Das Weisse Pferd - Urchristliche Zeitung für Gesellschaft, Religion, Politik und Wirtschaft

Ausgabe 23/99

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Die Verfälschung unbequemer Lehren (3): Das Urchristentum

Wie das Heidentum die Oberhand gewann

Jesus von Nazareth, der größte Prophet aller Zeiten, zeigte den Menschen Seiner Zeit und nach Ihm bis heute den Weg zum Herzen Gottes auf. Er musste dabei nicht nur gegen die Verstocktheit Seiner unmittelbaren Umgebung ankämpfen, sondern auch immer wieder gegen das durch die "Lügengriffel der Schreiber" (vgl. Das Weisse Pferd, Ausgabe Nr. 21/1999) verfälschte jüdische Gesetz, das Mose untergeschoben wurde. Denn viele Menschen waren überzeugt, sie könnten durch die äußere Einhaltung von Vorschriften und durch Tieropfer den Himmel erreichen, statt durch innere Wandlung und durch Aufopferung ihres Egos.

Porträt Urchristen
Porträtmedaillon einer christlichen Familie um 220. Die ersten Christen wussten noch um die Wiederverkörperung der Seele

Nach dem Tod des Nazareners bauten urchristliche Gemeinden auf der hohen Ethik auf, die Er gebracht hatte. Die Glieder der Urgemeinden waren untereinander gleichberechtigt, auch die Frauen gegenüber den Männern. Sie wurden von Christus unmittelbar geführt durch das innere Wort von Propheten und Prophetinnen. Die Urgemeinden waren Lebens- und Arbeitsgemeinschaften, in denen jeder durch seiner Hände Arbeit seinen Lebensunterhalt erwirtschaftete und darüber hinaus etwas zum Gemeinwohl beitrug. Priester gab es keine. Die ersten Christen feierten ein gemeinsames Liebesmahl, bei dem sie vegetarische Speisen verzehrten. Die ersten Christen kannten auch keine Säuglingstaufe und keine Beichte.

Es fehlte an Vorbildern

Die periodisch auftretende Verfolgung der Christen durch die römische Herrschaft veranlasste die Urchristen einerseits zu großem Bekennermut, andererseits wurden die Gemeinden dadurch geschwächt, weil gerade die Stärksten das Martyrium auf sich nahmen. In Zeiten größerer Toleranz des Staates drängten viele Heiden, die ihre Vorstellungen mitbrachten, in die Gemeinden. Es fehlte jedoch an Vorbildern, an Urchristen, die ihnen aus der eigenen Verwirklichung der Gesetze Gottes eine klare Linie vorgaben.

"Denn er [Origenes] sagt, dass die Seelen vor den Körpern existierten und aus der Heiligkeit in böse Begierden verfielen und von Gott abfielen; aus diesem Grund habe er sie verurteilt und eingekörpert, und sie seien im Fleische wie in einem Gefängnis."

(Kyrill, Bischof von Alexandria)

Für Menschen aus den damaligen antiken Mysterienkulten war es einfacher vorstellbar, an einen einzigen Gott zu glauben, der ihnen die Erlösung von allen Sünden zusichern konnte - möglichst ohne eigenes Zutun. Sie waren eine strenge Hierarchie und eine Priesterkaste gewohnt, die als Vermittler zwischen Gott und den Menschen auftraten. Sie hielten rituelle Messopfer und Prozessionen ab, verehrten Götterstatuen und glaubten an eine "Dreifaltigkeit" (z. B. Jupiter, Juno und Minerva). All diese Elemente aus den heidnischen Mysterienkulten und noch viele mehr fanden in der Folgezeit Eingang in die Institution Kirche.

Die Bischöfe - ursprünglich Verwalter der Kasse der Gemeinde - und die Diakone - die Organisatoren - spielten sich immer mehr in den Vordergrund. Um ihre Machtposition weiter auszubauen, waren sie am Zustrom möglichst vieler Heiden in die Gemeinden interessiert. Um dies zu erleichtern, setzte man die moralischen Anforderungen an die neu eintretenden Gemeindeglieder herunter.

Die "billige" Erlösung

Christus wurde für die Heiden herausgestellt als "einziger Gott", der die Erlösung gebracht hat - sprich: alle Sünden sind dadurch weggenommen. Dies ist bis heute zentrale Lehraussage beider Kirchen!

Einer, der sich gegen diese Verfälschung der ursprünglichen christlichen Lehre stemmte, war Origenes. Um 184 in Alexandria (Ägypten) als Sohn eines griechischen Kaufmanns geboren, besuchte er die einige Jahrzehnte zuvor gegründete Christenschule in seiner Heimatstadt. Eine solche Einrichtung würde man heute wohl als "Privatuniversität" bezeichnen - sie war weithin bekannt und vermittelte die christliche Ethik in Verbindung mit der hellenistischen Philosophie eines Pythagoras, Sokrates und Platon (vgl. Das Weisse Pferd Nr. 22/1999). Schon als 18jähriger baute Origenes diese Schule nach einer Christenverfolgung neu auf. Später wurde er, wie sein Vorgänger Klemens von Alexandria (und wie einer seiner Nachfolger, Arius, von dem noch die Rede sein wird) aus Alexandria vertrieben, weil dort immer wieder Bischöfe aus Machtgründen eine billigere Ethik befürworteten und dabei auch vor Tätlichkeiten gegen theologische Gegner nicht zurückschreckten.

