Im April 1993 ging eine
schreckliche Nachricht um die Welt: 80 Anhänger (darunter 25 Kinder) einer
"amerikanischen Sekte", genannt die
"Davidianer" hätten sich in einem
Anfall von Fanatismus selbst verbrannt. Da ein Teil der Toten
Schussverletzungen aufwies,
sei davon auszugehen, dass der Anführer der Gruppe, ein gewisser David Coresh, beim
Massenselbstmord mit Schusswaffen nachgeholfen habe.
Was bei dieser Meldung von Anfang an nachdenklich stimmte, war der
Umstand, dass das FBI, die US-amerikanische Bundespolizei, das Camp der Davidianer in
Waco/Texas in einem martialischen Einsatz beschossen und gestürmt hat. Nunmehr scheinen
behördliche Ermittlungen einen alten Verdacht zu bestätigen: Dass es sich nicht um den
Selbstmord unglücklicher Fanatiker handelte, sondern dass das FBI es war, das die
Behausung der Leute mit brennbaren Tränengasgranaten in Brand geschossen hat.
Videoaufnahmen sollen das beweisen; den Abschuss von zwei solchen Raketen hat das FBI
inzwischen selbst zugegeben. Umfangreiches Beweismaterial wurde beschlagnahmt, und die
amerikanische Justizministerin Janet Reno gerät ins Schleudern, weil sie nach der Tat die
Öffentlichkeit falsch informiert hat bzw. auch selbst falsch informiert war.
Ins Schleudern kommen nun auch der Evangelisch-Lutherische
Landesbischof in Bayern, Hermann von Loewenich, und sein Vorgänger, Johannes Hanselmann,
die es billigten, dass ihr Sektenbeauftragter Dr. Wolfgang Behnk jahrelang den Feuersturm
von Texas dazu benutzte, um in Deutschland einen Feuersturm der Hysterie gegen religiöse
Konkurrenten zu entfachen. Was in Waco passierte, sei ein "Sektenselbstmord"
gewesen; und das könne auch in Würzburg passieren. Bei der dortigen Gemeinschaft der Urchristen
im Universellen Leben sei ebenfalls ein "Massenselbstmord" möglich,
verkündete der kirchliche Beauftragte Behnk landauf landab. Er wusste zwar,
dass derartiges der Lehre des Universellen
Lebens erklärtermaßen widerspricht. Er wusste auch, wie umstritten die
Selbstmordthese von Waco war. Aber die verleumderische Verdächtigung erschien dem Pfarrer
eben zu schön und zu wirkungsvoll, um darauf verzichten zu wollen. Ganze Heerscharen
von Rundfunk- und Fernsehreportern fielen über einen unterfränkischen Bauernhof her,
um dort das deutsche "Waco" ausfindig zu machen. Die Arbeit Behnks gilt im
Landeskirchenamt als "Seelsorge", für die er ausdrücklich belobigt wurde.
Davon wurde auch diese Schlammschlacht nicht ausgenommen. Für einen rechten Nachfolger
Martin Luthers, der zur Brandschatzung jüdischer Synagogen aufgerufen hatte, war Behnks
Aufwiegelung der Öffentlichkeit gewissermaßen nur das kleine Einmaleins der
Ketzerbekämpfung.
Was machen der Bischof und sein Mann fürs Grobe eigentlich jetzt,
nachdem die Waco-Lüge bereits in Waco zusammenbricht? Wollen sie sich bei den als
potentielle Selbstmörder Gebrandmarkten entschuldigen? Oder lässt man es dabei
bewenden, dass man sich eben geirrt habe - mit klammheimlicher Freude über diesen Irrtum,
der für die "Seelsorge" so hilfreich war? Oder hatte man sich am Ende gar
nicht geirrt, sondern gewusst, dass es in Waco um Mord und nicht um Selbstmord ging?
Die Kirchen haben schließlich weltweite Verbindungen und zeichnen weltweit verantwortlich
für gesellschaftliche Ausgrenzung und Dämonisierung von "Sektierern". Ohne sie
hätte man den angeblich verbotenen Waffenbesitz des David Coresh in dem waffenversessenen
USA wohl mit einer schlichten Polizeimaßnahme gegen den sich frei bewegenden Mann
beantwortet, aber nicht mit einem kriegsähnlichen Einsatz gegen eine ganze Gemeinschaft.