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Die Verfälschung
unbequemer Lehren (3): Das UrchristentumWie das Heidentum die Oberhand gewann
Jesus von
Nazareth, der größte Prophet aller Zeiten, zeigte den Menschen Seiner
Zeit und nach Ihm bis heute den Weg zum Herzen Gottes auf. Er musste
dabei nicht nur gegen die Verstocktheit Seiner unmittelbaren Umgebung
ankämpfen, sondern auch immer wieder gegen das durch die "Lügengriffel
der Schreiber" (vgl.
Das Weisse Pferd,
Ausgabe Nr. 21/1999) verfälschte jüdische Gesetz, das
Mose untergeschoben wurde. Denn viele Menschen waren überzeugt, sie könnten durch die
äußere Einhaltung von Vorschriften und durch Tieropfer den Himmel erreichen, statt durch
innere Wandlung und durch Aufopferung ihres Egos.

Porträtmedaillon einer christlichen Familie um 220. Die ersten Christen wussten
noch um die Wiederverkörperung der Seele
Nach dem Tod des Nazareners bauten urchristliche Gemeinden auf der hohen
Ethik auf, die Er gebracht hatte. Die Glieder der Urgemeinden waren untereinander
gleichberechtigt, auch die Frauen gegenüber den Männern. Sie wurden von Christus
unmittelbar geführt durch das innere Wort von Propheten und Prophetinnen. Die Urgemeinden
waren Lebens- und Arbeitsgemeinschaften, in denen jeder durch seiner Hände Arbeit seinen
Lebensunterhalt erwirtschaftete und darüber hinaus etwas zum Gemeinwohl beitrug. Priester
gab es keine. Die ersten Christen feierten ein gemeinsames Liebesmahl, bei dem sie
vegetarische Speisen verzehrten. Die ersten Christen kannten auch keine Säuglingstaufe
und keine Beichte.
Es fehlte
an Vorbildern
Die periodisch auftretende
Verfolgung der Christen durch die römische Herrschaft veranlasste die Urchristen
einerseits zu großem Bekennermut, andererseits wurden die Gemeinden dadurch geschwächt,
weil gerade die Stärksten das Martyrium auf sich nahmen. In Zeiten größerer Toleranz
des Staates drängten viele Heiden, die ihre Vorstellungen mitbrachten, in die Gemeinden.
Es fehlte jedoch an Vorbildern, an Urchristen, die ihnen aus der eigenen Verwirklichung
der Gesetze Gottes eine klare Linie vorgaben.
"Denn er [Origenes] sagt, dass die Seelen vor den
Körpern existierten und aus der Heiligkeit in böse Begierden verfielen und von Gott
abfielen; aus diesem Grund habe er sie verurteilt und eingekörpert,
und sie seien im Fleische wie in einem Gefängnis."
(Kyrill, Bischof von Alexandria) |
Für Menschen aus den damaligen antiken Mysterienkulten war es einfacher
vorstellbar, an einen einzigen Gott zu glauben, der ihnen die Erlösung von allen Sünden
zusichern konnte - möglichst ohne eigenes Zutun. Sie waren eine strenge Hierarchie und
eine Priesterkaste gewohnt, die als Vermittler zwischen Gott und den Menschen auftraten.
Sie hielten rituelle Messopfer und Prozessionen ab, verehrten Götterstatuen und glaubten
an eine "Dreifaltigkeit" (z. B. Jupiter, Juno und Minerva). All diese Elemente
aus den heidnischen Mysterienkulten und noch viele mehr fanden in der Folgezeit Eingang in
die Institution Kirche.
Die Bischöfe - ursprünglich Verwalter der Kasse der Gemeinde - und die
Diakone - die Organisatoren - spielten sich immer mehr in den Vordergrund. Um ihre
Machtposition weiter auszubauen, waren sie am Zustrom möglichst vieler Heiden in die
Gemeinden interessiert. Um dies zu erleichtern, setzte man die moralischen Anforderungen
an die neu eintretenden Gemeindeglieder herunter.
Die
"billige" Erlösung
Christus wurde für die
Heiden herausgestellt als "einziger Gott", der die Erlösung gebracht hat -
sprich: alle Sünden sind dadurch weggenommen. Dies ist bis heute zentrale Lehraussage
beider Kirchen!
Einer, der sich gegen diese Verfälschung der ursprünglichen christlichen
Lehre stemmte, war Origenes. Um 184 in Alexandria (Ägypten) als Sohn eines griechischen
Kaufmanns geboren, besuchte er die einige Jahrzehnte zuvor gegründete Christenschule in
seiner Heimatstadt. Eine solche Einrichtung würde man heute wohl als
"Privatuniversität" bezeichnen - sie war weithin bekannt und vermittelte die
christliche Ethik in Verbindung mit der hellenistischen Philosophie eines Pythagoras,
Sokrates und Platon (vgl. Das Weisse Pferd
Nr. 22/1999). Schon als 18jähriger baute
Origenes diese Schule nach einer Christenverfolgung neu auf. Später wurde er, wie sein
Vorgänger Klemens von Alexandria (und wie einer seiner Nachfolger, Arius, von dem noch
die Rede sein wird) aus Alexandria vertrieben, weil dort immer wieder Bischöfe aus
Machtgründen eine billigere Ethik befürworteten und dabei auch vor Tätlichkeiten gegen
theologische Gegner nicht zurückschreckten.