"Denn indem so eine Geburt auf die andere folgt, will sie uns im allmählichen Fortschreiten zur Unsterblichkeit führen."

(Clemens von Alexandria, Stromateis IV, 160,3)

Origenes ging nach Palästina. In jahrzehntelanger Arbeit analysierte er genauestens die "heiligen" Schriften der Juden und arbeitete heraus, was ursprüngliche Texte und was spätere Einschübe der Schriftgelehrten waren. In einigen Fällen gelang es ihm, Bischöfe, die einer (vor allem von Rom ausgehenden) Verfälschung der Lehre das Wort redeten, wieder von der ursprünglichen Wahrheit zu überzeugen.

Doch Origenes starb im Jahre 254 an den Folgen der Folterungen, die er bei der Christenverfolgung von 250 erlitten hatte. Es dauerte Jahre, bis jemand an seine Arbeit wieder anknüpfte. Einer davon war Arius, der jedoch von seinem Widersacher Athanasius, einem bekannten Wortverdreher und Verleumder, vertrieben und gejagt wurde. 336 starb Arius in Konstantinopel, höchstwahrscheinlich durch Gift.

Bis dahin hatte sich bereits ein fataler Wandel vollzogen. Kaiser Konstantin, ein blutrünstiger Tyrann und bis zu seinem Todestag ein Anhänger heidnischer Kulte, hatte das bereits zum Scheinchristentum herabgesunkene Christentum zu seiner Staatsreligion gemacht. Der "christliche" Klerus wurde privilegiert und half ihm seinerseits, seine Herrschaft ideologisch abzusichern. Konstantin verschmolz den heidnischen Glauben - in dem der Gedanke eines einzigen Gottes auf dem Vormarsch war - mit dem scheinchristlichen. Auf dem Konzil von Nizäa (325) setzte er durch gewiefte Taktik das Dogma der "Wesensgleichheit" von Gott und Christus durch. Später wurde auch noch der heidnische Gedanke einer Dreifaltigkeit von drei "wesensidentischen" Göttern im kirchlichen Dogma verankert. Dies kam heidnischen Vorstellungen entgegen. Eine völlige Identität dreier "Götter" in einem ist jedoch unlogisch. Hier wurde durch eine verwirrende Lehre der Boden bereitet für das spätere Aufkommen des Islam, der aus dem Judentum und dem Christentum hervorging und all diese Ungereimtheiten mit einem Federstrich beiseite wischte.

Zurück zum 4. Jahrhundert. Noch war das Ansehen des Origenes, vor allem im oströmischen Raum, zu groß, um ihn direkt verurteilen zu können. Man bekämpfte vielmehr zunächst die (mit Origenes weitgehend übereinstimmenden) Aussagen des Arius, die man diesem teilweise im Mund herumdrehte.

Ein Schatten wird verurteilt

Wenn man einen Gegner (noch) nicht direkt bekämpfen kann, verfälscht man seine Aussagen. Genau das taten Generationen von Theologen mit Origenes, darunter so bekannte Köpfe wie der "heilige" Hieronymus. Man leugnete oder vertuschte, dass Origenes (wie Salomo, Pythagoras und Sokrates) die Wiedergeburt gelehrt hatte, das Gesetz von Saat und Ernte und die Wiederherstellung aller Dinge. Letztere besagt, dass alle gefallenen Engel einst wieder bei Gott sein werden. Eine ewige Verdammnis gibt es nicht.

Vor allem in Ägypten gab es zahlreiche fanatische Mönchsgruppen, die sich auf Origenes beriefen. Es kam sogar zu tätlichen Auseinandersetzungen zwischen rivalisierenden Gruppen innerhalb der Kirche, wobei die angeblichen Origenisten eine Lehre verteidigten, die mit diesem kaum noch etwas zu tun hatte. 399 verurteilte Bischof Theophilus von Alexandria die Lehre des Origenes - oder das, was davon noch übrig war -, um seine Gegner zu schwächen. "Man verurteilte ... nur noch Origenes’ Schatten", schreibt Robert Sträuli in seinem Buch Origenes, der Diamantene.

"Das ist ja nur unsere Hülle [d. h. der Körper des Menschen], die uns aus Anlass unseres Eintritts in diese Welt von außen umgelegt ist, damit wir diese gemeinsame Erziehungsanstalt [die Erde] betreten konnten; aber verborgen im Inneren wohnt der Vater und sein Sohn, der für uns gestorben und mit uns auferstanden ist."

