Das Weisse Pferd - Urchristliche Zeitung für Gesellschaft, Religion, Politik und Wirtschaft

Ausgabe 18/99

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Ein fundamentaler Irrtum unseres Lebens und Denkens:

"Der andere ist schuld"

"Mich geht das nichts an", "Ich habe damit nichts zu tun", "Der andere ist schuld, das lässt sich doch eindeutig nachweisen", "Empörend, wie unverschämt die anderen sind", "Ich würde so etwas nie tun", "Ich soll schuld sein, wo ich doch das Leid tragende Opfer bin?" – Solche und ähnliche Reden und Gedanken sind jedem sicher bekannt.

Das Fatale daran ist, dass es, vordergründig betrachtet, meistens tatsächlich so aussieht, als wäre es so, und dass wir die Ursache für unsere missliche Lage erst gar nicht in uns selbst, sondern stets außerhalb von uns suchen.

Karikatur

Was könnte der Grund dafür sein? Ist es nicht einfacher zu sagen, der andere soll sich ändern, als sich selbst ehrlich zu betrachten und dann auch die alten Fehlhaltungen und Gewohnheiten aufzugeben und der eigenen Trägheit mit frischer Entschiedenheit den Kampf anzusagen? Und haben wir nicht oftmals die trügerische Vorstellung, uns selbst stünde ein glückliches, störungsfreies Leben zu?

Alles was sich dieser Vorstellung entgegensetzt, seien es nun unsere Mitmenschen oder irgendwelche äußeren Umstände, sind dann die Störfaktoren. Auf sie zeigen wir, sie sind schuld.

Ein folgenschwerer Irrtum!

Viele kennen den Satz aus der Bergpredigt: "Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem Auge bemerkst du nicht? ... Zieh zuerst den Balken aus deinem Auge, dann kannst du versuchen, den Splitter aus dem Auge deines Bruders herauszuziehen."

Was bedeutet dieser Satz?

Jemand steigt mir auf´s Dach

Wenn ich mich ständig am Splitter des Nächsten stoße, wird der Balken im eigenen Auge allmählich zum Gebälk. Dieses Gebälk, das aus mehreren Programmen besteht, wird vom Nächsten aktiviert, wenn er etwas sagt oder tut, was mir nicht passt, oder wenn er einfach anders ist als ich; es schwingen dann die "Balken" in meinem Ober- und Unterbewusstsein.

Wir können unser Bewusstsein auch mit einem Dachstuhl vergleichen, auf dem die Dachplatten sitzen: die verschiedenen Programme, die wir uns angeeignet haben, weil wir überzeugt waren, dass der andere schuld ist. Wir bewegen uns innerhalb dieses Dachstuhls und nennen das Freiheit. In Wirklichkeit sehen wir, wohin wir auch blicken, immer nur Dachplatten und Gebälk, Dachplatten und Gebälk.

Klopft dann einmal jemand an meinen Dachstuhl an und bringt eine Dachplatte in Bewegung, oder steigt er mir gar "auf’s Dach", dann ist "Feuer am Dach": Ich errege mich und werfe mit der Dachplatte nach ihm, weil darin mein Ego sitzt. Ich weise ihm die Schuld zu, und er wird für mich immer fremder. So wird mein Nächster zum "anderen". Der Abstand bewirkt, dass ich ihn nicht mehr spüre, ihn nicht mehr verstehe, ihn von mir stoße und so selbst vereinsame. So wird auch mein Bewusstsein enger, und ich kann das Leben immer weniger erfassen.

Hierzu zwei kleine Beispiele:

Ich habe mich erkältet, weil meine Arbeitskollegin ständig die Fenster aufreißt und ich dann friere. Doch ist es wirklich so? Ich bin doch sonst nicht so empfindlich! Was also könnte der wahre Grund sein? Was habe ich gegen meine Arbeitskollegin? Welche Gedanken haben mich so geschwächt? Ist sie nicht in letzter Zeit sehr klar und tatkräftig, und ich bin es nicht? Was hindert mich eigentlich? Ich kann doch auf sie zugehen und mit ihr ehrlich reden, dann gibt sie mir sicher einen guten Tipp. – Ich überwinde meinen Stolz und tue es. Es ist ein gutes Gespräch, und wir sind uns ein ganzes Stück näher gekommen. Die Erkältung klingt rasch ab.

Wir lachen beide

Am Sportplatz bekomme ich völlig unerwartet einen Schlag ab. Ein Ball hat mich getroffen. Wer ist der Täter? Hier ist die Frage der Schuld doch wirklich eindeutig! Doch ist sie das wirklich? Warum trifft mich ein Schlag? Einige Stunden zuvor hatte ich mit meinem Sohn eine handfeste Auseinandersetzung, und für ihn war es wie ein Schlag ins Gesicht. Mein Kopf brummt, und am liebsten würde ich mich ins Selbstmitleid fallen lassen.

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Aber ich überwinde mich, fahre nach Hause und bitte meinen Sohn um Entschuldigung. Ich erzähle ihm auch ehrlich den Hergang. Wir lachen beide und reichen einander die Hände. Ich werde künftig offener sein für seine Belange und ihm auch ehrlich sagen, wie es mir dabei geht.

Ein kleiner "Verbindungsstrahl"

Habe ich mich also entschieden, meinen Lebenskurs zu wenden, und kann ich in einer Situation des Tages umkehren und meinen eigenen Schuldanteil erkennen und bereinigen, dann ändert sich schlagartig einiges zum Positiven. Es wird im Herzen leichter, eine Tür tut sich auf, und ein kleiner Verbindungsstrahl erreicht den Nächsten. Er ist dann nicht mehr der "andere".

So wird allmählich mein geistiges Bewusstsein frei.


 



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