"Denn indem so eine Geburt
auf die andere folgt, will sie uns im allmählichen Fortschreiten zur
Unsterblichkeit führen."
(Clemens von Alexandria, Stromateis IV, 160,3) |
Origenes ging nach Palästina. In jahrzehntelanger Arbeit analysierte er
genauestens die "heiligen" Schriften der Juden und arbeitete heraus, was
ursprüngliche Texte und was spätere Einschübe der Schriftgelehrten waren. In einigen
Fällen gelang es ihm, Bischöfe, die einer (vor allem von Rom ausgehenden) Verfälschung
der Lehre das Wort redeten, wieder von der ursprünglichen Wahrheit zu überzeugen.
Doch Origenes starb im Jahre 254 an den Folgen der Folterungen, die er bei
der Christenverfolgung von 250 erlitten hatte. Es dauerte Jahre, bis jemand an seine
Arbeit wieder anknüpfte. Einer davon war Arius, der jedoch von seinem Widersacher
Athanasius, einem bekannten Wortverdreher und Verleumder, vertrieben und gejagt wurde. 336
starb Arius in Konstantinopel, höchstwahrscheinlich durch Gift.
Bis dahin hatte sich bereits ein fataler Wandel vollzogen. Kaiser
Konstantin, ein blutrünstiger Tyrann und bis zu seinem Todestag ein Anhänger heidnischer
Kulte, hatte das bereits zum Scheinchristentum herabgesunkene Christentum zu seiner
Staatsreligion gemacht. Der "christliche" Klerus wurde privilegiert und half ihm
seinerseits, seine Herrschaft ideologisch abzusichern. Konstantin verschmolz den
heidnischen Glauben - in dem der Gedanke eines einzigen Gottes auf dem Vormarsch war - mit
dem scheinchristlichen. Auf dem Konzil von Nizäa (325) setzte er durch gewiefte Taktik
das Dogma der "Wesensgleichheit" von Gott und Christus durch. Später wurde auch
noch der heidnische Gedanke einer Dreifaltigkeit von drei "wesensidentischen"
Göttern im kirchlichen Dogma verankert. Dies kam heidnischen Vorstellungen entgegen. Eine
völlige Identität dreier "Götter" in einem ist jedoch unlogisch. Hier
wurde durch eine verwirrende Lehre der Boden bereitet für das spätere Aufkommen des
Islam, der aus dem Judentum und dem Christentum hervorging und all diese Ungereimtheiten
mit einem Federstrich beiseite wischte.
Zurück zum 4. Jahrhundert. Noch war das Ansehen des Origenes, vor allem
im oströmischen Raum, zu groß, um ihn direkt verurteilen zu können. Man bekämpfte
vielmehr zunächst die (mit Origenes weitgehend übereinstimmenden) Aussagen des Arius,
die man diesem teilweise im Mund herumdrehte.
Ein
Schatten wird verurteilt
Wenn man einen Gegner (noch)
nicht direkt bekämpfen kann, verfälscht man seine Aussagen. Genau das taten Generationen
von Theologen mit Origenes, darunter so bekannte Köpfe wie der "heilige"
Hieronymus. Man leugnete oder vertuschte, dass Origenes (wie Salomo, Pythagoras und
Sokrates) die Wiedergeburt gelehrt hatte, das Gesetz von Saat und Ernte und die
Wiederherstellung aller Dinge. Letztere besagt, dass alle gefallenen Engel einst wieder
bei Gott sein werden. Eine ewige Verdammnis gibt es nicht.
Vor allem in Ägypten gab es zahlreiche fanatische Mönchsgruppen, die
sich auf Origenes beriefen. Es kam sogar zu tätlichen Auseinandersetzungen zwischen
rivalisierenden Gruppen innerhalb der Kirche, wobei die angeblichen Origenisten eine Lehre
verteidigten, die mit diesem kaum noch etwas zu tun hatte. 399 verurteilte Bischof
Theophilus von Alexandria die Lehre des Origenes - oder das, was davon noch übrig war -,
um seine Gegner zu schwächen. "Man verurteilte ... nur noch Origenes
Schatten", schreibt Robert Sträuli in seinem Buch Origenes, der
Diamantene.
"Das ist ja nur unsere Hülle
[d. h. der Körper des Menschen], die uns aus Anlass unseres Eintritts
in diese Welt von außen umgelegt ist, damit wir diese gemeinsame
Erziehungsanstalt [die Erde] betreten konnten; aber verborgen im
Inneren wohnt der Vater und sein Sohn, der für uns gestorben und mit
uns auferstanden ist."
