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Was
beweisen Nahtoderlebnisse?
Seit den Arbeiten von Raymond Moody, Kenneth Ring und Elisabeth Kübler-Ross
ist die Nahtod-Erfahrung ein Thema in der öffentlichen Diskussion geworden. Dabei hat sich
ein Standardmodell der Nahtod-Erfahrung herausgebildet, das davon ausgeht,
dass
diese Erlebnisse nach einem bestimmten Schema ablaufen und in der Regel
positiv bzw. "himmlisch" sind. Der Soziologe Hubert Knoblauch hat nun in einer historischen
und empirischen Untersuchung nachgewiesen, dass dies ein Mythos ist und nicht die
Realität.
Frau Schulze, die zu einer Operation im Krankenhaus gewesen war, erzählte
dem Autor folgendes Erlebnis:
"Ja, ich wurde operiert, und am nächsten Tag auf einmal wird`s mir
ganz komisch, und da habe ich um Hilfe geschrieen. Und dann weiß ich gar nichts mehr.
Zuerst ist gar nichts gewesen. Und dann denk ich: Was mach ich unter der
Decke? Also es war, als wenn ich unter der Decke schwebte. Ich sah mich selbst unten
im Bett liegen. Ich denk, hoppla, ist das komisch. Und dann seh ich, wie der
Arzt kam, und dann kam noch einmal der Professor von der inneren Abteilung, den ich noch
nie gesehen habe, und die Schwestern und die Ärzte. Die haben mich dann gar nicht aus dem
Zimmer rausgefahren, sondern haben da irgendetwas gemacht. Das konnte ich aber nicht sehen
... Und dann auf einmal hab ich das Gefühl, ich verschwinde durch irgend so nen
Schornstein oben raus. Und auf einmal stehe ich auf einer grünen Wiese. Und da ist so ein
wunderschöner Bach dazwischen. Auch auf der anderen Seite geht die Wiese weiter ... Und
dann seh ich mich so um - da steht ja meine Mutter! Wieso steht die da? Die ist doch
schon lange tot. Und dann winkt die mich mit der Hand weg. Das macht sie ganz langsam,
drei, vier Mal. Dann hab ich gesagt, nein, noch nicht. Und da war alles vorbei auf
einmal" (S. 104).

Die Seele entweicht aus dem Menschen und wird von
einem Engel in Empfang genommen. Nahtoderlebnisse sind oft weniger schön, als dieser
Holzschnitt von Jörg Nadler aus Nürnberg aus dem Jahr 1520 es nahe legt.
Ein Autor wie Raymond Moody könnte für diesen Bericht seine 5-Phasen-Theorie der
Nahtoderfahrung bestätigt finden: Zunächst nimmt die betroffene Person wahr,
dass sie
tot sei, indem sie z. B. hört, dass die Ärzte ihren klinischen Tod feststellen. Darauf
folgt in der Regel eine Tunnel-Erfahrung. Die Person geht aus ihrem
Körper heraus und kann ihn beobachten. Es kommt zur Begegnung mit
anderen Wesen, mit verstorbenen Verwandten oder "Lichtwesen". Der Lebensfilm läuft ab, in dem das eigene Leben bewertet wird.
Dann stellt die Person fest, dass ihr Todeszeitpunkt noch nicht gekommen ist. Ihr Zustand
wird von Gefühlen der Freude, des Friedens und des Glücks begleitet. Daher sträubt die
Person sich gegen die Rückkehr in das alte Leben.
Knoblauch zeigt nun auf, dass all diese Phasenmodelle nicht stimmen. Als
Argument greift er zum einen auf alte Texte zurück wie das Gilgamesch-Epos und die Odyssee des Homer. Obwohl diese keine Nahtoderlebnisse
beschrieben, zeichneten sie doch den Weg der Seele im Jenseits anders als in
Glückerlebnissen mit Hochgefühl. Das gleiche gilt für das Tibetanische
Totenbuch (Das Tibetanische Buch vom Leben und vom Sterben), das ein
gutes Dutzend Nahtod-Erlebnisse beinhaltet, und zwar sowohl positive als
auch negative.
Ein erste Todesnähe-Erfahrung finde sich bei Plato in
seinem Hauptwerk über den Staat. Plato berichtet über einen Soldaten namens Er,
der im Kriege getötet wurde. Nach zehn Tagen sei er zusammen mit schon verwesten Leichen
nach Hause gebracht worden, um bestattet zu werden. Als er dann verbrannt werden sollte,
habe er sich wieder geregt und erzählt, was er erlebt habe: Er sei auf seiner Wanderung
an einen wundersamen Ort gekommen. Erde und Himmel seien hier gespalten gewesen. Zwischen
den Spalten saßen strenge Richter, die die Seelen in Gerechte und Ungerechte schieden und
sie dann entweder nach oben oder auf den Weg nach unten schickten. Plato fügt an,
dass
alle Ungerechtigkeiten entsprechende Folgen hätten. Knoblauch führt auch
Todesvisionen
aus dem Mittelalter an, z. B. die des Benediktinermönchs Wetti oder des holsteinischen
Bauern Gottschalk. Sie alle enthalten nicht nur harmonische Aspekte, sondern vor allem
auch dramatische.
Das
Jenseits - eine Demokratie?
