine "Mittler" zu Gott brauchten. Die ersten Urchristen bauten die Verbindung zu Gott in sich auf, und sie wurden von Christus unmittelbar geführt, wenn er sich durch Prophetenmund offenbarte, was auch Paulus und seinen Schülern noch bekannt ist. (siehe z. B. Epheserbrief 4, 11 ff.).

Der erste Schriftgelehrte des kirchlichen Christentums

Paulus ist demgegenüber der erste Schriftgelehrte, der in eine hauptverantwortliche Position für die Urgemeinden gelangt. Dabei hat er seinen intellektuellen Vorsprung gegenüber den ehemaligen Fischern und Zimmerleuten unter den Aposteln wohl geschickt genutzt. Diese sind z. B. viel ungeübter im Disputieren und können auch anderweitig nicht verhindern, wie Paulus sein theologisches "Wissen" als Schriftgelehrter einfließen lässt und die christliche Lehre damit offensichtlich oder unmerklich verändert. Die gravierendste Veränderung ist dabei, dass Paulus an den von Jesus richtig gestellten ("Ich aber sage euch ...") Verfälschungen im Alten Testament festhält (Römerbrief 7, 12), während er diese Situation gleichzeitig als "Fluch" deutet (Galaterbrief 3, 10 ff.). Dieser "Fluch" würde nun angeblich dadurch neutralisiert, dass Christus gemäß dem Alten Testament selbst zum "Fluch" geworden sei (mehr dazu siehe hier). Diese schriftgelehrte Konstruktion hat aber nichts mit Jesus von Nazareth zu tun, und erst recht nicht die Schlussfolgerung des Paulus, dass letztlich jeder Mensch "durch den Glauben" "gerecht wird" (z. B. Römerbrief 3, 28). Denn Jesus lehrte im Gegensatz dazu - wie oben bereits dargelegt - immer das rechte Tun.
Doch Paulus verirrt sich noch weiter in seiner teilweise abstrusen theologischen Gedankenwelt, die noch vielfach seine Vorstellungen als ehemaliger "Pharisäer und Schriftgelehrter" beinhaltet. So lehrt er der Gemeinde in Rom auch eine Prädestination (Kapitel 9; "Gott erwählt und verstockt, wen er will"), was wiederum nichts mit Jesus zu tun hat. Und auch, was er in einem Brief an die Gemeinde in Korinth schreibt, stammt nicht von Jesus: "Der natürliche Mensch vernimmt nichts vom Geist Gottes" (2, 14), so Paulus, es müsse "geistlich beurteilt werden". Damit spricht er wohl dem unverbildeten und teilweise kindlichen Verstand der einfachen "natürlichen" Menschen die Möglichkeit der Gotteserkenntnis z. B. in der Natur ab. Und er spricht diese Erkenntnis stattdessen dem "geistlichen" Menschen zu und selbstbewusst auch sich selbst: "Wenn einer meint, er sei ein Prophet oder vom Geist erfüllt", so Paulus, "der erkenne, dass es des Herrn Gebot ist, was ich euch schreibe. Wer aber das nicht anerkennt, der wird auch nicht anerkannt" (1. Korinther 14, 37-38). Später erklärt die Kirche, aufbauend auf Paulus, dass man nur durch sie, die Kirche, den Geist Gottes empfangen könne, und ihre Amtsträger lässt sie "Geistliche" nennen. Jesus lehrte aber anders. Z. B.: "Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nichts ins Himmelreich kommen" (Matthäus 18, 3).

Der Rom-"Virus"

Robert Kehl schreibt in seinem Büchlein Jesus, der größte Betrogene aller Zeiten: "Etwas Schlimmeres konnte Jesus wohl nicht widerfahren, als dass ein vollblütiger Pharisäer seine Sache in die Hand nehmen würde, auch wenn er es gutgläubig tat" (S. 11). Paulus handelte also wohl in bester Absicht, doch seine Aufgabe wäre es gewesen, sein Denken und Empfinden zuerst von den kultischen, intellektuellen und pharisäischen Denkmustern und von den herrschsüchtigen Traditionen der Römer zu befreien, bevor er als Lehrer durchs Land zieht. Paulus tut es nicht.

Wie in seiner römischen Umwelt üblich, wertet Paulus folglich auch die Frau ab, obwohl sie bei Jesus als gleichwertig geachtet war. Sie soll in den Versammlungen schweigen und zu Hause den Mann fragen (1. Korintherbrief 14, 33-35). Christus ist bei Paulus das Haupt nur des Mannes, "der Mann aber ist das Haupt der Frau" (1. Korintherbrief 11, 3). Und: "Der Mann ... ist Gottes Bild und Abglanz; die Frau aber ist das Mannes Abglanz" (V. 7). Und weiter: "Der Mann ist nicht geschaffen um der Frau willen, sondern die Frau um des Mannes willen" (V. 9).