(Clemens von Alexandria, Paidagogos, Kap. 33, 6)

Fast 300 Jahre nach dem Tod des Origenes wurde seine Lehre dann auch offiziell von der Kirche verworfen - oder, besser gesagt, von Kaiser Justinian von Byzanz, der sich wie Konstantin die Spruchgewalt in kirchlichen Fragen selbst verliehen hatte. Im Jahre 543 formulierte der Kaiser auf einer Synode der Ostkirche neun Bannflüche gegen die Lehre des Origenes (und damit gegen wesentliche Teile der ursprünglichen Lehre des Jesus von Nazareth). Zehn Jahre später wurden diese Bannflüche von der gesamten Kirche, also auch von der römisch orientierten Westkirche, sinngemäß wiederholt, sogar auf 15 Bannflüche erweitert. Die Kirche verurteilte darin unter anderem die Wiederherstellung aller Dinge und die Präexistenz der Seele vor der Geburt des Menschen, und damit indirekt auch die Wiederverkörperungslehre.

Bemerkenswert ist dabei, dass die Lehre des Origenes in diesen Bannflüchen plötzlich wieder viel klarer dargestellt wird als in den Jahrhunderten zuvor. Worauf ist das zurückzuführen?

Bannfluch als Kriegswaffe

Sträuli weist hier auf ein auffallendes zeitliches Zusammentreffen hin: Das Jahr 543 fällt mitten in den zwanzigjährigen Vernichtungskrieg der Byzantiner gegen die Ostgoten in Italien - die arianischen, also origenistischen Glaubens waren! Stammte die überraschend genaue Kenntnis der Lehre des Origenes von den arianischen Ostgoten? Und waren die schauerlichen Bannflüche des Justinian Teil einer "okkulten" psychologischen Kriegführung (siehe unten)?

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Damit war ein Schlusspunkt gesetzt. Die ursprüngliche christliche Lehre hatte damit endgültig keinen Platz mehr in der Institution Kirche. Dem moralischen Verfall und der theologischen Verwirrung folgte die dogmatische Festlegung. Bereits viel früher, 385, war der erste Inquisitionsmord in der Kirche geschehen: Der Bischof von Ávila in Spanien, Priscillianus, war nach Trier verschleppt und dort mit einigen seiner Anhänger hingerichtet worden - wegen "Ketzerei". Es deutet vieles darauf hin, dass auch die "Priscillianer" in Wirklichkeit Urchristen waren, die sich an der Lehre des Origenes orientierten. In den griechischen Siedlungen an der spanischen Küste war dessen Gedankengut noch lange lebendig geblieben und von dort weiter vorgedrungen. Möglicherweise gibt es auch historische Verbindungen von geflüchteten Priscillianern zu den späteren Katharern in Südfrankreich.

In der Ausgabe Nr. 1/2000 lesen Sie: Die Ausrottung des arianischen Christentums

Bannfluch ist Hexerei

"Wer behauptet oder glaubt, die Seelen der Menschen hätten schon vor ihrer Geburt bestanden; sie seien einstmals Vernunftwesen gewesen und hätten heiligen Mächten angehört; sie seien dann der göttlichen Schau überdrüssig geworden und hätten sich dem Bösen zugewandt; dadurch sei ihre Liebe zu Gott erkaltet, weshalb sie die Bezeichnung ‘Abgefallene’ erhielten; zur Strafe seien sie in Körper einverleibt worden - den treffe der Bannfluch!"

So lautet der erste der neun Bannflüche des Justinian gegen die Origenisten aus dem Jahre 543. Wer diese neuen Flüche (oder die 15 des Jahres 553) hintereinander liest, kann vielleicht die Wirkung auf die Menschen damals erahnen. Wie Hammerschläge fallen die Worte: "den treffe der Bannfluch" immer wieder auf einfache Glaubensaussagen hernieder.

In Afrika und anderen Teilen der Welt kennt man noch heute die Praxis der schwarzen Magie: Wer einen Feind schädigen will, der geht zu einem Schamanen, der dann eine Puppe bastelt, die den betreffenden Menschen darstellt und diese z. B. mit einer Nadel ersticht und dazu verhexende Zaubersprüche murmelt. Erfährt der Betreffende von dieser "Verhexung", so kann er in tiefe Ängste stürzen und unter Umständen tatsächlich sterben. Ähnliches gilt für die soziale Ausgrenzung in Stammesverbänden, die manches Mitglied nicht verkraftet. Auch Gedanken sind Energie, die beim Empfänger ankommen, wenn dieser nicht wirklich "über den Dingen steht".

Für die Kirche waren solche schwarzmagischen Mechanismen der Abschreckung und sozialen Ausgrenzung schon immer ein beliebtes Instrument zur Festigung ihrer Macht. Die zahlreichen Bannflüche gegen verschiedenste Lehrmeinungen, so z. B. auch gegen Luther, sind bis heute nicht aufgehoben.


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