Das Weisse Pferd - Urchristliche Zeitung für Gesellschaft, Religion, Politik und Wirtschaft

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"Das NATO-
Christentum"

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Verrat an Jesus von Nazareth

Das NATO-Christentum

"Humanitäre Intervention" nennt man die neuen Angriffskriege um die Jahrtausendwende. Dabei schafft man neues Leid und neues Elend ohne ein zugrunde liegendes Problem wirklich zu lösen. Was hätte man mit den zwei Milliarden, die der Krieg täglich kostet, an Positivem im Kosovo bewirken können - eine humanitäre Offensive für Serben und Albaner, die auch einen so genannten Diktator wie Slobodan Milosevic nicht unbeeindruckt hätte lassen können. Es wäre eine christliche Lösung gewesen. So aber werden Jesus und seine Lehre einmal mehr mit Füßen getreten.

Und so floss das Blut in Strömen. Durch den serbischen Despoten in Belgrad und dessen Soldateska, die das Kosovo mit Mord und Vertreibung von Albanern "säubern"; und durch den Bombenhagel der NATO, der das Unheil verhindern sollte und es noch größer machte.

NATO-Kampfhubschrauber
Kampfhubschrauber - Sehen sie nicht aus wie stählerne Heuschrecken? Fast könnte man sich an ein Bild aus der Apokalypse in der Bibel (Ofb. 9, 7-10) erinnert fühlen.

Das westliche Bündnis, nicht zum Angriff, sondern zur Verteidigung geschaffen, greift an, um das Töten durch andere zu verhindern, und tötet damit noch mehr Menschen: Zunächst "nur" die Besatzungen von militärischen Stellungen, dann ganze Truppenverbände, dann Zivilisten, die es "nebenbei" trifft, und am Ende tötet man indirekt auch dadurch, dass man die Raserei zwischen Serben und Albanern durch die Militäraktion zusätzlich anheizt.

Jesus von Nazareth spielt keine Rolle mehr

Die Spirale der Gewalt dreht sich immer schneller. Die Politiker trösten sich damit, dass sie es nicht in Gang gesetzt haben. Manche fragen sich immerhin, ob sie es vielleicht beschleunigt haben; andere denken darüber nach, ob eine andere Militäroption - z. B. Bodentruppen - vielleicht "zweckmäßiger" wäre. Ob einige der verantwortlichen Strategen ihr Gewissen plagt - etwa den ehemaligen Friedenskämpfer Joschka Fischer, der die Raketen, gegen die er früher demonstrierte, nunmehr selbst einsetzen lässt? Doch die staatstragende Ethik, der auch er sich unterworfen hat, hält Gewalt für ein legitimes Mittel gegen Gewalt, obwohl damit immer wieder neue Gewalt provoziert wird - wie die Geschichte seit Jahrtausenden lehrt.

Von der anderen Ethik, die jener lehrte, von dem das "christliche Abendland" seinen Namen ableitet, ist bei den verantwortlichen Politikern nicht die Rede, auch nicht bei denen, die Parteien angehören, die sich ausdrücklich als "christlich" bezeichnen. Es ist so, als ob Jesus von Nazareth nie gelebt hätte, der die eindringliche Warnung aussprach: "Alle, die zum Schwert greifen, werden durch das Schwert umkommen." Und das wohlgemerkt anlässlich einer reinen Verteidigungsmaßnahme, die Petrus zugunsten von Jesus durchführen wollte. Der Pazifismus des Nazareners und das durch Mose gegebene 5. Gebot wurden durch eine blutige Kirchengeschichte in ihr Gegenteil verkehrt, so dass sie selbst bei einer so mörderischen Entscheidung wie dem NATO-Einsatz in Jugoslawien schlicht keine Rolle mehr spielen.

zerbombte Brücke in Serbien
Zerbombte Brücke von Novi Sad/Jugoslawien - Kann Frieden entstehen, wo Brücken zerstört werden?

Die Politiker reden von einer "humanitären Intervention", und die Kirchen begleiten sie mit gewundenen Erklärungen: Es gebe "offenbar Situationen", in denen die Würde und das Recht des Menschen auch mit Gewalt verteidigt werden müssten, meint Bischof Lehmann. Kann er sich vorstellen, dass Jesus von Nazareth Raketen und Tornados nach Jugoslawien schicken würde? Und der Rheinische Merkur, das Zentralorgan der deutschen Katholiken, beugt unbequemen Fragen mit der atemberaubenden Bemerkung vor, man müsse "den Geist der Bergpredigt zur Geltung kommen lassen, nicht ihre einzelnen Buchstaben".

