Das Weisse Pferd - Urchristliche Zeitung für Gesellschaft, Religion, Politik und Wirtschaft

Ausgabe 24/99

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Was beweisen Nahtoderlebnisse?

Seit den Arbeiten von Raymond Moody, Kenneth Ring und Elisabeth Kübler-Ross ist die Nahtod-Erfahrung ein Thema in der öffentlichen Diskussion geworden. Dabei hat sich ein Standardmodell der Nahtod-Erfahrung herausgebildet, das davon ausgeht, dass diese Erlebnisse nach einem bestimmten Schema ablaufen und in der Regel positiv bzw. "himmlisch" sind. Der Soziologe Hubert Knoblauch hat nun in einer historischen und empirischen Untersuchung nachgewiesen, dass dies ein Mythos ist und nicht die Realität.

Frau Schulze, die zu einer Operation im Krankenhaus gewesen war, erzählte dem Autor folgendes Erlebnis:
"Ja, ich wurde operiert, und am nächsten Tag auf einmal wird`s mir ganz komisch, und da habe ich um Hilfe geschrieen. Und dann weiß ich gar nichts mehr. Zuerst ist gar nichts gewesen. Und dann denk’ ich: ‘Was mach’ ich unter der Decke?’ Also es war, als wenn ich unter der Decke schwebte. Ich sah mich selbst unten im Bett liegen. Ich denk’, hoppla, ist das komisch. Und dann seh’ ich, wie der Arzt kam, und dann kam noch einmal der Professor von der inneren Abteilung, den ich noch nie gesehen habe, und die Schwestern und die Ärzte. Die haben mich dann gar nicht aus dem Zimmer rausgefahren, sondern haben da irgendetwas gemacht. Das konnte ich aber nicht sehen ... Und dann auf einmal hab ich das Gefühl, ich verschwinde durch irgend so ‘nen Schornstein oben raus. Und auf einmal stehe ich auf einer grünen Wiese. Und da ist so ein wunderschöner Bach dazwischen. Auch auf der anderen Seite geht die Wiese weiter ... Und dann seh’ ich mich so um - da steht ja meine Mutter! Wieso steht die da? Die ist doch schon lange tot. Und dann winkt die mich mit der Hand weg. Das macht sie ganz langsam, drei, vier Mal. Dann hab’ ich gesagt, nein, noch nicht. Und da war alles vorbei auf einmal" (S. 104).

Holzschnitt

Die Seele entweicht aus dem Menschen und wird von einem Engel in Empfang genommen. Nahtoderlebnisse sind oft weniger schön, als dieser Holzschnitt von Jörg Nadler aus Nürnberg aus dem Jahr 1520 es nahe legt.

Ein Autor wie Raymond Moody könnte für diesen Bericht seine 5-Phasen-Theorie der Nahtoderfahrung bestätigt finden: Zunächst nimmt die betroffene Person wahr, dass sie tot sei, indem sie z. B. hört, dass die Ärzte ihren klinischen Tod feststellen. Darauf folgt in der Regel eine Tunnel-Erfahrung. Die Person geht aus ihrem Körper heraus und kann ihn beobachten. Es kommt zur Begegnung mit anderen Wesen, mit verstorbenen Verwandten oder "Lichtwesen". Der Lebensfilm läuft ab, in dem das eigene Leben bewertet wird. Dann stellt die Person fest, dass ihr Todeszeitpunkt noch nicht gekommen ist. Ihr Zustand wird von Gefühlen der Freude, des Friedens und des Glücks begleitet. Daher sträubt die Person sich gegen die Rückkehr in das alte Leben.

Knoblauch zeigt nun auf, dass all diese Phasenmodelle nicht stimmen. Als Argument greift er zum einen auf alte Texte zurück wie das Gilgamesch-Epos und die Odyssee des Homer. Obwohl diese keine Nahtoderlebnisse beschrieben, zeichneten sie doch den Weg der Seele im Jenseits anders als in Glückerlebnissen mit Hochgefühl. Das gleiche gilt für das Tibetanische Totenbuch (Das Tibetanische Buch vom Leben und vom Sterben), das ein gutes Dutzend Nahtod-Erlebnisse beinhaltet, und zwar sowohl positive als auch negative.

Ein erste Todesnähe-Erfahrung finde sich bei Plato in seinem Hauptwerk über den Staat. Plato berichtet über einen Soldaten namens Er, der im Kriege getötet wurde. Nach zehn Tagen sei er zusammen mit schon verwesten Leichen nach Hause gebracht worden, um bestattet zu werden. Als er dann verbrannt werden sollte, habe er sich wieder geregt und erzählt, was er erlebt habe: Er sei auf seiner Wanderung an einen wundersamen Ort gekommen. Erde und Himmel seien hier gespalten gewesen. Zwischen den Spalten saßen strenge Richter, die die Seelen in Gerechte und Ungerechte schieden und sie dann entweder nach oben oder auf den Weg nach unten schickten. Plato fügt an, dass alle Ungerechtigkeiten entsprechende Folgen hätten. Knoblauch führt auch Todesvisionen aus dem Mittelalter an, z. B. die des Benediktinermönchs Wetti oder des holsteinischen Bauern Gottschalk. Sie alle enthalten nicht nur harmonische Aspekte, sondern vor allem auch dramatische.

Das Jenseits - eine Demokratie?

