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Buch-NeuerscheinungDie neuen
Inquisitoren
In
Deutschland ist wieder eine Hexenjagd zugange. Auch wenn die Gejagten
nur etwa ein halbes Prozent der Bevölkerung ausmachen, die ihr Heil in
neuen religiösen Gemeinschaften suchen - als Jäger sind diesen
Minderheiten ca. 60 hauptamtliche kirchliche Sektenbeauftragte und eine
kirchliche Medienmacht mit milliardenschwerem Budget auf der Spur: In
Zeitungen, Radio- und Fernsehsendungen trommeln die Kirchenfunktionäre
seit Jahren gegen religiöse Konkurrenten, die sie pauschal als
"gefährliche Sekten" verunglimpfen.
Wer in "Sektenverdacht" gerät, kann keine Anzeigen mehr
schalten, keine Vortragsräume mehr mieten und riskiert seinen Arbeitsplatz. Politiker,
meist auf den hinteren Bänken der Parlamente, griffen das Sektenthema auf Geheiß der
Kirchen oder zum Zwecke schneller Profilierung auf. Und auch der Staat installierte
inzwischen Sektenbeauftragte, die vorwiegend damit beschäftigt sind, kirchliche
Sektenpamphlete in staatliche Broschüren zu verwandeln.
Die wachsende Strangulierung der Religionsfreiheit in Deutschland rief nun
prominente Wissenschaftler auf den Plan: In einem von dem Religionshistoriker Gerhard
Besier und dem Soziologen Erwin K. Scheuch herausgegebenen zweibändigen
Werk mit dem Titel Die neuen Inquisitoren, Religionsfreiheit und Glaubensneid, nehmen sie
die Hetzjagd auf religiöse und weltanschauliche Minderheiten aufs Korn. Die beiden Bände
bieten eine aufregende Lektüre. Sie analysieren die psychologischen Hintergründe des
Feldzugs gegen religiöse Minderheiten und beschreiben die politischen und publizistischen
Winkelzüge, mit denen man die Religionsfreiheit in Deutschland mehr und mehr einengt.
Intoleranz - nicht nur in Deutschland
Doch es geht nicht nur um
Deutschland: Ein Kenner der europäischen Szene, Professor Massimo Introvigne, schildert
die länderübergreifenden Mechanismen, die neue religiöse Bewegungen zu
"gefährlichen Außenseitern" machen. Wer etwas anderes glaubt als die Mehrheit,
dem spricht man zunächst ab, dass es sich überhaupt um Religion handle. In einem
weiteren Schritt spricht man dann von "Gehirnwäsche". Verfängt auch dies
nicht, nimmt man die Aussteiger zu Hilfe und stilisiert sie "zu Opfern" hoch.

Gerhard Besier / Erwin K. Scheuch "Die
neuen Inquisitoren", 2 Bände, Verlag A. Fromm und Edition Interfrom, Zürich 1999,
jeder Band 18,50 €, Edition Interfrom, ISBN 3-7201-5277-4, erhältlich
auch über den Verlag Das
Weisse Pferd
Geradezu atemberaubend wirkt der Bericht des Bayreuther Politologen Konrad
Löw: Der katholische Wissenschaftler referierte über Themen aus seinem Fachbereich auf
Veranstaltungen, hinter denen die Vereinigungskirche stand. Bei der ersten Einladung hatte
er keine Ahnung davon, später sah er nichts Böses darin. Über Nacht wurde er für seine
berufliche Umwelt zum "Unberührbaren", über den bald auch die Presse herfiel.
Wer die Sektenhysterie kritisiert, riskiert, ebenfalls in Sektenverdacht
zu geraten - gewissermaßen als Teil der Front der "Psychokonzerne", die es zu
bekämpfen gilt. Auf diese Weise diffamierte etwa der ZDF-Redakteur Fromm angesehene
Wissenschaftler und Politiker wie den Staatsrechtler Martin Kriele, den langjährigen
SPD-Bundesminister Hans Apel sowie die Professoren Besier und Scheuch mit dem Argument,
man hätte Texte von ihnen in rechtskonservativen Publikationsorganen gefunden.