Und in seiner Staatslehre passt Paulus das Christentum vollends dem Imperium Romanum an, indem er erklärt, dass der Christ der Obrigkeit dieser Welt gehorchen müsse, da diese von Gott eingesetzt, angeordnet und "Gottes Dienerin" sei, die mit dem Schwert auch ein gerechtes "Strafgericht" vollziehe (Römerbrief 13) - eine Lehre mit verheerender Wirkung in den folgenden fast 2000 Jahren. Jesus von Nazareth und die Apostel lehrten auch solches nicht. Bei ihnen heißt es diplomatisch: "Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gott gebührt" (Markus 12, 17). Oder für den Konfliktfall: "Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen" (Apostelgeschichte 5, 29).

Zwar gehen einzelne Fürsprecher von Paulus davon aus, dass die Stelle im Römerbrief eine Fälschung bzw. Überarbeitung eines Paulus-Schülers ist, genauso wie seine Anordnung im 1. Korintherbrief, dass die Frauen in der Gemeinde schweigen sollen. Doch würde dies den Sachverhalt nur wenig ändern, nur die Gewichtungen verschieben. "Paulus" als Person würde dann an diesen Stellen wieder näher an Jesus herangerückt (was ihm persönlich zu wünschen wäre) zu Lasten des überlieferten "Paulus". Doch selbst wenn Paulus als Person teilweise Opfer seiner fälschenden Schüler wurde, so lassen sich nicht alle Widersprüche und Unterschiede zu Jesus damit erklären. Zudem hält die theologische Wissenschaft die Stelle im Römerbrief für authentisch, während die Authenzität des Schweigegebots an die Frauen auch von dieser Seite angezweifelt wird. Diese Problematik braucht hier allerdings nicht vertieft zu werden. Man kann "Paulus" auch einfach so nehmen, wie er sich in den von ihm verfassten Briefen in der Bibel darstellt und dabei eben bewusst offen lassen, ob einige Sätze daraus auf das Konto seiner Nachfolger gehen (siehe dazu auch Der Theologe Nr. 14 - Hieronymus und die Entstehung der Bibel).

Zurück zur Staatslehre: Durch seine Anpassung an das römische System billigen Paulus und seine Anhänger mehr oder weniger auch die Sklaverei (Brief an Philemon), und in der Konsequenz dieser Lehre wohl auch den Kriegsdienst (aus Römerbrief 13) - die Kirche und ihre Theologen haben ihn jedenfalls immer so verstanden.

Der Bruch mit dem Bund Israels

Den Auftrag Israels, den Bund mit Gott zu erfüllen und Vorbild für alle Völker zu werden (1. Mose 12, 3), sieht Paulus unwiderruflich als gescheitert an, und er kehrt ihn einfach um. Die christlich werdenden Völker sollen jetzt Vorbild für Israel sein. Durch Israels Fall "ist den Heiden das Heil widerfahren, damit Israel ihnen nacheifern sollte" (Römerbrief 11, 11).
Geplant war auch das etwas anders: Zwar sollte auch den "Heiden" das Angebot der Nachfolge offen stehen, so dass sich ein Volk aus vielen Völkern aufbaut, doch sollte die Jerusalemer Urgemeinde die Keimzelle bleiben, von wo aus das Reich Gottes auf Erden allmählich Gestalt annimmt. Und nach wie vor stand zuerst das Volk Israel in der Pflicht des Bundes mit Gott. Von dieser Überlieferung grenzt sich Paulus aber scharf ab ("Ich erachte es für Dreck", Philipperbrief 3, 8), auch wenn er dabei vor allem deren Verfälschungen und Verirrungen im Blick haben mag. Doch nicht einmal die Zehn Gebote stellt er mehr in den Mittelpunkt seiner Lehre.

Zusammenfassend kann man sagen: Mit seiner Abtrennung der jüdischen Wurzeln, mit der bequemen Botschaft, dass der Glaube genüge und mit der Anlehnung an den totalitären römischen Staat schafft Paulus die Voraussetzung dafür, dass das von ihm gelehrte Christentum in kurzer Zeit zur Staats- und Volksreligion des Römischen Weltreiches aufsteigen kann. Friedrich Nietzsche sagt es treffend, wenn er Paulus als den "Erfinder der Christlichkeit" bezeichnet.