Es klingt wie bei Dostojewskijs Großinquisitor, der zu dem in der Novelle wiedererschienenen Jesus von Nazareth sinngemäß sagte: Wir haben Dein Werk verbessert, störe uns jetzt nicht! Wir haben Dein Reich dem Papst übergeben... Und was sagt dieser zum NATO-Einsatz? Beim Bosnien-Krieg vor vier Jahren meinte er noch: "Wir sind keine Pazifisten." Heute ruft der 78jährige immerhin beide Seiten zum Frieden auf. Mit dem ihm zur Verfügung stehenden Nachdruck tut er es freilich nicht, wenn man bedenkt, wie ein Papst zu reagieren pflegt, wenn es ihm ernst ist - bei Schwangerschaftsabbrüchen oder Glaubenszweifeln. Dass der Papst katholischen NATO-Politikern Bannfluch und Kirchenausschluss angedroht hätte, wurde nicht bekannt.

Vom Kirchenchristentum zum NATO-Christentum

Jesus von Nazareth hat schon gewusst, was Er sagte, als Er das Gebot "Du sollst nicht töten" nicht nur bekräftigte, sondern vertiefte, und zwar ohne Ausnahmevorbehalt. Der Einwand, dass man doch nicht zuschauen könne, wenn in Bürgerkriegen Menschen abgeschlachtet und vertrieben werden, wiegt schwer, aber verfängt letztlich nicht: Abgesehen davon, dass wir in Ruanda, in der Türkei, in Kroatien und Bosnien durchaus zuschauten, wie Hunderttausende vertrieben wurden oder ihr Leben verloren, sollten wir nicht vergessen, wie es zu den Ausnahmesituationen kam, in denen wir uns entgegen dem klaren Gottesgebot Tötungsinterventionen zubilligen wollen.

alte Frau
In "modernen" Kriegen leidet die Zivilbevölkerung am meisten

Nicht nur durch vereinzelte politische Fehlleistungen - so wie auch in Jugoslawien -, sondern - weit tiefer liegend - durch die gesamte Geschichte der Menschheit: Was mit der Untat Kains an Abel begann, eskalierte zu immer grausameren Kriegen. Sie fangen nicht erst am militärischen Gefechtsstand an, sondern schon viel früher: In den Köpfen und Herzen der Menschen. Mit unseren feindseligen Gefühlen und Gedanken, nicht nur in der großen Politik, sondern auch im Leben jedes einzelnen, haben wir die geistige Atmosphäre, die Aura dieser Erde, vergiftet, Energiefelder geschaffen, die sich in immer neuen Aggressionen und Kriegen entladen. Wäre die so genannte Christenheit der Lehre des Nazareners gefolgt, würden wir auf einem friedlichen und blühenden Planeten leben.

Können wir jetzt dem Lehrer der Menschheit, den alle Christen anerkennen, einfach sagen: "Wir haben es eben nicht geschafft, Dein Gebot der Friedfertigkeit und Nächstenliebe zu erfüllen, und deshalb musst Du uns erlauben, den gewalttätigen Folgen unseres Tuns wieder mit Gewalt zu begegnen"? Auf diese Weise wurde aus der Ethik der absoluten Friedfertigkeit, die Jesus Christus verkündete, die Lehre vom "gerechten Krieg", die die Kirche verkündet, und neuerdings die Doktrin der "humanitären Intervention", mit der die NATO ihre Luftschläge zu legitimieren sucht. Alles unter christlichem Vorzeichen - eine "Evolution" vom Kirchenchristentum zum NATO-Christentum, bei dem als Papst der amerikanische Präsident fungiert. Die Moral dieser "neuen Weltordnung" mag kirchlichen Vorstellungen noch entsprechen; mit der Ethik des Nazareners hat sie nichts mehr zu tun.

Fragt man "christliche" Politiker oder ehemals friedensbewegte Grüne, wie sie den NATO-Feldzug in Jugoslawien mit christlichen Maximen vereinbaren wollen, stellen sie meist die Gegenfrage: "Was haben Sie denn für eine Alternative?" Selbst wenn es keine gäbe, wäre eine Tötungsintervention im Angesicht des Dekalogs und der Bergpredigt nicht zu rechtfertigen. Im übrigen gibt es immer mehrere Lösungen, wenn man sich nicht vorzeitig auf eine Drohung versteift, die man dann wahr machen zu müssen glaubt, um nicht unglaubwürdig zu werden, wie es gegenwärtig der Fall ist.

Es scheint, dass der Weg zur Bombardierung weniger durch Alternativlosigkeit, sondern eher durch politische Einfallslosigkeit gekennzeichnet war. Und wenn man hört, was der Krieg kostet - täglich knapp zwei Milliarden, die Kosten für die Flüchtlinge sind noch gar nicht abzuschätzen -, dann drängt sich die Frage auf, ob man das Geld nicht besser in eine großzügige Entwicklungshilfe für das Not leidende Kosovo investiert hätte, verbunden mit politischen Vorgaben, die den Frieden für die Streitparteien attraktiver als den Krieg gemacht hätten. Wer weiß, ob man dadurch nicht sogar einen Diktator hätte umstimmen oder seinen politischen Einfluss hätte zurückdrängen können.