Wir brauchen keinen "Glaubens-TÜV"
Besonders lesenswert ist auch, was Hans Apel unter
dem Titel Kein Glaubens-TÜV schreibt: Als evangelischer Christ verwahrt er sich gegen die
"meist diffamierenden Aufklärungsversuche" kirchlicher Sektenbeauftragter:
"Gegen Konkurrenz sind die beiden großen Kirchen zu allen Zeiten mit den
ihnen jeweils zu Gebote stehenden Mitteln vorgegangen.
Im Mittelalter hatten Ketzer ihrem Irrglauben und ihren Irrlehren
öffentlich abzuschwören, oder sie wurden von der Staatsgewalt unter seelsorgerlicher
Betreuung aus dem Leben verabschiedet. Und das so öffentlich, dass anderen potentiellen
Häretikern der Mut verging. Wegen fehlender Religionsfreiheit haben Millionen Menschen in
den vergangenen Jahrhunderten den alten Kontinent verlassen und sind in die Neue
Welt ausgewandert." Apel befasst sich ausführlich mit der Einsetzung der
Enquete-Kommission des Deutschen Bundestags, die er als eine überflüssige
Arbeitsbeschaffungsmaßnahme bewertet und deren Vorschlägen er inquisitorischen Charakter
beimisst.
Eine wesentliche Komponente der Hexenjagd besteht darin, wie die Kirchen
die Meinungsfreiheit für ihre Kampagnen nützen. Verdächtigungen und glatte Lügen gehen
bei Gericht durch, wenn sie in Werturteile eingekleidet sind. Heinrich Wilms, Professor
für öffentliches Recht an der Universität Konstanz, schildert am Beispiel der Rosenkreuzer,
wie religiösen Minderheiten der Rechtsschutz gegen Ehrabschneidungen versagt bleibt.
Mit zweierlei Maß
gemessen
Noch schlimmer wird es,
"wenn Juristen Schutzengel spielen. So ist der Beitrag des langjährigen
Professors für Religions- und Rechtssoziologie an der Universität Tübingen Johannes
Neumann überschrieben. Er analysiert die Rechtssprechung des Bundesverwaltungsgerichts
zur Möglichkeit staatlicher Warnungen anhand des Urteils zur "Transzendentalen
Meditation". Das Gericht rechtfertigte die diskriminierende Warnung der
Bundesregierung, weil die zuständige Behörde diese Meditationsbewegung für gefährlich
hielt, obwohl diese Gefährlichkeit mit Aspekten begründet wurde, die auch für die
etablierten Religionen zutreffen: Die "Möglichkeit" psychischer Störungen bei
labilen Menschen, die fehlende psychologische Ausbildung der Meditationslehrer, der
Totalitätsanspruch einer Weltverbesserungsideologie, eine autoritäre Führergestalt und
missionarisches Sendungsbewusstsein ...
Neumann konstatiert: "Damit wird ein Maßstab eingeführt, der
gegenüber den etablierten Religionen noch nie angewandt worden ist, obwohl dazu reichlich
Anlass bestanden hätte und besteht! Es gibt bekanntlich eine Fülle wissenschaftlich
gesicherter Erkenntnisse über so genannte ekklesiogene Neurosen und Psychosen, von denen
das Gericht keine Kenntnis nimmt."
Wer die im ersten Band enthaltenen Analysen des Kesseltreibens für
überspitzt hält, kann sich im zweiten Band des Werkes anhand einer Fülle von Beispielen
von der rauen Wirklichkeit überzeugen, in der sich religiöse Minderheiten in
Deutschland bewegen müssen. In der Dokumentation finden sich Petitionen der verfolgten
Gruppierungen, wie beispielsweise des "Vereins zur Förderung der psychologischen
Menschenkenntnis", der "Vereinigungskirche" und der Glaubensgemeinschaft
"Universelles Leben".
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