Die Nahtod-Erfahrungen in der Moderne stehen offensichtlich unter dem Motto: "Der Tod - mein schönstes Erlebnis". Knoblauch zitiert dazu die amerikanische Nahtodforscherin Carol Zaleski: "Vorbei ist es in den modernen Überlieferungen mit dem qualvollen Tod, mit dem mitleidlosen jüngsten Gericht, den Torturen des Fegefeuers und im höllischen Martyrium, das die mittelalterlichen Visionen beherrscht; das moderne Jenseits ist ein vergleichsweise ansprechender Aufenthaltsort, eine Demokratie, eine Stätte kontinuierlichen Lernens und ein Garten unirdischen Entzückens." Knoblauch ergänzt: "Während die Alten noch die Guten von den Schlechten, die Ungerechten von den Gerechten scheiden, wird in der Moderne kaum mehr gerichtet, nicht gestraft und nicht verurteilt."

Es gibt keinen "Standard-Tod"

Knoblauch wollte es genau wissen. Er zog eine Stichprobe von 2.044 Personen, die repräsentativ für die Bundesrepublik Deutschland mit ihren ca. 80 Millionen Einwohnern sind. Jede Person wurde persönlich interviewt anhand eine eigens konstruierten Fragebogens, indem nach paranormalen Wahrnehmungen, Todesahnung, Sterbevisionen und Todesnähe-Erfahrungen gefragt wurde. Das wichtigste Ergebnis: Todesnähe-Erfahrungen hatten 4,3 % der Befragten. Das bedeutet: Etwa 3,3 Millionen Deutsche haben eine Nahtod-Erfahrung bei sich selbst erlebt. Die Zahl der Männer und Frauen, die solche Erlebnisse haben, ist annähernd gleich.

Holzschnitt

Der Teufel holt sich eine Seele - Die Angst vor Hölle und ewiger Verdammnis verstärkt auch heute noch die Furcht vor dem Tod.
(Holzschnitt von Jörg Nadler, Nürnberg 1520)

Die Auswertung des Materials, das die Untersuchung erbrachte, erlaubt dem Autor, seine These zu belegen, dass es kein "Standardmodell" in den Berichten gibt: "Die Vielfalt der Berichte bestätigt: Das, was Menschen in der Nähe des Todes erfahren, trägt sehr individuelle Züge" (S. 136). Er führt zwei Beispiele an: Ein Mann, der einen Autounfall überlebte, geriet in eine "andere Welt": "Es war so schön, wie man sich das Paradies vorstellt. Es war alles so schön dort. Die Menschen lebten friedlich ohne Arbeit, und man kannte keine Technik und auch keine Zeit. Es waren schöne Gefühle, mir war es wohlig warm in dieser Zeit. Ich empfand keine Schmerzen." Eine Frau findet sich in ihrer Nahtod-Erfahrung "eher in der Hölle wieder. Sie sieht sich durch einen dunklen Wald voller fremder Tiere und Gestalten laufen, die auf sie zukommen. Die Geräusche und die Dunkelheit machen ihr Angst. Sie läuft, so schnell sie kann. Doch sie befindet sich in einem Labyrinth" (S. 135). Nahtod-Erfahrungen können auch höchst unangenehm sein und von negativen Emotionen und Bildern begleitet sein, auch wenn der Begriff Hölle hierfür nicht verwendet wird.

Interessant ist auch: Etwa die Hälfte der ostdeutschen Erfahrungen sind von einem "schrecklichen Gefühl" begleitet, in Westdeutschland sind es nur etwa 30 %. Über die Gründe für diesen Unterschied kann man nur spekulieren.

Knoblauch resümiert: "Die Nahtod-Erfahrungen leben mehr von den Besonderheiten als von den Gemeinsamkeiten. Jeder Mensch erlebt die Nähe des Todes auf seine eigene, höchst individuelle Weise" (S. 107). Dabei sind die Sprache und die Bilder, in denen sich der einzelne erfährt und ausdrückt, kulturell verschieden. Die Kultur vermittelt die Sprache, in denen jede einzelne Person ihre Erfahrung macht.

Die Deutung der Nahtoderlebnisse

Menschen, die eine Nahtod-Erfahrung haben, sind sich sicher, dass sie eine Erfahrung mit Transzendenz gemacht haben. Sie wissen, dass sie den Tod erlebt haben und dass dieses Erlebnis real ist. 58,5 % führen ihr Erleben auf "höhere Mächte" zurück. 42,7 % finden ihren Glauben an ein Jenseits bestätigt. Etwa 80,7 % sagen, dass ihnen ihr Leben anschließend wertvoll erschien. Doch: "Für die wenigsten ist dieses Jenseits noch identisch mit den Vorstellungen, die in den großen Erzählungen der christlichen Tradition überliefert wurden" (S. 147). Knoblauch sieht hier die Entstehung einer neuen spirituellen Orientierung, die an den Kirchen vorbeigeht. Diese stünden den Nahtod-Erfahrungen sogar "feindselig" gegenüber, wohl weil "die Berichte mitunter von dem abwichen, was sie selbst verkündeten" (S. 150). "Die Betroffenen wurden ignoriert, anderen wurde nicht geglaubt, wieder andere wurden als Spinner abgekanzelt."

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Der Theologe Karl Rahner habe sich einmal beschwert: "Zum Leben brauchen uns die Menschen offenbar nicht; aber zum Sterben, in dessen Schatten ja ihr ganzes Leben steht, scheinen sie uns brauchen zu wollen ..." Gerade aber die Theologie wisse, so der Theologe Karl Barth, wenig Antworten auf diese Nachfragen.


Literatur
:
Hubert Knoblauch, Hans-Georg Soeffner, Todesnähe. Wissenschaftliche Zugänge zu einem außergewöhnlichem Phänomen, UVK-Verlagsgesellschaft, Konstanz 1999



Lesen Sie auch:
- Nach dem Tod in Abrahams Schoß? in Ausgabe Nr. 7/1999

- Information der Freie Christen Nr. 6 - Der Tod und was dann? Das Geheimnis der Kirche und ein Blick hinter die Nebelwand


 



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