Die
neuen "Lebensmittel" der Pharmakonzerne
Techno-Food
für die Gesundheit?
Klingt es nicht einladend, wenn das Joghurt - laut
Etikett - die natürlichen Abwehrkräfte steigert oder gar eine volle Mahlzeit ersetzt?
Wenn der Müsli-Riegel den Cholesterinspiegel senkt und damit das Herzinfarkt-Risiko? Wenn
"Aktivatoren" im Fruchtsaft die
Leistungsfähigkeit steigern? "Kann ich gebrauchen", denkt
so mancher und greift zu. Hinter solchen Produkten steckt
die Pharma-Industrie, die immer mehr in den Lebensmittelmarkt eindringt und dort
Milliarden-Gewinne machen will wie bei Medikamenten.

Guten Appetit?
Gesunde pflanzliche Lebensmittel enthalten von Natur aus alles, was der
menschliche Körper an Nahrung braucht. Doch wie viele Menschen ernähren sich gesund und
sind unabhängig von den Heilmitteln des Industriezeitalters, den Produkten der
Pharma-Industrie?
Um den Lebensmittel- und den Pharmabereich abzugrenzen, verbieten die
Ländergesetze weltweit Informationen, wonach ein Lebensmittel nachweislich gegen eine
bestimmte Krankheit wirkt, so genannte "Hard Claims" (= harte Ansprüche).
Erlaubt sind jedoch "Soft Claims" ( = weiche Ansprüche) mit
allgemeineren Hinweisen, etwa der Stärkung der Abwehrkräfte. Doch ausgerechnet die
Pharma-Industrie, deren Heilmittel-Monopol durch Gesetze geschützt wird, rüttelt jetzt
an diesem Prinzip, z. B. in der Schweiz. Der Grund: Die Medikamenten-Giganten sind
zunehmend auch Nahrungsmittelhersteller und sind gerade dabei, den Lebensmittelbereich
grundlegend zu verändern.
Eine Zeitlang haben viele kleinere Produzenten kontrolliert-ökologischer
Lebensmittel sich gefragt, ob die Multis vielleicht versuchen, den Öko-Markt an sich zu
reißen. Doch es kommt offenbar anders. Während der umweltbewusste Verbraucher auf die
immer schlechtere Qualität der Lebensmittel reagiert, indem er Erzeuger ausfindig macht,
die mit der Natur arbeiten (z. B. ohne Pestizide, Insektizide, chemische
Dünger, ohne Gentechnologie oder gar ohne Mist und Gülle) und
hochwertigere Nahrung anbieten, reagiert die Großindustrie mit "Techno-Food"
- sie gleicht den durch die "moderne" Landwirtschaft verursachten Mangel an
Vitaminen, Mineralien und anderen Energieträgern durch Laborzusätze aus.

Wo bekommt man noch unveränderte,
gesunde Früchte? Z. B. bei Lebe-Gesund!
Damit aber nicht genug: Die Industrie fügt den
Lebensmitteln in den Labors all jene Wirkstoffe hinzu, die nützlich erscheinen, z. B.
Selen zur Krebsvorbeugung. Das Frühstücksei bei Migros in der Schweiz ist deshalb nicht
mehr nur ein Ei, sondern ein Ei mit zugesetzten ungesättigten Fettsäuren. Und der
US-Pharma-Multi Johnson & Johnson plant unter dem Namen "Benecol" eine ganze
Produktpalette cholesterinsenkender Lebensmittel; ähnlich der Schweizer Novartis-Konzern,
wo an 24 Projekten für die neue "Aviva"-Reihe gearbeitet wird. Konkurrent
Nestle entwickelt derweil Nahrungsmittel gegen Osteoporose (Knochenschwund) usw. usw. -
daher auch der Name "Functional-Food" (Cash Nr. 34/1999).
"Börsen-Food"
Wenn Gesetzgeber und Verbraucher mitmachen, sollen
sich die Supermärkte nach dem Wunsch der Konzerne allmählich in
Apotheken mit "leckerer Medizin" verwandeln. Der Schweizer Aktien-Fonds-Manager Alois Zimmermann setzt deshalb an der
Börse voll auf die "Functional-Food-Producer"-Firmen. Bis zum Jahr 2005 soll
damit ein Jahresumsatz von 35 Milliarden Franken erzielt werden. Um die
Durchsetzungschancen der neuen "funktionalen Lebensmittel" am Markt zu erhöhen,
wird derzeit auch die Verbindung von Function-Food mit bekannten Markennamen wie Coca-Cola
oder Mars erwogen ... So könnten Sie sich an der Tankstelle vielleicht demnächst
entscheiden zwischen Produkten "ohne" und "mit"
Leistung steigerndem Aktivator. Nun - wie würden Sie sich entscheiden?
Schon hört man, wie Functional- bzw. Techno-Food-Optimisten sich fragen:
"Wie konnte die Menschheit nur Jahrtausende mit Milch, Brot und Brei ...
überleben?" (Cash Nr. 34/1999)
Die Alternative
Doch das neue Geschäft steckt erst in den Anfängen und wird vor allem
von Natur- und Umweltschützern kritisiert. Man setze z. B. einseitig
nur auf das Schlagwort "Gesundheit" und seinen
Werbeeffekt, ohne sich die Basis dafür zu erarbeiten, nämlich eine
Landwirtschaft im Einklang mit der Natur. Natur- und Umweltschützer
wollen demgegenüber keine Symptombekämpfung, sondern sie wollen dem Übel
an die Wurzel. Nahrungsmittel ohne Geschmack und gesundheitlichem Wert sind
nämlich die Folge einer langen Fehlentwicklung im gesamten Nahrungsmittelbereich, bei der
vor allem aus Profitgründen die Natur dem Chemielabor geopfert wurde. Anstatt hier
anzusetzen, kommt in der Großindustrie immer mehr die Gentechnik zum Zuge - was
erst vor kurzem wieder ins Rampenlicht der schweizerischen Öffentlichkeit rückte. Da
hatte der Pharma-Gigant La Roche 1,8 Milliarden (!) Franken Strafe wegen unzulässiger
Preisabsprachen im Vitaminmarkt zahlen müssen. Diese Summe finanzierte er mit dem
Spekulationsgewinn, der sich einstellte, als man 17 % der Aktien seiner US-Tochter Gentech
erheblich teurer verkaufen konnte, als man sie eingekauft hatte. Gentech zählt mit
3500 Mitarbeitern zu den bedeutendsten Firmen seiner Art, und worum es dort geht, sagt
schon der Name.
Ein weiterer Kritikpunkt betrifft die gesamte industrielle
Lebensmittelproduktion. Dort lässt sich der Weg des Nahrungsmittels bis zum
Endverbraucher oft kaum mehr nachvollziehen, und vielfach kommen zwischenzeitlich alle
möglichen Abfälle in die Nahrungskette hinein, die sich anderweitig nicht mehr
verarbeiten lassen. Schließlich: Was nützen möglicherweise gesunde Zusätze, wenn schon
die "Grundprodukte" nicht mehr gesund sind?
Und von diesen wird der Mensch immer mehr entfremdet. In Jahrmilliarden
formten sich z. B. Karotten, Rettiche, Rote Rüben usw., und sie sind vergleichbar einem
gut aufeinander abgestimmten "Orchester" an Wirkstoffen. Jetzt werden durch den
"Schöpfer" Mensch einzelne isolierte "Töne" hinzugefügt - doch wer überblickt alle
Wirkungen?
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