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Im Jahr 70 n. Chr. wird Jerusalem von römischen Truppen erobert und dem Imperium Romanum einverleibt. Dieses blutige Ereignis ist auch ein Spiegel und ein Symbol für die Entwicklungen in den urchristlichen Gemeinden. Denn auch Jerusalem als geistiger Mittelpunkt des Urchristentums wird allmählich abgelöst durch ein griechisch-römisches Christentum, das bald von Rom aus seine Kreise zieht und das sich zu Unrecht auf Christus beruft. Denn es handelt sich um eine neue Religion, als dessen Religionsgründer Paulus angesehen werden kann. Anfangs werden ihre Anhänger in Rom noch bedrängt und verfolgt. Doch sofort nach ihrer Erhebung zur Staatsreligion (im Jahr 380) wird nun umgekehrt das Blut ihrer Gegner in Strömen vergossen. Wer nicht mitmacht, der soll hingerichtet werden. Immer auch unter Berufung auf Paulus bzw. seine Schüler: "Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat ... denn sie trägt das Schwert nicht umsonst: Sie ist Gottes Dienerin und vollzieht das Strafgericht an dem, der [angeblich] Böses tut" (Römerbrief 13, 1.4). Dies gilt von nun an viele Jahrhunderte lang ...

Anmerkungen:

(1) Der eigene Bericht des Paulus in seinem Brief an die Galater gilt hier unumstritten als historisch zuverlässiger als die Darstellung in der einige Jahrzehnte später entstandenen Apostelgeschichte, in der sich der Paulusschüler Lukas darum bemüht, die Konflikte zwischen Paulus und den anderen Aposteln zu harmonisieren. In der Apostelgeschichte heißt es, Paulus wäre sogleich nach seinem Bekehrungserlebnis nach Jerusalem gezogen. Und dort hätte er versucht, "sich zu den Jüngern zu halten" (9, 26). Da er dort jedoch in Lebensgefahr geschwebt haben soll, hätten ihn die Jünger von sich aus nach Tarsus geschickt (V. 30). Paulus jedoch stellt denselben Sachverhalt anders dar: "Da besprach ich mich nicht erst mit Fleisch und Blut, ging auch nicht hinauf nach Jerusalem zu denen, die vor mir Apostel waren, sondern zog nach Arabien [PS: Was wollte er dort?] und kehrte wieder zurück nach Damaskus. Danach, drei Jahre später, kam ich hinauf nach Jerusalem, um Kephas kennen zu lernen, und blieb fünfzehn Tage bei ihm. Von den anderen Aposteln aber sah ich keinen außer Jakobus, des Herrn Bruder (Galater 1, 16-19) ... Danach, vierzehn Jahre später, zog ich abermals hinauf nach Jerusalem ..." (2, 1)

(2) Nicht einmal bei der in ihrer Ursprünglichkeit ohnehin umstrittenen Bibelstelle in Markus 10, 45 ist ein "zorniger Gott" als Empfänger eines "Lösegelds" genannt.  Und wäre die Stelle dennoch authentisch, würde wohl der Gegenspieler Gottes als Empfänger des "Lösegelds" gemeint sein.

(3) Die Gesetzesvorschriften des Alten Testaments sind für Paulus sowohl "heilig" (Römer 7, 12), aber trotzdem "unerfüllbar" (z. B. Römer 3, 9 ff.). Dies empfindet er als "Fluch". Deshalb schreibt Paulus: "Denn die aus den Werken des Gesetzes leben, die sind unter dem Fluch. Denn es steht geschrieben (5. Mose 27, 26): ´Verflucht sei jeder, der nicht bleibt bei alledem, was geschrieben steht in dem Buch des Gesetzes, dass er´s tue`" (Galater 3, 10). Mit seinem intellektuellen Fähigkeiten versucht Paulus nun, sich aus dieser gedanklichen Verstrickung heraus zu winden. Und er versucht es wie folgt: Da im "Gesetz" (des aus heutiger Sicht "Alten Testaments") auch steht: "Verflucht ist jeder, der am Holz hängt" (5. Mose 21, 23), wurde ja Christus nach der Überzeugung des Paulus auch zum Verfluchten, da er ja als Hingerichteter "am Holz hing." Gleichzeitig wäre Christus dabei aber von Gott "als Sühne in seinem Blut" hingestellt worden (Römer 3, 25). Daraus wiederum konstruiert Paulus seinen Glaubenssatz: "Christus aber hat uns erlöst von dem Fluch des Gesetzes, da er zum Fluch wurde für uns" (Galater 3, 13).
Dies alles ist eine schlimme Verunstaltung der schlichten Botschaft des Jesus von Nazareth durch den Theologen Paulus. Jesus lehrte die Menschen, dass ein großer Teil des "Gesetzes" ("Ihr habt gehört ...") nicht von Gott stammt, sondern von den Priestern, weswegen er dies richtig stellte ("Ich aber sage euch ..."). Jesus lehrte, die echten Gottesgebote zu halten, und er gab dazu als Hilfe die Goldene Regel: "Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch. Das (!) ist das Gesetz und die Propheten" (Matthäus 7, 12)


Die komplette Serie über Paulus und das Urchristentum können Sie im Internet nachlesen unter www.theologe.de, Ausgabe Nr. 5


 



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