(Clemens von Alexandria, Paidagogos, Kap. 33, 6) |
Fast 300 Jahre nach dem Tod des Origenes wurde seine Lehre dann auch
offiziell von der Kirche verworfen - oder, besser gesagt, von Kaiser Justinian von Byzanz,
der sich wie Konstantin die Spruchgewalt in kirchlichen Fragen selbst verliehen hatte. Im
Jahre 543 formulierte der Kaiser auf einer Synode der Ostkirche neun Bannflüche gegen die
Lehre des Origenes (und damit gegen wesentliche Teile der ursprünglichen Lehre des Jesus
von Nazareth). Zehn Jahre später wurden diese Bannflüche von der gesamten Kirche, also
auch von der römisch orientierten Westkirche, sinngemäß wiederholt, sogar auf 15
Bannflüche erweitert. Die Kirche verurteilte darin unter anderem die Wiederherstellung
aller Dinge und die Präexistenz der Seele vor der Geburt des Menschen, und damit indirekt
auch die Wiederverkörperungslehre.
Bemerkenswert ist dabei, dass die Lehre des Origenes in diesen
Bannflüchen plötzlich wieder viel klarer dargestellt wird als in den Jahrhunderten
zuvor. Worauf ist das zurückzuführen?
Bannfluch
als Kriegswaffe
Sträuli
weist hier auf ein auffallendes zeitliches Zusammentreffen hin: Das Jahr
543 fällt mitten in den zwanzigjährigen Vernichtungskrieg der Byzantiner
gegen die Ostgoten in Italien - die arianischen, also origenistischen
Glaubens waren! Stammte die überraschend genaue Kenntnis der Lehre des
Origenes von den arianischen Ostgoten? Und waren die schauerlichen
Bannflüche des Justinian Teil einer "okkulten" psychologischen
Kriegführung (siehe unten)?
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Damit war ein
Schlusspunkt gesetzt. Die ursprüngliche christliche Lehre hatte damit endgültig keinen
Platz mehr in der Institution Kirche. Dem moralischen Verfall und der theologischen
Verwirrung folgte die dogmatische Festlegung. Bereits viel früher, 385, war der erste
Inquisitionsmord in der Kirche geschehen: Der Bischof von Ávila in Spanien,
Priscillianus, war nach Trier verschleppt und dort mit einigen seiner Anhänger
hingerichtet worden - wegen "Ketzerei". Es deutet vieles darauf hin, dass auch
die "Priscillianer" in Wirklichkeit Urchristen waren, die sich an der Lehre des
Origenes orientierten. In den griechischen Siedlungen an der spanischen Küste war dessen
Gedankengut noch lange lebendig geblieben und von dort weiter vorgedrungen.
Möglicherweise gibt es auch historische Verbindungen von geflüchteten Priscillianern zu
den späteren Katharern in Südfrankreich.
In der Ausgabe Nr. 1/2000 lesen Sie:
Die Ausrottung des
arianischen Christentums
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Bannfluch ist Hexerei
"Wer
behauptet oder glaubt, die Seelen der Menschen hätten schon vor
ihrer Geburt bestanden; sie seien einstmals Vernunftwesen gewesen
und hätten heiligen Mächten angehört; sie seien dann der göttlichen
Schau überdrüssig geworden und hätten sich dem Bösen zugewandt;
dadurch sei ihre Liebe zu Gott erkaltet, weshalb sie die Bezeichnung
‘Abgefallene’ erhielten; zur Strafe seien sie in Körper einverleibt
worden - den treffe der Bannfluch!"
So lautet der erste der neun Bannflüche des Justinian gegen die
Origenisten aus dem Jahre 543. Wer diese neuen Flüche (oder die 15 des Jahres 553)
hintereinander liest, kann vielleicht die Wirkung auf die Menschen damals erahnen. Wie
Hammerschläge fallen die Worte: "den treffe der Bannfluch" immer wieder auf
einfache Glaubensaussagen hernieder.
In Afrika und anderen Teilen der Welt kennt man noch heute die Praxis der
schwarzen Magie: Wer einen Feind schädigen will, der geht zu einem Schamanen, der dann
eine Puppe bastelt, die den betreffenden Menschen darstellt und diese z. B. mit einer Nadel
ersticht und dazu verhexende Zaubersprüche murmelt. Erfährt der Betreffende von dieser
"Verhexung", so kann er in tiefe Ängste stürzen und unter Umständen
tatsächlich sterben. Ähnliches gilt für die soziale Ausgrenzung in Stammesverbänden,
die manches Mitglied nicht verkraftet. Auch Gedanken sind Energie, die beim Empfänger
ankommen, wenn dieser nicht wirklich "über den Dingen steht".
Für die Kirche waren solche schwarzmagischen Mechanismen der Abschreckung
und sozialen Ausgrenzung schon immer ein beliebtes Instrument zur Festigung ihrer Macht.
Die zahlreichen Bannflüche gegen verschiedenste Lehrmeinungen, so z. B. auch gegen Luther,
sind bis heute nicht aufgehoben. |
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