Der Fluch der bösen Tat

Ein Angriffskrieg war jedenfalls die schlechteste Alternative. Sie ist nicht nur gescheitert, sondern ließ die Massenvertreibung nach Abzug der OSZE-Beobachter und im Schatten der Bombenangriffe eskalieren. Der Fluch der bösen Tat ist unabsehbar: Die faktische Außerkraftsetzung der UNO-Charta; die Missachtung des Angriffsverbots der deutschen Verfassung; die Destabilisierung Mazedoniens und Albaniens durch die Flutwelle der Kosovo-Flüchtlinge; die Demütigung Russlands; die Ignorierung der KSZE-Akte, die eine europäische Friedensordnung auf der Grundlage der Respektierung staatlicher Grenzen und staatlicher Souveränität vorsieht. Militärische Interventionen zum Schutz der Menschenrechte schließen die Verträge von Helsinki aus.

Flüchtlingstreck
Jahrhunderte langer Hass zwang sie zur Flucht. Wie oft mögen sie - im Verlauf wechselnder Einverleibungen (Reinkar-nationen) - Gleiches oder Ähnliches schon durchlebt haben, auf welcher Seite auch immer?

Nicht aus Unmenschlichkeit, sondern aus gutem Grund: Würde Menschenrechtspolitik mit der Waffe Schule machen, müssten wir ständig Krieg führen. Heute im Kosovo, morgen in Kurdistan, übermorgen im Sudan oder anderenorts. Schwerste Menschenrechtsverletzungen sind in Europa, Afrika und Asien leider an der Tagesordnung. Will die NATO demnächst überall eingreifen, um nach dem Wegfall des Ost-West-Konflikts eine neue Daseinsberechtigung zu erhalten? In Ansehung dieser Gefahr verurteilte auch Altkanzler Helmut Schmidt den NATO-Einsatz. Man kann ihm nicht unterstellen, dass er das menschliche Elend im Kosovo gering achtet, weil er vor den langfristigen Folgen der Außerkraftsetzung internationalen Rechts warnt. Und Henry Kissinger fürchtet gar, dass in Jugoslawien ein neues Vietnam auf uns zukommen könnte.

Der Balkan war seit jeher ein Pulverfass. Serben und Albaner vertrieben und töteten sich dort seit Jahrhunderten. 1914 führte die Ermordung des habsburgischen Thronfolgers Franz Ferdinand durch einen südslawischen Nationalisten zum Ersten Weltkrieg. Der britische Außenminister sagte damals: "In ganz Europa gehen die Lichter aus; wir alle werden sie in unserem Leben nie wieder leuchten sehen." Steht dieses Schicksal den Europäern nun erneut bevor, weil sie aus der Geschichte nicht lernen wollten?

Die Alternative

Was kann man gegen das heraufziehende Unheil tun, wenn die Politik versagt? Die Kirchen, die die Entwicklung zum NATO-Christentum zu verantworten haben, forderten an Ostern ihre Gläubigen zum Beten auf. Das ist zu wenig. Es geht um die Rückkehr zur Friedensethik des Jesus von Nazareth und um die strikte Beachtung des 5. Gebotes Mose. Und ein zweites wäre zu beachten: Wer um den Frieden betet, muss den Frieden in seinem eigenen Leben verwirklichen. Nur erfüllte Gebete haben Kraft. Wer Gott bittet, den "Kriegstreibern" Einhalt zu gebieten, muss seine eigene Kriegstreiberei abstellen - gegenüber seinem Nächsten, dem Kollegen, Nachbarn, Ehepartner, Konkurrenten.

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Wer gegen die Vertreibung von Flüchtlingen anbeten will, sollte sich fragen, wen alles er selbst schon aus seinem Herzen vertrieben und in die Flucht geschlagen hat. Und wer für die Einstellung der Bombardierung betet, tut gut daran, seine eigenen Bombengeschwader zurückzurufen, mit denen er andere in Gedanken, mit Worten und durch feindseliges Handeln bombardiert. Alle Bomben auf unsere Mitmenschen treffen Christus im Nächsten. Die christliche Devise kann nur lauten: Ändere dich selbst, nicht deinen Nächsten, noch dazu mit Gewalt. Jede Gewalttat setzt Ursachen, deren Wirkungen wieder auf uns zukommen. "Was du säst, wirst du ernten", steht in der Bibel. Wenn wir uns all das bewusst machen, können wir durch Gebet und Tat dazu beitragen, dass sich diese kriegerische Welt allmählich wandelt.

Kosovo-Flüchtlinge:
Sie fliehen vor den Serben
 und der NATO

Die Korrespondentin der Deutschen Welle berichtet am Dienstag, den 6.4.1999 über das Verhalten der mazedonischen Regierung, die offenbar neue Garantien von der internationalen Gemeinschaft einzuholen versucht, bevor sie weitere Flüchtlinge ins Land lässt. In dem Bericht heißt es dazu: "Ein Pokern auf Zeit, das auf dem Rücken der Flüchtlinge ausgetragen wird, die vor der ´ethnischen Säuberung` Milosevics aber auch vor den Bomben der NATO-Luftangriffe versuchen, in den sicheren Süden zu fliehen."


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