Doch wer genau hinhörte, konnte auch etwas andere Töne hören. "Es
gibt in dieser Frage keine unschuldige Position", sagte der deutsche Außenminister
Joschka Fischer. "Für den, der den Rambouillet-Text kennt, klingt das wie ein
Geständnis", kommentiert die Zeitung Jungle-World. Zumindest im nachhinein.
Denn der genaue Wortlaut des militärischen Anhangs des Vertragstextes kam erst einige
Tage später ans Licht - und wurde sofort heruntergespielt. Es sei nur ein vorläufiger
Text gewesen, über den man noch hätte verhandeln können - wenn die Serben gewollt
hätten. Und geheim sei er auch nicht gewesen.
Nur: Weshalb war er dann der Öffentlichkeit unbekannt, als das Scheitern
der Verhandlungen so öffentlichkeitswirksam "zelebriert" wurde? Der
sozialdemokratische Bundestagsabgeordnete Hermann Scheer war jedenfalls entsetzt, als er
den vollständigen Text zu lesen bekam. "Das Nato-Personal soll sich mit seinen
Fahrzeugen, Schiffen, Flugzeugen und seiner Ausrüstung innerhalb der gesamten
Bundesrepublik Jugoslawien einschließlich ihres Luftraumes und ihrer Territorialgewässer
frei und ungehindert sowie ohne Zugangsbeschränkungen bewegen können", so lesen wir
in Artikel 8.
Die NATO hätte demnach kostenlos jugoslawische Transporteinrichtungen
benutzen und überall im Land Lager errichten und Manöver durchführen dürfen. "Es
ist unvorstellbar", so Scheer, "dass irgendeine Regierung so etwas
unterschreiben könnte, es sei denn eine Regierung, die nach einer militärischen
Niederlage eine Kapitulationsurkunde unterschrieb, wie das 1945 in Deutschland der Fall
war".