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"Untergang des Abendlandes"

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Strategie und Hintergründe des Krieges

Menschenrechte oder Macht? Was treibt die NATO in das Kosovo?

Man habe eingreifen müssen, um eine "humanitäre Katastrophe" abzuwenden - so die offizielle Sprachregelung zur Rechtfertigung des Krieges der NATO im Kosovo. Doch selbst wenn dieses Ziel erreicht worden wäre, müsste dann die NATO nicht auch in anderen Weltgegenden intervenieren, um dort Flüchtlingsprobleme oder Menschenrechtsverletzungen zu beheben - in Kurdistan, im Sudan, in Afghanistan, in Liberia?

Doch geht es wirklich "nur" um Menschenrechte? Oder spielt die humanitäre Frage einmal mehr die Rolle eines willkommenen Anlasses? Schon der erste Kreuzzug wurde 1095 von Papst Urban II. "humanitär" begründet - die Kreuzritter sollten das Heilige Land von den angeblichen Übergriffen der Muslime gegen Christen und das Grab Jesu bewahren. Im Gegensatz zu den Behauptungen von Papst Urban über die Vorgänge in Jerusalem sind die Vertreibungen und Tötungen im Kosovo keine Erfindung. In der Geschichte des Balkan sind solche Geschehnisse keine Seltenheit. Und immer ging es dabei um Macht- und Einflusszonen.

Auch heute? Der Nahost-Experte Prof. Udo Steinbach sagte im Zusammenhang amerikanischer Hegemonieansprüche im Mittelmeerraum, im Nahen und Mittleren Osten: "Die USA wollen ihre Führungsrolle in dieser Region nicht aus der Hand geben - und sie manifestieren sie. ... Die Amerikaner wollen der Türkei eine stabilisierende Rolle in dieser Sphäre einräumen - bis hin zum Kaukasus. Dazu zählt sicherlich auch der Balkan."

In der Nähe des Kaukasus lagern riesige Ölvorkommen, um deren Erschließung seit Jahren zwischen Russland und den USA gerungen wird. Der Balkan bildet, zusammen mit Osteuropa, aus westlicher Sicht die nördliche Flanke dieser Weltgegend.

Auch die amerikanische Rüstungsindustrie hat Interesse an einem Krieg - die Aktien der Rüstungsfirmen steigen. Und der Wiederaufbau einer zerstörten Gegend kurbelt die Wirtschaft an.

Hier könnten auch Interessen des Vereinten Europa liegen. Der Balkan ist wirtschaftlich und strategisch der Vorhof Mitteleuropas. Die Zeitung Freitag stellt die Frage, ob nicht "der Gegenstand dieses Krieges die politische Arrondierung der Vereinten Staaten von Europa ist? Warum sagt niemand, dass der Krieg im Zusammenhang steht mit der Gründung des Nationalstaats Europa und dass die Menschen im Kosovo und in Serbien jetzt ebenso für dieses Europa sterben müssen, wie die Menschen im 19. Jahrhundert für die Gründung von Italien oder Deutschland starben?"

Eine gewagte These. Es ist aber zumindest auffällig, dass sich seit 150 Jahren auf dem Balkan immer wieder ähnliche Konstellationen bilden: Russland unterstützte slawische Völker wie die Bulgaren und Serben dabei, die türkische Herrschaft abzuschütteln und ihren Herrschaftsbereich in Richtung Adria auszudehnen. Dies geschah 1877 im Russisch-Türkischen Krieg und 1912 im ersten Balkankrieg. Österreich-Ungarn, Deutschland, Großbritannien und andere Mächte verhinderten dies - 1878 auf dem Berliner Kongress und 1913 auf dem Londoner Kongress.

Dabei legten die Großmächte durch ihr Eingreifen die Zeitbomben und die Lunte für den Ersten Weltkrieg, der dann auch auf dem Balkan seinen Anfang nahm. In einem deutschen Militärgutachten des späten 19. Jahrhunderts wurde empfohlen, sich "der griechischen, albanischen und mohammedanischen Elemente zu unserem Vorteil zu bedienen und diese Stämme gegen die südslawischen auszuspielen." 1914 hieß es dann in Berlin, bei den Slawen müsse "per divide et impera (= teile und herrsche) vorgegangen werden". Wenn sich die serbische Regierung nicht beuge, "so wird Belgrad bombardiert und solange okkupiert, bis der Wille Seiner Majestät erfüllt ist".

Worte von befremdlicher Aktualität. Im Zweiten Weltkrieg förderte die deutsche Besatzungsmacht auf dem Balkan wiederum die muslimischen Bosniaken und die Albaner, denen sie sogar ein "Großalbanien" mit Teilen des Kosovo einrichtete. Der albanische Staat, 1913 auf dem Londoner Kongress künstlich ins Leben gerufen und ein Torso im Vergleich mit dem sehr viel größeren Siedlungsgebiet der Albaner, geriet in den 85 Jahren seiner Existenz von einer Fremdherrschaft in die andere: Italien, Deutschland, Jugoslawien, die Sowjetunion, China - und jetzt die NATO?

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Eine verworrene Situation. Inzwischen gibt es erste Stimmen, die der NATO das Ende prophezeien, weil sie aus dem selbst geschaffenen Schlammassel nicht mehr herauskomme, ohne bleibenden Schaden zu nehmen. Fällt dann die Klammer der "alten Weltordnung" zwischen Europa und Amerika weg? Und was tritt an ihre Stelle? Wohl kaum die Weltordnung einer höheren Ethik und Moral im Geiste der Bergpredigt. Solange im Geist des "divide et impera", des Teile und herrsche Völker und Stämme gegeneinander ausgespielt werden, wird es für die betreffenden Menschen nicht leichter, sondern schwerer, selbst Lösungen für ihre Probleme zu finden und sich miteinander zu versöhnen.


 



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