So könnte der biblische Bericht über die Gefangennahme Jesu heute
lauten. Wir wissen, was Jesus in diesem Augenblick höchster Gefahr zu seinem Jünger
sagte: "Stecke dein Schwert zurück an seinen Ort. Denn wer zum Schwert greift, wird
durch das Schwert umkommen."
Für die frühen Christen war noch klar, was Jesus damit gemeint hatte:
Ein Christ tötet nicht. "In Übereinstimmung mit den neutestamentlichen
Tötungsverboten wurde im Christentum der ersten drei Jahrhunderte nirgends der
Kriegsdienst erlaubt. Mit Konstantin wurde dann plötzlich alles anders. "Wer die
Waffen wegwarf, wurde ausgeschlossen. Vordem schloss man aus, wer sie nicht wegwarf"
(Der Historiker Karlheinz Deschner).
Dass Gewalt Gegengewalt erzeugt und damit neue Ursachen setzt, die
irgendwann zur Wirkung gelangen und wieder auf den Verursacher zurückfallen, wurde
systematisch aus dem Bewusstsein der Gläubigen ausgeblendet.
So sagt heute Bischof Karl Lehmann, Vorsitzender der deutschen
katholischen Bischofskonferenz, zum Kosovo-Krieg: "Wir anerkennen die humanitären
Ziele dieser Intervention." Es gebe offenbar Situationen, "in denen die Würde
und die Rechte der Menschen mit Gegenwehr verteidigt werden müssten." Der Münchner
Kardinal Wetter ist derselben Meinung: "Es kann auch geboten sein, wehrlose Menschen
aus der Gewalt von machtbesessenen Tyrannen zu befreien, die in ihrer Menschlichkeit so
verkümmert sind, dass sie nur noch die Sprache der Gewalt verstehen." Wo und wann
lehrte Jesus, der Christus, die "Sprache der Gewalt"?
Die Stellungnahmen der lutherischen Bischöfe sind geprägt von der
Zwei-Reiche-Lehre Martin Luthers, wonach die weltliche Macht Gewalt einsetzen darf und
muss. "Auch wenn militärische Gewalt den Verantwortlichen als
letztes Mittel gilt, um den Verbrechen gegen die Menschlichkeit ein Ende zu
bereiten, bleiben sie nicht ohne Schuld", sagt der Präses der EKD, Manfred Kock. In
diesem Fall gilt folgendes Lutherwort als Trost: "Sei ein starker Sünder, aber umso
stärker erfreue dich in Christus" "Mit diesem erlösenden Satz", so der
lutherische Theologe und Journalist Dr. Uwe Siemon-Netto, "sollten Feldgeistliche auf
dem Balkan jeden Morgen den Soldaten Trost zusprechen."
Der bayerische Landesbischof Hermann von Loewenich benutzt zur
Rechtfertigung des Krieges die Sprache der Politik und sagt: "Ich habe gutgeheißen,
dass man dem Völkermord nach langen erfolglosen Verhandlungen mit militärischen Mitteln
begegnet." Peter Scholl-Latour, warnt: "Mit dem Ausdruck Völkermord
sollte man nach Auschwitz und Treblinka extrem zurückhaltend umgehen."
Jesus sagte: "Eure Rede sei Ja, ja - Nein,
nein. Alles andere ist von Übel." Er sprach nicht von Ausnahmen, "äußersten Mitteln", von
Einerseits - Anderseits und dergleichen.
Nur einer hält sich diesmal auffällig zurück: der Papst in Rom. Beide
Seiten sollten die Waffen ruhen lassen, so seine Aussage. 1995 hatte er bezüglich des
Krieges in Bosnien noch von einem "gerechten Krieg" gesprochen - kurz bevor die
Kroaten 200.000 Serben aus der Krajna vertrieben. Während des Golfkrieges 1991 sagte der
Papst: "Wir sind keine Pazifisten." Und in der Tat: Die Lehre vom
"gerechten" Krieg steht bis heute im katholischen Katechismus. Aber nicht nur
das: Die katholische Kirche gehört seit der Völkerwanderungszeit zu den größten
Kriegstreibern der Weltgeschichte. Sie hetzte Byzantiner gegen Ostgoten und Wandalen,
Kreuzritter gegen Sarazenen und Katharer - und im 20 Jahrhundert drängte der
"Heilige Stuhl" die Habsburger 1914 energisch zum Kriegseintritt gegen Serbien.
Während des zweiten Weltkriegs sah der Vatikan tatenlos zu, wie im katholischen Kroatien
unter Beteiligung zahlreicher Priester und Mönche eine Dreiviertelmillion Serben
massakriert wurde. Deutsche Bischöfe beider Konfessionen stimmten die Soldaten beider
Weltkriege "moralisch" für den Kampf gegen den Feind ein, und das bis kurz vor
Kriegsende. In den fünfziger Jahren gehörte der Vatikan zu den ersten Befürwortern
einer Wiederbewaffnung Deutschlands.