Die Nahtod-Erfahrungen
in der Moderne stehen offensichtlich unter dem Motto: "Der Tod - mein schönstes
Erlebnis". Knoblauch zitiert dazu die amerikanische Nahtodforscherin Carol Zaleski:
"Vorbei ist es in den modernen Überlieferungen mit dem qualvollen Tod,
mit dem mitleidlosen jüngsten Gericht, den Torturen des Fegefeuers und
im höllischen Martyrium, das die mittelalterlichen Visionen beherrscht;
das moderne Jenseits ist ein vergleichsweise ansprechender
Aufenthaltsort, eine Demokratie, eine Stätte kontinuierlichen Lernens
und ein Garten unirdischen Entzückens." Knoblauch ergänzt: "Während die Alten noch die Guten von den Schlechten, die Ungerechten von den
Gerechten scheiden, wird in der Moderne kaum mehr gerichtet, nicht gestraft und nicht
verurteilt."
Es gibt
keinen "Standard-Tod"
Knoblauch wollte es genau
wissen. Er zog eine Stichprobe von 2.044 Personen, die repräsentativ für die
Bundesrepublik Deutschland mit ihren ca. 80 Millionen Einwohnern sind. Jede Person wurde
persönlich interviewt anhand eine eigens konstruierten Fragebogens, indem nach
paranormalen Wahrnehmungen, Todesahnung, Sterbevisionen und Todesnähe-Erfahrungen gefragt
wurde. Das wichtigste Ergebnis: Todesnähe-Erfahrungen hatten 4,3 % der Befragten.
Das bedeutet: Etwa 3,3 Millionen Deutsche haben eine Nahtod-Erfahrung bei sich selbst
erlebt. Die Zahl der Männer und Frauen, die solche Erlebnisse haben, ist annähernd
gleich.

Der Teufel holt sich eine Seele - Die Angst vor
Hölle und ewiger Verdammnis verstärkt auch heute noch die Furcht vor dem Tod.
(Holzschnitt von Jörg Nadler,
Nürnberg 1520)
Die Auswertung des Materials, das die Untersuchung erbrachte, erlaubt dem
Autor, seine These zu belegen, dass es kein "Standardmodell" in den
Berichten gibt: "Die Vielfalt der Berichte bestätigt: Das, was Menschen in der Nähe des Todes
erfahren, trägt sehr individuelle Züge" (S. 136). Er führt
zwei Beispiele an: Ein Mann, der einen Autounfall überlebte, geriet in
eine "andere Welt": "Es
war so schön, wie man sich das Paradies vorstellt. Es war alles so schön dort. Die
Menschen lebten friedlich ohne Arbeit, und man kannte keine Technik und auch keine Zeit.
Es waren schöne Gefühle, mir war es wohlig warm in dieser Zeit. Ich empfand keine
Schmerzen." Eine Frau findet sich in ihrer Nahtod-Erfahrung "eher in der Hölle
wieder. Sie sieht sich durch einen dunklen Wald voller fremder Tiere und Gestalten laufen,
die auf sie zukommen. Die Geräusche und die Dunkelheit machen ihr Angst. Sie läuft, so
schnell sie kann. Doch sie befindet sich in einem Labyrinth" (S. 135). Nahtod-Erfahrungen können auch höchst unangenehm sein und von negativen Emotionen und
Bildern begleitet sein, auch wenn der Begriff Hölle hierfür nicht verwendet wird.
Interessant ist auch: Etwa die Hälfte der
ostdeutschen Erfahrungen sind von einem "schrecklichen Gefühl" begleitet, in Westdeutschland sind es nur etwa
30 %. Über die Gründe für diesen Unterschied kann man nur spekulieren.
Knoblauch resümiert: "Die Nahtod-Erfahrungen leben mehr von den
Besonderheiten als von den Gemeinsamkeiten. Jeder Mensch erlebt die Nähe des Todes auf
seine eigene, höchst individuelle Weise" (S. 107). Dabei sind die Sprache und
die Bilder, in denen sich der einzelne erfährt und ausdrückt, kulturell verschieden. Die
Kultur vermittelt die Sprache, in denen jede einzelne Person ihre Erfahrung macht.
Die Deutung
der Nahtoderlebnisse
Menschen, die eine
Nahtod-Erfahrung haben, sind sich sicher, dass sie eine Erfahrung mit Transzendenz gemacht
haben. Sie wissen, dass sie den Tod erlebt haben und dass dieses Erlebnis
real ist. 58,5 % führen ihr Erleben auf "höhere Mächte" zurück. 42,7 % finden ihren Glauben an
ein Jenseits bestätigt. Etwa 80,7 % sagen, dass ihnen ihr Leben
anschließend wertvoll erschien. Doch: "Für die wenigsten ist dieses Jenseits noch identisch mit den
Vorstellungen, die in den großen Erzählungen der christlichen Tradition überliefert
wurden" (S. 147). Knoblauch sieht hier die Entstehung einer neuen spirituellen
Orientierung, die an den Kirchen vorbeigeht. Diese stünden den
Nahtod-Erfahrungen sogar "feindselig" gegenüber, wohl weil "die Berichte
mitunter von dem abwichen, was sie selbst verkündeten" (S. 150). "Die Betroffenen wurden ignoriert,
anderen wurde nicht geglaubt, wieder andere wurden als Spinner abgekanzelt."
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